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Mitbestimmung an einer Reformschule: Wenn Schüler sogar bei Bewerbungsgesprächen von Lehrkräften mit am Tisch sitzen…

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KÖLN. Schülervertretungen beklagen seit Jahren, dass sie bei wichtigen Fragen des Schulalltags kaum mitbestimmen können. An den Heliosschulen in Köln, die (unter dem Namen Inklusive Universitätsschule Köln, IUS) als eines der ambitioniertesten Schulentwicklungsprojekte in Deutschland gelten, soll das anders laufen: Schülerinnen und Schüler arbeiten dort in Arbeitsgruppen mit, gestalten Regeln mit, begleiten Schulentwicklungsprozesse und sitzen bald sogar bei Bewerbungsgesprächen für Lehrkräfte mit am Tisch. Was diese Form der Mitbestimmung mit dem Schulklima macht und wie Jugendliche ihre Rolle an der Schule erleben, darüber sprach News4teachers mit den Schülervertreterinnen der Helios-Gesamtschule, den Zehntklässlerinnen Leyla und Frieda.

Mitspracheberechtigte. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

News4teachers: Sie beide engagieren sich als Schülervertreterinnen an der Helios-Gesamtschule Köln…

Leyla: Sie können uns auch gerne duzen.

News4teachers: Dann gerne gegenseitig…

Leyla: Das machen wir an der Schule auch so.

News4teachers: Auch mit den Lehrkräften?

Frieda: Ja, wir sprechen sie mit Vornamen an.

News4teachers: Macht das etwas mit dem Schulklima?

Frieda: Total. Das bringt Augenhöhe. Man kann viel einfacher mit Lehrkräften über Probleme sprechen – auch über persönliche. Es gibt viel weniger Hemmschwellen.

Leyla: Ich merke das immer im Vergleich zu Freunden, die auf andere Schulen gehen. Wenn die draußen ihre Lehrer sehen, verstecken sie sich oft. Bei uns ist das komplett anders. Ich freue mich, wenn ich meine Lehrerinnen oder Lehrer zufällig treffe. Man quatscht kurz miteinander. Das zeigt einfach, dass man sich gegenseitig wohlgesonnen ist.

“Hier habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass Schülerinnen und Schüler wirklich ernst genommen werden und tatsächlich Einfluss haben können”

News4teachers: Das wird offenbar nicht an allen Schulen so wahrgenommen. Schülervertretungen bundesweit schlagen Alarm aufgrund der starken psychischen Belastungen unter Kindern und Jugendlichen. Wie nehmt ihr die Stimmung in eurer Altersgruppe wahr?

Frieda: Ich würde schon sagen, dass viele belastet sind und sich Gedanken machen: Wie sieht die Zukunft aus? Wie sind die Jobchancen? Kann man später überhaupt noch so leben, wie man sich das wünscht?

Leyla: Ich glaube, es gibt einen totalen Wandel zu früher. Wir sind durch Social Media tagtäglich mit vielen unterschiedlichen Informationen konfrontiert. Das sind oft komplexe Themen, die extrem runtergebrochen werden. Das muss man erst mal verstehen – und das ist schon belastend. Ich glaube, dass das bei vielen Schülerinnen und Schülern psychische Folgen hat. Und dann kommt noch Schule dazu, die sich eigentlich gar nicht so stark verändert hat wie früher – obwohl wir heute mit viel mehr Problemen zu tun haben.

Politik spielt da eine große Rolle. Die zieht sich eigentlich durch alles. Es passieren viele schlimme Sachen auf der Welt, und auch in Deutschland macht man sich Sorgen – etwa mit Blick auf die AfD. Das bedrückt viele dauerhaft.

News4teachers: Welche Themen beschäftigen euch und eure Mitschüler besonders?

Frieda: Im Moment vor allem Krieg und die Umweltsituation.

News4teachers: Wie wirken die sozialen Medien dabei?

Leyla: Gerade auf TikTok gibt es total starke Bubbles – eine sehr rechte und eine sehr linke. Sich dazwischen wiederzufinden, ist für viele schwierig, weil die Zwischentöne oft gar nicht vorkommen. Man wird extrem überschüttet mit Meinungen und weiß dann irgendwann gar nicht mehr: Was stimmt überhaupt?

Frieda: Fake News spielen dabei natürlich auch eine Rolle. Viele Informationen werden extrem verzerrt dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen. Das macht es schwierig, sich überhaupt noch sicher zu fühlen in dem, was man denkt oder glaubt.

News4teachers: Gibt es Themen, bei denen ihr besonders starke Unterschiede wahrnehmt?

Frieda: Ja, total beim Thema Frauenrechte und Gleichberechtigung. Wir hatten das letztens im Unterricht, und da wurde sehr deutlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist. Für viele Mädchen war völlig klar, dass wir noch nicht gleichberechtigt sind und dass sich noch einiges verändern muss. Viele Jungs haben dagegen gesagt: „Aber ihr könnt doch alles genauso machen wie wir.“

Leyla: Da merkt man schon, dass oft das Verständnis fehlt für Erfahrungen, die Mädchen machen.

News4teachers: Gibt es noch andere Themen, bei denen sich die Sichtweisen unterscheiden?

Frieda: Teilweise vielleicht auch bei Themen wie Wehrpflicht oder Sicherheitspolitik. Aber da sind die Unterschiede längst nicht so stark wie beim Thema Gleichberechtigung.

News4teachers: Ihr seid beide in der Schülervertretung engagiert. Wie seid ihr dazu gekommen?

Leyla: Ich habe mich schon in der Grundschule dafür interessiert, mich einzubringen. In der zweiten oder dritten Klasse war ich zum ersten Mal Klassensprecherin. Damals war das natürlich noch viel weniger komplex. Später war ich wieder Klassensprecherin, wurde Mitglied der Schulkonferenz und habe gemerkt, wie wichtig mir das ist. Heute bin ich Schülersprecherin und merke immer noch, dass mir die Arbeit riesigen Spaß macht.

Frieda: Ich wollte eigentlich schon im Kindergarten immer überall mitmachen. In meiner Grundschule war ich dann in der dritten Klasse Klassensprecherin, aber das war eher eine Formsache. Man hatte ein paar Aufgaben, aber echte Mitbestimmung habe ich da nicht erlebt. An der Helios-Schule war das dann komplett anders. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass Schülerinnen und Schüler wirklich ernst genommen werden und tatsächlich Einfluss haben können. Später war ich dann in der Bezirksschülervertretung Köln aktiv und habe dort auch viel zum Thema Mental Health mitbekommen. Heute bin ich Stammgruppensprecherin und im Orga-Team aktiv.

News4teachers: Stammgruppe?

Leyla: So heißen bei uns die Lerngruppen – Klassen gibt es ja nicht.

News4teachers: Wie läuft Mitbestimmung an eurer Schule konkret ab?

Leyla: Ich glaube, grundsätzlich verstehen wir total, wenn Schülerinnen und Schüler sagen, dass sie an vielen Schulen zu wenig Einfluss haben. Für die Helios-Schule würde ich das aber nicht sagen.

Frieda: Uns wird eigentlich in jedem Themenbereich die Möglichkeit gegeben, mitzuwirken. Künftig soll auch eine Schülerin oder ein Schüler bei Bewerbungsgesprächen für Lehrkräfte dabei sein.

“Uns ist besonders wichtig, dass wir nicht nur irgendwo abstimmen, sondern den ganzen Prozess mitbekommen. Dass wir verstehen, worüber gesprochen wird und warum Entscheidungen getroffen werden”

News4teachers: Wirklich? Schülerinnen und Schüler sitzen bei Bewerbungsgesprächen mit am Tisch?

Leyla: Ja. Das geht aber erst, seit wir volljährige Schülerinnen und Schüler haben, weil das rechtlich vorher nicht möglich war. Es gibt bei uns viele Arbeitsgruppen – zum Beispiel zu Inklusion, Verkehr oder Demokratie. Da kann jede Schülerin und jeder Schüler mitmachen, auch ohne gewählt zu sein. Das finde ich wichtig, weil Mitbestimmung dadurch nicht nur auf die Schülervertretung beschränkt bleibt.

Frieda: Uns ist besonders wichtig, dass wir nicht nur irgendwo abstimmen, sondern den ganzen Prozess mitbekommen. Dass wir verstehen, worüber gesprochen wird und warum Entscheidungen getroffen werden.

Leyla: Wir sitzen nicht einfach nur in einer Konferenz und stimmen am Ende über fertige Vorschläge ab, sondern wir werden schon vorher eingebunden und können Ideen mitentwickeln.

News4teachers: Könnt ihr Beispiele nennen, wo Schülerinnen und Schüler konkret etwas verändert haben?

Leyla: Ein Beispiel war die Regelung, ob wir in den Pausen das Schulgelände verlassen dürfen. Früher war das nicht erlaubt. Das Thema kam aus dem Schülerparlament, weil viele Schülerinnen und Schüler gesagt haben, dass sie sich da mehr Freiheit wünschen. Danach wurde das nicht einfach abgelehnt oder beschlossen, sondern gemeinsam mit der Schulleitung darüber gesprochen, wie man das verantwortungsvoll umsetzen kann. Am Ende wurden Konzepte entwickelt und die Regelung tatsächlich verändert. Das war für viele ein gutes Beispiel dafür, dass Ideen aus der Schülerschaft wirklich etwas bewirken können.

Ein anderes Beispiel ist „Heli mobil“. Da ging es um die Verkehrssituation rund um die Schule. Die Busse kamen unregelmäßig, Fahrradfahren war teilweise gefährlich. Wir haben uns mehrfach mit dem Verkehrsdezernat der Stadt Köln getroffen und es hat sich tatsächlich etwas verbessert. Heute fahren deutlich mehr Busse. Beim neuen Schulstandort sprechen wir von Anfang an mit darüber, wie die Wege sicher gestaltet werden können.

Frieda: Auch bei der Planung unseres neuen Schulgebäudes wurden wir eingebunden. Wir haben in Workshops besprochen, was wir brauchen: ruhige Räume, Orte zum Arbeiten oder zum Lautsein, gemütliche Bereiche, gute Sitzmöglichkeiten. Es ging nicht nur darum, ein bestimmtes Möbelstück auszuwählen, sondern grundsätzlich darüber zu sprechen, wie Lernen für Schülerinnen und Schüler angenehm funktionieren kann.

News4teachers: Gibt es auch Konfliktthemen zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften?

Frieda: Das Thema Handyregelung ist so ein Punkt. Es gibt bisher keine richtig klare Regelung. Viele Schülerinnen und Schüler sagen, dass sie das Handy auch zum Lernen brauchen. Lehrkräfte haben dagegen Sorge, dass es ablenkt.

Leyla: Deshalb wird gerade gemeinsam nach einem Kompromiss gesucht. Wir sind ja auch nicht dafür, dass sich Schülerinnen und Schüler nur vom Handy ablenken lassen. Aber wir wollen eben auch keine komplette Verbotslösung. Da wird jetzt gemeinsam diskutiert und dann demokratisch entschieden.

News4teachers: Gibt es etwas, das ihr euch für die Zukunft noch wünschen würdet?

Frieda: Ich glaube, es wäre schön, wenn sich noch mehr Schülerinnen und Schüler in Arbeitskreisen engagieren würden – etwa im Mensabeirat oder in Fachgruppen. Die Möglichkeiten sind da. Jetzt muss sich das unter den Schülerinnen und Schülern noch stärker etablieren.

Leyla: Wir haben schon eine sehr gute Ausgangssituation. Dafür sind wir wirklich dankbar. Aber natürlich wäre es schön, wenn noch mehr Jugendliche diese Möglichkeiten nutzen würden. Ich fühle mich total wohl mit den Erwachsenen an unserer Schule. Dass unser Engagement wertgeschätzt wird, macht unglaublich viel aus. News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek führte das Interview.

Die Heliosschulen - Inklusive Universitätsschule Köln (IUS)

Die Heliosschulen – Inklusive Universitätsschule Köln (IUS) bestehen aus einer Grundschule und einer Gesamtschule und sind die erste bundesdeutsche Praxisschule in der Lehrkräftebildung. Entstanden ist das Projekt aus dem Wunsch von Studierenden nach einer Praxisschule, wie sie international – z.B. in Finnland – als Erfolgsmodell etabliert ist. Ziel ist es, Theorie und Praxis systematisch miteinander zu verbinden: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur inklusiven Lerngestaltung fließen unmittelbar in die schulische Arbeit ein.

Die Ursprünge der Inklusiven Universitätsschule Köln reichen bis in die Nullerjahre zurück. Studierende der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln wollten der Frage nachgehen, wie Inklusion an allgemeinbildenden Schulen konkret umgesetzt werden kann – auch vor dem Hintergrund des Beitritts Deutschlands zur UN-Behindertenrechtskonvention. Aus dieser Initiative entwickelte sich, mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Prof. Kersten Reich sowie der Stadt Köln, die Gründung einer zweizügigen Grundschule im Jahr 2015 und einer vierzügigen Gesamtschule im Jahr 2018. 2022 wurde zwischen der Stadt Köln, der Bezirksregierung Köln und der Universität zu Köln eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die die Arbeit der IUS in den Feldern Lehrkräftebildung, Schulentwicklung, Forschung und Innovationstransfer auf Dauer festschreibt.

Rechtlich handelt es sich um zwei eigenständige Schulen, die jedoch über ein gemeinsames pädagogisches Konzept, die Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und dem Jugendhilfeträger Perspektive Bildung e.V. sowie über eine gemeinsame Leitungs- und Organisationsstruktur eng miteinander verbunden sind. Perspektivisch ziehen beide Schulen gemeinsam in ein neues Gebäude.

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule“. 

Interview: Warum Wohlbefinden so wichtig fürs Lernen ist – wissenschaftlich belegt

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447
2 Stunden zuvor

Finde ich richtig gut – es ist die konsequente Fortsetzung von “Dinge von den Füßen auf den Kopf stellen”.

Dass SuS über die Einstellung von Lehrkräften entscheiden sollen ist da die logische Fortsetzung.

Am besten sollte man das noch auf ein Kündigungsrecht durch SuS am Ende der Probezeit erweitern und die Schüler bei den schulseitigen Beurteilungen von Referendaren mitschreiben lassen.

Ich würde das gerne als Beobachter wahrnehmen und geniessen.

unfassbar
1 Stunde zuvor
Antwortet  447

Auch gut: Nur volljährige Schüler sitzen bei den Bewerbungsgesprächen mit am Tisch, also die, die mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals auch nur eine einzige Stunde Unterricht bei den neu eingestellten Lehrern haben werden.

Canishine
2 Stunden zuvor

Ist den Lehrer zu duzen nicht inzwischen auch oldschool, also als Idee nicht mehr zeitgemäß? So 68er und so?
(Tut mir leid, weiter bin ich im Artikel nicht gekommen.)

Canishine
1 Stunde zuvor
Antwortet  Redaktion

Keine Sorge, die Antworten, die kommen, kenne ich schon, ohne weiterlesen zu müssen.

dickebank
1 Stunde zuvor

In der Auswahlkommission sind neben den Kollegiumsvertretern, Elternvertreter und Schülervertreter stimmberechtigt. Auch die gewählten Schülervertreter bekommen die kompletten Bewerbungsunterlagen vorgelegt und können ihre Präferenzlisten erstellen. Das ist in NRW aber jetzt nichts Neues – zumindest an SekI-Schulen.
Dasselbe gilt für die Schulkonferenz und den “Adhoc-Ausschuss”, der Entscheidungen treffen kann, bevor die nächste planmäßige SchuKo zusammen treten kann.