Lehrkräftemangel: Erzieherinnen mit DDR-Lehrbefähigung dürfen unterrichten und ein verkürztes Referendariat soll Nachwuchs locken

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ERFURT/SCHWERIN. In den ersten Bundesländern hat die Schule nach den Sommerferien bereits wieder begonnen. In Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern ist es ebenfalls bald so weit. Zum Start werden auch dort Stellen für Lehrkräfte unbesetzt bleiben. Um die bestehenden Lücken zu stopfen, erkennt Thüringen nun – fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – die DDR-Lehrbefähigungen von Erzieherinnen an. Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern will mit dem bundesweit kürzesten Referendariat mehr Lehramtsstudierende zu sich locken und so den Lehrkräftenachwuchs sichern. 

In Thüringen besteht für Erzieherinnen mit DDR-Lehrbefähigung nun auch die Möglichkeit, Unterricht an Grundschulen zu übernehmen. Foto: Michael Panse / flickr /

Nach Angaben des thüringischen Bildungsministeriums betrifft die Entscheidung rund 1000 Erzieherinnen, die zu DDR-Zeiten in der Regel am Institut für Lehrerbildung ausgebildet wurden und eine Lehrbefähigung erworben hatten. Zuvor hatten Zeitungen der Funke Mediengruppe darüber berichtet. Der Einsatz der Erzieherinnen für den Unterricht sei laut Ministerium freiwillig, bisher hätten sich rund 150 Pädagoginnen bereiterklärt zu unterrichten. Wie viele davon tatsächlich eingesetzt werden, sei noch unklar, hieß es aus dem Ministerium. Insgesamt arbeiten 2900 Erzieherinnen und Erzieher an Grundschulhorten im Freistaat.

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Bis zu sechs Unterrichtsstunden pro Woche sollen die Thüringer Erzieherinnen mit Lehrbefähigung an Grundschulen übernehmen dürfen – dabei soll eine Unterrichtsstunde mit 1,5 Zeitstunden berechnet werden. Die betroffenen Erzieherinnen könnten ihre Stundenumfänge und damit ihr Gehalt aufbessern, hieß es im Bildungsministerium. Zugleich werde mit der Regelung ein Betrag zur Unterrichtsabsicherung geleistet.

Fehlende Noten durch Unterrichtsausfall
Zum Ende des vergangenen Schuljahres standen auf den Zeugnissen von 256 Schulklassen aufgrund von Unterrichtsausfällen in einzelnen Fächern keine Noten. Am häufigsten betroffen waren nach Daten des Bildungsministeriums die Fächer Musik (33,9 Prozent), Evangelische Religionslehre (17,6 Prozent) und Kunst (12,9 Prozent). An staatlichen Schulen lernten im vergangenen Schuljahr landesweit rund 166.500 Schüler in rund 7900 Klassen.

In anderen ostdeutschen Bundesländern, etwa in Sachsen-Anhalt und Brandenburg,  werden die Erzieherinnen mit DDR-Lehrbefähigung schon länger für den Unterricht eingesetzt. Nach Angaben des brandenburgischen Bildungsministeriums konnten sie sich gleich nach der Wende als sogenannte Lehrkräfte unterer Klassen an Grundschulen anstellen lassen, wenn die Voraussetzungen passten. Teils seien aber noch Zusatzqualifikationen nötig gewesen. In Sachsen-Anhalt können Erzieherinnen mit Lehrbefähigung seit rund zwei Jahren auch an Grundschulen unterrichten. Nach Angaben des Bildungsministeriums in Magdeburg können auch Pädagoginnen und Pädagogen an Förderschulen, die eine Lehrbefähigung aus DDR-Zeiten haben, Lehrerstellen an Förderschulen bekommen.

Während in Brandenburg die Erzieherinnen mit mit DDR-Lehrbefähigung voll als Grundschullehrerinnen arbeiten, soll ihr Einsatz für den Unterricht in Thüringen befristet sein und in der Regel für die Dauer von einem Schuljahr erfolgen. Laut Bildungsministerium müsse die Erziehertätigkeit weiterhin überwiegen.

Das Referendariat in Mecklenburg-Vorpommern soll attraktiver werden. Die Linke will es dafür verkürzen. Foto:
Heinrich-Böll-Stiftung / flickr / CC BY-SA 2.0

Verkürzter Vorbereitungsdienst
Nachdem das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern kurz vor dem Start des neuen Schuljahrs nur ein Drittel der ausgeschriebenen Referendariatsstellen mit Lehramtsstudierenden besetzen konnte, will die Linksfraktion das Bundesland für angehende Lehrerinnen und Lehrer durch einen verkürzten Vorbereitungsdienst attraktiver machen. Die Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag, Simone Oldenburg, forderte Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) auf, das Referendariat von 18 auf zwölf Monate zu verkürzen, den jungen Lehrkräften Mentorinnen und Mentoren an die Seite zu stellen und sie von Hausarbeiten zu befreien. Eine Verkürzung des Vorbereitungsdienstes sei im Ausnahmefall schon jetzt rechtlich möglich, erklärte Oldenburg.

Sie reagierte damit auf die Vielzahl offener Referendariatsstellen zum Schuljahresbeginn am 20. August. Das Land hatte nach Angaben des Bildungsministeriums insgesamt 451 Stellen ausgeschrieben. Doch nur 136 Lehramtsstudierende konnten für den obligatorischen Vorbereitungsdienst gewonnen werden. «Diese Zahlen sind erschreckend. Die Bildungsministerin muss sich fragen lassen, worin die Ursachen für eine solche Entwicklung liegen», sagte Oldenburg. Zunehmend auf Seiteneinsteiger zurückzugreifen, um Personallücken zu schließen, sei der falsche Weg.

Zum Ende des vergangenen Schuljahres hatten 246 Referendarinnen in Mecklenburg-Vorpommern das zweite Staatsexamen erfolgreich abgeschlossen. 142 dieser Junglehrkräfte wurden unbefristet in den Schuldienst des Landes übernommen. Ein beträchtlicher Teil der aktuell etwa 12.000 Lehrerinnen und Lehrer geht in den kommenden Jahren in Ruhestand und muss ersetzt werden. dpa

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6 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Während in Brandenburg die Erzieherinnen mit mit DDR-Lehrbefähigung voll als Grundschullehrerinnen arbeiten, soll ihr Einsatz für den Unterricht in Thüringen befristet sein und in der Regel für die Dauer von einem Schuljahr erfolgen. Laut Bildungsministerium müsse die Erziehertätigkeit weiterhin überwiegen.”

    28 Jahre nach der Wiedervereinigung kann man da doch nur mit dem Kopf schütteln.

    Schade nur, dass es nicht gleich nach der Wende einen massiven Lehrermangel wie heute gab.

  2. Ein verkürztes Referendariat spart am falschen Ende. Die Theorielast der universitären Phase könnte gekürzt werden, aber doch nicht der danach endlich folgende praktische Teil.

    Dass es nur darum geht, die Leute schneller in den Beruf zu bekommen, dürfte klar sein. Diesen Effekt hat man doch aber nur einmal. Danach hat man dann immer wieder die gleich lange Wartezeit.

    • Da, wo in DaF-Kursen arbeitende Dozenten die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen (für den Seiteneinstieg meistens mindestens das 1. Staatsexamen), haben sie derzeit gute Chancen, in den Lehrerberuf an Schulen einzusteigen. Nur zu!

      DaF-Lehrer mit 2. Staatsexamen gibt es aber kaum; die meisten “DaF-Lehrer” haben eben keine abgeschlossene Lehrerausbildung.

  3. Wenn ich das schon wieder lese … von wegen Erzieher mit Lehrbefähigung … ausgebildet am Institut für Lehrerbildung – ach was Lehrerbildung ?
    Da gab es eine fundierte pädagogische, psychologische und methodische Ausbildung für das “jüngere Schulkind” – also für Klasse 1 bis 4, in Mathe, Deutsch und einem Wahlfach wie zB. Werken oder Sport.
    Da es damals genug Lehrer gab, wurden halt viele im Hort und Unterricht eingesetzt. Mit der Wende landeten aber viele Unterstufenlehrer (so durften wir uns alle nennen ) ganz im Hort – es gab ja auf einmal zu viele Lehrer. Und mit Neuordnung des öffentlichen Dienstes hatten diese auf einmal einen anderen Arbeitgeber – nämlich nicht mehr das Land, sondern die Kommune. Als Hort und Schule noch zusammen waren, gab es keine Ausfälle … es waren ja genug Lehrer für die Vertretung da – es hatte also auch seine Vorteile.
    Heute sehe ich das Ganze auch mit Vorsicht. Was tun sich diese KollegInnen an. Sie sind nicht mehr die Jüngsten (ca. so ab 50 ) und Schule hat sich so drastisch verändert. Die Schule heute hat aber auch gar nichts mehr mit der von damals zu tun. Und das ist auch gut so. Aber mit Sicherheit ist es ein wahnsinniger Kraftaufwand sich dort einzuarbeiten.

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