Wenn die Erschöpfung nicht mehr endet… Lehrer und Erzieher sind die am stärksten belasteten Berufsgruppen

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STUTTGART. Lehrer und Erzieher sind besonders häufig vom Burnout betroffen. Die Gründe für den beruflichen Druck sind höchst vielfältig. Große Klassen, das schlechte Abschneiden von Schülern bei Vergleichsstudien oder auch Schulreformen sind von Experten oft diskutierte Ursachen. Was kann dagegen getan werden?

Fehlende Unterstützung ist für viele Lehrkräfte ein starker Belastungsfaktor. Foto: Shutterstock

Psychosomatische Erkrankungen sind der Hauptgrund, wenn Lehrer länger als sechs Wochen in der Schule ausfallen. So hat nach aktuellen Zahlen der Landesschulbehörde jeder dritte der rund 4600 langzeiterkrankten Lehrer in Niedersachsen psychische Beschwerden. Besonders betroffen sind Grundschullehrer ab 50 aufwärts, die vor allem an depressiven Episoden, Angststörungen oder Erschöpfung leiden.

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Dirk Lehr, Professor für Gesundheitspsychologie an der Uni Lüneburg, hat zu diesem Thema geforscht und Studien anderer Autoren ausgewertet. Nach einer repräsentativen Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter mehr als 20.000 Erwerbstätigen sind Lehrer deutlich häufiger als andere Berufsgruppen von Erschöpfung (mehr als jeder Zweite), Kopfschmerzen (über 40 Prozent), Nervosität und Reizbarkeit (knapp 40 Prozent) sowie von Schlafstörungen (35 Prozent) betroffen. Nach der Potsdamer Lehrerstudie, für die 16.000 Lehrkräfte befragt wurden, liegt die Burnout-Rate bei 29 Prozent – zusammen mit Erziehern die höchste Rate aller Berufe.

Laut Lehr legen einige Studien den Schluss nahe, dass das Risiko für spätere psychische Erkrankungen erhöht ist, wenn Berufsanfänger unrealistische Erwartungen an ihren Einfluss auf Schüler und überhöhte Leistungsansprüche an sich selber haben. Wichtig sei die Förderung von Verhaltensweisen, die der Erholung dienten – zu starke negative Gedanken verhinderten dagegen einen erholsamen Schlaf, was das Risiko von Depressionen und Herzerkrankungen erhöhe. Auf der Grundlage dieser Studien hat das Lüneburger Institut LernGesundheit unter dem Titel „Stark im Stress“ ein Überlastungstraining für Lehrer entwickelt (siehe www.training-sis.de).

Lutz Schumacher leitete ein Projekt, in dem 30 Schulen in ganz Deutschland über drei Jahre bei der Verbesserung der Gesundheitsbedingungen beraten und rund 1000 Lehrkräfte befragt wurden. Der Professor für Personalmanagement an der Alice Salomon Hochschule Berlin hat dabei drei etwa gleich große Gruppen von Pädagogen ausgemacht: Die gesunden und zufriedenen Progressiven, die für Veränderungen offen sind; die gesunden und zufriedenen Desinteressierten, die alles beim Alten lassen wollen; die belasteten und unzufriedenen Resignierten, deren psychische Gesundheit angegriffen ist und die Veränderungen als dringend nötig bezeichnen – an deren Realisierung sie aber nicht glauben.

Streitfall Dienstunfähigkeit: Wie Sie als verbeamteter Lehrer Ihr Recht bekommen können

Durch die extremen Belastungen im Beruf werden jedes Jahr Tausende von Lehrerinnen und Lehrer frühzeitig pensioniert. Das komplizierte Verfahren wirft viele Fragen auf. News4teachers hat deshalb jetzt einen 36-seitigen Ratgeber herausgegeben, der Antworten liefert und Lösungen für mögliche Probleme aufzeigt, die Betroffenen drohen können – verfasst vom Fachanwalt Michael Else.

Hier lässt sich das Dossier herunterladen (kostenpflichtig).

Zur Vorschau draufklicken.

„Wir haben keine Vorgaben gemacht, sondern die Lehrer konnten sagen, was verändert werden soll. Dabei fiel auf, dass Probleme mit der Schulleitung am seltensten Thema war, aus Angst vor Konflikten“, sagt Schumacher. Aus seiner Sicht haben Schulleiter eine Schlüsselrolle – von ihnen hänge ab, ob Lehrer sich unterstützt fühlen und eine Reaktion auf ihre Tätigkeit bekommen, ob sie an Entscheidungen beteiligt werden und ob ein Gruppengefühl an der Schule entsteht, an der man gemeinsame Werte und Ziele teilt. Die Schulleitung spiele zudem eine entscheidende Rolle bei der Schulorganisation.

Dazu gehört auch die Gestaltung des Lehrerzimmers, die das Wohlbefinden verbessern kann – davon ist Sebastian Ginser überzeugt, Fremdsprachenlehrer am Gymnasium Burgdorf bei Hannover. An der 860 Schüler und 80 Lehrer zählenden Schule wurde in den letzten großen Ferien das 50 Jahre alte Lehrerzimmer umgebaut und neues Mobiliar angeschafft. Neue Teppiche und abgehängte Decken sorgen für weniger Lärm, der Einbau von Nischen bringt mehr Raum für kleine Gruppen, ein neuer Ruheraum kann für das Nickerchen zwischendurch an der Ganztagsschule genutzt werden. „Früher sind viele Kollegen sofort nach ihrem Unterricht nach Hause gegangen, weil es hier laut und nicht schön war. Jetzt bleiben viele länger zum kollegialen Austausch. Außerdem kann man sich auch eher mit einem Kaffee zurückziehen und wirklich eine Pause machen“, sagt Ginser.

“Alles auf Effizienz ausgerichtet”

„Unsere Schulleiterin trägt in der Konferenz nur neue Gesetzestexte vor und nimmt uns Lehrer gar nicht wahr. Keiner hat den Mut, Probleme anzusprechen, ich auch nicht. Das macht mir am meisten zu schaffen. Ich bekomme manchmal von Eltern und Schülern positive Rückmeldungen, mache eine Therapie und treibe Sport, das hält mich über Wasser.“ Karl Gebauer, 25 Jahre Rektor einer Göttinger Grundschule und heute im Ruhestand, schildert ein Gespräch, das er vor kurzem mit einer Bekannten führte, die ihm von ihrer Schlaflosigkeit und dem innerlichen Rückzug aus dem Beruf berichtete.

Zu den Belastungsfaktoren im Lehrerberuf gehören nach seinen Worten neben Konflikten mit Kollegen oder der Schulleitung unter anderem große Klassen, ungeeignete Räume, schwierige Schüler sowie Neuerungen im Schulsystem. „Der Stress wächst seit der Diskussion um das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler beim Pisa-Test im Jahr 2000. Seitdem ist alles auf Effizienz ausgerichtet. Der Druck von Ministerien und Eltern nimmt zu. Der Schulleiter hat heute mehr Macht und sagt, wo es langgeht und viele Lehrer ziehen sich zurück. Nicht Menschen, sondern Ziele stehen im Vordergrund und die nötige Empathie wird zurückgedrängt“, kritisiert Gebauer. Nach seiner Überzeugung ist das Einfühlungsvermögen in andere Personen eine Quelle für einen besseren Umgang mit Stress. Gebauer rät, mit vertrauten Kollegen über Gefühle und Belastungen zu sprechen und gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen.

In seinem Buch „Stress bei Lehrern. Probleme im Schulalltag bewältigen“ beschreibt Gebauer, wie an seiner einstigen Schule in einem Team von 16 Lehrern Problemfälle intensiv besprochen wurden, unter anderem durch Rollenspiele, auf der Grundlage von Aufzeichnungen in einem pädagogischen Tagebuch oder dem Zeichnen von Karikaturen, die Konflikte verbildlichen sollen.

Eine seiner Empfehlungen am Ende des Buches: „Fehlschläge und Misserfolge sind Teil der Arbeit. Sie müssen als normal angesehen werden. Lehrkräfte sollten darauf achten, dass sie Misserfolge nicht gleichsetzen mit einer allgemeinen Unfähigkeit für Erziehungsprozesse. Aus Fehlern kann man lernen. Ist diese Lernfähigkeit nicht mehr vorhanden, ist dies oft ein deutlicher Hinweis aus Stress. Wenn kein Ausweg mehr gesehen wird, sollten die Alarmglocken läuten. Man muss sich dann selbst auf den Weg machen, um aus einer solchen Sackgasse wieder heraus zu kommen. Dabei geht es oft nicht ohne die Hilfe eines Teams oder einer Therapie.“ Joachim Göres / Klett Themendienst

Zur Psychologie des Lehrerberufs: Warum Scheitern dazugehört (und Lehrer trotzdem gesundheitlich belasten kann)

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39 KOMMENTARE

  1. Den Artikel begrüße ich natürlich. Über die Lösungsansätze bin ich enttäuscht. Statt mehr Geld sollen “Gesprächsrunden” helfen und neu gestaltete Lehrerzimmer. 🙁

    Nein, es ist das, was ich schon oft gesagt und geschrieben habe. Was wir brauchen, sind massive Entlastungen.

    • Von wem stammt eigentlich die Einteilung in Progressive, Desinteressierte und Resignierte?

      Warum ist man desinteressiert, wenn man nicht jede neumodische Idee mitmachen will und an manch altbewährter Methode festhalten bzw. sie wiederhaben möchte?

      • Das ist wieder die asymmetrische Berichterstattung mit ihrer betont binären Ausrichtung. Entweder bist Du progressiv oder damit gut oder Du bist desinteressiert oder schlecht. Gesprächsrunden entsprechen dem typischen Geschwafel von Soziologen.

  2. “Zu den Belastungsfaktoren im Lehrerberuf gehören nach seinen Worten neben Konflikten mit Kollegen oder der Schulleitung unter anderem große Klassen, ungeeignete Räume, schwierige Schüler sowie Neuerungen im Schulsystem.”
    und gleich darauf
    “Gebauer rät, mit vertrauten Kollegen über Gefühle und Belastungen zu sprechen und gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen.”
    Wir bilden einen Arbeitskreis, der feststellt, dass die Klassen groß, die Räume ungeeignet, die Neuerungen nicht umsetzbar und extrem viele Schüler auffallend schwierig sind … und dann?
    Der Schulträger wird nicht dabei sitzen und etwas verändern … und den Schwarzen Peter dem Land zuschieben.
    Das Land wird keinen Vertreter schicken und etwas verändern … und den Schwarzen Peter dem Schulträger zuschieben.

    Aber letztlich liegt der Schwarze Peter ja woanders: Klare Einschätzung: Der Lehrer ist schuld!
    Überstunden ohne Ende, extrem hohe Belastung im Schulalltag, zusätzliche Aufgaben, die zeitlich gar nicht bewältigt werden können …
    Die Überlastung ist keine, wenn die Bewertung stimmt!
    Alles eine Frage seiner Einstellung!

    Ist die Lehrkraft desinteressiert und ihr ist die Lage egal, ist sie gesund.
    Ist die Lehrkraft progressiv, findet die Lage in den Schulen “normal”, ist sie gesund.
    Krank wird sie, wenn sie feststellt, dass die Bedingungen alles andere als optimal sind und es dringend Veränderungen braucht.

    Was folgt daraus?
    Gesucht werden KollegInnen, denen egal ist, ob die Unterrichtsversorgung bei 75% liegt, ob die Arbeitszeit weit über dem normalen Maß ist, ob…

    • Klingt alles plausibel, Palim.
      Vielleicht kommen die Schulministerien auch noch auf die Idee, dass der möglicherweise bald chronische Lehrermangel genau mit dieser Art von Bedingungen zu tun haben könnte, die Sie schildern, die aber auch in dem Artikel selbst angesprochen werden. Die Quereinsteiger bekommen das ja genauso zu spüren:
      “Der Druck von Ministerien und Eltern nimmt zu. Der Schulleiter hat heute mehr Macht und sagt, wo es langgeht …”
      Ich stelle mir Schulleiter heute als die klassischen “Radfahrer” vor: Nach oben buckeln, nach unten treten. Alles im Interesse einer reibungslos funktionierenden Hierachie und eines “Change Managements”. Schule als Unternehmen, geführt nach unternehmerischen Prinzipien. Schulische Bildung als Vorbereitung der Rendite des “Humankapitals”. Selbständige Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen sind weder als Lehrer noch als Schulleiter gefragt. Schöne neue Welt. Und das alles haben uns nicht Politiker “von rechts” eingebrockt, sondern eher “von links”.

  3. ZITAT (Palim):
    ———————————————
    “Überstunden ohne Ende, extrem hohe Belastung im Schulalltag, zusätzliche Aufgaben, die zeitlich gar nicht bewältigt werden können …
    Die Überlastung ist keine, wenn die Bewertung stimmt!
    Alles eine Frage seiner Einstellung!

    Ist die Lehrkraft desinteressiert und ihr ist die Lage egal, ist sie gesund.
    Ist die Lehrkraft progressiv, findet die Lage in den Schulen “normal”, ist sie gesund.
    Krank wird sie, wenn sie feststellt, dass die Bedingungen alles andere als optimal sind und es dringend Veränderungen braucht.

    Was folgt daraus?
    Gesucht werden KollegInnen, denen egal ist, ob die Unterrichtsversorgung bei 75% liegt, ob die Arbeitszeit weit über dem normalen Maß ist, ob…”
    ———————————————————-

    Da muss ich Ihnen ja schon wieder zustimmen, Palim. (???)

    Und aus dem, was Sie oben schreiben, folgt ja nun auch, dass einfach nur mehr Gehalt keines unserer Probleme löst – außer vielleicht einem, dass wir uns alle (mehr) Teilzeit leisten können, uns also selbst die Stundenverpflichtung senken. Nur alle anderen Probleme bleiben davon unberührt. 🙁

    • … und unter Umständen wird uns Teilzeit verweigert.

      Was aber nichts nützt, dann steigt letztlich nur der Krankenstand erheblich. Die Kollegen fehlen also trotzdem !!! Nur müssen wir erst krank werden, um mal verschnaufen zu können?

    • Sie denken zu einseitig.
      Das Problem, dass nur noch 20% der Studierenden Grundschullehramt wählen, bleibt bestehen.
      Die Abordnungswelle in die Grundschulen ist also erst der Anfang.

      Aber desinteressierten Lehrkräften und Landesschulbehördenangestellten kann das ja egal sein.
      Das fördert ihre Gesundheit!

      • Die Hochschulen können z.B. mehr Studienplätze schaffen und damit den NC auf z.B. 2,5 anheben oder streichen. Dann finden sich automatisch mehr potenzielle Studieninteressenten für Grundschule. Wer einen 1,x-Schnitt hat und sich die Arbeitsbedingungen an der Grundschule ansieht, macht etwas anderes.

        • “Wer einen 1,x-Schnitt hat und sich die Arbeitsbedingungen an der Grundschule ansieht, macht etwas anderes.”
          Es sollte anders herum sein!

        • “Schade, dass Sie, Palim, gleich wieder ‘rumgiften müssen.”

          Habe ich?
          Ich stelle fest, dass es denen, die am Gymnasium sind und “desinteressiert gesund” sind, doch egal sein kann, wo sie desinteressiert ihren Job versehen.
          Und diejenigen in den Landesschulbehörden, denen die Bedingungen an Grundschulen egal sind, werden auch die Abordnungen egal sein.

        • Wo hat Palim denn rumgegiftet? Schade, dass Ihnen, sofawolf mal wieder nichts anderes als die Gehaltsdebatte einfällt. Wer auf A13 sitzt, kann gut darauf husten.

          • Schade, dass Sie, missis., immer nur das Thema Geld wahrnehmen. Ich habe mich schon oft zu etlichen anderen Themen geäußert – auch hier stand für mich Geld nicht im Vordergrund. Anscheinend kreist bei Ihnen jeder Gedanke nur um Geld und Sie nehmen anscheinend nur wahr, was irgendwie mit Geld zu tun hat. 🙁

      • Die 20% wurden bislang nicht belegt. Von wo, von wann stammt sie?

        Aber selbst wenn, dann wäre die Frage, ist das eigentlich eine Zunahme oder eine Abnahme? Wie waren die Zahlen (Prozente) denn vorher? Was bedeutet das in absoluten Zahlen? Wie war das Verhältnis der Studenten unterschiedlicher Lehrämter zu anderen Zeiten? Wie viele Grundschullehrer werden denn gebraucht bzw. wurden voraussichtlich gebraucht (wenn auch falsch geplant), sodass Stellen in den Schulen und Stellen in der Ausbildung gestrichen wurden usw.-usf.

        Ich las erst unlängst, dass die Zahl der Studierenden auf Lehramt wieder deutlich gestiegen ist. Nur dauert es natürlich seine Zeit, bis die fertig sind. Wir brauchen also die Seiteneinsteiger – und die gibt es ja zuhauf. Auch und gerade im Grundschulbereich.

        20% Grundschullehramt-Studierenden (wo?) stehen z.B. 41% Seiteneinsteiger im Grundschulbereich zuletzt in Berlin gegenüber. Die habe ich noch nicht übers Gehalt klagen hören.

        • Warum wohl 40% Seiteneinsteiger im Grundschulbereich eingesetzt werden und dennoch nicht alle Stellen zu besetzen sind?
          Es mag sie in Ihrer Region “zuhauf” geben, hier gibt es sie nicht.
          Unterricht wird an sätmlichen umliegenden Grundschulen gestrichen, gerade weil es keine Seiteneinsteiger und keine Vertretungskräfte gibt. Als Alternative müsse die pädagogischen MitarbeiterInnen, die eigentlich für den akuten Vertretungsfall angestellt sind, die Vertretung übernehmen.
          Dadurch _fällt kein Unterricht aus_, auch wenn er eben anders als gedacht erteilt wird.

          Zudem sind Studierende der ersten vier Semester nicht gerade das, was ich mir unter Seiteneinsteiger vorgestellt hätte.

          Der Einsatz von Seiteneinsteigern im Grundschulbereich ist unvermeidbar, vermutlich stimmt das, aber dennoch ungünstig.
          Seit Jahren haben wir sie schon im langfristigen Vertretungsunterricht, nun quasi als Ersatz für Lehrkräfte.
          Diejenigen an unseren Schulen, die sich darauf einlassen, sind zum Glück bisher alle gut und engagiert. Aber ihnen fehlen meist Pädagogik, Praktika, Didaktik, Methodik … und eine Schulung vorab gibt es nicht.

          Ich kann mir bisher nicht vorstellen, wie ich diesen KollegInnen die Anforderungen des Erstunterrichts samt ihrer Komplexität vermitteln soll. Das verstehen ja hier schon Lehrkräfte anderer Schulformen nicht, wie dann Seiteneinsteiger? Aber: Grundschule kann ja jeder, das ist ja nur ein bisschen spielen und kuscheln!

          Am Ende laufen auch diese Maßnahmen auf dem Rücken der SchülerInnen und der GrundschulekollegInnen, die viele Aufgaben unter den verbliebenen Lehrkräften aufteilen müssen und zusätzlich die Seiteneinsteiger unterstützen.

          • Ach ja… und dass Studierende als Vertretungskräfte sich nicht über das Gehalt beschweren, glaube ich gerne.

        • Nehmen Sie endlich das z.g.K., was ich hier schon mehrfach gepostet habe. Ich habe eine Meldung des WDR-Hörfunkprogrammes kolportiert, die sich auf eine Umfrage unter Interessenten an einem Lehramtsstudiengang bezieht. Ich habe keine Kenntnis, ob diese Umfrage repräsentativ ist. Wesentlicher Grund für die Wahl eines anderen Studienganges als Lehramt für Primarstufe waren neben der späteren Eingruppierung, die mnominale Wochenstundenzahl und vor allem der bestehende NC.
          Für diejenigen, die sich für den Bereich GS interessierten stand die Vereinbarkeit von Schule und Beruf, der möglichst wohnortnahe Einsatz sowie die Teilzeitangebote im ÖD im Vordergrund.

          Aus meiner Sicht (Vorsicht: Interpretation), das Lehramt an Grundschulen zieht eine Klientel an, die ihre Beschäftigung als zukünftigen Nebenverdienst plant. Die also plant, bis zur Lebenszeitverbeamtung Vollzeit zu arbeiten, um danach in die Familienphase einzutreten und nach Ablauf mehrerer aufeinander folgender Erziehungszeiten eine Rückkehr in den Beruf mit deutlich verminderter Wochenstundenzahl wieder an zu treten.

          Nicht das wir uns falsch verstehen, das alles geschieht auf der Grundlage der derzeitigen Rechtslage und ist das gute Recht der potentiellen Kolleginnen. Nur aus meiner Sicht zeigt es, das in diesem Bereich verkehrte Anreize gestzt worden sind, die mittlerweile gravierende Auswirkungen auf das System zeigen. Das Recht auf Elternzeit bedeutet nämlich auf der anderen Seite die begründet befristete Anstellung anderer Lehrkräfte.

          Wenn wir davon ausgehen, dass Lehrkräfte – und an Grundschulen sind das in erster Linie weibliche Lehrkräfte – von Mitte 20 bis Mitte 60 ca. 40 Jahre arbeiten und viele von denen in der Zeit von Mitte 20 bis Mitte 30 voraussichtlich eine Familienphase nehmen, dann müssten eigentlich mindestens 20% mehr Personen ausgebildet werden als es (Plan-)Stellen gibt, die haushaltsmäßig verankert sind, um ausreichende Reserven im System zu haben. Und hier liegt der eigentliche Knackpunkt in der Personalplanung.

          • Gute Einschätzung, dickebank. Betonen möchte ich, dass viele eine Vollzeitstelle psychisch und physisch nicht schaffen und daher auf Teilzeit gehen, wenn sie es sich finanziell leisten können. In den Kollegien gibt es kaum eine Grundschullehrerin mit Vollzeitstelle. Viele arbeiten zw. 65 und 80%.

          • Wenn diese Kolleginnen auch tatsächlich nur 65% oder 80% arbeiten würden, würde die Politik vielleicht hellhörig werden. Aus andererseits aber auch nachvollziehbaren Gründen werden diese Kolleginnen eher 80% oder 100% arbeiten, aber nur für 60% oder 80% bezahlt werden.

          • Vielleicht sollte man angesichts solcher Zahlen an eine aktive Männerförderung bzw. Männerquote denken, so wie man es aus anderen Bereichen für Frauen kennt, aber vermutlich ist das ja schon wieder zu progressiv 😉

          • Nee, Frauenquoten – zumal an Schule – sind ein echter Witz. Die Tatsache, dass der Beauftragte für Gleichstellungsfragen weiblich sein muss, ist der Verstoß gegen den Kerngedanken des GG.

            Frauenquoten sind nicht männerfeindlich, sie sind grundgesetzwidrig.

  4. Ich stimme eigentlich allen genannten Einschätzungen zu. Aber eine Forderung stimmt so nicht: Es kann nicht klappen, dass man einfach nur mehr Studierende in den Unis ausbildet. Auch hier werden Leute gebraucht, die die Studierenden gut und professionell – und nicht nur auf Sparflamme – ausbilden können. Und die werden nicht eingestellt! Seit vielen Jahren heißt es immer wieder: “Nun wartet mal ab, bald wird es wieder besser”, oder, “Es bisschen mehr, das schafft man doch auch noch!” Man kann nicht “so eben” 20-40 Prozent mehr Studis aufnehmen, weil alles schon auf “Kante genäht ist” und keiner vor lauter Arbeit noch aus den Augen gucken kann; ebenso wenig kann man auch fordern, dass einfach mehr Schüler in jede Klasse gesteckt werden. Irgendwann muss mal etwas in eine andere Richtung laufen.

  5. @dickebank und xxx
    Ich stimme Ihnen ebenfalls zu.

    Die Politik hat nicht zuletzt verschlafen, dass die Anforderungen in der Grundschule massiv angestiegen sind und es längst nicht mehr möglich ist, diesen Job als ” lockeren Teilzeitjob” (neben der Familie und dem Hauptverdiener) auszuführen. Aus dieser Zeit kommt auch die merkwürdige These “Grundschule kann ja jeder”. Wer heutzutage noch an diese Märchen glaubt, hat den Zug verpasst und sollte dringend in der Realität ankommen, egal ob Politik oder Kollegen anderer Schulferien. …

  6. Vielleicht sollte uns Lehrern alles ein bisschen mehr “egal sein”, denn das hält uns ja gesund… Ich habe an meiner Schule eine ältere Kollegin (DDR-Lehrerausbildung, Rentenalter fast erreicht), die Buchunterricht macht, den sie meistens frontal durchzieht. Sie bedient sich einer äußerst autoritären Lehrerrolle (mit anschreien, Strafarbeiten etc.) und hält dadurch die Kinder ruhig. Eltern bürstet sie mitunter auch mal ab bzw. viele geben nach einigen, gescheiterten Gesprächsversuchen auf. Die Schulleitung will sich mit ihr nicht anlegen, weil sie sehr anstrengend sein kann. Diese Frau ist eine absolut schlechte Lehrerin, die alles das tut, was man nicht tun sollte. Aber sie ist fit und gesund.

    • Ganz abgesehen davon: Wie sind die Leistungen der Kinder? Wenn sie eine wirklich absolut schlechte Lehrerin ist, müssen die Leistungen signifikant schlechter sein als die von den Kollegen unterrichteten Kinder. Bitte beachten Sie dabei den Unterschied zwischen Note und Leistung. Außerdem ist Spaß keine Notwendigkeit.

  7. @xxx: Spaß ist sicher keine Notwendigkeit, aber Lernfreude und Motivation auf jeden Fall schon – vor allem in der Grundschule. Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist: Man hat manchmal das Gefühl, dass ruppige, autoritäre – mitunter auch gleichgültige – Lehrertypen im derzeitigen System Schule besser bestehen, als der sich reflektierende, gesprächsbereite Lehrer, der methodisch und didaktisch versucht, den Schülern gerecht zu werden. Schon traurig!

    • Das war mir schon klar. Andererseits muss man bedenken, dass man als Lehrer von den Eltern und vom Arbeitgeber schlecht behandelt wird vollkommen unabhängig davon, ob man ruppig-gleichgültig oder aufopferungsvoll-empathisch unterrichtet. Die Frage ist auch, warum die Kollegin so unterrichtet wie sie es tut. Hat sie damit gute Erfahrungen gemacht? Hat sie das in der DDR noch so beigebracht bekommen? Ist ihr das System Schule sch***egal, weil die Rente bald kommt?

      Sie haben meine Frage nicht beantwortet: Wie sind die Leistungen der Schüler im Vergleich zu den Kollegen? Müssen die Schüler bei dieser Kollegin signifikant mehr arbeiten als bei den Kollegen?

      • Signifikant mehr arbeiten müssen die Kinder bei ihr nicht. Sie müssen vor allem gehorsam und leise auf ihren Plätzen sitzen. Die Klasse ist insgesamt durchschnittlich, soweit ich das in Vertretungsstunden feststellen konnte.

        • Danke. Daraus folgt, dass ihr Unterricht nicht signifikant besser oder schlechter sein kann als der der Kollegen. Ich gehe davon aus, dass sie auch keine 60 oder noch mehr Stunden in der Woche arbeitet und sie deshalb auch gesund sein wird.

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