Forscherin McElvany: Warum wir mehr Sprachförderung brauchen – und wie sie aussehen sollte

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DORTMUND. Sollen Kinder erst dann eingeschult werden, wenn sie ausreichend Deutsch sprechen und verstehen? Dieser Vorstoß des CDU-Politikers Carsten Linnemann hat im Sommerloch für Aufregung gesorgt (News4teachers berichtete). Seitdem ist die politische Debatte abgeebbt. Schade, meint Professorin Dr. Nele McElvany, Geschäftsführende Direktorin am Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund – denn tatsächlich lohne es sich, über zusätzliche Sprachförderung zu diskutieren. Sie empfiehlt drei Maßnahmen.

Der Vorschlag, Flüchtlingskinder bei Sprachmängeln erst einmal auszusondern, sorgte für Widerspruch. Foto: Shutterstock

Studien wie IGLU und PISA belegen, dass Kinder mit Migrationshintergrund es in Deutschland immer noch schwer haben, in der Schule ähnliche Ergebnisse und Abschlüsse wie Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund zu erzielen. Stattdessen ist das Risiko eines Schulabbruchs, ohne zumindest den Hauptschulabschluss zu erreichen, für ausländische mit rund 18 Prozent mehr als doppelt so hoch wie für deutsche Kinder (rund 5 Prozent). Das wirkt sich letztlich auf die weitere Lebensperspektive aus. Nicht ausreichende Sprachkompetenzen sind nicht der einzige, aber ein zentraler Grund für weniger erfolgreiche Bildungsprozesse von Kindern. Auch Kinder, die zu Hause Deutsch sprechen, haben nicht immer ausreichende Sprachkompetenzen, wenn sie in die Schule kommen.

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Welche Maßnahmen können dagegen eingesetzt werden? Dazu hat Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany drei Empfehlungen.

1. Einheitliche Diagnostik der Sprachkompetenzen mit festen Standards

Studien zeigen, dass es einen substantiellen Anteil an Kindern gibt, die im Kindergartenalter und bei Schulbeginn über keine ausreichenden deutschen Sprachkompetenzen, wie einen geringen Wortschatz und schwache Grammatikkenntnisse, verfügen. Diese gilt es, besonders zu fördern. „Wünschenswert wäre daher eine bundesweit einheitliche Diagnostik der Sprachkompetenzen für alle Kinder – und das im Alter von drei Jahren, 18 Monate vor der Einschulung und zu Beginn der ersten Klasse“, empfiehlt McElvany. Damit die Ergebnisse solcher Sprachtests dann richtig interpretiert werden können, sei die Definition gemeinsamer Sprachkompetenzstandards notwendig – wie es sie als Bildungsstandards bereits für andere Bereiche wie beispielsweise Mathematik gibt. Werden die festgelegten Standards verfehlt, sollten konkrete Fördermaßnahmen folgen.

2. Systematische Förderung der Sprachkompetenzen – in Kindertageseinrichtungen

Plädoyer für mehr Sprachförderung: Bildungsforscherin Nele McElvany. Foto: IFS

Einheitliche Standards könnten Sorge dafür tragen, dass die Förderung fest in die Arbeit der Kindertageseinrichtungen integriert sowie bei Bedarf als Einzel- oder Kleingruppenförderung angeboten wird. „Der Kontakt mit der deutschen Sprache ist dabei sehr wichtig, denn Kinder lernen nicht nur explizit, sondern auch implizit beim Spielen im Kindergarten und in der Schule sowie bei Freizeitangeboten und in der Familie.“, sagt McElvany. Daher sollte den Kindertageseinrichtungen eine bedeutendere Rolle hinsichtlich der Sprachbildung der Kinder zukommen, schließlich lernen sie gerade in diesem Alter sehr schnell und sehr viel. Eine gezielte flächendeckende Vorschularbeit im letzten Jahr vor der Einschulung mit einem festen (Sprach)Curriculum ist dabei ein wichtiger Baustein. Dazu sei es allerdings notwendig, die Erzieherinnen und Erzieher entsprechend auszubilden, und den Einrichtungen auch die zusätzlichen personellen und sonstigen notwendigen Ressourcen zu geben, um mehr gezielte Fördermaßnahmen umsetzen zu können.

3. Systematische Förderung der Sprachkompetenzen – in der Schule

Um Kinder mit weniger privilegierten Herkunftsbedingungen nicht nur auf die Schule vorzubereiten, sondern auch langfristig zu fördern und zu unterstützen, muss es eine umfassende Sprachförderung ab der ersten Klasse für alle Kinder, die einen Sprachförderbedarf haben, geben. Allerdings ist das deutsche Schulsystem bisher nicht darauf ausgelegt. Es mangelt derzeit an einheitlichen Konzepten und Materialien. Stattdessen gibt es in sechzehn Bundesländern sechzehn Modelle zur Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen. Hier gilt es, die Grundschulzeit mit ihren vergleichsweise geringen Stundentafeln durch zusätzliche Stunden zur gezielten Sprachförderung mit einem einheitlichen Gesamtkonzept zu nutzen. Wissenschaftliche Studien geben Hinweise darauf, wie beispielsweise Wortschatz oder Grammatik wirksam gefördert werden können. Dieses Wissen sollte systematisch in ein Gesamtkonzept der schulischen Sprachförderung integriert und Sprachlehrkräfte entsprechend ausgebildet werden.

„Generell kann man sagen, dass viele Kinder stärker gefördert werden könnten, um ein ausreichendes Sprachniveau zu erzielen. Um dies zu erreichen, sind eine Vereinheitlichung der Diagnostik der Sprachkompetenzen sowie systematische Sprachförderungsprogramme in den Kindertageseinrichtungen und in der Schulzeit wirkungsvolle Maßnahmen“, ist die Bildungsexpertin überzeugt.

Hintergrund

Das interdisziplinäre Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund ist als Forschungseinrichtung an der Schnittstelle von Wissenschaft, schulischer Praxis und Politik angesiedelt.

Die durch vier Professuren und rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestalteten Forschungsbereiche des Instituts arbeiten zu aktuellen Themen im Bereich der Empirischen Bildungsforschung mit dem Ziel, schulische Lern- und Entwicklungsprozesse, Schulentwicklung und Bildungsergebnisse im Kontext ihrer individuellen, sozialen und institutionellen Bedingungen zu erfassen, zu erklären und zu optimieren. Das IFS trägt mit seiner Arbeit wesentlich den Profilbereich Bildung, Schule und Inklusion der TU Dortmund mit.

 

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