Musiker, Tänzer und ungewaschene Kinder: Über Roma finden sich in Schulbüchern fast nur Stereotype

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BRAUNSCHWEIG. Roma bilden die größte ethnische Minderheit Europas. Doch in europäischen Schulbüchern und Lehrplänen kommen sie einer Studie zufolge nahezu ausschließlich als Opfer des Massenmords im Zweiten Weltkrieg vor. Auch darüber hinaus sei die Darstellung ungenügend. Die aktuelle Situation der Roma komme fast nie zur Sprache.

Schulbücher vermitteln kaum Wissen über Sinti und Roma – hier: Roma-Kinder. Foto: Shutterstock

Geht es in Schulbüchern überhaupt einmal um Roma, geht es meist um Musiker, Tänzerinnen und ungewaschene Kinder. Stereotype Darstellungen, bilden die Normalität und das in fast allen europäischen Ländern. Insgesamt werden Roma vor allem in Überblickskapiteln über die Bevölkerungszusammensetzung oder den Massenmord im Zweiten Weltkrieg erwähnt. Dabei bleiben sie in der Regel namenlos. Nur sehr wenige Schulbücher gehen auf die aktuelle Lebenssituation von Roma ein.

850 Schulbücher untersucht

Das zeigt eine aktuelle Studie, die jetzt der Roma-Education Fonds, der Europarat und das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung vorgelegt haben. Dabei wurden 850 Bücher daraufhin untersucht, wie häufig Roma in ihnen erwähnt werden, in welchen thematischen Zusammenhängen sie vorkommen und welche Bilder dabei vermittelt werden. In einer ersten Sichtung evaluierten die Wissenschaftler außerdem Lehrpläne für die Fächer Geschichte, Politik- und Sozialkunde sowie Geographie in 21 europäischen Ländern.

„Die interne Diversität der Roma, ihre Geschichte im jeweiligen Land, in Europa und der Welt bleiben ebenso unerwähnt wie die Herausforderungen, denen sie gegenwärtig durch Diskriminierung und soziale Marginalisierung ausgesetzt sind“, erklärt Marko Pecak vom Roma Education Fund, der sich für die Stärkung der Bildungsbeteiligung von Roma in Europa einsetzt.

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„Wenn Schulbücher einmal mehr als ein Wort oder einen Satz über Roma beinhalten, dann häufig in Passivkonstruktionen“, stellt Riem Spielhaus vom Georg-Eckert-Institut fest. Dennoch gebe es eine Reihe von Ansätzen, die sich davon abhöben. Dass es auch anders geht, zeige etwa ein ungarisches Geschichtsschulbuch, das nicht nur die Vernichtung von Roma im Zweiten Weltkrieg erwähnt, sondern dabei auch den Namen nennt, den der Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus in der Sprache der Roma, dem Romanes, hat: Porajmos, so die Bildungsforscherin.

Darstellungen von Roma häufig defizitorientiert

Auf Grundlage des Befunds, dass Darstellungen von Roma häufig defizitorientiert sind, haben die Wissenschaftler forschungsbasierte Empfehlungen abgeleitet, die sich an die Mitgliedstaaten des Europarates und ihre jeweiligen nationalen Bildungsministerien, an Autoren und Verlage, an die Zivilgesellschaft und an die Wissenschaft richten.

Europas größte ethnische Minderheit sei in Lehrplänen und Schulbüchern lang genug vernachlässigt worden. „Inklusive Bildung sollte gerade nicht zu Privilegien beitragen, sondern den Mitgliedern aller Communities gleichen Respekt entgegenbringen und vorbeugen, dass Schulen Ungleichbehandlung reproduzieren“, sagt Aurora Alincai, Projektkoordinatorin beim Council of Europe.

Die Studie ist im Repositorium des Georg-Eckert-Instituts zugänglich

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