Studie: Besser in Deutsch und Mathe dank bilingualem Unterricht in der Grundschule

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EICHSTÄTT. Am Fremdsprachenlernen in der Grundschule scheiden sich die Geister. Kinder haben zwar meist kein Problem damit, zwei Sprachen gleichzeitig zu lernen, doch schadet es ihnen möglicherweise, die frühen Schuljahre zu überfrachten, in denen nicht zuletzt elementare Grundlagen in Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt werden. Wissenschaftler der Universität Eichstätt haben nun überraschende Ergebnisse eines Modellversuchs vorgelegt. Bilingual unterrichtete Kinder übertreffen demnach durch das besondere Gehirntraining ihre Altersgenossen auch in Mathe und Deutsch.

Man müsse ja als Wissenschaftler aufpassen, was man so sagt, betont der Eichstätter Englisch-Didaktiker Heiner Böttger, doch die Ergebnisse seiner aktuellen Studie halte er für wirklich sensationell: Grundschüler, die ihren Sachunterricht in englischer Sprache erhalten, haben nicht nur deutlich bessere Englischkompetenzen, sondern weisen auch in den Fächern Deutsch und Mathematik bessere Leistungen auf als Kinder in herkömmlichen Klassen. „Damit bestätigt sich die Hypothese“, so Böttger, „dass zweisprachig Unterrichtete bzw. Aufwachsende durch die Herausbildung von neuen Netzwerken im Gehirn kognitive Vorteile entwickeln, die weit über das reine Englischlernen hinausreichen“.

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Schüler, die frühzeitig bilingualen Unterricht erhalten, sind ihren Altersgenossen offenbar nicht nur fremdsprachlich voraus. Foto: libellule789 / Pixabay (CC0 1.0)
Schüler, die frühzeitig bilingualen Unterricht erhalten, sind ihren Altersgenossen offenbar nicht nur fremdsprachlich voraus. Foto: libellule789 / Pixabay (CC0 1.0)

Seit 2015 hat Böttgers Team den bayernweiten Modellversuch „Lernen in zwei Sprachen – Bilinguale Grundschule Englisch“ wissenschaftlich begleitet. An dem Modellversuch beteiligen sich 21 Grundschulen mit über 900 Schülern sowie 42 Lehrkräften. Als freiwilliges Angebot erfolgt an den Modellschulen der Unterricht in Kunst, Musik, Sport und weiteren Fächern in englischer Sprache.

„Der sprachliche Vorteil im Englischen von zweisprachig aufwachsenden Kindern ist im Vergleich sehr deutlich: In den Kompetenzbereichen Hörverstehen, Leseverstehen und Schreiben zeigen die untersuchten Schülerinnen und Schüler am Ende der dritten Jahrgangsstufe beeindruckende Leistungen. Die Ergebnisse der bilingual unterrichteten Drittklässler entsprechen mindestens denen von Viertklässlern, die nicht bilingual unterrichtet wurden bzw. übersteigen diese sogar“, betont Böttger.

Zweisprachig unterrichtete Kinder seien zudem in den Fächern Mathematik und Deutsch deutlich besser als ihre monolingual gebliebenen Mitschüler: Schüler, mit einzelnen bilingualen Fächern zeigten in Deutsch in der zweiten Jahrgangsstufe zunächst gleich gute, ab der dritten Jahrgangsstufe bessere Ergebnisse. In Mathematik schnitten die Kinder bereits ab der zweiten Jahrgangsstufe signifikant besser ab.

Debatte: An der Fremdsprache in der Grundschule scheiden sich die Geister

„Die Vermittlung der englischen Sprache erfolgt im bilingualen Unterricht implizit. Es wird dabei der normale Unterricht genutzt – ohne zusätzliche Stunden oder Nachmittagsunterricht“, so Böttger. Auch inhaltlich orientierten sich die bilingualen Klassen an den allgemein gültigen Fachlehrplänen und den darin formulierten Kompetenzerwartungen.

Die wissenschaftliche Begleitung der bilingualen Grundschulen erfolgt durch jährliche Untersuchungen mit Fragebögen für Schüler, Lehrer, Eltern und Schulleiter, Tests in Englisch, Mathematik und Deutsch, Unterrichtsdokumentationen, Beobachtungen und Interviews. Die Aufnahme in eine bilinguale Klasse erfolgte ohne gezielte Zuteilung der Kinder, etwa auf besonderen Antrag der Eltern.

Wie die Wissenschaftler bei ihrer Evaluation feststellten, sind alle befragten Schulleitungen mit dem Modellversuch zufrieden und stellen fest, dass Eltern mittlerweile gezielt für eine Zuteilung zur bilingualen Projektklasse anfragen. Es würden vermehrt Gastschulanträge von Eltern gestellt, so dass an manchen Schulen aufgrund des Interesses noch mindestens eine weitere bilinguale Klasse eingerichtet werden könnte. „Etwa 95 Prozent der von uns befragten Eltern würden ihre Kinder gerne weiter bilingual unterrichten lassen, wenn sie für weiterführende Schulen die Wahl hätten“, berichtet Böttger. Nach Ende des Modellversuchs wird der abschließende Evaluationsbericht voraussichtlich im Herbst dieses Jahres vorgestellt. (zab, pm)

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7 KOMMENTARE

  1. Von der Zusammensetzung der bilingualen im Vergleich zu den deutschen Klassen sehe ich nichts. Insbesondere der Grad der Bildungsnähe der Eltern, der Migrantenanteil, der Inklusionsanteil usw. spielen eine gehörige Rolle bei der durchschnittlichen Leistung(sfähigkeit).

    An den weiterführenden Schulen sind die bilingualen Klassen häufig mit generell leistungsfähigeren und besonders -willigeren Schülern besetzt. Schon darauf kann die im Artikel verkündete Leistungsverbesserung zurückzuführen sein.

  2. Wer besucht die bilinguale Schule? Kinder von bildungsinteressierten Eltern und Kinder, die wahrscheinlich so begabt sind, dass die Eltern eine zusätzliche Herausforderung für sie wollen.
    Wir haben uns das an unserer Schule auch schon überlegt, ob wir diesen Schulversuch machen. Wir sind davon abgekommen, weil wir befürchtet haben, dass die Klassenspitzen und guten Schüler dann alle in dieser “Eliteklasse” zusammenkommen.
    Interessant wäre gewesen, von allen Kindern ein Begabungsprofil zu machen im Vergleich zu den anderen Klassen der Schule.

  3. Prof. Böttger ist seit Jahrzehnten ein Lobbyist in eigener Sache, also letztendlich für einen höheren Stellenwert der Englischdidaktik in der Lehrerbildung, mehr Stellen und mehr Forschungsaufträge. Das werfe ich ihm nicht vor, aber das muss man wissen, wenn man solche Studien liest.
    In der Tat: Die Eltern, die für ihre Kinder einen bilingualen Unterricht beantragen bzw. ihr Einverständnis geben, sind eine ganz spezifische Klientel. Von vergleichbaren Bedingungen kann da keine Rede sein.

  4. Auch nicht alle Kinder, die zweisprachig aufwachsen und in einem Grenzgebiet die Möglichkeit der bilingualen Beschulung haben, werden von ihren Eltern automatisch auf diese Schulen geschickt. Die Eltern überlegen sich sehr genau, welches Kind dieser Herausforderung intellektuell gewachsen ist und welches sie lieber auf eine andere Schule schicken.

  5. Und wieder eine Studie, die bestätigt, was man bestätigt haben will. Werden Kinder fähiger durch bilingualen Unterricht oder werden nur fähigere Kinder (durch bildungsbewusste Elternhäuser) in diesen Unterricht geschickt?
    Das Studienergebnis ist gleich: Diese Kinder zeigen bessere Leistungen in Deutsch und Mathe.

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