Herr Ministerpräsident, gilt für Sie die Abstandsregel auch nicht mehr?

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KIEL. Schleswig-Holstein hat, wie mittlerweile vier weitere Bundesländer, in dieser Woche in Aussicht gestellt, die Abstandsregelung in Kitas und Grundschulen zu streichen – Voraussetzung für die Rückkehr in einen Normalbetrieb. Lehrerverbände protestieren bundesweit gegen diesen Schwenk, der (wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, unlängst noch klarstellte – News4teachers berichtete) ohne sichere wissenschaftliche Grundlage vollzogen wird. Die schleswig-holsteinische GEW-Vorsitzende Astrid Henke hat Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) deshalb nun einen geharnischten Brief geschrieben. Wir dokumentieren das Schreiben. 

Macht aus dem Bildungsministerium in Kiel wieder ein klassisches Kultusministerium: der wohl künftige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther. Foto: CDU / Laurence Chaperon
Bekommt Post: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther zeigt sich zufrieden mit dem sich abzeichnenden Kompromiss. Foto: CDU / Laurence Chaperon
Foto: CDU / Laurence Chaperon

„Sehr geehrter Herr Günther,

bisher zeichnete sich die Linie des Landes Schleswig-Holstein in der Corona-Krise weitestgehend durch Vernunft, Ruhe und Augenmaß aus. Umso mehr bedauern wir es, dass Ihre Landesregierung diesen Kurs nunmehr anscheinend verlassen hat, obwohl es gerade die mit diesem Kurs verbundenen Maßnahmen waren, die dazu geführt haben, dass es in Schleswig-Holstein im Augenblick kaum noch Ansteckungen gibt.

Obwohl der Bund noch am Montag die Länder vor zu weit gehenden Lockerungen gewarnt hat, haben Sie Mittwoch (27.05.2020) eine schnellere Ausweitung der Öffnung des Kitabetriebs und des Schulunterrichts angekündigt. In den Grundschulen soll ab dem 8. Juni sogar wieder weitestgehend normaler Unterricht stattfinden. Wir halten diese Maßnahmen für verfrüht und sehen dadurch die Gesundheit des pädagogischen Personals und der Lehrkräfte gefährdet.

25 Kinder mit Lehrer in schlecht belüftetem Raum

Gewiss, wir können uns über die niedrigen Ansteckungszahlen freuen, aber für eine Entwarnung besteht kein Anlass. Der Kursschwenk ist aus unserer Sicht umso unverständlicher, weil das Land generell am Abstandsgebot von mindestens 1,5 Metern in der Öffentlichkeit festhält. Einen Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern schreibt auch der bundesweit gültige betriebliche Infektionsschutzstandard als notwendige Maßnahme zum Schutz der Beschäftigten vor dem Coronavirus bei der Arbeit vor.

An allen Arbeitsplätzen und in der Öffentlichkeit sollen Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner weiterhin Abstand halten, 25 Kinder mit Lehrerin oder Lehrer in zumeist schlecht belüfteten Grundschulklassen aber nicht. Diese Logik erschließt sich uns und unseren besorgten Kolleginnen und Kollegen in keiner Weise. Denn nach wie vor fehlen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass von Kindern weniger bzw. keine Ansteckungsgefahr ausgeht, wie auch der Bundesgesundheitsminister Spahn nochmal verdeutlicht hat. Feste Gruppen gibt es in Firmen, Büros, in Ministerien und im Kabinett – wird dort ebenfalls das Abstandsgebot aufgegeben?

Festhalten an kleinen Lerngruppen ist unabdingbar

Das Festhalten an kleinen Lerngruppen ist zurzeit unabdingbar, um die Gesundheitsgefährdung in einem vertretbaren Rahmen zu halten. In den Kindertagesstätten stellt sich die Lage noch dramatischer dar, weil es dem pädagogischen Personal wegen des Alters der Kinder schier unmöglich ist, Abstand zu halten. Die pädagogische Arbeit in der Kita erfordert geradezu Nähe. Die einzige Möglichkeit, das gesundheitliche Risiko der Beschäftigten einigermaßen gering zu halten, liegt in kleinen Gruppen. Insofern ist die vorgezogene Vergrößerung der Gruppen auf nunmehr 15 Kinder ein ungeeigneter Schritt.

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Abstandsregel gilt weiter – aber nicht in Grundschulen: Die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke sieht das kritisch. Foto: GEW Schleswig-Holstein

Die Arbeitsschutzvorschriften schreiben Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Beschäftigten vor, wenn der Abstand zu anderen Personen nicht gehalten werden kann. Dies gilt auch für die Beschäftigten in Schulen und Kitas. Wir kritisieren, dass bei den Hygienevorschriften und im Arbeitsschutz bei der Arbeit mit kleinen Kindern oder großen Kindern mit zweierlei Maß gemessen werden soll.

Wir möchten an dieser Stelle auch nicht verhehlen, dass es uns zutiefst irritiert, dass Gesundheit und Interessen der Beschäftigten in Kindertagesstätten und Schulen die Landesregierung scheinbar nur am Rande interessieren. In dieses Bild passt, dass in keiner Weise mit der GEW der Austausch über diese komplexen Entscheidungen gesucht wurde. Wir erwarten Dialog und Austausch und nicht Verkündung mit anschließender Fragerunde, wenige Stunden vor der Verlautbarung in der Presse. An Hinweisen von den Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft besteht offensichtlich kaum Interesse. Die Verunsicherung der Lehrkräfte, Erzieherinnen und auch Eltern werden ignoriert, wenn in dieser Art der „Dialog“ geführt wird. Die Schul- und Kita-Öffentlichkeit wurden von den Nachrichten am Mittwoch überrumpelt.

Wir möchten Sie deutlich darauf hinweisen, dass…

  • die Lehrkräfte und Erzieherinnen unter den gegebenen Bedingungen die Umsetzung der Hygieneanforderungen und des Infektionsschutz nicht gewährleisten können.
  • die Lerngruppen an mehrzügigen Grundschulen nicht auseinandergehalten und das Toben in Pausen über volle Unterrichtstage nicht abgewendet werden kann.
  • die Belastungen gerade für die Schulleitungen und Kita-Leitungen in unverantwortlichem Maße gestiegen sind. Wöchentlich zu überarbeitende Pläne überfordern und werden als Geringschätzung wahrgenommen.

Wir fordern…

  • die Einhaltung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für alle Beschäftigten im Bildungsbereich sowie
  • den besonderen Schutz der Risikogruppen. Keinesfalls dürfen sie unter Androhung eines Dienstunfähigkeitsverfahrens in den Unterricht gedrängt werden.
  • die Anwendung der Abstandsregeln oder Arbeit in kleineren Gruppen, solange es keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt zur Übertragung des Virus durch Kinder und Jugendliche.

Mit freundlichem Gruß

Astrid Henke“

Immer mehr Länder streichen die 1,50-Meter-Abstandsregel in Grundschulen – Spahn: Sichere wissenschaftliche Grundlage fehlt

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8 KOMMENTARE

  1. Tja, wen kümmern schon kranke oder tote Lehrer oder Erzieher. In beiden Berufen stehen die Leute ja Schlange, um endlich einen Job zu bekommen. Es ist eine Schande, wie unsere Dienstherrn mit uns umgehen!

      • Ich finde es nicht peinlich, wenn auch mal daran erinnert wird, dass man an Corona tatsächlich sterben kann, auch bei pädagogischem Personal ist das möglich. Wenn Kinder und Jugendliche weniger ansteckend sind, wäre ich sehr dafür, auch Schwimmbäder, Freizeiteinrichtungen und Geschäfte für diese Altersgruppe ohne Mindestabstand und Maskenpflicht zu öffnen. Man findet im Netz tatsächlich Kinderärzte, die die Kleinen möglichst mit Maske in der Sprechstunde haben wollen.

  2. Peinlich was Lehrer verlangen. Schauen sie doch mal nach Dänemark und Norwegen.
    Kinder sind nicht das Virus-Problem. Hören sie endlich auf, sich auf Kosten unserer Kinder zu verstecken!

  3. Wenn man sich die offiziellen Zahlen von Schleswig-Holstein anschaut, denke ich auch, dass man es jetzt durchaus riskieren kann, zum Wohle der Kinder, bei den jüngsten Kindern auf die Abstandsregeln zu verzichten, dai diese endlich wieder Kind sein können.
    Allerdings finde ich es sehr fragwürdig, jetzt schon etwas für die Zeit nach den Sommerferien festzulegen.
    Vor allem in den Tourismusgebieten hält sich jetzt schon kaum ein Schleswig-Holsteiner mehr an die Abstandsregeln. Wenn im Laufe der Sommerferien dann etliche Touristen herkommen, die sich dann ebenfalls nicht an die Abstandsregeln halten, erwartet uns Drosten zum Trotz in Schleswig-Holstein eine massive zweite Welle, da es hier bisher nur so wenige Erkrankungsfälle gab.
    Ich verstehe nach wie vor nicht, wieso man nicht erstmal versucht hat in jedem Bundesland für die Bürger dort das normale Leben wieder herzustellen bevor man wieder Leute aus anderen Bundesländern dort Urlaub machen lässt. Gerade die nordischen Bundesländer, die bisher alle relativ wenige Erkrankungen hatten, sind ja das Haupttourismusziel im Sommer, wenn es kaum Alternativen im Ausland gibt.
    Ich sehe daher ein größeres Risiko in der Schulöffnung nach dem Besuch der Touristen als zum jetzigen Zeitpunkt.
    Wenn die offiziellen Zahlen auch nur annähernd die Dunkelziffer widerspiegeln, dann sollte es zur Zeit relativ schwierig sein, in Schleswig-Holsteinen einen Infizierten zu treffen. Und wenn man sich dann zusätzlich noch selber an die Hygienevorschriften hält, sollte es zudem unwahrscheinlich sein, dass man sich jetzt gerade ansteckt.
    Und auch in den meisten Klassenräumen ist es möglich gut zu lüften. Jetzt wo es wärmer wird, kann man ja fast durchgehend die Fenster weit offen haben. Ansonsten macht man halt etwas längere Pausen oder unterrichtet im grünen Klassenzimmer.

    • Die Touristen sind schon da, schließlich hat man mit Himmelfahrt und Pfingsten zwei längere WE und das Wetter ist besonders schön.
      Dass nach Tagen ohne Infektionen und generell sehr niedrigen Zahlen ein einziges Ereignis ausreicht, um dies zu ändern, sieht man an der Restauranteröffnung in Ostfriesland, die schnell Kreise zieht, ganz ohne Touristen.
      Die Zahlen schnellen hoch, obwohl nur direkte Kontakte getestet oder in Quarantäne gesetzt werden.

    • Nein, aber Lehrerin. Mir ist einfach peinlich, wenn solche Töne auf unseren Berufsstand (und damit auch mich!) übertragen werden.

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