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Zahl der Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf auf Rekordniveau: Beckmann spricht von „pädagogischer Misere“

BERLIN. „Es gibt im Schulbereich eine hohe Zahl an Seiteneinsteigern, und diese werden oftmals nicht oder ungenügend auf die pädagogischen Herausforderungen vorbereitet. Der Lehrermangel führt zu einer absurden Abwägung zwischen Unterrichtsversorgung und dem Anspruch der Schülerinnen und Schüler auf pädagogische Qualität“, stellt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), zu den aktuellen Berichten über den Lehrermangel und Seiteneinsteiger fest.

Sieht den Einsatz von zu vielen Seiteneinsteigern kritisch: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE / Jean-Michel Lannier

Sieht den Einsatz von zu vielen Seiteneinsteigern kritisch: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE / Jean-Michel Lannier

In Berlin haben mittlerweile 53 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte an Grundschulen nicht das entsprechende Lehramts-Studium absolviert. Auch in Sachsen sind laut Medienberichten mehr als die Hälfte aller neu eingestellten Lehrer Seiteneinsteiger. Bei den bisherigen Einstellungen in Nordrhein-Westfalen lag laut VBE die Quote von Seiteneinsteigern bei knapp 10 Prozent, es ist davon auszugehen, dass bei der Besetzung noch offener Stellen die Quote im Grundschulbereich auf bis zu 30 Prozent steigt.

Beckmann sagt: „Verantwortlich für diese Misere ist die Politik. Die momentane Situation hat sich nämlich über Jahre aufgeschaukelt. Erst wurden zu niedrige Schülerzahlprognosen gestellt, dann darauf basierend, auch unabhängig von der Zuwanderung, zu wenige Lehrkräfte ausgebildet und nun, in Zeiten des sich immer weiter verstärkenden Lehrermangels, werden Seiteneinsteiger in immenser Anzahl in das Bildungssystem gegeben. Fatal ist, dass das, was ursprünglich als Notlösung gedacht war, inzwischen zur Regel und damit Teil der Planung der Ministerien geworden ist. Unsere Gesundheit würden wir nicht in die Hände von Ärzten legen, die keine entsprechende Qualifizierung haben – aber bei unseren Kindern kümmert die Politik diese halb gare Ausbildung anscheinend nicht. Das ist aus Sicht der Kinder schlichtweg unterlassene Hilfeleistung.“

Beckmann bemängelt: „Qualifizierung? Fehlanzeige! Obwohl jede Studie zeigt, dass es auf die professionelle Qualität der Lehrkraft und des Unterrichts ankommt, werden Personen ohne pädagogische Vorbildung direkt oder nach kurzer Qualifizierung eingesetzt. Für die Profession der Lehrkräfte ist das ein verheerendes Zeichen, sagt es doch: Was die in fünf, sechs Jahren im Studium lernen, können andere ad hoc. Auch für die Seiteneinsteiger ist es natürlich von Vorteil, wenn sie pädagogisch qualifiziert werden. So, wie es momentan läuft, wird manches Scheitern von der Politik billigend in Kauf genommen“, mahnt Beckmann.

Einstellungswelle zum kommenden Schuljahr bringt noch mehr Seiteneinsteiger in die Schulen – nicht nur das: „Bewerber werden schlechter“

„Um dem Lehrermangel endlich Herr zu werden, braucht es realistische Schülerzahlprognosen, die auch Mehrbedarfe, die aufgrund von Inklusion und Integration entstehen, einbeziehen. Zudem ist es notwendig, dass sich jedes Bundesland verpflichtet, ausreichende Studienkapazitäten zu schaffen, um den eigenen Bedarf für alle Schulformen zu decken. Und nicht zuletzt muss der Lehrerberuf so attraktiv gestaltet werden, dass ihn viele junge Menschen gerne ausüben möchten. Dazu gehört die Bereitstellung der Gelingensbedingungen genauso wie gute Perspektiven durch Fort- und Weiterbildung innerhalb der Dienstzeit und vor allem eine angemessene Einstiegsvergütung nach A13/EG13, unabhängig von Schulform und -stufe”, fordert der VBE-Bundesvorsitzende.

Schon jetzt auf die Suche begeben

Außerdem rät Beckmann zum Vorausdenken: „Da die Politik auch im nächsten Jahr sicherlich wieder Seiteneinsteiger einstellen muss, sollte sie sich schon jetzt auf die Suche begeben, damit eine mindestens halbjährige Vorbereitungsphase und nachfolgende berufsbegleitende Weiterqualifizierung umgesetzt werden. Zudem erwarten wir von der KMK eine Planung, wie sie zeitnah aus der Misere herauskommen will.“ N4t

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8 Kommentare

  1. Martina Ziebehl

    Sehr geehrter Herr Beckmann,
    die pauschale Verurteilung von Seiteneinsteigern, besonders im Primarstufenbereich, empfinde ich als befremdlich.
    Begründung : Die Studieninhalte sind dermaßen Mangelhaft, dass der Masterabschluss nach wie vor einen guten Pädagogen hervor bringt.
    Lehren lernt man erst im Referendariat.
    Unsere Master verlassen die Universität mit allem möglichen Wissen, jedoch nicht oder nur unzureichend mit dem Wissen, welches bei der Arbeit mit Kindern von 5-11 Jahren notwendig wäre. So können sie zwar Kettenbruchentwicklungen mathematisch beweisen, wissen aber noch lange nicht, wie sie auch einem Kind mit Dyskalkulie vermitteln können, wieviel 2+ 1 ist…
    Sie kennen die Werke von Wilhelm Raabe oder Berthold Brecht und haben ganze Analysen darüber verfasst, aber ist dies die Literatur in der Grundschule? Nur zwei Beispiele. .. dafür sind die wenigen Angebote die ” passend” sind- wie z.b. Erstlesen und Erstschreiben in den Abendstunden und total überlaufen.
    Im Master sind weder Pädagogik noch Psychologie Bestandteil. Warum nicht?
    Seminare zur Didaktik sind rar – ebenso Komponenten der Konzentrationssteigerung und anderer ” Werkzeuge ” , wie z.b. Handhabung von Handpuppen, Bewegungs- und Entspannungsmethodik, Seminare über spezielle Fälle, besonders in Zeiten von ADHS bzw. Inklusion überhaupt. Seminare zum Thema Vorurteile – Stichwort Chantalismus und Mobbing.
    Dieses und vieles mehr lernt kein Student.
    Ich habe 7 Semester Lehramt Primar studiert und bedauere es sehr, dass mir die Kettenbruchentwicklung von 1 /Wurzel alpha das Genick gebrochen hat. Ich bin überzeugt, ich könnte auch als Quereinsteiger TOP Leistung erbringen, denn ich wäre Lehrer aus Leidenschaft und würde mit Kusshand jede Einstiegsmöglichkeit in meiner Region an- nehmen. Ein Möglichkeit wäre als Inklusionskraft/ Zweitkraft… und parallel dazu Fortbildung. Alternative. ..endlich das Studium anpassen!

    • Martina Ziebehl

      Leider habe ich den Kommentar mit dem Handy geschrieben, so haben sich leider ein paar Fehler eingeschlichen. .. z.b. mangelhaft – klein.. und keinen anstatt einen. Verzeihung. ..

    • Da muss ich schon etwas widersprechen, da die Studiengänge überall unterschiedlich sind. Ich habe in meinem Studium sehr wohl einiges an Psychologie und Pädagogik. Über Vorurteile wurde viel diskutiert und Didaktik hatte ich zumindest generell (Didaktik und Methodik) sowie in einem meiner Fächer. Im anderen Fach wurde sich leider noch nicht damit auseinandergesetzt, dafür hatten wir dort ein Seminar mit Flüchtlingen. Bei der Thematik der Inklusion muss ich Ihnen Recht geben, da hier zumindest meine Universität sich erst an diese anpasst und Dozent_innen auch nicht unbedingt wie Sand an Meer vorhanden sind. Dafür habe ich nun aber meine Bachelorarbeit über das Thema geschrieben, um zumindest etwas darauf vorbereitet zu sein und im Master werde ich mindestens ein Modul dazu belegen müssen. Meine Praktika waren insgesamt super, gut organisiert und begleitet. In einem halben Jahr werde ich ein halbes Schuljahr Praktikum absolvieren und ich fühle mich schon jetzt gut vorbereitet, was meine jetzige Nebentätigkeit als Vertretung an einer GS bestätigt. Ich hätte eher lieber noch etwas mehr “Fachliches” im Studium gehabt, aber das ist ja immer die Schwierigkeit im Lehramtsstudium – die Waage zwischen Fächern und Bildungswissenschaften.
      Natürlich ist es auch immer von den Studierenden abhängig, da viele die Seminare beispielsweise gar nicht erst besuchen und lieber auf ihre Noten und zusätzliches Geld schauen. Mit ausreichender Teilnahme kann man sich aber wirklich eine solide Grundbildung in allen Richtungen verschaffen und genau dafür ist der Bachelor ja auch da.

    • Haben denn alle Quereinsteiger ein Referendariat? Wenn ja, gibt es keine Argumente gegen Quereinsteiger.

      • Für NRW gilt, dass Siteneinsteiger zunächst die Anerkennung ihres Hochschulabschlusses (Diplom, MA oder Master) für Lehramt benötigen. Danach müssen sie die Lehrbefähigung im Rahmen der OBAS (Ordnung für die berufsbegleitende Ausbildung von Seiteneinsteigern) absolvieren, die wie der Vorbereitungsdienst der grundständigen Lehramtsabsolventen mit der zweiten Staatsprüfung für Lehramt abgeschlossen wird bzw. werden muss. Während der Ausbildung gem. OBAS unterrichten die Seiteneinsteiger mit voller Stelle, werden aber an einem Tag mit 5 Anrechnungsstunden freigestellt, um das ZfsL aufsuchen zu können, an dem sie den Kern- und Fachseminaren zugewiesen sind.

        Nach der bestandenen zweiten Staatsprüfung können die Seiteneinsteiger als Nichterfüller entweder angestellt oder verbeamtet werden, wenn die hierfür entsprechenden Voraussetzungen (Alter, Gesundheit etc.) erfüllt werden.

    • Naja möglicherweise muss man die Sache mit den Quereinsteigern aus unterschiedlichen Perspektiven sehen. In meinem Fall (Gymnasium) habe ich im Studium in der Tat nur eine Feigenblatt-Pädagogik bekommen. Dafür aber ein Studium, dass dem eines Diplomanden in (fast) nichts nachstand, in Mathematik waren die Anforderungen zu über 90% gleich.

      In so einem Fall sollte man die Frage stellen, ob ein Steigeneinsteiger mit Diplom und einem entsprechenden Referendariat nicht im Grunde gleich qualifiziert ist. Im Einzelfall bin ich ganz sicher, dass dies so ist. Stellt man sich aber die Frage, warum jemand sich für den in diesem Fall schlechter bezahlten Beruf des Lehrers und nicht den des Diplommathematikers entschieden hat, dann kann man auch zu folgendem Schluss kommen: Die Lehramtsstudenten haben die Beruf aus Passion gewählt, die (späteren) Seiteneinsteiger oft nur, weil sie auf dem Arbeitsmarkt (aus welchen Gründen auch immer) keine andere Option hatten.

      Wenn man dies berücksichtigt, ist ein sehr hohe Quote an Seiteneinsteigern sehr wohl bedenklich.

      Zu Ihrem konkreten Fall: Ihre Motivation, den Lehrerberuf zu ergreifen, ist offenkundig. Nur gebe ich zu bedenken, dass Lehrkräfte in meinen Augen nur dann gute Lehrkräfte sind, wenn sie für ihr Fach brennen (um es mal so zu formulieren). Dann sollten popelige Kettenbrüche im 7. Semester kein Hindernis darstellen!

      • Genau diesen konkreten Fall habe ich sinngemäß selbst an der Universität erlebt:

        GHR-Studenten, die im Hauptstudium mit dem Stoff überfordert waren, den ich in meinem meinem zweiten Semester hatte und selbst nicht sonderlich schwierig fand. Bei der genannten Kettenbruchentwicklung ist das bei gegebenen Zahlen nicht sonderlich schwierig, da Kopfrechnen nach einem festen, trainierbaren Algorithmus. Der allgemeine Beiweis ist schon anspruchsvoller, aber sicherlich nicht Gegenstand des Grundschulstudiums in Mathematik.

        Das meinte ich mit meinem damaligen Forenbeitrag mit über den Tellerand schauen, wobei die Kettenbruchentwicklung meiner Meinung nach noch auf dem Tellerrand liegt.

  2. Nein, gerade nicht. Bei uns werden bereits Gärtner und Sekretärinnen als Seiteneinsteiger für die Grundschule eingestellt. Das beste, was ich je bisher erlebt habe, ist eine Frau, die zweimal durch das Refredariat gerasselt ist – und mangels qualifizierter Lehrer als ” bester Nichterfüller” eingestellt wurde.
    Ja, so nennt man das, wenn Menschen, die bewiesen haben, dass sie nicht geeignet sind dann doch auf die Kinder losgelassen werden.

    Was ich nur nicht verstehe ist, dass die Eltern nicht täglich auf die Straße gehen ….

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