„Gewalt kann jetzt im Verborgenen stattfinden“ – Lehrer machen sich Sorgen um Schüler

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BERLIN. Die Jugendämter in Deutschland verzeichnen einen Anstieg sogenannter Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen. Grund dafür sind die bundesweiten Schließungen von Schulen und Kitas. Auch die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt haben seitdem zugenommen, wie die Anrufe bei der „Nummer gegen Kummer“ zeigen. In dieser schwierigen Situation machen sich Lehrerinnen und Lehrer zunehmend Gedanken, wie sie trotz der verordneten Distanz den Kontakt zu ihren Schülern aufrechterhalten können – damit der Schutz der Schule nicht komplett wegbricht.

Solange die Schule geschlossen ist, fehlt die soziale Kontrolle. Fioto: Shutterstock

„Mich macht es fertig zu lesen, dass Ausgangsbeschränkungen Fälle von häuslicher Gewalt enorm erhöhen“, schreibt eine angehende Lehrerin auf Twitter. Andere Lehrerinnen und Lehrer berichten von ihren Sorgen, weil sie gerade keinen direkten Zugriff mehr auf ihre Schüler haben. Denn durch die Schulschließungen bricht für einen Teil der Kinder und Jugendlichen der einzige Ort weg, der ihnen Sicherheit bietet.

Der Twitter-Nutzer „Netzlehrer“ veröffentlicht in einem Tweet den Appell einer Lehrerin, die schreibt: „Ich will kein Mitleid, sondern vor allem darauf nochmal eingehen, dass es Kinder gibt, die gerade fast gar keine Zuwendung erfahren und leider (LEIDER) generell zuhause nicht aufgehoben sind. Das macht was mit mir als Klassenleitung einer dritten Klasse. Ich fühle mich verantwortlich und gleichzeitig betäubt, weil ich nichts tun kann.“

Auf der Internetseite der Krautreporter erzählt eine andere Lehrerin anonym, wie sie die derzeitige Situation erlebt. „Die Schule ist auch ein Schutzraum, das übersieht man im Alltag so schnell. Ich habe ein zehnjähriges Mädchen in Betreuung, dem es normalerweise sehr gut tut, jeden Tag von 7 bis 16 Uhr in der Schule zu sein. Die wohnt jetzt mit sieben Personen in 2,5 Zimmern auf 48 Quadratmetern. Den ganzen Tag ist sie mit ihrer psychisch kranken Mutter zuhause. Dieses kleine Mädchen muss jetzt dabei helfen, seine drei jüngeren Geschwister zu füttern und zu pflegen“, heißt es in dem Text.

Die Autorin dieser Zeilen berichtet außerdem davon, wie schwierig es für sie als Lehrerin einer Brennpunktschule ist, plötzlich so weit weg von den Schülerinnen und Schülern zu sein und sie nicht mehr richtig unterstützen zu können. Denn auch wenn viele Lehrkräfte zurzeit versuchen, regelmäßig mit ihren Schülerinnen und Schülern zu telefonieren und auch per E-Mail mit ihnen in Verbindung stehen, ist allen klar, dass dies den persönlichen Kontakt und den Unterricht nicht ersetzen kann.

Eltern sind massiv überfordert

Die Corona-Krise, sie ist vor allem auch ein Stresstest für Familien. Im Interview mit dem Deutschlandfunk warnt Susanne Krüger, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation „Save the Children“, vor einem Anstieg der Gewalt: „Für viele Jugendliche und Kinder ist ihr Zuhause ohnehin kein sicherer Ort und die momentane Situation verschlimmert das“, so Krüger. „Man kann nicht raus. Eltern sind massiv überfordert. Und Gewalt – und das ist ein ganz wichtiger Punkt – kann jetzt im Verborgenen stattfinden.“

Die Jugendämter in Deutschland verzeichnen bereits einen Anstieg sogenannter Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen. Das sei zwar bisher kein flächendeckendes Phänomen und konkrete Zahlen gebe es frühestens in einem Jahr, so der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAG), Lorenz Bahr. „Aber wir haben schon die Wahrnehmung, dass es einen Anstieg von Inobhutnahmen im städtischen Umfeld gibt.“

Ein offensichtliches Stadt-Land-Gefälle stellte auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) im Gespräch fest. Bereits in der vergangenen Woche habe sie die Rückmeldung bekommen, dass in Berlin die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt um zehn Prozent gestiegen seien, so Giffey. Zudem bestätigte sie, dass es bei dem Hilfetelefon „Nummer gegen Kummer“ einen Anstieg der Anrufe um mehr als 20 Prozent gab und sowohl Kinder als auch Eltern dort anrufen würden. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet außerdem, dass sich bei der vom Bundesfamilienministerium geforderten Kinderschutzhotline jetzt vermehrt Jugendliche melden würden, die sich eine Inobhutnahme durch das Jugendamt wünschen – weil sie es so abgeschottet in ihren Familien nicht mehr aushielten.

Die Inobhutnahme gilt als stärkste Schutzmaßnahme bei Kindeswohlgefährdung. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2018 von den Jugendämtern knapp 53 000 Inobhutnahmen eingeleitet. 7800 Mal ging dies nach BAG-Angaben auf Meldungen über Kindeswohlgefährdungen durch Bürger, Kitas, Verwandte oder Schulen zurück. Neuere Daten liegen noch nicht vor.

Der Fernunterricht verstärkt Ungleichheiten

Für Susanne Krüger von „Save the children“ sorgt die Corona-Krise vor allem für die massiven Verschärfung eh schon bestehender Ungleichheiten, wie sie im Deutschlandfunk feststellt: „Natürlich kann auch Gewalt neu entstehen, aber das, was vorher schon schwierig war, das zeigt sich jetzt auf allen Ebenen. Diese Corona-Krise, die wird Armut vertiefen und Spaltung begünstigen, und man kann das ganz gut erleben, wenn man darauf achtet, wer die Situation als Chance sehen kann und wer gar nicht. Chancen sehen nämlich die, die gut zu Hause arbeiten können, die gut durchkommen. Das sind die, die die Eltern haben, die die Chance haben, zuhause mit ihren Kindern überhaupt zu lernen.“

Diese Sorge wird auch bei Twitter (und im #twitterlehrerzimmer) immer verstärkter ausgedrückt, meist versehen mit dem Hashtag „Bildungsungerechtigkeit“. Es wird darauf hingewiesen, dass eben nicht alle Kinder Eltern haben, die sich Zeit für den Unterricht zu Hause nehmen (können), dass viele Schülerinnen und Schüler gar nicht die nötige Technik für den digitalen Unterricht zu Hause hätten geschweige denn einen ruhigen Platz zum Lernen.

Im Interview mit dem Radiosender „hr info“ stellt Schulleiter Stefan Wesselmann ganz deutlich heraus, dass die Schere durch Schulschließungen weiter auseinander geht: „Wir bekommen Rückmeldungen von Eltern, denen das, was wir an Aufgabenpaketen schicken, noch nicht genug ist. Und wir haben diejenigen, bei denen wir wissen, dass es zuhause sowieso schon schwierig ist mit der Unterstützung.“ Teils seien die Eltern berufstätig und könnten nicht im Homeoffice arbeiten, teils seien sie einfach nicht in der Lage, die Kinder zu unterstützen. Ähnlich äußert sich auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der die Schulschließungen als „Katalysator für Bildungsungerechtigkeit“ bezeichnete (News4teachers berichtete).

Flexible und kreative Lösungen

Die Schulen und Jugendämter reagieren auf diese neuen Herausforderungen so flexibel und kreativ wie möglich. Wie der BAG berichtet, bieten die meisten Jugendämter inzwischen Video-Chats und Hausbesuche am Fenster an. Entscheidend sei, dass der Kontakt zu den Familien nicht abreiße. Wenn es nötig ist, werde nachgehakt“, sagte Bahr. „Gerade dort, wo schon vor Corona hoher Unterstützungsbedarf bestand, ist besondere Aufmerksamkeit geboten.“

So handhaben es auch viele Kollegien der geschlossenen Schulen. „Die Zeit“ berichtet beispielsweise von einer Brennpunktgrundschule in Nordrhein-Westfalen, wo sich die Lehrkräfte dazu entschieden hätten, einmal in der Woche in den Familien anzurufen und ganz nebenbei mit den Kindern über ihre aktuelle Situation zu sprechen. Das gemeinsame Ziel: Kontakt halten, so gut es eben derzeit geht. Und sollte der Verdacht aufkommen, dass das Kind vernachlässigt wird oder Gewalt droht, verständigen die Lehrerinnen und Lehrer wiederum die Jugedämter. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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3 KOMMENTARE

  1. Notbetreung für Systemrelevante Berufe sollten auch wenn nur ein Elternteil arbeiten muss erweitert werden.Frauen sind meistens Teilzeitkräfte(Ehemann Meistens Hauptverdiener) die nicht wissen wie und wo sie ihre Kinder nach so vielen Wochen Unterbringen sollen und aber gebraucht werden. Viele Arzthelferinnen und Kranken, -Alten,-Pflegerinnen haben Kinder und müssen trotzdem arbeiten !!!!sie wissen nicht wo ich die Kinder unterbringen sollen!!!das wäre das mindeste!!!

  2. Ach ja, die Jugendämter… Wieweit die sich für das Wohl der Kinder interessieren, hat man ja in Lügde gesehen. Das JA greift nur ein, wenn sie selbst nichts riskieren, also lassen sie gewalttätige Familien und bestimmte Gruppen in Ruhe. Die Inobhutnahmen garantieren Missbrauch und Vernachlässigung, da die „Erzieher“ keinerlei Kontrolle oder Ergebnis-Anspruch unterworfen sind. Und sich selten wirklich für die Kinder interessieren. Die Schul- und Kitaschliessung war unüberlegt und die Folgen waren abzusehen. Die Familien, die in engen Verhältnissen leben, und auf Bildung keinen Wert legen, waren schon bekannt. Vielleicht waren die zukünftigen Inobhutnahmen (gewaltsame unbegründete Kindesentführung en, die mit ungeheuerlichen Verleumdungen rechtfertigt werden: die Pädophilenringe, im Jugendamt verankert, haben unbegrenzte Macht) schon geplant?? Die Lehrer werden angehalten, Familien zu melden. Sie tun das nur, wenn sie damit kein Risiko eingehen.

  3. Die Zahl der Kinder in den Notaufnahmen, die wegen Misshandlungen behandelt werden müssen, ist um das dreifache gestiegen. Die Dunkelziffer kann einem Angst machen.
    Die JA hätten in den letzten Wochen Kinder aus problematischen Familien in die Notbetreuung schicken können. Geschickt wurden bei uns : 0 (null).
    Bei uns ist demnach alles in Ordnung.
    Oder sagt das etwas anders aus?

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