BERLIN. Demokratiebildung gehört zum gesetzlichen Auftrag von Schule. Trotzdem fühlen sich viele Lehrkräfte unsicher, wenn sie im Unterricht zu politischen Fragen Stellung beziehen. Das neue Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung zeigt erstmals, wie verbreitet diese Verunsicherung ist – und führt sie auch auf Debatten über ein vermeintliches Neutralitätsgebot zurück. Ein aktueller Fall aus Sachsen-Anhalt macht deutlich, warum viele Lehrkräfte sich auf dünnem Eis wähnen: Ein Lehrer muss sich nach einer Diskussion mit Schülern über die AfD vor dem Arbeitsgericht gegen eine Abmahnung seines Dienstherrn wehren.

Max Heckel, Lehrer einer Sekundarschule in Stendal, beantwortet nach der Bundestagswahl die Frage eines Schülers, ob er die AfD gewählt habe. Er verneint dies und erläutert seine Entscheidung anhand des Parteiprogramms der Partei. Als der Schüler seine Begründung nicht nachvollziehen kann, zeigt der Lehrer der Klasse Grafiken des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, die wirtschaftspolitische Folgen der AfD-Vorschläge einordnen. Wenig später erhält er von seinem Arbeitgeber – dem Land Sachsen-Anhalt – eine Abmahnung.
Nach einem Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) wirft das Landesschulamt dem Lehrer vor, im Unterricht nicht ausreichend zwischen Tatsachen und persönlichen Bewertungen unterschieden zu haben. Der Vorfall war dem Bericht zufolge über eine Schülerin und deren Mutter bis zur AfD gelangt und anschließend auch im Landtag thematisiert worden.
Der Fall wirft eine Frage auf, die viele Lehrkräfte derzeit beschäftigt: Wie weit reicht die gebotene politische Zurückhaltung im Unterricht – und wo beginnt die Pflicht, Demokratie und Verfassung zu verteidigen? Dass diese Unsicherheit inzwischen längst den Schulalltag erreicht hat, zeigt das jetzt veröffentlichte Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung. Erstmals untersucht die repräsentative Befragung ausführlich, wie sicher sich Lehrkräfte beim Umgang mit politischen Positionen im Unterricht fühlen. Genauer gesagt: wie unsicher.
Grundsätzlich: Demokratiebildung bleibt aus Sicht der Lehrkräfte eine der zentralen Aufgaben von Schule. Nach dem neuen Deutschen Schulbarometer ist knapp die Hälfte der befragten Lehrkräfte (48 Prozent) der Auffassung, dass an ihrer Schule mehr für Demokratiebildung getan werden sollte. Im Vorjahr hatten dies noch 54 Prozent gesagt. Gleichzeitig stieg der Anteil derjenigen, die die bisherigen Aktivitäten für ausreichend halten, von 38 auf 46 Prozent. Die Autoren der Studie sehen darin keinen Bedeutungsverlust des Themas. Vielmehr könne die Entwicklung darauf hindeuten, dass in den vergangenen Jahren zusätzliche Angebote geschaffen wurden oder andere Herausforderungen den Schulalltag inzwischen stärker prägten.
„Ein ,Neutralitätsgebot‘ besteht nicht, jedoch ist dieser Begriff in der Debatte präsent und es gibt unter Lehrkräften teilweise Verunsicherung, wie klar sie Stellung beziehen dürfen“
Besonders groß bleibt der Handlungsbedarf dort, wo Schulen unter schwierigen sozialen Bedingungen arbeiten. An Schulen mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen sprechen sich 54 Prozent der Lehrkräfte für einen weiteren Ausbau der Demokratiebildung aus. An Schulen mit vergleichsweise wenigen sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern liegt dieser Anteil dagegen bei 39 Prozent. Auch zwischen den Schulformen zeigen sich Unterschiede: Lehrkräfte an Förder-, Berufs- sowie Haupt-, Real- und Gesamtschulen sehen deutlich häufiger zusätzlichen Bedarf als Kolleginnen und Kollegen an Grundschulen oder Gymnasien.
Als größtes Hindernis nennen die Lehrkräfte fehlende Zeit. Unter denjenigen, die sich mehr Demokratiebildung wünschen, geben 87 Prozent der Lehrkräfte an Schulen mit geringerem Armutsanteil und 73 Prozent an Schulen mit stärker belasteter Schülerschaft an, dass es vor allem an Unterrichtszeit fehle. Daneben werden mangelndes Fachwissen im Kollegium sowie fehlende Materialien häufig genannt. Lehrkräfte an sozial stärker belasteten Schulen berichten zudem deutlich häufiger von mangelndem Interesse der Schülerinnen und Schüler sowie von fehlender Unterstützung oder Widerstand seitens der Eltern.
Die Lehrkräfte, die einen Ausbau der Demokratiebildung befürworten, wünschen sich vor allem mehr Zeit für entsprechende Angebote. Außerdem sprechen sie sich für mehr Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler, zusätzliche Projekte und Projekttage, Kooperationen mit außerschulischen Partnern sowie Fortbildungen für Lehrkräfte aus. Viele verstehen Demokratiebildung damit ausdrücklich als Aufgabe der gesamten Schule und nicht einzelner Unterrichtsfächer.
Neu in der Studienreihe ist vor allem der Blick auf das Verständnis politischer Neutralität. So geben 18 Prozent der befragten Lehrkräfte an, sich durch ein vermeintliches Neutralitätsgebot in ihrem pädagogischen Handeln eingeschränkt zu fühlen. Besonders ausgeprägt ist diese Verunsicherung an beruflichen Schulen (25 Prozent), an Förderschulen (21 Prozent) sowie an Haupt-, Real- und Gesamtschulen (20 Prozent). Regional zeigen sich ebenfalls Unterschiede: Während in den westdeutschen Ländern 18 Prozent entsprechende Unsicherheit äußern, sind es in Ostdeutschland 27 Prozent.
Die Autorinnen und Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass es ein allgemeines Neutralitätsgebot für Lehrkräfte nicht gibt. Zwar seien insbesondere verbeamtete Lehrkräfte zu parteipolitischer Zurückhaltung und sachlicher Amtsführung verpflichtet. Zugleich gehörten der Einsatz für die Menschenwürde und die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu ihren dienstlichen Pflichten.
Wörtlich heißt es in der Studie: „Ein ,Neutralitätsgebot‘ besteht dementsprechend nicht, jedoch ist dieser Begriff in der Debatte präsent und es gibt unter Lehrkräften teilweise Verunsicherung, wie klar sie Stellung beziehen dürfen.“ Weiter stellen die Autoren fest: „Diese Verunsicherung wird mithilfe von Dienstaufsichtsbeschwerden, Kleinen Anfragen und Forderungen nach ,Neutralität‘ von Akteur:innen der extremen Rechten verstärkt.“ Deshalb sei es „umso wichtiger, dass Lehrkräfte sicher und souverän agieren können, wenn jemand von ihnen ,Neutralität‘ gegenüber Demokratiegegner:innen, Menschen- und Verfassungsfeindlichkeit fordert.“
Dass diese Verunsicherung den Berufsalltag erreicht hat, zeigen weitere Ergebnisse der Befragung. So stimmt mehr als ein Viertel der Lehrkräfte (27 Prozent) der Aussage zumindest teilweise zu, Lehrkräfte dürften ihre eigene Meinung zu politischen oder gesellschaftlichen Fragen grundsätzlich nicht äußern. Fast ebenso viele (23 Prozent) glauben, sie müssten alle Meinungen von Schülerinnen und Schülern gleichermaßen als richtig anerkennen, um neutral zu bleiben. Nach Einschätzung der Studienautoren entsprechen beide Annahmen nicht den rechtlichen und pädagogischen Grundlagen politischer Bildung.
„Lehrkräfte sind keineswegs dazu verpflichtet, ihre eigene Meinung zu verschweigen oder menschen- und verfassungsfeindliche Äußerungen als legitime Meinung anzuerkennen“
Gleichzeitig zeigt das Schulbarometer, dass die grundlegenden Prinzipien politischer Bildung in den Kollegien breit verankert sind. So stimmen 98 Prozent der Lehrkräfte der Aussage zu, Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen zu müssen, sich auf Grundlage unterschiedlicher Argumente eine eigene Meinung zu bilden. 96 Prozent sind der Auffassung, dass Lehrkräfte demokratische Grundwerte wie Demokratie und Menschenwürde offen vertreten dürfen, auch wenn diese infrage gestellt werden. 91 Prozent lehnen die Aussage ab, Lehrkräfte dürften keine Stellung beziehen, wenn demokratische Grundwerte oder Menschenrechte verletzt würden. Ebenso weisen 92 Prozent die Vorstellung zurück, politische Themen dürften im Unterricht grundsätzlich nicht behandelt werden, um neutral zu bleiben. Die Autoren erinnern in diesem Zusammenhang ausdrücklich daran, dass Lehrkräfte „dienstlich verpflichtet“ seien, „sich aktiv für die Menschenwürde und die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzusetzen“.
Aus Sicht der Autoren sprechen die Ergebnisse dafür, dass die grundlegenden Leitlinien politischer Bildung in den Schulen zwar weitgehend bekannt seien, bei der eigenen Positionierung jedoch erhebliche Unsicherheiten fortbestünden. Sie werben deshalb für mehr Fortbildungen sowie für eine stärkere Unterstützung durch Schulleitungen, Schulaufsicht und Bildungsverwaltung. Wörtlich heißt es: „Demokratiebildung ist die Aufgabe jeder Lehrkraft.“ Lehrkräfte seien „keineswegs dazu verpflichtet, ihre eigene Meinung zu verschweigen oder menschen- und verfassungsfeindliche Äußerungen als legitime Meinung anzuerkennen“. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, benötigten sie „Handlungs- und Rechtssicherheit durch eine gut informierte und unterstützende Schulleitung, Verwaltung und Schulaufsicht“.
Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Tomi Neckov, spricht angesichts der Ergebnisse von einem „alarmierenden Maß an Verunsicherung im Umgang mit politischen Meinungen in der Schule“. Es müsse klar sein: „Politische Bildung braucht fachlich fundierte, demokratische Orientierung. Lehrkräfte haben den Auftrag, demokratische Werte zu vermitteln und Schüler:innen zu einer eigenen begründeten Meinungsbildung zu befähigen. Dafür brauchen sie die volle Rückendeckung aus Politik und Gesellschaft.“
Der Befund zeige deutlich, „welche Auswirkungen die demokratiefeindlichen Strategien aus dem rechten Lager auf die Realität haben“. Betroffene Lehrkräfte würden „mit Meldeportalen, parlamentarischen Anfragen und dienstrechtlichen Beschwerden zur Einschüchterung und psychischen Belastung regelrecht terrorisiert“. Neckov betont zugleich: „Der Beutelsbacher Konsens formuliert kein Neutralitätsgebot. Vielmehr verlangt er von Lehrkräften den aktiven Schutz der Demokratie. Dies bedeutet, dass Lehrkräfte verpflichtet sind, sich demokratiefeindlichen, herabwürdigenden und menschenfeindlichen Entwicklungen in Schule entgegenzustellen.“
Prof. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands, sieht hier ebenfalls ein gravierendes Problem. „Diese Unsicherheit ist auch das Ergebnis fehlender institutioneller Vorsorge und Rückendeckung“, erklärt sie. Bis heute schreibe kein Bundesland die Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz als verbindlichen Bestandteil der ersten Phase der Lehrkräftebildung vor. Zudem seien die Möglichkeiten, den Beutelsbacher Konsens in konkreten Unterrichtssituationen einzuüben, durch Kürzungen im Vorbereitungsdienst vielerorts eingeschränkt worden. „Der Beutelsbacher Konsens verpflichtet Lehrende nicht zum Schweigen, sondern dazu, begründet Haltung zu zeigen und die politische Urteilsfähigkeit der Lernenden zu stärken – beides auf Basis unserer Verfassung“, so Lin-Klitzing. „Demokratiebildung ist keine Kür – sie ist notwendige Pflicht. Und sie duldet auch in der Lehrkräftebildung an der Universität keinen Aufschub.“
„Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung unseres Landes bekannt“
Das ist offenbar noch nicht in allen Bildungsministerien angekommen – wie der Fall von Lehrer Heckel zeigt. Gegen die Abmahnung hat der Lehrer Klage erhoben. Nach Angaben des MDR lehnte er ein Angebot ab, wonach die Abmahnung nach einem halben Jahr wieder aus seiner Personalakte entfernt worden wäre. „Das wäre ein Schuldeingeständnis“, sagte Heckel. „Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung unseres Landes bekannt.“ Im November wird sich nun das Arbeitsgericht Magdeburg mit seinem Fall beschäftigen – nach der Landtagswahl. Dann könnte es Heckel mit einem AfD-Bildungsminister zu tun bekommen: In Umfragen liegt die Partei, die vom Verfassungsschutz im Land als „gesichert rechtsextremistisch“ geführt wird, vorne. News4teachers
Weil der ein Praktikum verbot: AfD-Anhänger wollen Schulleiter abschieben, sogar aufhängen









Finde die Frage, ob und in welcher Form „Demokratiebildung“ an der Schule stattfinden soll, spannend, denn darin steckt ja die These, dass mehr Lehre oder Erfahrung von demokratischen Vorgängen die Schüler automatisch zu Demokraten macht und damit der Anteil von Menschen, die demokratiekritische Positionen haben, sinkt. Das scheint ja Vielen wie selbstverständlich zu sein.
Dazu im Spannungsverhältnis steht natürlich, dass Schule keine demokratische Veranstaltung ist oder sein kann, und frühere Generationen auch ohne Projekte mit dem Label „Demokratiebildung“ irgendwie (auch durch Schule) zu Demokraten wurden. Statistisch belegt ist ja z. B., dass insb. Ältere eher weniger Parteien wählen, die sich links oder rechts dem extremen Rand nähern.
Ich habe das Gefühl, dass bei eigentlich allen Phänomenen, über die hier auch gerne diskutiert wird, eigentlich gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Einflüsse zugrunde liegen. Die Idee, eine Lösung jeweils durch den Einfluss auf die Jugend herbeizuführen, halte ich dabei nicht automatisch für zwingend.
Die Frage darf erlaubt sein, was es über „die Erwachsenen“ aussagt, wenn sie Probleme – in diesem Fall gesellschaftliche Polarisierung oder die Popularität extremer Parteien – dadurch zu lösen versuchen, indem sie sie den Kindern auferlegen, statt sich untereinander zu überzeugen.
Generell scheint mir, dass eines der größten Probleme der modernen Erziehung die immer wieder von Verbänden oder Medien angeführte und sicher auch beobachtbare „Verunsicherung“ der Erwachsenen ist.
Erzieherinnen und Erzieher, genau wie Eltern, sollten sich nicht so einfach und schnell von jedem Quatsch verunsichern lassen. Gleichzeitig sollte die Bildungspolitik auch nicht andauernd diese Verunsicherung durch Aktionismus und Symbolpolitik befördern.
Wenn die Erwachsenen gelassener wären, wäre auch den Kindern sehr viel mehr geholfen.
„… zeigt der Lehrer der Klasse Grafiken des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, …“
Sind diese Wirtschaftsinstitute denn so unabhängig wie sie immer behaupten? Vertritt nicht ein Institut eher die SPD-Positionen, ein anderes andere? Diese Wirtschaftsberichte mit ihren Statistiken sind doch auch so „komplex“, dass sie eigentlich alle Schüler überfordern. Und muss ein Lehrer mitteilen, welche Partei er wählt bzw. nicht wählt? Er muss auch nicht darauf antworten, ob er schwul ist oder was er vom CSD hält. Schüler provozieren gerne mal.
Ich hab auch schon mal der Klasse die Frage beantwortet, warum ich die AfD nicht wählen möchte, hab ich hier ( https://www.news4teachers.de/2026/05/die-afd-verlangt-von-lehrkraeften-politische-abstinenz-im-unterricht-warum-sie-sich-darum-nicht-scheren-muessen/#comment-802360 ) kurz angesprochen.
Aber ich hab dabei genau darauf geachtet, dass ich den Bereich meiner persönlichen Meinung nicht verlasse und hab andere Meinungen (die es gab) als gleichwertig stehen gelassen.
Den Artikel erzeugt bei mir den Eindruck, der Lehrer hier habe versucht zu zeigen, warum es quasi objektiv schädlich ist die AfD zu wählen. Das wäre was ganz anderes als eine Aussage über seine eigene Meinung.
Ist ne Gradwanderung, da muss man aufpassen und ich hab den Eindruck, es fällt vielen Leute schwer zwischen „ich meine“ und „es ist so“ zu unterscheiden. Zu stark ist die Überzeugung auf der richtigen Seite zu stehen.
Es ist vollkommen richtig zu sagen dass die Wahl der AfD objektiv „schädlich“ ist(nicht das Wort, das ich benutzen würde). Schließlich gilt die AfD in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextrem und seit gestern gibt es ein wissenschaftliches Gutachten, das die Verfassungsfeindlichkeit der AfD belegt. Die AfD ist als owissenschaftlich geprüft verfassungsfeindlich. Und den Stand der Wissenschaft kann man jederzeit im Unterricht darlegen.
Es ist unsere Aufgabe als Lehrkräfte uns für das Grundgesetz einzusetzen.
Dabei dürfen wir uns nicht dümmer stellen als wir sind, nur weil es der rechtsextremen AfD nicht gefällt, wenn die Wahrheit gesagt wird.
Genau. Die Wahrheit wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Die Wahrheit ist doch ganz einfach. Die Autoren können hier noch so oft behaupten, dass es die Pflicht der Lehrkräfte sei, in politischen Fragen nicht neutral aufzutreten. So lange die Realität jedoch so aussieht, dass der Dienstherr überhaupt keinen Schutz bietet und sich um seine Verpflichtungen drückt, werden die meisten Lehrer in gefährlichen Schulen das eben nicht tun. Das ist ja auch der Grund, weshalb es so eine Spanne zwischen den Schulformen mit der meisten Gewalt und den Gymnasien gibt.
Wahrheit ist auch, dass es strikte Neutralität bei weltanschaulichen Fragen nicht geben kann. Wir alle haben Meinungen und können diese nicht abschalten.
Es geht also darum, trotz unserer Meinung den Beutelsbacher Konsens einzuhalten. Ich hab oben vermutet, dass viele damit Probleme haben und Walter Hasenbrot (dessen Kommentare ich oft schätze) hat das gleich unfreiwillig bestätigt.
„Wahrheit ist auch, dass es strikte Neutralität bei weltanschaulichen Fragen nicht geben kann.“
Behauptet niemand und fordert niemand.
„Es geht also darum, trotz unserer Meinung den Beutelsbacher Konsens einzuhalten.“
Was kein Widerspruch ist.
Wo im Artikel lasen sie das heraus?
Wir müssen verfassungsfeindliche Positionen benennen und widersprechen. Das ist unsere Pflicht. Da man davon haufenweise bei der AfD findet, wird es sehr schwierig sein, dabei im Unterricht den Eindruck zu vermitteln, man sei politisch neutral.
Gerade erst hab ich mit meinen Schülern über Antisemitismus und Verschwörungstheorien gesprochen und in einem Erklärvideo dazu wurde gesagt, dass die Mehrheit der AfD Wähler Verschwörungstheorien anhängt (durch irgendwas belegt). Das ist Fakt. Würdest du so ein Video dann nicht zeigen?
Wenn mal stark polarisierte Fragen kommen (was bei uns relativ oft vorkommt, da [standortbedingt] für viele Familien „Degrowth“, CO2-Besteuerung, aber auch Diskriminierung/Ausländerfeindlichkeit reale Themen sind) mache ich das ganz einfach:
Ich schreibe/sage erstmal ausdrücklich an, dass jetzt eine Meinung und kein Lehrplan folgt und die SuS mir nicht einfach alles glauben sollen, sondern selbst recherchieren sollen und NICHT nur einer oder wenigen Quellen glauben sollen.
Zu den Redebeiträgen/aufgeladenen Fragen biete ich dann jeweils auch die Gegenpositionen an, wobei ich explizit und wiederholt darauf achte, mir verbal die Positionen nicht zu eigen zu machen („X forderte Y, jedoch ist auch zu bedenken, dass…“ / „Der Kontext/Zusammenhang zur Debatte ABC wird meistens von großen Zeitungen wie XYZ darin, gesehen, dass…dem entgegen behaupte ABC…“ / „Das Eigeninteresse von CDEF könnte dabei sein, den Eindruck zu erwecken, dass …“)
Nie Probleme mit gehabt.
Im übrigen geht so (gerade bei Sommerhitze) die Stunde schnell herum, ohne dass man wirklich viel arbeiten muss und alle haben sich nett und stressfrei bei maximaler Schüleraktivität unterhalten. Und dabei geht es ja in Schule, nicht wahr?
Wahrheitsgemäß dokumentiere ich das auch, ist dann Demokratiebildung/politische Grundbildung.
Wenn (was bisher nur drei mal vorkam) tatsächlich offen verfassungsfeindliche Beiträge kommen, dann sagt man das eben („Was Du sagst klingt wie die verfassungsfeindliche Aufforderung, bestimmte Menschengruppen anzugreifen.“)
In meinen Fächern (Mathe und Physik) kommt es zum Glück selten zu polarisierenden Debatten. Aber wenn, dann mache ich das ähnlich und trenne so klar wie möglich zwischen dem was ich weiß, und dem was ich glaube oder meine. Wobei ich meine Meinung eher selten einbringe. Und ich verurteile Schüler nicht für problematische Aussagen, auch nicht indirekt, sondern gehe inhaltlich darauf ein.
Bisher konnte ich dann immer gut erklären warum die Position problematisch ist. Ein Schüler meinte mal, wir sollten in Dt. Moscheen verbieten wegen Islamismus. Ein kurzes Gespräch über die Frage, ob es gerecht ist die vernünftigen Moslems für die Spinner zu bestrafen, hat gereicht und hat er eingeräumt, dass so eine Forderung klar zu weit geht.
Aber dafür muss man auch mitbekommen was eigentlich gesagt wird.
Und hier haben dafür (leider) zu viele Leute schlicht zu viel Schaum vorm Maul, sind aus Affekt viel zu schnell geistig in Extremszenarien unterwegs (nicht nur bei dem Thema) und reagieren dann auf ihre Vorstellung.
Um eine Erwiderung hinzubekommen, die auch einen Denkprozess auslöst, muss man aber sein Kopfkino halbwegs im Griff haben.
Sorry, aber das ist UNSinn.
Die AfD in Sachsen-Anhalt (Dort spielt sich der im Artikel geschilderte Fall ab.) ist gesichert rechtsextrem. Das zu sagen, ist eine Tatsache und verstößt nicht gegen den Beutelsbacher Konsens. Und deshalb st es auch völlig unproblematisch vor diesem Hintergrund die AfD als objektiv „schädlich“ zu bezeichnen. Es ist nämlich unsere Pflicht als Lehrkräfte, uns für unser Grundgesetz, also gegen die Feinde des Grundgesetzes, zu positionieren. Das ist alles vom Beutelsbacher Konsens gedeckt.
Es gibt neben dem Verfssungschutzgutachten eine weiters wissenschaftliches Gutachten, dass auch die gesamte AfD als verfassungsfeindlich einstuft. Auch diese Tatsachen darf man als Lehrkraft sebstverständlich sagen. Und man darf als Lehrkraft auf dieser Grundlage die AfD auch als rechtsextrme Partei bewerten.
Auch hier: Würde im Artikel stehen, der Lehrer hätte gesagt „die AfD wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft“, hätte ich meinen Kommentar nicht geschrieben.
Aber das steht da nicht, da steht etwas völlig anderes.
„Die Autoren können hier noch so oft behaupten, dass es die Pflicht der Lehrkräfte sei, in politischen Fragen nicht neutral aufzutreten“
Tun sie nicht, im Gegenteil. Sie sollten den Artikel nochmal lesen: „Lehrkräfte sind keineswegs dazu verpflichtet, ihre eigene Meinung zu verschweigen oder menschen- und verfassungsfeindliche Äußerungen als legitime Meinung anzuerkennen“
Sagt der Artikel, die Schulaufsicht in dem Fall sagt aber etwas anderes. Und jetzt?
Rainer und die Untiefen der Schulpraxis bzw. Auslegung des Schulrechtes…man könnte fast meinen…
„Nach einem Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) wirft das Landesschulamt dem Lehrer vor, im Unterricht nicht ausreichend zwischen Tatsachen und persönlichen Bewertungen unterschieden zu haben.“
Falls jemand noch Tatsachen benötigt: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-verbot-rechtsgutachten-haelt-partei-fuer-verfassungswidrig-a-8243a5ff-c136-437d-8b3d-8645438dd0c9
Umgekehr fände ich es spannend, wie ggf. verbeamtete Lehrkräfte Ihre Wahl der AfD in der Klasse zu erklären beabsichtigen 😀
Wann kommt denn nun endlich das AfD-Verbot? Das ist sowas von überfällig!
//Ach, ich vergaß, Verbote sind ja generell schlecht. Man soll ja alles lieber nur positiv und als Ich-Botschaften formulieren.
Und mit dem Verbot würden die rechtsextremen Phantasien ja auch nicht verschwinden und Pubertierende würden noch stärker nach rechts tendieren, weil das Verbotene ja immer reizvoll ist … Das ist wie mit dem Verbot von Sozialen Medien. …//
„Die Autorinnen und Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass es ein allgemeines Neutralitätsgebot für Lehrkräfte nicht gibt.“
Verwirrend ist, dass der entsprechende Absatz im Fragebogen mit „Neutralitätsgebot“ überschrieben ist und auch die Fragen den Begriff wie selbstverständlich verwenden.
Für mich wäre noch interessant, auf welcher Basis die Schulbehörde zu der Einschätzung gekommen ist, eine Abmahnung sei notwendig. Wurde da die Klasse befragt? Oder reagiert man auf die Aussagen Einzelner?
Bemerkenswert finde ich den Vorschlag, die Abmahnung nach einem halben Jahr wieder aus der Akte zu löschen. Darf der Kollege dann das Gleiche nochmal machen, ohne dass es schwerwiegendere Konsequenzen hat? Das klingt danach, keine eindeutige Entscheidung treffen zu wollen.
Vermutlich (leider weiß man das nicht genau) haben sich verschiedene engagierte Eltern mit einem Fachanwalt für Verwaltungsrecht aus der eigenen Blase vebündet. Bei der Fachrichtung klingeln bei der Schulaufsicht alle Alarmglocken und dann kommen auch solche schwachsinnigen Dinge dabei raus.
Der Kollege klagt ja, ich wäre gespannt, was das Gericht dazu sagt. Da wird man ja nicht darum herum kommen, den Sachverhalt festzustellen.
Dass beim Fachanwalt die Schulaufsicht gleich hellwach wird und plötzlich kann…kann ich ebenfalls bestätigen (keine politische Sache, aus Lehrersicht)