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Kulturkampf um den (gebundenen) Ganztag: Pädagogen sehen Förderchancen, Gymnasial-Eltern lehnen ihn ab

BERLIN. Um den Ganztag entbrennt ein Kulturkampf: Während Pädagogen und Eltern die Chancen des gebundenen Modells für eine bessere Förderung der Schüler sehen, trommelt eine G9-Initiative in Nordrhein-Westfalen jetzt auch ausdrücklich für eine maximale Schulzeit von sechs Stunden am Tag. Sie weiß eine breite Unterstützerfront hinter sich.

Im Ganztag - hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt "Ganz In" teilnimmt - können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Im Ganztag – hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt „Ganz In“ teilnimmt – können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

In Nordrhein-Westfalen läuft derzeit ein Volksbegehren gegen G8. Eine Initiative „g9-jetzt-nrw“ möchte so schnell wie möglich die Schulzeit am Gymnasium bis zum Abitur verlängern und sammelt dafür Unterschriften. Wenn binnen eines Jahres eine Million Menschen die Petition unterzeichnet haben, muss sich der sich der Landtag mit dem Thema befassen und innerhalb von sechs Monaten eine Entscheidung treffen. Was die wenigsten wissen dürften: „g9-jetzt-nrw“ trommelt nicht nur für ein zusätzliches Schuljahr – sondern auch ausdrücklich gegen den Ganztag am Gymnasium. Der verpflichtende Unterricht dürfe maximal sechs Stunden am Tag betragen, so lautet eine Kernforderung.

Am Nachmittag seien die Schüler kaum noch aufnahmefähig, heißt es. Eigentlich, so wird dann aber deutlich, geht es den Initiatoren aber weniger um einen Schutz der Schüler vor Überlastung – als vielmehr darum, das Familienleben nicht von der Schule (fremd-)bestimmen zu lassen. „Familien merken den höheren Schulstress auch daran, dass ein gemeinsames Familienleben immer schwieriger wird, wenn bei mehr als einem Kind einmal die Tochter Nachmittagsunterricht hat und erst spät heim kommt und dann am nächsten Tag der Sohn. Und somit die Familie dann (in diesem Beispielfall) gleich an zwei Tagen nicht komplett mittags versammelt ist.“ Welche Familie ist denn heutzutage mittags komplett versammelt, so möchte man fragen.

Verband: „Die deutsche Halbtagsschule ist ein Auslaufmodell“ – Ganztagskongress in Essen

Weiter heißt es: „Hier wird Familien und besonders Jugendlichen Lebenszeit gestohlen! Für uns als Eltern war es sehr gut, neben der Schule noch Zeit zu haben, um uns musikalisch und kirchlich zu engagieren. Das hat auch die Persönlichkeitsbildung gefördert. Diese Zeit fehlt heute, wenn immer mehr Tage auch nachmittags von der Schule belegt werden. Eine eigene Zeiteinteilung wird so unterbunden. Persönlichkeitsentfaltung erschwert. Engagement für andere ist kaum noch möglich. Langfristig ist das für die Gesellschaft nicht gut, wenn der Zeitplan der Familien derart durch die Schule fremdbestimmt ist.“

Tatsächlich können sich die G9-Aktivisten mit ihrer Ablehnung des Ganztags auf eine breite Unterstützung in ihrer Eltern-Klientel stützen. In einer Umfrage der Landeselternschaft der Gymnasien NRW unter ihren Mitgliedern gab es ein deutliches Resultat: 90 Prozent aller Befragten möchten keinen Ganztag, zumindest keinen gebundenen. Gegen unverbindliche Betreuungsangebote hat, natürlich, kaum jemand etwas.

„In den Slums unserer Städte“

Wortreich begründet die Initiative die Ablehnung des gebundenen Ganztags, um den Verdacht zu zerstreuen, es gehe um die Perspektive einer elitären Elternschicht. „Ein Polizist und eine Krankenschwester –  beide mit Wechselschicht – sind nicht mehr in der Lage, irgendein häusliches Leben zu organisieren, wenn die Kinder auch noch von 8:00 bis 16:00 Uhr jeden Tag in der Schule gebunden werden. Eine Mutter, die bei der Telekom in der Kundenbetreuung arbeitet und schon mal am Wochenende etwas tun muss, der Vater muss bei Miele zu einer Fortbildung von Freitag bis Sonntag und bekommt dafür an anderen Wochentagen frei – auch in diesem Fall ist ein verpflichtender Ganztag eine empfindliche Störung von allem, was in unserer Gesellschaft für Eltern sinnvoll ist.“ Großzügig wird dann noch eingeräumt: „Dieses eindeutige, empirisch gesicherte Fazit verkennt nicht, dass es belastete Familien in den Slums unserer Städte gibt, für die eine verpflichtende Ganztagsbetreuung der Kinder wichtig wäre.“

Studie: Von hui bis pfui – Ausstattung von Ganztagsschulen von Land zu Land extrem unterschiedlich

Die Crux an der Befragung: Es handelte sich um eine Willensbekundung von (Gymnasial-)Eltern, die in der Regel eben nicht zu den sozial Schwachen gehören und die zudem keine Erfahrungen mit einem pädagogisch strukturierten Ganztag haben. Eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung, die gezielt Eltern mit Ganztagserfahrungen und solche ohne in den Fokus nahm, kam dann auch zu ganz anderen Ergebnissen: Unter Eltern von Ganztagsschülern ist die Zufriedenheit mit der individuellen Förderung ihrer Kinder größer als unter Eltern von Halbtagsschülern (66 zu 54 Prozent), und unter Eltern von Kindern im gebunden Ganztag ist die Zufriedenheit größer als bei offenen Angeboten (58 gegenüber 51 Prozent). Heißt: Je mehr der Ganztag tatsächlich von Lehrern gestaltet wird, desto besser wird er angenommen.

Auch unter Pädagogen, das zeigt eine heute veröffentlichte, allerdings nicht-repräsentative Umfrage der Hertie-Stiftung unter Schulleitern und Lehrern der Sekundarstufe I, scheint die Präferenz eindeutig zu sein: 47 Prozent gaben an, dass sie von den drei Varianten der Ganztagsschule – gebunden, teilgebunden, offen – das gebundene Modell für das bestmögliche halten. 22 Prozent der Lehrkräfte sprachen sich für die teilgebundene, 19 Prozent für die offene Variante aus.

Besseres soziales Miteinander

„Dem Modell der gebundenen Ganztagsschule gelten die meisten Sympathien von Lehrern und Schulleitern. Dabei sind nicht nur Lehrkräfte, deren Schule das gebundene Ganztagsmodell bereits anbietet, von der gebundenen Variante überzeugt – viele Lehrer auch aus offenen und teilgebundenen Ganztagsschulen sehen das gebundene Modell als das bestmögliche an“, erklärt John-Philip Hammersen, Geschäftsführer der Hertie-Stiftung. Eine Vielzahl von Lehrern spreche sich für die gebundene Ganztagsschule aus, weil dadurch der Tagesablauf besser an die Bedürfnisse der Schüler angepasst werden könne und ein besseres soziales Miteinander, beispielsweise durch gemeinsame Freizeitaktivitäten, möglich sei. Zudem wurde angeführt, dass gerade auch Kinder aus eher bildungsfernen Elternhäusern dadurch besser gefördert werden könnten.

Das sind Argumente, die auch von Eltern in Hessen derzeit vorgebracht werden. Dort tobt ein Streit um ein neues Schulgesetz, das einen „Pakt für den Nachmittag“ vorsieht – aber dabei eben nur nach Gusto buchbare  Betreuungsangebote bieten soll. Dem Landeselternbeirat geht das nicht weit genug. Dieser Pakt könne den Ausbau echter Ganztagsschulen nicht ersetzen, kritisiert Vorsitzender Reiner Pilz. Das Nachmittagsangebot sei lediglich eine Betreuung, es gebe dafür keine pädagogische Qualitätskontrolle. Nur in einer echten Ganztagsschule könnten Kinder gezielt gefördert werden, sagt Pilz. Und betont: „Wo Schule draufsteht, sollte auch Schule drin sein.“ Agentur für Bildungsjournalismus

67 Kommentare

  1. Liest denn keiner die Artikel Korrektur? Knapp 50% aller Eltern wollen keinen gebundenen Ganztag. Aller Eltern, nicht nur die mit Gymnasialschülern. Und das ist sehr konservativ geschätzt, denn es wird wohl auch bei den Eltern von Real- und Hauptschülern, sogar bei denen von Gesamtschülern, Halbtagsbefürworter finden. Schließlich haben einige die Gesamtschule wegen G9 und trotz Halbtag gewählt. Das spielt jedoch keine Rolle: knapp die Hälfte will eine Halbtagsschule mit offenem Ganztagsangebot.

    Und dann wird hier angedeutet, dass der Hang zum Halbtag elitäres Gedankengut sei.

    • Komisch, warum sieht dann der Schulentwicklungsplan der Stadt GT die Gründung einer dritten städtischen GeS ab Schuljahr 2018/19 vor?
      Die dann drei GeS haben insgesamt mindestens 15 Züge, das städtische GY nur 6.

      • Warum stellen Sie die Frage nicht denjenigen, die diese Entscheidung getroffen haben? Schulentwicklung ist Schulpolitik ist Politik. Als Gegenbeispiel kann man z.B. Lohmar nennen. Dem dortigen Gymnasium wird verboten, weiter am G9-Schulversuch teilzunehmen. Genauer: 83% der Lehrerkonferenz, 100% der Schülervertreter und 100% der Elternvertreter wollen die Verlängerung beantragen. Der Antrag muss jedoch vom Schulträger gestellt werden – und der macht es schlicht nicht, weil es nicht in seinen Plan passt.
        Wie Sie sehen sind Einzelfälle kaum brauchbare Argumente.

    • Sehr geehrte/r sinus45,

      wir lesen durchaus Korrektur, aber nicht die Gedanken unserer Leser: Auf welche Studie beziehen Sie sich denn, wenn sie wissen, dass 50 Prozent aller Eltern in Deutschland keinen gebundenen Ganztag wollen? (Auch wenn’s so wäre, würde das an den Aussagen des Beitrags ja gar nichts ändern.)

      Wir beziehen uns auf die im Text genannte Umfrage der Landelternschaft der Gymnasien NRW – mit den genannten Ergebnissen.

      Mit freundlichem Gruß
      Die Redaktion

      • Ich ging davon aus, dass die Übergangsquote von Grundschule auf Gymnasium bekannt sind. Aber ich gebe zu: Ich war auch ungenau. Mindestens knapp 40% der Eltern wollen keinen gebundenen Ganztag. Diese untere Schranke ergibt sich aus den von Ihnen genannten 90% sowie der Übergangsquote von 41,3% (2016). Ich halte es für unrealistisch, dass die Eltern mit Kindern in allen anderen weiterführenden Schulformen geschlossen für den gebundenen Ganztag sind, aber dafür liegen meines Wissens keine Zahlen vor.

    • Haben Sie Belege für Ihre Zahlen sinus45? Würde mich interessieren. Bei uns ist es durchaus genau so zu beobachten, dass die Gymnasialeltern Halbtagsschulen bevorzugen und die übrigen Schulformen gerade deshalb Zulauf erhalten, weil sie Ganztagsschulen sind. Am Tag der offenen Tür habe ich regelmäßig Fragen von Eltern, wie der Ganztag funktioniert, ob die Kinder da dann tatsächlich den ganzen Tag betreut wären, das wäre super…. Ich denke schon, dass es hauptsächlich die Eltern sind, die sich zutrauen, selbst helfen zu können, die Halbtagsschulen befürworten. Die übrigen sind froh, wenn sie hören, es gibt keine Hausaufgaben, die Kinder werden in der Schule gefördert, etc.

      Ich als Lehrerin und Mutter halte Ganztagsschulen für politischen Mist, aber ich wurde bei der nicht-representativen Umfrage nicht befragt. (Heißt nicht-representativ, dass nur die befragt werden, deren Meinung ins Bild passt, dass man gern hätte?) Wobei offenbar nur gefragt wurde welches GT-Modell bevorzugt wird, also Halbtagsmodelle standen gar nicht zur Debatte. Da ist schon das gebundene Modell die beste Wahl. Wenn die Wahl allerdings auch nur zwischen schlecht, schlechter und am schlechtesten besteht ist schlecht immer noch nicht gut.

  2. Die Aussagen von Prof. Rainer Dollase zum Thema Ganztag finden Sie unter

    https://g9-jetzt-nrw.de/131-nachmittagsunterricht-oder-betreuungsangebote.html

  3. Dass die Angebote nicht immer das Interesse der Schüler treffen, ist jedoch nicht das einzige Problem an Ganztagsschulen. Schön frühere Studien haben gezeigt: Ganztagsangebote fördern demnach zwar die Sozialkompetenz, aber die Noten werden nicht besser. Auch im aktuellen Kinder- und Jugendbericht steht, dass die Effekte der Ganztagsschule „eher mäßig“ seien. Besonders „herkunftsbedingte Ungleichheiten in der Bildungsförderung“ könnten durch die Ganztagsschule nicht abgebaut werden.

    Auszug spiegelonline, 02.02.2017

    • Und in dem von Ihnen angeführten Beitrag heißt es:

      „Die ganztägige Betreuung soll unter anderem dafür sorgen, dass sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen, Kinder individuell gefördert und soziale Ungleichheiten abgebaut werden. Doch nur knapp 40 Prozent der Schüler nutzen die Ganztagsangebote auch, so der Kinder- und Jugendbericht. Bei den 14-Jährigen sind es sogar nur 17 Prozent. Und selbst die sind selten anwesend.“

      Es geht also gar nicht um die gebundene Ganztagsschule – Thema verfehlt.

    • Zitat: “Die langfristig angelegte „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG)“ hat die Frage nach der Qualität und den Wirkungen von Ganztagsangeboten in den vergangenen vier Jahren in mehreren Forschungsarbeiten vertiefend untersucht. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Gute Ganztagsangebote können sich demnach positiv auf die sozialen Kompetenzen, die Motivation und das Selbstbild der teilnehmenden Schüler auswirken. Unmittelbare Effekte auf die Entwicklung ihrer fachlichen Kompetenzen zeigten sich jedoch nicht.”

      Davon, dass die sozialen Kompetenzen der Schüler durch Ganztagsschulen gestärkt werden, ist nur sehr einschränkend die Rede, denn es heißt: GUTE Ganztagsangebote KÖNNEN sich positiv auswirken. „Können“ signalisiert für mich mehr Vermutung als Nachweis, deswegen möchte ich den ersten Teil Ihres Satzes „Ganztagsangebote fördern demnach zwar die Sozialkompetenz…“ unter Vorbehalt stellen.

      http://www.news4teachers.de/2016/04/konsortium-ganztagsschulen-foerdern-die-persoenlichkeit-nicht-die-leistungen/

  4. Gebundener Ganztag macht nur dann flächendeckend Sinn, wenn richtig viel Geld in die Hand genommen wird, um interessante Angebote für die Schüler machen zu können. Da dies nicht der Fall sein wird, ist der flächendeckende gebundene Ganztag schon gescheitert.

    • in RP wird bei der Berechnung 1 Lehrerstunde für 1 Nachmittags-Schulstunde pro Klasse angesetzt. Das heißt: eine Teilung der Klassen z.B. zur Förderung oder für AGn ist nur möglich, indem Nichtlehrer die Bilanz verbessern oder Lehrern ihre Stunden nur z.B. halb gerechnet werden. Wer schon mal eine Gruppe von 14 Schülern beim (individuell verschiedenen) Arbeiten betreut hat, weiß, was das bedeutet. Das Werbe-Motto von RP zur Ganztagsschule hieß übrigens „Zeit für mehr“.

  5. Ich bin gegen die gebundene Ganztagsschule. Ich finde es furchtbar, wenn das Leben der Kinder nur noch aus Schule, Schule, Schule besteht !!! Außerdem sind die meisten schon ab der 5., 6. Stunde kaum noch aufnahmefähig.

    Für Grundschüler, sagen wir Klasse 4, fände ich es aus anderen Gründen in Ordnung. Sie brauchen halt Betreuung, wenn die Eltern arbeiten. Aber dafür gibt es ja den Hort!

  6. Rainer Dollase, Prof.Dr.

    Die Arbeitszeitflexibilisierung ist ein Megatrend – dieser ist seit Jahrzehnten im Gang und hat sich nicht aufhalten lassen. Auch Eltern von Kindern werden davon nicht ausgenommen sein – in der einen Region mit großen traditionellen Arbeitszeitmodellen „from nine to five“ weniger, in anderen mit modernen jobs mehr. Er wird Eltern aus allen Schichten treffen. In NRW gibt es bereits rund 40% mit „atypischen“ jobs (Leiharbeit, Minijobs oder Teilzeit etc.Quelle:WSI 2015,Hans Böckler Stiftung 2015) und folglich unterschiedlichen Freizeiten. Von 100 Unternehmen (im Jahre 2012 nach einer Umfrage) boten an: 84 Teilzeit, 73 individuelle Arbeitszeiten, 63 flexible Tages- und Wochenzeiten, 51 Vertrauensarbeitszeiten, 20 flexible Jahres- und Lebensarbeitszeiten, 21 Telearbeit.
    Wen wundert es nun wirklich, wenn die Eltern just am Wochenende arbeiten müssen – aber Dienstag und Mittwoch nachmittag frei haben, dass sie dann mit ihren Kindern was unternehmen wollen oder sich mit ihnen beschäftigen möchten, so wie das traditionelle 9 to 5 Arbeiter eben am Wochenende tun? Und für Eltern, die eben Dienstag und Mittwoch ihre freien Nachmittage haben, ist ein Pflichtganztag des Kindes abzulehnen. Der verpflichtende Ganztag ist eine Idee, die in die Vergangenheit der Arbeitszeitregelungen passt – nicht in die moderne Arbeitswelt. Niemand übrigens lehnt den offenen, also freiwilligen Ganztag ab.
    Die zitierte Bertelsmann Studie ist methodisch nicht geeignet, an diesem Megatrend vorbei irgendeine Forderung nach gebundenem Ganztag zu begründen. Die Vergleichsgruppen waren nicht vergleichbar gut ausgestattet ( es herrschten besondere Bedingungen für den gebundenen Ganztag) und vor allem: ein massiver Selbstselektionseffekt kontaminiert den Vergleich. Ich habe darüber ja ausführlich berichtet.
    Merke: Der zunehmend flexibilisierte Arbeitsmarkt braucht Schulen mit offenem, also freiwilligem Ganztag.

    • Sehr geehrter Herr Prof. Dollase,

      die sich verändernden Arbeitszeiten von Eltern können in meinen Augen nur sehr begrenzt als Argument für die Halbtagsschule dienen – zum einen interessiert das in anderen Zusammenhängen (Unterrichtsbeginn um 8 Uhr morgens) ja auch nicht, zum anderen hieße das in letzer Konsequenz: Die Schulpflicht überhaupt muss weg. Wenn die Freizeit von Eltern darüber bestimmt, wann Kinder in die Schule gehen sollen/dürfen, dann stört sich so mancher Schichtarbeiter doch sicher auch schon an der Halbtagsschule. Warum also geben wir dann nicht den Eltern komplett frei, wie sie die Bildung ihrer Kinder organisieren?

      Warum ist es in Deutschland Elternsache, für Kinder ein nachmittägliches Programm aus Sport und Musik zusammenzustellen – mit den absurden Konsequenzen, dass Mütter-Taxis am Nachmittag von Termin zu Termin eilen und Kinder aus bildungsfernen (oder mit den Gepflogenheiten in Deutschland nicht sehr vertrauten) Familien solche Angebote überhaupt nicht bekommen? Um von dem Drama in vielen Familien um die Hausaufgaben gar nicht erst zu reden. Dieses „System“ ist international weitgehend einmalig.

      Eine gebundene Ganztagsschule böte hingegen die Möglichkeit, Sport und Kultur und Fachunterricht und Hausaufgaben so über den Tag zu rythmisieren, dass Kinder nicht überlastet würden – und um 16 Uhr dann echte Freizeit hätten. Selbst wenn (besonders) gute Bedingungen an den Ganztagsschulen der in der Bertelsmann Studie befragten Eltern herrschten: Das Ergebnis zeigt doch, dass es besser gehen kann als im herkömmlichen Halbtagsbetrieb.

      Herzliche Grüße

      Andrej Priboschek

      Herausgeber News4teachers

      • Sehr geehrter Herr Priboschek, in Ihrem Beitrag hier wird ein wenig unklar, ob Sie sich als Berichterstatter oder als Campaigner für den gebundenen Ganztag verstehen. Der Autor des obigen Artikels ist durch die Wortwahl klar als Gegner der G9-Initiative erkennbar. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

        • Gute Frage, die ich mir bei anderen Themen auch schon gestellt habe.

        • Sehr geehrter Pälzer,

          News4teachers ist ein Medium, das zu offenen und meinungsfreudigen Diskussionen einlädt – und dafür auch selber Haltung erkennen lässt.

          Wir erlauben es uns dabei, immer wieder mal Positionen einzunehmen, die nicht von lautstarken Lobbygruppen vertreten werden.

          Herzliche Grüße
          Andrej Priboschek

          Herausgeber News4teachers

          • Nur so aus Interesse: Welche Lobbygruppe vermuten Sie hinter der G9-jetzt Initiative?

            Dafür bin ich vermutlich blind weil ich mich diesem Lager zuordne, meine Fantasie ist da begrenzt… Ich kann mir besser die Lobbygruppen hinter G8 vorstellen, z.B. die Wirtschaft (schneller die jungen Leute im Betrieb haben, es bröckelt gerade, weil die employability doch gelitten hat), Politiker von gelb-schwarz (weil man für G8 war und es eingeführt hat), Politiker von rot-grün (weil man für G8 war und es beibehalten hat) etc. –

          • @A. Priboschek
            Das mit den Positionen, „die nicht von lautstarken Lobbygruppen vertreten werden“, verstehe ich nicht, weil meine Beobachtung anders ist. Meiner Meinung nach schlägt sich die Redaktion von n4t gern auf die Seite von bildungs- und gesellschaftspolitischen Machtpositionen, die weder ein Schattendasein führen noch einen Mangel an „lautstarken Lobbygruppen“ haben.

            Parteiisch zu sein und zu berichten, ist ja nicht verboten. Diese Haltung jedoch als Beistand für Benachteiligte zu verkaufen, denen Unterstützung („lautstarke Lobbygruppen“) fehlt, ist eine Behauptung, die ich durch meine mehrjährige Kenntnis von „news4teachers“ nicht nachvollziehen kann.

          • Zählen Sie unter „Lautstarke Lobbygruppen“ auch Landesregierungen, große Parteien oder finanziell gut ausgestattete Stiftungen?

  7. Rainer Dollase, Prof.Dr.

    Sehr geehrter Herr Priboschek,
    zum letzten: der Selbstselektionseffekt – der Hauptgrund, warum die von Bertelsmann in Auftrag gegebene Studie nichts zur Frage eines flächendeckenden gebundenen Ganztags beiträgt – heißt: die Eltern mußten sogar die Wahl haben, ihr Kinder entweder in einen offenen oder gebundenen Ganztag schicken zu können. So steht es in den Errichtungsbeschlüssen. Das heißt also: im gebundenen Ganztag der Bertelsmann Studie sind Kinder jener Eltern, die null Probleme damit haben, dass ihr Kind bis 16Uhr in der Schule ist (vielleicht arbeiten sie selber auch so lange). Von einer freiwilligen Klientel kann man keine anderen Ergebnisse als die gefundenen erwarten. Bei flächendeckender Einführung des gebundenen Ganztags hätte man auch Eltern gehabt, die genau dieses aufgrund ihres Zeitplans nicht gewünscht hätten. Also wäre das Ergebnis schlechter geworden.
    Zum ersten: Niemand will auf die Schulpflicht verzichten oder den morgendlichen Beginn wesentlich ändern , das ist eine Art kabarettistischer Unterstellung – aber nachmittags mal Zeit für Kinder zu haben, wenns am Wochenende nicht klappt – ist doch nichts Verwerfliches. Es bestimmt nicht die Freizeit der Eltern über die Kinder, sondern die Eltern – Arbeitszeit bestimmt die Freizeit der Eltern. Das nachmittägliche Programm ist im offenen Ganztag auch nicht Elternsache, wäre also geeignet. Der offene Ganztag wird überall positiv beurteilt.
    Zum allerletzten: Dass man nach 16Uhr als Schüler/in im gebundenen Ganztag „echte“ Freizeit haben könnte, ist bei den Menschen aller jüngeren Altersstufen, die ich kenne, eher unwahrscheinlich. Ach ja, international: die Kinder meiner französischen Freunde haben mittwochs gar keine Schule gehabt (Samstag auch nicht)
    Heute kann ich leider den Dialog nicht weiterführen – die Arbeit ruft.
    Herzliche Grüße
    Rainer Dollase

    • Lieber Herr Prof. Dollase,

      ich will mich hier gar nicht auf einen Ganztagsschulzwang versteifen – dass die existierenden Modelle der offenen Ganztagsschule „überall positiv beurteilt“ werden, wie Sie äußern, sehe ich aber anders.

      Im Gegenteil: Bildungsforscher kritisieren das Modell, einer konventionellen Halbtagsschule eine unverbindliche und vom schulischen Betrieb weitgehend abgetrennte Nachmittagsbetreuung aufzusetzen, als nicht zielführend in Sachen Förderung.

      Der Aktionsrat Bildung beispielsweise hat dazu ein umfangreiches Gutachten veröffentlicht, über das News4teachers ausführlich berichtet hat (www.news4teachers.de/2013/11/aktionsrat-bildung-fordert-mehr-ganztagsschulen-aber-echte/).

      Ganz so einfach scheint es also nicht zu sein, den Wünschen vieler Eltern nach einer flexiblen Betreuung und schulischen Ansprüchen gleichermaßen zu entsprechen.

      Herzliche Grüße

      Andrej Priboschek

      • Rainer Dollase, Prof.Dr.

        Lieber Herr Priboschek,

        Wer eigentlich ist Bildungsforscher/in? Jemand der eine Meinung hat oder jemand der Praxis hat oder jemand der Untersuchungen vorlegt? Das ist das Problem – es gibt keine Stiftung Warentest für die Richtigkeit populistischer Behauptungen wie „gemeinsam lernen. ein Gewinn für alle“ oder „der gebundene Ganztag ist das Beste für unsere Kinder“ – die Kolleg/innen Bildungsforscher/innen sollten zunächst ihre Parteizugehörigkeit offenlegen und dann offenlegen, ob sie ihre Meinung ausprobiert haben, untersucht haben oder nur meinen.- ok – ein Nebenkriegsschauplatz.
        .
        Zur Sache: ich bin parteilos und kein Lobbyist. Meine Aussage bezieht sich auf von mir durchgeführte empirische Untersuchungen im Jahre 2016 – finanziert durch die LE Gymnasien.Herzlichen Dank übrigens..
        Die Befragten sollten u.a. die zeitliche Schulorganisation mit Schulnoten beurteilen – die beste Note bei G8 und G9 Anhängern erhielt die Aussage: „offenen, d.h. freiwilligen Ganztag mit Mittagessen in der Schule, AG Angebote in der Schule“ Note G8 Anhänger:2,6; Note G9 Anhänger: 2,3. Die schlechteste Note erhielt die Formulierung „gebundener Ganztag (d.h.verpflichtenden) an jedem Tag“. Note G8 Anhänger: 4,6; Note G9 Anhänger: 4,9. Zwischen den online Umfragen und der repräsentativen Zufallsstichprobe gibt es in diesen Daten keine Unterschiede, also darf ich mich auf rund 40 000 Befragte stützen. Darauf bezog sich meine Aussage, dass der offene Ganztag „überall positiv“ beurteilt wird – bei den Betroffenen, nicht auf die „BildungsforscherInnen“. Es gibt Formulierungen, die deutlicher zwischen G8 und G9 Anhängern differenzieren, z.B. eine ohne jede Form von Ganztag, den die G9 Anhänger nicht so schlimm finden – das kann man ja in meinem Bericht nachlesen.

        In diesem Sinne einen schönen Mittag
        Ihr Rainer Dollase

        • Lieber Herr Prof. Dollase,

          dem Aktionrat Bildung gehören an:

          Prof. Dr. Dieter Lenzen (Vorsitz)
          Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld
          Prof. Dr. Wilfried Bos
          Prof. Dr. Hans-Dieter Daniel (seit 2009)
          Prof. Dr. Bettina Hannover (seit 2008)
          Prof. Dr. Olaf Köller (seit 2015)
          Prof. Dr. Detlef Müller-Böling (2005 bis 2008)
          Prof. Dr. Jürgen Oelkers (2005/2006)
          Prof. Dr. Hans-Günther Roßbach (seit 2011)
          Prof. Dr. Tina Seidel (seit 2015)
          Prof. Dr. Rudolf Tippelt (seit 2011)
          Prof. Dr. Manfred Prenzel (2005 bis 6/2014)
          Prof. Dr. Ludger Wößmann

          Herzliche Grüße

          Andrej Priboschek

          • Rainer Dollase, Prof.Dr.

            Noch kurz vor dem Mittagessen,
            alle kenne ich von der Literatur her, vier davon persönlich – ja und? Es gibt keine Hierarchie in einer empirischen Wissenschaft, gewissermaßen Namen, denen man sich unterwerfen müsste – und alle menschlichen Schwächen der Urteilsbildung und vor allem Vorurteilsbildung sind bei allen (von uns natürlich auch) vorhanden. Keiner ist ein wirklicher Praktiker, der alles vormachen könnte – deshalb verdienen unsere Mitmenschen, die unmittelbar betroffen sind (Kinder und Eltern, Lehrer und Schulleiter) für ihre Erfahrungen und Meinungen genauso viel Respekt wie meine Kollegen.
            Im Landtag NRW habe ich in der Enquete Kommission „Chancen für Kinder“ 2006 bis 2008 immer wieder ein „Institut für evidenzbasierten Pädagogik“ gefordert – dagegen waren nicht die Politiker , sondern meine Kollegen. Die wollen sich mit ihren Meinungen nicht einem Test unterziehen..:-) (Ich schrieb ein Sondervotum)
            Übrigens: der Aktionsrat Bildung hat im Februar 2014 ein Gutachten zu den „Psychischen Belastungen beim Bildungspersonal“ verfasst. Da können Sie nachlesen, dass „Redakteure, Journalisten“ keinen sonderlichen Stress haben – alle Arten von Lehrern übertreffen alle andere Berufe enorm an Stress, es gibt keinen Beruf der mehr Stress hätte.
            Nun, Herr Priboschek, dann geniessen Sie Ihren stressfreien Beruf – so wie ich als Hochschullehrer, der in seiner aktiven Zeit 4000 Prüfungen durchgeführt hat und den Jahresurlaub nur selten nehmen konnte, ihn genossen hat. Schließlich hat ja der Aktionsrat Bildung festgestellt, dass ich keinen Stress hatte.
            So jetzt aber Mittagessen
            Herzlichst
            Rainer Dollase

          • @Prof.Dr. Dollase
            Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen als Praktikerin für Ihre Ausführungen bin!

          • „Keiner ist ein wirklicher Praktiker, der alles vormachen könnte – deshalb verdienen unsere Mitmenschen, die unmittelbar betroffen sind (Kinder und Eltern, Lehrer und Schulleiter) für ihre Erfahrungen und Meinungen genauso viel Respekt wie meine Kollegen.“

            Das stellt doch gar niemand in Abrede. Die Frage ist allerdings, wen Sie konkret befragen: die GEW, den Philologenverband, den Gesamtschulverband, die Gymnasialeltern – Menschen mit Erfahrungen oder Menschen mit a priori-Meinungen. Überall werden Sie auf andere Positionen stoßen.

            Darüber hinaus entziehen sich bestimmte Erkenntnisse der rein praktischen Erfahrung: Ein Lehrer weiß nunmal nicht, wie ein Bildungssystem als Ganzes abschneidet – dafür braucht man dann schon die empirische Bildungsforschung. (Eine Binse – weshalb ich Ihre Aussage, gelinde gesagt, etwas irritierend finde. Zumal Sie anderen Bildungsforschern Populismus vorwerfen.)

            Nochmal zur Klärung: Sie haben Gymnasialeltern befragt, die in der Regel keine Erfahrung mit dem Ganztag am Gymnasium haben, auch mit dem offenen Ganztag am Gymnasium nicht, richtig? Weil es ja kaum Gymnasien mit Ganztagsangeboten gibt. Und daraus leiten sie ab, wie die Menschen die (wenigen) existierenden Angebote beurteilen? Ist das nicht methodisch mindestens so fragwürdig, wie das, was Bertelsmann gemacht hat?

          • Der Link zu Prof. Dr. Dollases Auswertung wurde eigentlich oft genug genannt, so dass man nicht spekulieren müsste. Und beim Rest hilft Google.
            Fangen wir bei „Weil es ja kaum Gymnasien mit Ganztagsangeboten gibt.“ an. „Kaum“ sind über 160, mehr als 25% aller Gymnasien (https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulsystem/Schulformen/Gymnasium/Ganztagsschule/index.html). Ich persönlich kann das nicht als „kaum“ betrachten, aber Sie können gern anderer Meinung sein.
            Dann zu „Sie haben Gymnasialeltern befragt, die in der Regel keine Erfahrung mit dem Ganztag am Gymnasium haben, auch mit dem offenen Ganztag am Gymnasium nicht, richtig?“ Nein, nicht richtig. Das wüssten Sie, wenn Sie die Auswertung gelesen hätten. Eltern mit Kindern im gebundenen Ganztag wurden gesondert erfasst und ausgewertet. Die Ergebnisse sind überraschend schlecht.
            Zuletzt: „Ist das nicht methodisch mindestens so fragwürdig, wie das, was Bertelsmann gemacht hat?“ Nein, natürlich nicht. Das wäre der Fall, wenn das dermaßen dilettantisch erfolgt wäre, wie Sie es hier unterstellen. Dem ist aber nicht so. Wie gesagt, hätten Sie sich die Mühe gemacht da mal durchzublättern…

          • Bernhard Färber

            Der Aktionsrat Bildung ist ein vom vbw (Verband der bayerischen Wirtschaft) finanziertes (und soviel ich weiß großzügig honoriertes) Gremium, das kein Ergebnis produziert, das seinem Brötchengeber nicht passt. Und die bayerische Wirtschaft will mehr Pflichtganztagsschulen, weil sie mehr weibliche Arbeitskräfte sucht. Das ist nicht zu beanstanden, erklärt aber auch, was von der Unbestechlichkeit und Seriosität dieses Aktionsrats zu halten ist.

          • Gilt das dann für Prof. Dollase auch, dessen Studie von der Landeselternschaft der Gymnasien bezahlt wurde?

            Ich wäre mal ein bisschen vorsichtiger mit Pauschalverdächtigungen.

          • Eine große Studie muss immer finanziert werden. Wichtig ist, dass diese Finanzierung transparent erfolgt, was hier definitiv geschehen ist.
            Der vorherige Vorstand der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW hat einen harten G8-Kurs verfolgt. Unter anderem deshalb wurde er abgewählt. Der neue Vorstand hat offen und auch glaubwürdig damit geworben, dass er die Meinung der Eltern ermitteln und vertreten will. Deshalb die Umfrage. Bis dessen Ergebnis bekannt wurde, blieb der Vorstand nachweisbar komplett neutral. Erst seitdem bekannt ist, dass 79% der Eltern G9 wollen, wird dies gegenüber der Politik vertreten. Die 21% G8-Befürworter werden dabei jedoch natürlich berücksichtigt.

            Was wollten Sie also genau mit Ihrem Kommentar andeuten?

          • Ich will gar nichts andeuten, sondern habe ja klar gesagt: Mit öffentlichen Pauschalverdächtigungen gegenüber Wissenschaftlern (oder Politikern oder sonstwem) sollte man etwas vorsichtiger sein als Herr Färber es hier ist.

            Prof. Dollase wird eine seriöse Untersuchung vorgelegt haben, auch wenn sie im Auftrag einer Lobbygruppe erfolgt ist – genauso wie der Aktionsrat Bildung es tut, dessen Finanzierung genauso transparent ist.

            Sie haben völlig Recht, sinus45: Eine große Studie muss immer finanziert werden. Vom Geldgeber auf das Ergebnis zu schließen (und damit renommierte Wissenschaflter zu bloßen Geldbütteln zu machen), ist ein bisschen zu billig. Wer Studienergebnisse seriös kritisieren will, muss sich schon die Mühe machen, sich mal die Studie vorzunehmen.

          • Finden Sie es richtig, die (gewählte!) Landeselternschaft eine Lobbygruppe zu nennen? Kennzeichnet es nicht Lobbyisten, dass ihr Einfluss nicht demokratisch legitimiert ist?

          • Die LE ist ein Lobbyverband.

            Die Vertreter des Deutschen Bauernverbandes e.V. – DBV sind auch gewählt, dennoch würde keiner der Bezeichnung Lobbyverband widersprechen.
            Der Hartmann Bund ist doch auch ein Lobbyverband, der seine Spitze wählt.

            Jede Gruppe, die außerparlamentarisch (im Vorraum des Plenarsaales – der Lobby) versucht Einfluss auf die Vertreter der Legislative zu nehmen , ist ein Lobbyverband.

          • Jeder Verband ist ein Lobbyverband, auch der Berufsverband der deutschen Anästhesisten, die DGAI, der Marburger Bund, der Grundschulverband, der Philologenverband etc. Und alle versuchen im Bundestag den Einfluss ihrer Mitglieder im Bundestag und den Landtagen vertreten zu sehen. Das ist ein ganz normaler Vorgang.
            Nur arbeiten diese Lobbyverbände in unterschiedlichem Maße wissenschaftlich.
            Für mich vertritt der Grundschulverband einseitig die Interessen seiner führenden Vertreter. Ihre führenden Vertreter, wie Herr Brügelmann/Brinkmann sind Erfinder einer Unterrichtsmethode , hier der Spracherfahrungsansatz/(Lesen durch Schreiben),oder wichtige Vertreter dieser Methode in der Öffentlichkeit, waren Gutachter im Verbotsantragsverfahren gegen diese Methode 2015 in NRW, sind gleichzeitig Herausgeber von Schulmaterialien dieser Methode (ABC-Lernlandschaft) und treten ohne wissenschaftliche Begründung vehement in der Öffentlichkeit für diese Methode ein, sobald Kritik am Versagen dieser Methode aufkommt.
            Etwas derartiges gibt es in der Medizin derzeit nicht.

        • Unterlassen Sie es, m. n., Diskutierende hier zu beschimpfen. Wir haben Ihren Kommentar gelöscht.

          Die Redaktion

          • Dann auf ein Neues:
            Ich fände es gut, wenn der Appell an andere, mit „öffentlichen Pauschalverdächtigungen“ vorsichtiger zu sein, auch selbst beherzigt würde.

          • m.n.

            Ich begrüße die Stahlhelmfraktion, der der redaktionelle Kommentar galt. Was wollt ihr hier ?

          • Soll Bernd hier wieder diffamiert werden ?

          • Kennen wir ja zur Genüge – keine konkret geäußerten Inhalte, aber wüste Beschimpfungen aus allen Ofenrohren.

            Dann nehmen Sie bitte zur Kenntnis, m. n., dass ich mir erlaube, in diesem Forum Aussagen zu kritisieren. Und das werde ich weiter tun, davon lasse mich auch durch aggressives Gehabe nicht abhalten – im Gegenteil, da bekomme ich richtig Lust, dagegenzuhalten.

            Der Unterschied zwischen einer Kritik und einer Pauschalverdächtigung, wie sie oben geäußert wurde, liegt in der sachlichen und rational nachvollziehbaren Begründung ersterer. Die implizite Behauptung, die renommiertesten Bildungsforscher Deutschlands ließen sich für ein wissenschaftlich unhaltbares Gutachten kaufen, ist ohne weitere Begründung schlicht eine Verleumdung.

            Jemandem, der in einem Forum (also öffentlich) Falsches behauptet, zu entgegnen, dass er damit schief liegt, das nennt man Kritik.

          • @Wrobel
            Um Ihre Frage um 17:27 zu beantworten: Wenn Sie das als Diffamierung der Person ansehen, ist das Ihre Sache. Für mich ist es Kritik an einem Verhalten, das mich sehr stört.
            Ebenso ärgerlich finde ich, dass Sie mich ungehindert der „Stahlhelmfraktion“ zuordnen. Ist das etwa keine „Pauschalverdächtigung“ und Beschimpfung, die eigentlich gelöscht werden müsste?

            Hier ein Bernd-Zitat an anderer Stelle, auf das ich als Beispiel verweisen möchte für das, was mich immer wieder stört: „diejenigen, die ich hier in diesem Forum verbal scharf angehe, sind keine Lehrkräfte. Es handelt sich – wie Ignaz Wrobel richtig schreibt – um Provokateure, die für die AfD und Schlimmere das politische Geschäft im Internet besorgen.“

            Ist das etwa keine Pauschalverurteilung? Und zwar von Ihnen beiden?

            Dazu der Vergleich mit einem Satz aus Bernds jüngstem Kommentar um 18:22: „Der Unterschied zwischen einer Kritik und einer Pauschalverdächtigung, wie sie oben geäußert wurde, liegt in der sachlichen und rational nachvollziehbaren Begründung ersterer.“

            Ist mir im ersten Zitat etwa die sachliche und rational nachvollziehbare Begründung entgangen, so dass ich statt Kritik nur „Pauschalverdächtigung“ sah?

            Sicher nicht. Darum sage ich noch einmal: Wer fromm Zurückhaltung anmahnt bei Pauschalverdächtigungen möge sich doch bitte an die eigenen Worte halten. Ansonsten sind sie für mich nur ärgerliche Lippenbekenntnisse.

      • Was taugt ein Gutachten, wenn Praktiker (Lehrer) ein vernichtendes Urteil über die rhytmisierte, „echte“ Ganztagsschule fällen?
        Ich bin von Studien und Gutachten mit Luftschlossarchitektur allmählich restlos bedient.

        Hier noch einmal Ihr Link, Herr Priboschek, ohne die Mühe von copy and paste:
        http://www.news4teachers.de/2013/11/aktionsrat-bildung-fordert-mehr-ganztagsschulen-aber-echte/

        • Rainer Dollase, Prof.Dr.

          Lieber „Bernd“,
          Sie können die Vorgeschichte ja nicht kennen, da Sie offenbar weder meinen Bericht, noch den Kommentarband gelesen haben. Darin sind die Fairness bildenden Maßnahmen ausführlich beschrieben: unter anderem die Mitwirkung von G8 und G9 Befürwortern an der Konstruktion des Fragebogens und an der ausführlichen Korrektur des Abschlussberichtes – alle kommentierenden und interpretierenden Passagen wurden herausgestrichen etc. Außerdem wurden die Unterschiede zwischen der automatischen Auswertung bei den online Befragungen und der postalischen Zufallsbefragung ausführlich beschrieben usw.
          Au0erdem: die LE war früher für G8 – wegen des Rumoren in der Elternschaft wurde ja gerade die Umfrage finanziert.
          Beste grüße
          Rainer Dollase

  8. Wird nicht gerade durch den gebundenen Ganztag auf dem Gymnasium der elitäre Aspekt noch gefördert? Die Realschüler haben mittags Schule aus und verabreden sich zu Zeiten, wo Gymnasiasten sich noch durch den Unterricht quälen, oftmals bei 67,5-Minuten-Stunden. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen berichten, dass sich gemeinsame Freundschaften völlig zerschlagen haben, einzig sieht man sich noch in der Früh im Bus. So bleibt jeder unter sich.
    Und was soll daran elitär sein, wenn 90% der Eltern einer Schulform sich für etwas aussprechen, was niemand anderem zum Nachteil gereicht?
    „Warum ist es in Deutschland Elternsache, für Kinder ein nachmittägliches Programm aus Sport und Musik zusammenzustellen…“ Weil nur so Vielfalt herrscht und individuell jedes Kind seinen Neigungen nachgehen kann. Zudem ist das doch wohl Privatsache.

    • Das Problem ist, dass Realschüler auch nicht „mittags Schule aus“ haben. Die Realschule hat 188 Jahreswochenstunden zu verteilen. Gut, dafür genügt es, in den Klassen 7 bis 10 je einen Langtag einzuführen. Aber auch dort braucht es dann eine Stunde Mittagspause. Einfach zwei Tage mit einer 7. Stunde ohne große Unterbrechung ist ja nicht mehr erlaubt.
      Das Volksbegehren würde auch bei Realschulen eine Halbtagsschule _ermöglichen_, mehr nicht. Die frei werdenden Lehrerkapazitäten können, je nach Schule, für individuelle Förderung, Auffangen von Unterrichtsausfall oder was eben nötig ist genutzt werden.

      • Diese Mittagspausenregelung ist das große Problem, das Gesetz ist leider ein „muss“ und kein „soll“ oder „kann“. Wenn man die Schüler fragt, ob sie zwei Mal siebte Stunde oder ein Mal bis zur neunten Stunde (inkl. 45 min Pause) haben wollen, nehmen sie die siebte Stunde. Das gilt im Übrigen auch für die Lehrer, deren zweiter Feierabend sich durch die langen Tage auch entsprechend weit hinter den Feierabend vieler Eltern verschiebt.

  9. Leider kann man die Diskussion und Abwägung nicht „strategisch“ führen, die eigenen Vorstellungen einer „guten Ganztagsrhythmisierung“ und guten Personalausstattung spielen keine entscheidende Rolle! Man kann sich nicht des Gefühls erwehren, dass manche Protagonisten des gebundenen Ganztags hoffen, dass bei einer flächendeckenden Einführung des gebundenen Ganztags plötzlich traumhafte Verhältnisse in die Schullandschaft Einzug erhalten: gute räumliche Ausstattungen, gute Personalsausstattung, entspannte, engagierte und ausgeruhte Lehrkräfte, für die vielen Sonderaufgaben unterstützt durch Sozialpädagogen und andere Spezialisten, vernetzte Angebote von Vereinen und gesellschaftlichen Initiativen in der Schule etc. Bei den Gegnern des gebundenen Ganztags spricht hingegen die Erfahrung mit überfüllten und überforderten Schulen Bände. … Um hier diskutieren zu müssen darf man nicht von Ausstattungen in den Schulen ausgehen, die man selbst für wünschenswert hält, sondern von denen, die man politisch für wahrscheinlich hält. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Landesregierung und der Schulträger ausreichend Mittel freigeben für die gewünschte Ausstattung? Wenn hier Zweifel bestehen, dann sollte man vorsichtig agieren und die Kinder nicht in den gebundenen Ganztag zwingen. Der offene Ganztag kann als Erprobungsfeld dienen und hilft in den Fällen, wo die Alternative der privaten Nachmittagsgestaltung von Eltern und Kindern als weniger gut empfunden wird.

    • Vielen Dank für die ruhigen Worte.
      Nicht vergessen darf man, dass für Schulen mit gebundenem Ganztag eine 20% höhere Lehrerquote vorgesehen ist. Real ist sie noch höher, da sich damit auch die Anzahl der Stunden für besonder schulische Aufgaben erhöht.
      Aber bestimmt finden sich die dafür nötigen motivierten Lehrer ganz von alleine. Dabei hilft bestimmt die überaus großzügige Budgetierung des Schulwesens in NRW.

  10. Der Titel des Artikels zeigt die Absurdität der Diskussion: „Kulturkampf“ als zuspitzendes Schlagwort zum Thema „Ganztag“, aber das entscheidende Adjektiv „gebundenen“ wird in einschränkende Klammern gesetzt. Also was denn nun? OFFENE ANGEBOTE zur individuellen Förderung, Hausaufgabenbetreuung, Spiel, Sport, Musik, Kunst u.ä. lehnt niemand ab, auch nicht die G9 – Unterstützer. Mit welchem Recht aber maßen sich Schulpolitiker an, ALLE Kinder in einen gebundenen Ganztag zu zwingen? Das gibt keine der Studien her. Den Widerstand gegen diese ideologische Verbohrtheit unterstütze ich gern!

    • Weil die Förderstunden dann am Nachmittag als diskrimminierend abgelehnt werden.

      In den frühen Siebzigern hatten alle SuS an weiterführenden Schulen 34 Wochenstunden, da Samstagvormittags noch Unterricht stattfand. in den späten Siebzigern wurde der Samstagsunterricht auf jeden zweiten Samstag reduziert. Absenkung also um 2 Wochenstunden.

      Auf Druck der Elternverbände wurde dann in den Achtzigern der Samstagsunterricht ersatzlos gestrichen. Somit stehen max. 30 WS im Vormittagsbereich zur Verfügung. Die Pflichtstundentafel für Schüler der SekI siehr in NRW von Klasse 5 bis 10 188 Wochenstunden vor, durchschnittlich also 3
      1 Wochenstunden je Jahrgang. Zusätzlich müssen Förderkurse für LRS-Schüler angeboten werden. Alle weiteren Förderstunden sind keine gesetzlich vorgeschriebenen Angebote der Schule.
      Wer also den gebunden Ganztag abschaffen möchte, soll bitte angeben, wie er die individuelle Förderung sowohl lernschwacher als auch starker Schüler umsetzen möchte.
      Den Befürwortern des offenen Ganztages sei gesagt, dass Schule keine Betreuungseinrichtung ist. Für die Betreuung nach Unterrichtsende sind die Kommunen zuständig, die dafür kein Geld haben bzw. die die Kosten für den offenen Ganztag an die Eltern weiterleiten können – analog zu den Kindergartengebühren.

      Was Prof. Dollase schreibt, dass in heutiger Zeit die wenigsten Eltern einen 9-t0-5-Job haben, finde ich einen bedenkenswerten Punkt. Nur unabhängig von der Gantagsfrage regeln Eltern das heute schon in eigener Verantwortlichkeit, indem sie einen Beurlaubungsantrag für ihr Kind stellen. Das steht den Eltern nach NRW-Schulgesetz nämlich durchaus als Möglichkeit zur Verfügung.
      Vielleich sollte man sich auch ein Beispiel an den Niederlanden nehmen, die probeweise mit einer Flexibilisierung der Anwesenheitspflicht zumindest im GS-Bereich arbeiten.

      • Kleine Korrektur: der Samstagsunterricht in NRW wurde Anfang der 1990er Jahre nach endlos schienenden Diskussionen abgeschafft. Ich habe ihn als Schüler auch mehr als furchtbar als fruchtbar in Erinnerung, besonders bei Sport auf dem Stundenplan. den Kritikern kam nach dem Beschluss keinerlei Proteste mehr.

      • Wird der Nachmittag als diskriminierend verstanden oder der Förderunterricht? In meiner naiven Vorstellung spreicht nichts gegen jede Menge Förder- und Forderunterricht am Nachmittag. Auch attraktive Zusatzangebote und AGs in der Schule können leistungsfähige und interessierte Schüler freiwillig in die Schule locken. Diskriminierung? Nun ja, also natürlich diskriminiert Förderunterricht und auch der Kurs für besonders leistungsfähige Schüler/innen. Nach Förderbedarf bzw. Leistungsfähigkeit. Daran kommt man bei indivualisierten Angeboten wohl schwerlich vorbei. Sprachförderunterricht diskriminiert nach Förderbedarf und auch spezielle Auffangklassen für Zugewanderete würden diskriminieren. Aber doch positiv: Die Gesellschaft investiert in den Unterricht auch wenn er nur einer Subgruppe oder freiwilligen Teilnehmer/innen angeboten wird.

        Die Befreiung einzelner Schüler/innen vom nortmalen Unterricht mit der Begründung, „da wollen Mama und Papa etwas unternehmen“, erscheint mir doch sehr sonderbar. Vielleicht fehlt mir hierfür die Phantasie?

        • Doch, da die Teilnahme am Förderunterricht zwar von der Schule durch Konferenzbeschluss festgesetzt werden kann, die Eltern aber das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Kinder wahrnehmen können, erhalten sie Entschuldigungen für das Fernbleiben vom Förderunterricht im Nachmittagsbereich ohne Ende. Das geht vom Arstbesuch über Familienfeiern und Vereinswettkämpfen etc. Sie können also froh sein, wenn 60% der den Förderkursen zugewiesnen SuS auch erscheinen. Eine kontinuierliche Förderung können sie so getrost vergessen. Jeder hätte zwar gerne den nachteilsausgleich für die ZP10 oder das zentralabi, aber keiner will im nachmittagsbereich die Zeit für die LRS-Kurse ofern.
          Individuelle Förderung heißt, Schulen sollen den von den Eltern gewünschten Abschluss liefern, ob das jeweiige Kind die entsprechenden Voraussetzungen hat und die für die Abschlüsse erforderlichen Kompetenzen (Fähigkeiten und Fertigkeiten) nachweisen kann, spielt dabei keine Rolle.

          Der Handwerksmeister, der für seinen eigenen Nachwuchs zumindest die Fachoberschulreife einfordert, wird den Nachbarjungen mit den gleichen Notenständen wie seinem eigenen Kind jegliche Ausbildungsreife und ausreichende Kenntnisse grundlegenden schulischen Wissens absprechen und ihn nicht in ein Ausbildungsverhältnis übernehmen.

          Lässt hingegen die schule diese randstunden ausfallen, um keinen zusätzlichen Vertretungsbedarf zu generieren, ist das Geschrei auf Elternseite umso größer.

      • Ahem. Niemand, der irgendwie ernst genommen werden müsste, will den gebundenen Ganztag abschaffen. Dem Volksbegehren geht es schlicht darum, dass zumindest die rechnerische Möglichkeit besteht, dass Schulen ohne gebundenen Ganztag reinen Halbtagsunterricht anbieten können. Bisher konnte niemand erklären, was daran falsch sein soll. Laut schreien, wie die Landesschülervertreter, die ganz offen eine „Schule für alle“ aka „Einheitsschule“ mit Zwang zum gebundenen Ganztag auch für alle propagieren, ist nicht erklären.
        Warum muss eigentlich die individuelle Förderung unbedingt in jedem Fall durch die Schule erfolgen? Warum können dies nicht die Eltern übernehmen, wenn sie es so wollen? Soweit ich mich erinnern kann sind immer noch sie für ihre Kinder verantwortlich. Natürlich soll es für diejenigen, bei denen die Eltern dies lieber der Schule überlassen (dies ist nicht wertend gemeint!) oder bei denen dort eher Gleichgültigkeit herrscht, ein gutes Ganztagsangebot geben. Aber, wie gesagt, das will keiner abschaffen.

  11. „Sie haben Gymnasialeltern befragt, die in der Regel keine Erfahrung mit dem Ganztag am Gymnasium haben, auch mit dem offenen Ganztag am Gymnasium nicht, richtig?“

    Quelle: Schulministerium NRW: „Derzeit sind es bereits über 160 Gymnasien und damit mehr als jedes vierte in NRW, die in gebundenen Ganztagssystemen ihr Angebot ausgebaut haben.“
    Über die Gymnasien, die einen offenen Ganztag anbieten, habe ich keine Zahlen gefunden, hier dürfte aber m.E. die Zahl noch höher ausfallen.

    Zur „empirischen Bildungsforschung“ empfehle ich den Vortrag von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:
    https://www.youtube.com/watch?v=f8CMaK4J27U

  12. Rainer Dollase, Prof.Dr.

    Ihr Lieben,

    tja, wenn man meinen Bericht von 129 Seiten auf der Seite der Landeseleternschaft (Gymnasien) und einen 50 seitigen methodischen Kommentarband auf meiner Uni website gelesen hätte …si tacuisses.
    Im Ernst, lieber Bernd und andere, ich bin es gewohnt auf populistische Urteile und Vorurteile zu stoßen, vor allen Dingen dann, wenn man meine ausführlichen Berichte nicht gelesen hat. Populismus ist Vereinfachung und Oberflächlichkeit, ist die fatale Neigung, seine Meinung plakativ in leicht eingängige Phrasen zu bringen. Alles ist komplizierter: die Bildungsgerechtigkeit, die G8/G9 Frage, der Ganztag, die Wirkung der Vorschulerziehung usw usw – wer hier – auch als „Bildungsforscher“ einfache Ratschläge erteilt ist ein „Populist“ ( den gibt es nicht nur von rechts, sondern aus allen Himmelsrichtungen). Wenn man wissen will, wie das Bildungssystem funktioniert, muss man an die Basis gehen .- wer aus Durchschnittsdaten zu einem Bildungssystem auf dessen Zustand vor Ort schließen will, begeht einen „ökologischen Fehler“ (seit Jahrzehnten bekannt) – nichts von den Resultaten der pauschalen Wissenschaften (Bildungsökonomie, Soziologie, Teile der Psychologie etc.) darf auf den Einzelfall übertragen werden. In Mehrebenenanalysen (einer statistischen Auswertungsmethode für Daten aus verschiedenen Ebenen) kommt immer wieder heraus, dass auf der Individualebene das meiste erklärt werden kann. Ich kann das hier nicht alles erläutern.
    Deshalb zu der Frage, die nun ja viele interessieren mag: selbstverständlich gab es in meiner Riesenstichprobe Eltern, die ihr Kind an einem gebundenen Ganztagsgymnasium beschulen lassen. Wie haben diese Eltern, die also wissen, was ein gebundener Ganztag mit ihren Kinder macht, den gebundenen Ganztag bewertet? 59,2% gaben die Schulnote 5 und 6 – die Noten 1 und 2 gaben 14,5%. Na? Aber: immerhin haben diese Eltern den gebundenen Ganztag besser als jene beurteilt, die ihr Kind nicht an einem Ganztgasgymnasium beschulen lassen: 75,2% gaben hier die Note 5 und 6, also mehr, und die Noten 1 und 2 gaben 6,2%, also noch weniger. Nun?

    Ich darf mich nun aus dieser interessanten Diskussion verabschieden, da ich weitere Projekte zu anderen Fragen auswerten muss.. Ich bin Psychologe und als solcher auf Methodik und Statistik spezialisiert. Freude macht mir die Entlarvung von Ideologien in der Bildungssystem- und Schulpolitik, besonders wenn sie sich meist unbegründet mit Zahlen tarnt.
    Ich halte am 14.2.17 um 19Uhr im Irmgards Gymnasium in Köln und am 8.3.2017 um 19Uhr im Franz Hitze Haus in Münster jeweils einen Vortrag zum Thema „Beste Bildung – was ist das?“ Dort können Sie, wenn Sie wollen mitdiskutieren bzw. mehr erfahren.

    Herzliche Grüße und Dank an alle
    Ihr Rainer Dollase

    • Die Vorträge von Prof. Dollase sind im Übrigen sehr hörenswert. Wenn man einen seiner Vorträge gehört hat, kommt man nicht auf den Gedanken, er hätte unsauber gearbeitet. Man kommt auch nicht auf den Gedanken, er würde oberflächlichen Populismus verbreiten.

      Bei den meisten Dingen, die er so sagt, nickt der Praktiker (Lehrer) zustimmend. Und seine Freude an der „Entlarvung von Ideologien in der Bildungssystem- und Schulpolitik“ ist ihm anzusehen.

      Leider sind Münster und Köln viele Autostunden von mir entfernt…

  13. Wer denkt bei der Forderung nach Ganztagsschulen an das Drittel der (introvertierten) Kinder, denen es Stress bereitet, mit anderen Menschen zusammen zu sein, die den Nachmittag benötigen, um sich in Ruhe erholen zu können?
    Das heißt nicht, dass es diesen Kindern keinen Spaß macht, mit anderen Kindern zusammen zu sein, nur eben nicht so lange, wie es der Ganztag vorsieht.

  14. Warum wird beim Ganztag eigentlich keine Individualisierung gefordert? Ist doch Trend.

    • Gute Frage! Offenbar passt die Individualisierung des Ganztags nicht in die polit-ideologische Landschaft, bei der die Kinder möglichst wenig von den Eltern beeinflusst werden und möglichst viel vom Staat und dessen Bildungsvorstellungen des Nachwuchses.
      Es fällt doch auf, wie sehr der gebundene Ganztag propagiert wird, obwohl so viele Eltern ihn gar nicht wollen und sich lieber eine offene Ganztagsschule für ihre Kinder wünschen.

      • Der gebundene Ganztag setzt Klassenunterricht bzw. Kursunterricht in den Nachmittagsstunden voraus. Im gebundenen Ganztag muss an midestens 4 Nachmittagen Unterricht in der 8. Schulstunde stattfinden, wobei die 7. Stunde einer 60.minütigen Mittagspause entspricht. Alternativ kann die gleiche Unterrichtsverpflichtung erfüllt werden, wenn die Schule an drei NAchmittagen Unterricht in der 9. Stunde stundenplanmäßig vorsieht. Der gebundene Ganztag lässt eine Verlagerung der Förderstunden ausschließlich auf die nachmittagsstunden nicht zu. Hinzu kommt dass der Schulträger bei der Bemessung von Fachräumen und Sporthallenkapazitäten aus den Ganztag ausrichtet. Es gibt schlicht und ergreifend zu wenige Fachräume, um den fachunterricht allein in den Vormittagsstunden abzuhalten.

        • Wie Hazel Brugger in einem Interview sagte: „Ironie geht heute nicht mehr“. Mein Beitrag war eigentlich ironisch gemeint.

          Aber warum können Schulen nicht gebundene Ganztagsklassen anbieten, die anderen Klassen sind dann davon nicht betroffen. Eltern können das wählen, was sie für richtig halten. Am Ende kann man dann sehen was sich durchsetzt, wenn sich überhaupt etwas durchsetzt.

  15. @dickebank: Vielen Dank für diese informativen Details. Sind wir uns aber einig darüber, dass so etwas vom politischen Gestaltungswillen (und entsprechenden Zuweisungen der Haushaltsmittel) abhängt? Oder halten Sie das für ein Naturgesetz?

    • Ja und nein – das eigentliche Problem liegt in den Zuständigkeiten. Das Land kann ja die Soll-Stundentafel entsprechend anpassen, die SekI-Schüler machen dann 180 WS bis zur 10. Davon sind je Doppeljahrgang 6 Sportstunden und 6 Stunden naturwissenschaftlicher Unterricht, 2 Doppelstunden Arbeitslehre (Hauswirtschaft und Technik) sowie die 6 Wahlpflichtstunden in den Fächern Arbeitslehre und Naturwissenschaften etc.

      Soweit so gut – nur um das Umsetzen zu können müssen die Kommunen als Schulträger die baulichen Voraussetzungen schaffen. Folglich sind andere Haushaltsmittel und Kostenstellen betroffen. Die landespolitik hat also keine Handhabe in Bezug auf die Umsetzung, selobst wenn sie die entsprechenden Bauprogramme voll finanzieren würde. Kein Stadtrat lässt sich in sein Haushaltsrecht reingrätschen.

      Wenn wir irgendwann einmal von der Schulstrukturdebatte Abstand nehmen könnten, wir könnten uns um eine Verwaltungsreform kümmern, mit dem Ziel die Zuständigkeit für GS und HS in die Hände der Komuunen (Städte und Gemeinden) zu legen, die für die Sekundarstufe I und die Berufs- und Förderschulen in die Hände der Landkreise bzw. kreisfreien Städte und die für die GY in die Hände des Landes – also staatliches GY PAderborn-Ost statt städt. GY PB Ost.

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