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Schüler mit Lernschwierigkeiten ans Gymnasium? GEW will Inklusion an allen Schulformen durchsetzen

SCHWERIN. Soll ein Kind mit Down-Syndrom aufs Gymnasium gehen dürfen? Der Wunsch der Mutter von Henri aus Baden-Württemberg schlug bundesweit Wellen. Er wurde letztlich nicht erfüllt – der Junge geht allerdings mittlerweile auf eine Realschule. Was bedeutet das für die Gymnasien? Bleiben sie bei der Inklusion künftig außen vor? Die GEW in Mecklenburg-Vorpommern möchte das nicht länger hinnehmen.

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Gegen ein „Abschotten der Gymnasien von inklusiven Entwicklungen“ hat sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Mecklenburg-Vorpommern ausgesprochen. «Das Land verpasst damit die Chance zur dringend nötigen, tiefgreifenden Reformierung des Bildungswesens», sagte GEW-Landesvorsitzende Annett Lindner am Montag in Schwerin. Das von der Landesregierung vorgelegte Konzept zum weiteren Umsetzen der vor sechs Jahren eingeführten Inklusion sei nicht der «große Wurf». Es stehe nicht die Entwicklung einer inklusiven allgemeinbildenden Schule für alle Kinder und Jugendlichen im Vordergrund, sondern die Problemlösung der Beschulung von Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in einer im Grundsatz nicht zu verändernden Schule. Auch fehle es noch immer an Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrer. Diese seien oft überfordert und fühlten sich allein gelassen, erklärte Lindner.

Zudem dürfe die gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung nicht an räumliche und sächliche Voraussetzungen geknüpft werden, sagte Lindner. Dies widerspreche der UN-Behindertenrechtskonvention. Das Schulgesetz im Land müsse entsprechend geändert werden. Die Rolle der Gymnasien sei bislang ungeklärt. Die weiterführenden Bildungsgänge müssten auch Schülern mit Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten offen stehen. Lindner forderte die Gründung eines Inklusionsbeirates, wie er in anderen Bundesländern bereits bestehe.

Sechs Jahre nach der Einführung der Inklusion hat die rot-schwarze Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern Ende vergangenen Jahres die „Strategie der Landesregierung zur Umsetzung der Inklusion im Bildungssystem in M-V bis zum Jahr 2020 vorgelegt. Am 20. Januar fand hierzu eine große parlamentarische Anhörung statt. Zu den 23 geladenen Experten gehörte auch die GEW Mecklenburg-Vorpommern. „Wegen der großen Bedeutung dieses Themas für die Zukunft der Bildung im Land“ hat die GEW MV das Strategiepapier Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz, einem Mitglied der Expertenkommission, zur gutachterlichen Stellungnahme vorgelegt und auch innerhalb der Gewerkschaft ausführlich geprüft. Das Ergebnis laut Lindner: „Ernüchternd“. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Inklusionsexperte im Interview: Was wir von Schweden lernen können – und was nicht

11 Kommentare

  1. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten:
    a) Das Ziel des Gymnasiums ist und bleibt die Vergabe der allgemeinen Hochschulreife. Dann haben Schüler, die dieses Ziel aus welchen Gründen auch immer nicht erreichen können, dort nichts verloren. Das gilt sowohl für behinderte als auch nicht-behinderte Schüler.
    b) Das Gymnasium wird zieldifferenzierend umgebaut und damit faktisch abgeschafft. In diesem Fall muss man dann plausibel erklären, weshalb eine Haupt- oder maximal Realschulempfehlung bei einem behinderten Kind im Gegensatz zu einem nicht-behinderten Kind für das Gymnasium reicht. „Tut uns leid, wie müssen eine Inklusionsquote erfüllen“ ist keine Erklärung, sondern eine Verarschung. Politiker sind allerdings sehr gut im Erfinden irgendwelcher Quoten.

  2. Nachtrag: Liebe Redaktion: Das Symbolfoto finde ich (mal wieder) schrecklich. Es gibt nicht nur freundlich dreinschauende Downsyndrom-Mädchen, sondern auch mehrfach geistig behinderte, hyperaktive Epileptiker im Rollstuhl. Die (w/s)ollen genauso inkludiert werden wie das Mädchen.

    • Lieber xxx,

      ja, weniger niedliche schwerstbehinderte Schüler gibt es auch. Es gibt aber auch ein Persönlichkeitsrecht für jedes einzelne Kind (und – mit Einschränkungen – auch für Erwachsene), nicht despektierlich in der Öffentlichkeit dargestellt zu werden. Dieses Recht gilt natürlich auch für jedes nicht-behinderte Kind und jeden nicht-behinderten Jugendlichen, die wir ebenfalls auf News4teachers nicht in unvorteilhaften Posen präsentieren, obwohl solche im Schulalltag wohl reichlich zu sehen sind. Gleiches (Presse-)Recht für alle, und daran halten wir uns.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek

      Herausgeber News4teachers

    • Und die große Mehrzahl der Kids, um die es sich beim verkürzten „Inklusions“-Begriff dreht, haben weder Down-Syndrom noch schwerste Mehrfachbehinderungen.

      Auch das wird allethalben nicht ausreichend thematisiert.

  3. Wie viele Kinder müssen denn das Gymnasium verlassen, weil sie nicht in das Chema passen, auch Asperger-Autisten. Als Eltern eines solchen Kindes würde ich mich ganz schön…. fühlen. Auf der anderen Seite, was soll bitte ein Down-Syndrom-Kind, das nicht lesen und schreiben kann auf dem Gymnasium? Wem tut man einen Gefallen? Wichtig ist es für diese Menschen zu lernen, wie man duscht, den Tisch deckt, etwas einfaches kocht, einkaufen geht usw… Hat man in den Gymnasien Zeit/Geld dafür?

    Wo sind denn die Mathelehrer??? Sagt was!!! Unsere 11jährigen Down-Syndrom-Kinder rechnen mit Mühe bis 6, mit Hilfe und Material!!!!

    • So lange die Kinder dem Unterricht folgen können, sollen sie das Gymnasium besuchen. Ich habe noch keinen Asperger-Autisten erlebt, bei dem das nicht gelingt und auch noch keinen, der vom Lehrer nur mit Zusatzausbildung beschult werden kann. Mathematisch-naturwissenschaftlich sind Asperger häufig sehr interessiert und begabt, sozial sind sie eher ruhig, vielleicht auch „seltsam“, aber keinesfalls auffällig. Ich meine nach wie vor ausdrücklich die kognitiven Potenziale und der Schaden / Nutzen für sich selbst sowie die Mitschüler. An einer Regelschule unbeschulbare Kinder haben an einer Regelschule nichts verloren, ein Down-Syndrom-Kind, das nur bis 6 rechnen kann, bestenfalls an einer Hauptschule, dort aber mehr als Vorzeige-Quoten-Inklusionskind für die Presse und im schlimmsten Fall dauerhaftes Mobbingopfer in der Realität.

      Duschen, Tisch decken, Kochen sind eher Dinge, die das Elternhaus vermitteln sollte, als Vorbereitung für eine mögliche Berufsausbildung noch das Fach Hauswirtschaft. Letzteres gibt es am Gymnasium schon wegen der fehlenden Ausbildungsküchen nur sporadisch.

      • In einem anderen Forum meinte kürzlich ein Gymnasiallehrer, dass an seinem Gymnasium die Asperger Autisten noch nie zu einem Abitur gekommen seien, sondern vorher die Schule verlassen und an einem anderen Lernort einen geeigneten Schulabschluss gemacht hätten. Auf meine Frage hin, welche Schule/n denn das gewesen seien bekam ich leider keine Antwort.

        Die Dinge, die ihrer Meinung nach das Elternhaus vermitteln soll werden an G-Schulen durchaus täglich vermittelt und die Notwendigkeit dazu ist bei den meisten Kindern gegeben.

  4. Ein Gymnasium ist nicht eine Schule, bei der „Gymnasium“ auf dem Schild steht, sondern eine, in der anspruchsvolles und abstraktes Lernen praktiziert wird. Jeder darf genau dann mitlernen, wenn er oder sie die Anforderungen schafft.

    • guter Kommentar:

      die inklusionsbefürworter unter den Mitlesern mögen mögen „genau dann“ ersetzen durch „dann, aber auch nur dann“. Ferner mögen sie endlich mal den Unterschied zwischen „jeder“ und „alle“ lernen.

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