Start Titelthema Karolina-Burger-Realschule plus: „Deutschlands gefährlichste Schule“ – oder vielmehr Deutschlands zerstrittenste?

Karolina-Burger-Realschule plus: „Deutschlands gefährlichste Schule“ – oder vielmehr Deutschlands zerstrittenste?

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LUDWIGSHAFEN. Polizeieinsätze, Gewalt und Vandalismus haben der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen bundesweit den Ruf als „Deutschlands gefährlichste Schule“ eingebracht. Doch womöglich führt dieses Etikett in die falsche Richtung. Nach Einschätzung des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums ist nämlich nicht die Schülerschaft das eigentliche Problem – sondern ein offenbar vollkommen zerstrittenes Kollegium. Die Schulaufsicht reagiert mit drastischen Eingriffen: Der Schulleiter wird abgeordnet, zwei weitere Lehrkräfte werden versetzt. Und der Personalrat soll aufgelöst werden. Dagegen laufen die Lehrkräfteverbände GEW und VBE Sturm.

Im Clinch. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Die Karolina-Burger-Realschule plus kommt nicht zur Ruhe. Wie der SWR berichtet, hatte sich zu Beginn des Schuljahres rund ein Drittel der 56 Lehrkräfte krankgemeldet – nach Angaben des Bildungsministeriums waren es zuletzt noch elf. Hintergrund der Krankheitswelle sollen auch die Konflikte mit dem Schulleiter gewesen sein. Gegen ihn waren drei Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht worden: vom Personalrat, aus dem Schulleitungsteam und von einer weiteren Lehrkraft.

Nun soll der Schulleiter Mitte September an eine andere Schule abgeordnet werden. Die Leitung der Karolina-Burger-Realschule plus übernimmt zunächst die Konrektorin. Ein weiteres Mitglied des Schulleitungsteams und eine Lehrkraft sollen ebenfalls die Schule verlassen. Wann eine neue dauerhafte Schulleitung ihre Arbeit aufnimmt, ist offen. Das Bildungsministerium teilte dem SWR mit, „derzeit wird intensiv daran gearbeitet, eine Nachfolge für den Schulleiter zu finden“.

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Der ungewöhnlichste Schritt richtet sich allerdings gegen die Personalvertretung. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) unterstützt einen Antrag des bisherigen Schulleiters beim Verwaltungsgericht Mainz, den örtlichen Personalrat aufzulösen. Das Gremium habe seine gesetzlichen Pflichten grob verletzt, lautet der Vorwurf. Dazu gehöre insbesondere die Pflicht zur vertrauensvollen Zusammenarbeit und dazu, alles zu unterlassen, was die Arbeit und den Frieden innerhalb der Dienststelle beeinträchtigen könne. Aufgrund des Verhaltens des Personalrats sei eine solche Zusammenarbeit nicht mehr möglich.

Wann über den Antrag entschieden wird, ist noch unklar. Nach einem Bericht des SWR, der sich dabei auf Informationen des Evangelischen Pressedienstes beruft, dürfte sich das Verwaltungsgericht erst im kommenden Jahr mit dem Fall befassen.

„So ein Vorgehen hat es noch nie gegeben“

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Rheinland-Pfalz, Christiane Herz, reagiert alarmiert. Ein solches Vorgehen gegen einen schulischen Personalrat habe es nach ihrer Kenntnis noch nie gegeben. Sie zeigt sich gespannt, ob auch das Verwaltungsgericht tatsächlich eine grobe Pflichtverletzung erkennen wird.

Herz bezweifelt zudem, dass die vom Bildungsministerium verfügten Maßnahmen zu einem wirklichen Neuanfang führen. Die Art und der Zeitpunkt der geplanten Versetzungen würden zusätzliche Unruhe und Misstrauen schaffen, fürchtet sie. Jetzt brauche es vor allem Ruhe und Unterstützung, damit sich die Lehrkräfte versöhnen und gemeinsam nach vorne schauen könnten.

Entscheidend sei weniger, wer die Schule verlasse. Wichtiger sei, wer sie künftig führe, welches Team Verantwortung übernehme und welchen Plan die Landesregierung für die weitere Entwicklung habe. Der örtliche Personalrat werde derzeit von Mitgliedern des Bezirkspersonalrats beraten. Es gehe um personalrechtliche Verfahren mit Fristen, Anhörungen und notwendigen Zustimmungen.

Auch der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Lars Lamowski, äußert deutliche Zweifel. Das Land müsse schon sehr gute Gründe vorlegen, wenn es mit seinem Vorgehen vor dem Verwaltungsgericht Erfolg haben wolle. Sein Verband werde das Verfahren genau beobachten.

Für Lamowski lässt sich die Krise nicht allein durch Versetzungen oder Abberufungen lösen. „Wir brauchen dringend mehr Schulsozialarbeiter und Psychologen an der Schule“, fordert er gegenüber dem SWR. Auch die Lehrkräfte benötigten „dringend Supervision“ und eine „Reflexion über das, was passiert, damit sie sich als Team begreifen“.

Schon diese Formulierung zeigt, wie tief der Riss durch das Kollegium gehen muss.

Streit entzündet sich an der Person des Schulleiters

Nach außen erschien der Konflikt lange wie eine Auseinandersetzung zwischen einem überforderten Kollegium auf der einen und einer untätigen oder schlecht kommunizierenden Schulleitung auf der anderen Seite. Eine langjährige Lehrkraft hatte gegenüber News4teachers geschildert, die Kolleginnen und Kollegen hätten zunehmend die Rückendeckung der Führung verloren. Konsequenzen gegenüber massiv störenden oder gewalttätigen Jugendlichen seien ausgeblieben, Informationen nach gefährlichen Vorfällen nicht ausreichend weitergegeben worden. Brandbrief, Überlastungsanzeigen und Beschwerden seien nach Wahrnehmung der Lehrkraft weitgehend folgenlos geblieben.

„Wir haben geschrieben, wir haben gemeldet, wir haben Überlastungsanzeigen gestellt. Irgendwann entsteht das Gefühl: Egal, was wir machen, es verschwindet in den Tresoren der ADD“, erklärte sie. Besonders nach Reizgasattacken, Amoklagen und der Bedrohung einer Lehrerin mit einem Messer hätten sich Beschäftigte alleingelassen gefühlt.(News4teachers berichtete.)

Doch andere Lehrkräfte aus derselben Schule zeichneten anschließend ein deutlich anderes Bild. Sie bestritten weder die Probleme noch Führungs- und Kommunikationsfehler des Schulleiters. Sie warnten aber davor, ihm die gesamte Krise anzulasten. Gewalt, Bedrohungen, Sachbeschädigungen und massive Unterrichtsstörungen habe es schon lange vor seiner Amtszeit gegeben.

Nach ihrer Darstellung hatte der Schulleiter versucht, die Schule stärker zu entwickeln und zu öffnen: mit Krisenteam und Streitschlichtung, Schulsanitätsdienst, Berufsorientierung, Kooperationen im Stadtteil sowie neuen Präventions- und Förderangeboten. Die Reformen seien womöglich zu schnell erfolgt und nicht immer ausreichend moderiert worden. Zugleich seien sie aber auf Teile eines Kollegiums gestoßen, das Veränderungen und zusätzliche Verantwortung nur eingeschränkt mitgetragen habe.

Die Verfasser der Stellungnahme wandten sich deshalb ausdrücklich dagegen, den Streit als Konflikt „Schulleiter gegen Kollegium“ darzustellen. Die Positionen innerhalb der Lehrerschaft seien wesentlich vielfältiger. Beschäftigte, die sich keiner der beiden Seiten zuordnen wollten, hätten die Atmosphäre teilweise als schwierig erlebt. (News4teachers berichtete.)

Damit stehen sich an derselben Schule zwei nahezu gegensätzliche Erzählungen gegenüber: Für die eine Seite fehlten Führung, Schutz und Rückendeckung. Für die andere versuchte der Schulleiter, notwendige Veränderungen gegen Widerstände im Kollegium durchzusetzen. Dass nun sowohl der Schulleiter gehen als auch der Personalrat aufgelöst werden soll, legt nahe: Die Schulaufsicht sieht die Verantwortung offenbar nicht nur bei einem der beiden Lager.

Ministerium: Schülerschaft ist nicht das eigentliche Problem

Besonders bemerkenswert ist dabei die neue Diagnose des Bildungsministeriums. Die Karolina-Burger-Realschule plus wurde über Monate vor allem als Schule der Gewalt wahrgenommen: Reizgasattacken, Schlägereien, Feuer- und Amokalarme sowie die Bedrohung einer Lehrerin mit einem Messer bestimmten die Schlagzeilen. Die „Bild“-Zeitung versah sie schließlich mit dem Superlativ „Deutschlands gefährlichste Schule“.

Objektiv belastbare Daten, die diese Bezeichnung rechtfertigen könnten, gibt es allerdings nicht. Schon die Polizei hatte erklärt, Körperverletzungen kämen an der Schule immer mal wieder zwar seit Jahren vor; ein allgemein herrschendes „Klima der Angst“ bestätigte sie jedoch nicht.

Nun rückt auch das Bildungsministerium von der Vorstellung ab, die rund 800 Schülerinnen und Schüler seien der Kern der Krise. Die Schülerschaft sei „nicht das eigentliche Problem“, erklärte Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig (CDU). Es gebe viele engagierte und positiv eingestellte Schülerinnen und Schüler. Ihnen stünden lediglich einige wenige Jugendliche gegenüber, die tatsächlich auffällig seien und „über die Stränge schlagen“.

Der Schulfrieden sei vielmehr „insbesondere durch Zerwürfnisse innerhalb des Kollegiums massiv beschädigt worden“, erklärte Eiling-Hütig im Bildungsausschuss des Landtags. Alle personellen Maßnahmen seien deshalb so gewählt, dass sie dazu beitrügen, den Schulfrieden wiederherzustellen – ohne einer einzelnen Person die Schuld zuzuweisen.

Die Schule zu schließen, komme nicht infrage, betont Eiling-Hütig. Auch den Einsatz von Sicherheitspersonal lehnt sie ab. Stattdessen sollen zunächst täglich Beschäftigte der Schulaufsicht, des Pädagogischen Landesinstituts oder des Ministeriums vor Ort sein. Hinzukommen sollen weitere Sozialpädagogen und Deutschförderkräfte. In Einzelfällen kann außerdem bereits ab dem ersten Krankheitstag ein amtsärztliches Attest verlangt werden.

Eine überraschende Wende des Falls. Vielleicht war „Deutschlands gefährlichste Schule“ von Anfang an die falsche Beschreibung. Womöglich handelt es sich bei der Karolina-Burger-Realschule plus derzeit vor allem um Deutschlands zerstrittenste Schule. News4teachers

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