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„Was bringt einem Kind eine Fünf auf dem Zwischenzeugnis?“ Lehrerverband stellt Ziffernnoten infrage

MÜNCHEN. Angesichts der anstehenden Zwischenzeugnisvergabe in Bayern befeuert der Bayerische Lehrerverband BLLV die Diskussion um Ziffernnoten und plädiert für eine differenzierte Leistungsbewertung in  Lernentwicklungsgesprächen. Doch nicht alle Lehrer begrüßen den Vorstoß. Die Forderungen gingen an der Lebensrealität der Schüler vorbei, kritisiert etwa Realschullehrerverbandspräsident Böhm.

Der Bayerische Lehrerverband BLLV fordert, die Vergabe von Schulnoten zu überdenken. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann sprach sich stattdessen für eine «differenziertere und individuellere Leistungsbewertung» aus. «Was bringt einem Kind eine Fünf auf dem Zwischenzeugnis? Motivierend ist das nicht», sagte Fleischmann. Sie hält vor allem sogenannte Lernentwicklungsgespräche für eine moderne Möglichkeit des Feedbacks in Schulen.

Schüler in psychischen Lernentwicklungsgespräche statt Ziffernnoten - wie realistisch ist das? Foto: Texas A&M University-Commerce Marketing Communications Photography/flickr (CC BY 2.0)Notlagen benötigen professionelle Unterstützung. Foto: Texas A&M University-Commerce Marketing Communications Photography/flickr (CC BY 2.0)

Lernentwicklungsgespräche statt Ziffernnoten – wie realistisch ist das? Foto: Texas A&M University-Commerce Marketing Communications Photography/flickr (CC BY 2.0)

«In diesen Gesprächen kann der Lehrer dem Kind Kritisches viel besser vermitteln als mit einem Zeugnis. Die Gespräche sind sehr motivierend», sagte die BLLV-Präsidentin in München. In Bayern erhalten am Freitag rund eine Million Schüler ein Zwischenzeugnis. Die Viertklässler an Grundschulen und die zukünftigen Abiturienten haben ihre Leistungsberichte bereits erhalten.

Unterstützung erhält der BLLV vom Bayerischen Elternverband. «Wir können das nur befürworten. Ziffernoten sind wenig aussagekräftig und bequem für Lehrer und Eltern», sagt der Vorsitzende Martin Löwe. Auch Löwe hält Lernentwicklungsgespräche mit klaren Zielvereinbarungen für sinnvoller und zielführender.

Die bayerische GEW stellt ebenfalls die Notengebung grundsätzlich in Frage und fordert eine grundlegende Reform der Rückmeldung über Lernprozesse. Angst erzeugende Bewertungen hätten darin nichts zu suchen. Lernentwicklungsgespräche sieht die Gewerkschaft in diesem Sinn als Schritt in die richtige Richtung.

Doch nicht die gesamte Lehrerschaft steht hinter dem Vorstoß des BLLV. Der Bayerische Realschullehrerverband sieht in den Schulnoten ein wichtiges Instrument zur Leistungsbeurteilung. «Jugendliche brauchen Orientierung», sagt der Verbandsvorsitzende Jürgen Böhm. Noten seien sowohl ein Lob für gute als auch eine konstruktive Rückmeldung bei schlechten Leistungen. «Alle Forderungen nach Abschaffung von Noten gehen an der Lebensrealität der jungen Menschen weit vorbei», sagt Böhm.

Die bayerische Staatsregierung wertet die Vergabe von Noten auf den Zwischenzeugnissen als Ansporn, «sich im zweiten Halbjahr engagiert und interessiert am Unterricht und Schulleben zu beteiligen», wie Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) mitteilte. «Fallen die Zeugnisse weniger erfreulich aus, so haben Eltern und ihre Kinder die Chance, zusammen mit Lehrkräften nach den Ursachen für den aktuellen Leistungsstand zu suchen.»

Zudem verwies das Bildungsministerium darauf, dass an Gymnasien und Realschulen in den Jahrgangsstufen 5 bis 8 Zwischenzeugnisse durch zwei Informationen über das Notenbild ersetzt werden können. Diese Gespräche finden im Dezember und April statt und bieten, so das Ministerium, frühzeitig die Möglichkeit, die Leistungen mit Blick auf das Jahreszeugnis im Sommer anzupassen. Derzeit werde diese Form der Zwischenbewertung noch wenig genutzt, sie werde aber immer beliebter.

Der bildungspolitische Sprecher der SPD, Martin Güll, stellte sich auf die Seite des BLLV. «Für viele Kinder und Jugendliche ist der Zeugnistag oft beschämend, wenn sie schwarz auf weiß durch wenige Noten bestätigt bekommen, den Anforderungen in der Schule nicht zu genügen», sagte Güll. Auch er sieht in der Ausweitung der Lernentwicklungsgesprächen ein besseres pädagogisches Mittel als in Schulnoten. «Dann könnte der Kultusminister auf seine jährlich gleichen Hinweise verzichten, bei Bedarf Beratungsdienste in Anspruch zu nehmen», teilte Güll mit.

Lernentwicklungsgespräche werden bislang in den ersten beiden Grundschulklassen angeboten und können freiwillig in Anspruch genommen werden. Nach Angaben des Bildungsministeriums werden diese Gespräche derzeit an zwei Drittel der bayerischen Grundschulen angeboten. Der BLLV hält es für möglich, diese Gespräche auch in anderen Jahrgängen und an anderen Schulformen anzubieten.

An Eltern appellierte BLLV-Präsidentin Fleischmann, bei schlechten Noten besonnen und ruhig zu reagieren. Es helfe Kindern nicht, wenn sie wegen schlechter Noten Enttäuschung und Druck spürten. «Kinder brauchen vielmehr Verständnis und Zuwendung.» (dpa)

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13 Kommentare

  1. „Lernentwicklungsgespräche werden bislang in den ersten beiden Grundschulklassen angeboten und können freiwillig in Anspruch genommen werden.“
    Das ist sachlich falsch. In Bayern können sich die Grundschulen entscheiden, ob sie die Lernentwicklungsgespräche in den Klassen 1-3 (also nicht nur 1,2) anbieten. Sehr gut finde ich, dass die Schulen einen größeren Handlungsspielraum bei der Durchführung dieser Gespräche haben und die Formulare dafür selbst entwicklen können. Für mich sind die Lernentwicklungsgespräche im Vergleich zu den ausführlich zu schreibenden Halbjahres – Berichtzeugnissen eine Arbeitserleichterung. Für die Vorbereitung (ca. 30-45 min) und Durchführung (ca. 25 -35 min) eines Lernentwicklungsgespräches brauche ich pro Schüler etwas mehr als eine Stunde bei der Form, wie wir sie verwenden. Ich würde mir diese Gespräche ebenfalls fürs 4. Schuljahr wünschen, aber dann ein Übertrittszeugnis nur noch mit Noten, denn schließlich sind die Noten das Ausschlaggebende. Das sogenannte „pädagogische Wortgutachten“, das ja jetzt durch das ausführliche Übertrittszeugnis (=Berichtszeugnis) ersetzt wurde, interessiert erstmal keinen beim Übertritt. Die Protokolle werden ja wie Zeugnisse abgelegt und gehören zu den Unterlagen.

  2. Für das gespräch gibt es den elternsprechtag oder allgemein die sprechstunde. Mit Wortzeugnissen können schüler und eltern nur wenig anfangen, besonders wenn sie positiv formuliert sind. Die versetzungsquote gemessen an den zwischenzeugnissen ist bedeutend schlechter, weil die damen und herren schüler sich oft genug erst ab februar dank der miesen zeugnisse oder spätestens ab den blauen briefen ein wenig auf den eigenen hintern setzen. Dieses bisschen reicht ja heute aus.

  3. Wer sorgt für die entsprechende Arbeitszeitverkürzung, wenn ein Lehrer 150 Wortgutachten schreiben soll? Gerade Lehrerverbände sollten doch ihre Leute nicht verheizen.

    • Für ein Lernentwicklungsgespräch braucht man kein Wortgutachten schreiben. Man könnte eine Ankreuzform entwickeln. Doch: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Vorbereitung eines LEG (Lernentwicklungsgespräches) einen wesentlich höheren Arbeitsaufwand bedeutet, denn man muss aus den Schulaufgaben und weiteren Tests für die Fächer den aktuellen Lernstand in den Bereichen herauslesen. Das Sozialverhalten, Lernen und Arbeiten nimmt ebenso einen gleichwertigen Anteil in den LEGs ein.
      So wie an der Grundschule bei uns üblich kann man die LEGs bei einem Fachlehrersystem nicht durchführen. An der GS sind die LEGs umso zielgerechter, wenn der Klassenlehrer möglichst viele Fächer unterrichtet.
      Dennoch halte ich die LEGs insgesamt für sehr gewinnbringend. Die Schüler sind auf positive Weise angeregt über Sozial-, Lern- und Arbeitsverhalten und ihren Lernstand in den Fächern zu reflektieren und setzen sich ein absehbares Ziel (was sie besser machen wollen), das dann auch auf den Prüfstand sollte. Oft sind das auch Ziele im Sozial – und Arbeitsverhalten. Wir führen die Gespräche nicht ohne die entsprechenden Fortbildungen durch, denn es kommt darauf an, wie man mit den Schülern spricht und wie man Zielvereinbarungen gemeinsam mit den Schülern entwickelt. Die Gespräche zielen darauf ab, dass Schüler mehr Eigenverantwortung für ihr Lernen übernehmen. Vielleicht finden ja die weiterführenden Schulen eine für sich akzeptable Form. So langsam kommen ja Schüler mit durchgeführten LEGs in die weiterführenden Schulen, da kann man ja nachschauen, wie es die Grundschulen gemacht haben. Die LEGs wurden bei uns eingeführt, nachdem die Versuchsschulen gute Ergebnisse zurückgemeldet haben. Für die Bayern: Der ISB entwickelt sicher bei Bedarf dazu eine Handreichung.

      • Ging es nicht ums Zeugnis???

        • „Der BLLV hält es für möglich, diese Gespräche auch in anderen Jahrgängen und an anderen Schulformen anzubieten.“
          Kommt darauf an, was man schwerpunktmäßig im Artikel gelesen hat,
          ich dachte, es wäre dieser Passus gemeint. ; – )

  4. Warum wird eigentlich immer so getan, als sei das Zeugnis die einzige Informationsquelle für Eltern und Schüler über den Leistungsstand? Kommentare in Schulaufgaben bzw. Tests. Kommentare während der eigenständigen Arbeit der Schüler im Unterricht usw. All das sollte dem Schüler genügend Feedback geben.
    Wenn Wortgutachten dann noch so degenerieren wie Arbeitszeugnisse in der Wirtschaft, dann hat eh niemand was davon. Aber davon ist auszugehen, denn negative Beurteilungen dürfen ja nicht sein.

    • Das stimmt. Ich lese aber nirgendwo etwas von Wortgutachten als Alternative im Artikel, sondern die Alternative seien Lenrentwicklungsgespräche.

  5. In den Lernentwicklungsgesprächen sind in By in den Protokollbögen im 3. Schuljahr die Ziffernoten erhalten. Also ist der Titel etwas irreführend. Es geht nicht um ein entweder – oder.
    Die Zeugnisse beinhalten in By ausführliche Wortgutachten jeweils zu den Halbjahren von Klasse 1-4. Ab dem Ende des 2. Schuljahres bestehen die Zeugnisse aus Wortgutachten und Ziffernnoten. Das Lernentwicklungsgespräch ersetzt das Wortgutachten zum Halbjahr (also nicht die Ziffernnoten).

  6. In meinen Klassen haben schon viele aufgehört abzuhängen und angefangen doch für das Fach zu lernen, wenn eine Fünf am Horizont erschien oder im Zwischenzeugnis stand. Dass viele Jugendliche vor allem zwischen 13 und 15 eher pragmatisch-faktisch orientiert sind, ist eine empirische Tatsache, und ich bezweifle, dass BLLV-Kinder darin grundlegend anders wären. Lernentwicklungsgespräche gibt es ja auch, sie heißen bei uns „Elternsprechtage“. Das ausschließliche Bauen auf intrinsisches Motiviertsein beruht eher auf Visionen, Helmut Schmidt hat dazu alles Nötige gesagt.

    • Warum intrinisch? In den LEGs werden sowohl die Stärken (als weitere Motivation) als auch die „Entwicklungsfelder“ herausgearbeitet; um diese geht es ja in dann in den Zielvereinbarungen.
      Wenn in den Elternsprechtagen mit dem Schüler gesprochen wird und dieser etwas dazu sagen kann, man genug Zeit dafür hat, dann ist ja nichts dagegen zu sagen.
      Nachdem ich im 3. Schuljahr schon LEG „geübte“ Schüler erhalte, kann ich positiv vermerken, dass diese Schüler im Vergleich zu vor ein paar Jahren, als es die LEGs noch nicht gab, sich wesentlich reflektierter in Richtung Eigenverantwortung äußern und die Ziele, die die Schüler vorschlagen, ziemlich passgenau sind.

      • Ist ein „Entwicklungsfeld“ der Euphemismus für das böse Wort „Mangel“, welches man in den alten Zeiten verwandt hätte?

      • Lernentwicklungsgespräche finde ich gut! … wenn ihre Vorbereitung und Durchführung realistisch als Arbeitszeit verrechnet und nicht auf den Lehreralltag draufgepackt wird. Wie ist das bei Ihnen?

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