Wenn sich Lehrer infizieren, soll das als Dienstunfall gelten – fordert die GEW

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SCHWERIN. Es ist das erste Bundesland: In Mecklenburg-Vorpommern beginnt am Montag unter Pandemie-Bedingungen das Schuljahr 2020/21. Ganz Deutschland wird aufmerksam beobachten, ob es gelingt, die Interessen der 150.000 Schüler und 13.000 Lehrkräfte so zu wahren, dass auch der Infektionsschutz gewährleistet ist. Das Bildungsministerium hat dafür einen neunseitigen Hygieneplan entwickelt. Ob der ausreicht? Vor allem die Aufhebung der bislang geltenden Abstandsregel sorgt für Verunsicherung. Die GEW kündigt an, Lehrer unterstützen zu wollen, die sich im Dienst infizieren und um Anerkennung ihrer Ansprüche kämpfen müssen.

Schuljahresbeginn mit vielen Fragezeichen: Lehrer bringt der Unterricht ohne Abstandsregel in eine besonders Situation. Foto: Shutterstock

Die Kultusminister der Länder hatten vor dem Sommer vereinbart, den Regelbetrieb an den Schulen nach den Ferien wiederaufzunehmen und dabei auch auf die 1,5-Meter-Abstandsregel zu verzichten – mit der Einschränkung: «sofern es das Infektionsgeschehen zulässt». Mitte Juli hatten sie dafür ein neues Hygiene-Rahmenkonzept vorgelegt.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagt, dass er ein «großes Durcheinander» befürchte. Die Hygieneregeln der Kultusminister sieht er kritisch – beispielsweise die Vorgabe, regelmäßig «intensiv» stoßzulüften. «An vielen Schulen lassen sich die Fenster in höher gelegenen Klassenräumen aus Sicherheitsgründen nicht oder nur einen Spalt öffnen», so erklärt Meidinger. Zudem sei die Idee fester Lerngruppen vielleicht an Grundschulen umsetzbar, aber kaum an einer gymnasialen Oberstufe mit Kurssystem, wo die Schüler ständig mit anderen Mitschülern zusammen seien. Meidinger bemängelt, für einen Vollbetrieb ohne Abstandsregeln fehlten die Lehrkräfte. Tatsächlich garantiert das Bildungsministerium in Schwerin lediglich einen Betrieb mit vier Unterrichtsstunden täglich an Grundschulen und fünf an weiterführenden Schülen.

Schüler und Lehrer sollen bei Symptomen zu Hause bleiben

VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann kritisiert, dass die KMK bislang keinerlei Pläne für ein Aufflammen des Infektionsgeschehens vorgelegt haben. „Die Politik baut auf das ‚Prinzip Hoffnung‘, dabei zeigen die steigenden Infektionszahlen doch, dass es bereits jetzt alternative Pläne geben muss.“

„Es geht darum, das Risiko einer Ansteckung nach Möglichkeit zu minimieren“, sagt der Maik Walm, Landesvorsitzender der GEW Mecklenburg-Vorpommern: „Mit der Zusammenfassung großer Hygienegruppen stehen die Lehrerinnen und Lehrer ab kommenden Montag großen Schüler*innengruppen, die gerade in aller Herren Länder im Urlaub waren, auf engem Raum gegenüber. Der einzige Schutz, den Lehrkräfte nun haben, ist die Dokumentation aller Kontakte, die Einhaltung der Hygieneregeln und Gruppentrennung sowie, dass auch bei kleinen Anzeichen von Krankheit alle verantwortungsbewusst zu Hause bleiben. Wir raten allen Kolleginnen und Kollegen dazu dies zu tun.“

Die GEW fordert auch die Eltern auf, ihre Kinder bei Symptomen zu Hause zu lassen. „Bei allem Verständnis für die Situation, in der sich Eltern in Bezug auf die Betreuung ihrer Kinder befinden, brauchen wir hier dringend eine konsequente Haltung aller Beteiligten“, sagt der Gewerkschafter.

„Lehrkräfte, die sich nachweislich während der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit infizieren, haben unsere volle Solidarität“, sagt Walm. „Unsere Mitgliedschaft werden wir in einem solchen Fall nach Kräften bei der Anerkennung als Dienstunfalls unterstützen.“ Das kann Schadenersatzansprüche nach sich ziehen. Außerdem ermutigt die GEW alle Beschäftigten in Schulen, das Angebot zu freiwilligen Corona-Tests wahrzunehmen. Auf Drängen der Gewerkschaft ermögliche das Land Mecklenburg-Vorpommern fünf Tests bis zu den Oktoberferien, so heißt es.

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Philologen zum Schulstart: „Mulmiges Gefühl“

Der Vorsitzende des Philologenverbands in Mecklenburg-Vorpommern, Jörg Seifert, bekennt: «Ich habe ein mulmiges Gefühl im Bauch.» Keiner wisse, ob wirklich das Richtige getan wird. Zu viele Dinge seien unsicher. So sei davon auszugehen, dass im Land mehr als 400 Lehrer nicht unterrichten werden, weil sie einer Risikogruppe angehören. Wie das in den Lehrplänen umgesetzt wird, stehe nicht fest, sagt Seifert. Aber allen sei klar, dass endlich mit dem Präsenzunterricht wieder begonnen werden muss. «Nichts ist schlimmer als Distanz- oder gar kein Unterricht.»

Manche Schulen in Mecklenburg-Vorpommern wie das Gymnasium Reutershagen in Rostock gehen über die im Hygieneplan erlassenen Maßnahmen hinaus. Laut Plan besteht keine grundsätzliche Pflicht, in der Schule einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. «Bei uns gibt es die Maskenpflicht», betont dagegen Schulleiter Jan Bonin. In den Fluren könne der Mindestabstand nicht immer eingehalten werden.

Starre Vorgaben zur Bildung von definierten Schülergruppen

Wie viel Flexibilität sollte man den Schulen überhaupt geben? In Mecklenburg-Vorpommern hätten sich manche mehr davon gewünscht. Der Philologenverband stört sich zum Beispiel an den starren Vorgaben zur Bildung von definierten Schülergruppen. So bilden die Jahrgangsstufen 1 bis 4 an Grundschulen eine Gruppe. Weitere Gruppen sind immer zwei Jahrgangsstufen wie 5 und 6 bis 11 und 12. Innerhalb dieser Gruppen dürfen sich die Schüler begegnen, andere Kontakte sind verboten. «Schule ist nicht gleich Schule, vom Baulichen und von den Menschen her.» Seifert vom Philologenverband hätte sich mehr Flexibilität gewünscht.

«Alles andere müssen wir ausprobieren.» So könne der Umgang mit Schülern problematisch sein, die einer Risikogruppe angehören. «Können sie von Lehrern unterrichtet werden, die auch der Schule fernbleiben müssen», fragt Seifert. Dann wird es darum gehen, ob Lehrinhalte aufgeholt werden. Seifert geht davon aus, dass das Aufholen von Stoff nicht funktionieren wird. «Wer das behauptet, darf künftig sagen: «Wir machen ein Vierteljahr die Schule zu und schaffen trotzdem alles».» Dem müsse in den Prüfungen der Abschlussklassen Rechnung getragen werden.

Schulleiter Bonin ist dagegen davon überzeugt, dass das Abitur 2021 dem der Vorjahre entsprechen wird. «Es werden keine Abstriche gemacht.» Viele offene Fragen also – Bonin gibt sich trotzdem zuversichtlich: «Wir starten mit Normalität.» Seine Schule will den mehr als 600 Schülern mit fast 100 Prozent Präsenzunterricht ein annähernd normales Schuljahr bieten. «Wir starten mit angezogener Handbremse und in Sorge – aber wir starten.»

Ein Problem: der Schülertransport

Problematisch ist aus Sicht der GEW allerdings schon der Schülertransport: „Volle Schulbusse, in denen die Maskenpflicht von niemandem durchgesetzt wird, erhöhen die Anzahl der undokumentierten Risikokontakte und damit das Infektionsrisiko auch für die Lehrkräfte.“ Die Gewerkschaft kritisiert, dass Land und Landkreise nicht für mehr Busse sowie eine Begleitung und Dokumentation der Fahrten sorgten. Eine Busbegleitung müsste dafür Sorge tragen, dass die Maskenpflicht durchgehend eingehalten wird, fordert Landeschef Walm. „Sie sollte nicht nur in Schulbussen, sondern zu Stoßzeiten auch in den Städten im Öffentlichen Personennahverkehr eingesetzt werden.“ News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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13 KOMMENTARE

  1. Entscheiddnt wird wohl die Beweisführung sein, sich also immer selber an alle Regeln gehalten zu haben – ausnahmslos – und dann der Schule nachzuweisen, dass dort die Infektion stattfand.

    Und schön das die GEW wieder mal umsonst Werbung bekommt, indem Selbstverständlichkeiten (Unterstützung der Mitglieder) bekräftigt werden. Was kommt als nächstes? Also entweder hält die GEW ihre Mitglieder für Dumm oder eben die Leser hier. Vielleicht ist das aber auch schon der erste Auswuchs der Mittelmaßpädagogik, welche die GEW anstrebt – dass jede Selbstverständlichkeit erklärt werden muss.

  2. So sieht es aus. „Dienstunfaelle“ kommen den Ländern extrem teuer. Und die bisherige Haltung zeigt das Motto: Wo gehobelt wird fallen Spaene. Also Lebensrisiko einer Lehrkraft. Ich denke mal, die Anerkennung einer Infektion wird nicht als Dienstunfall anerkannt werden.

    • Aus diesem Grund wird die Beweislast bei der Lehrkraft liegen, weil das Land per Erlass adäquate Verhaltensregeln kommuniziert hat und die Lehrkräfte alle paar Wochen für diese kostenfrei testen lässt.

  3. …. Wenn das die Ergebnisse der GEW für die Lehrer sind…. Dann stelle ich mir wirklich die Frage, ob eine Gewerkschaft nicht mehr können sollte.
    Ist ja weniger als nichts, was dort geschehen ist….

      • Blödsinn, die GEW ist eine DGB-Gewerkschaft, sie ist Keine Industriegewerkschaft. Ihr Hauptproblem besteht darin, sich von den Mitgliedsorganisationen im DBB und vor allem von der Schwestergewerkschaft VER.DI, die viele Erzieher*innen auf kommunaler Ebene organisiert hat, abzusetzen.
        Die verbeamteten Lehrkräfte, die als Funktionäre in der GEW tonangebend sind, sind mit ein Grund für viele tarifbeschäftigte Lehrkräfte sich nicht in der GEW zu orgabisieren. Der Organisationsgrad innerhalb der Kollegien ist unabhängig von einer Mitgleidschaft in der GEW oder eines Mitgliedverbandes innerhalb des DBB deutlcih geringer als bei den Industriegewerkschaften, da ein übergeordnetes Interesse als echte Arbeitnehmervertretung fehlt.

        • Nur zu, was soll sie denn machen? Da die Spitze des MSB NRW ja nicht bereit ist, sich mit den Forderungen der HPR der einzelnen Schulkapitel auseinander zu setzen, da sie der Meinung ist, dass dem HPR kein Mitspracherecht zusteht, bleibt nur die Möglichkeit der Klageerhebung. Folglich muss erst einmal ein Rechtsgutachten her, dass die Rechtsauffassung bestätigt.

          im übrigen kann die GEW gerade einmal 20% der Lehrkräfte in NRW als Tarifpartner gewerkschaftlich vertreten. Von diesen 20% von 200.000 Lehrkräften ist aber nur ein verschwindend geringer Teil der tarifbeschäftigten Lehrkräfte in der GEW organisiert. Innerhalb der Tarifunion ist die GEW der Juniorpartner des DBB. – Und von da kommt überhaupt nichts.

  4. Nachvollziehbare Forderung. Im Gegenzug fordern Eltern, dass ihre Kinder am Unterricht virtuell teilnehmen können, wenn diese aus Vorsicht daheim bleiben. Das heißt zum Beispiel Übertragung des Unterrichts per Video, Einsatz funktionierender Lern- und Kommunikationslösungen (Smartboard mit digitaler Übertragung der Inhalte) und Blended Learning Konzepte. Den vorgeschoben Grund der Wahrung von Chancengleichheit, um Videounterricht mit Smartboard zu blockieren oder das Thema Datenschutz müssen beseitigt werden. Gerade an weiterführenden Schulen, insbesonders Gymnasien ist das auch ein Muss, wenn Digitalisierung des Lehrens und Lernens ernst gemeint ist. Hier sollten und können Lehrer am gleichen Strang ziehen.
    Ansonsten werden Eltern ihre Kinder in die Schule schicken, um nicht abgehängt zu werden und ein Schuljahr oder mehr zu verlieren.

    • Fordern kann man viel. Auch viel sinnvolles kann man fordern, nur dürfte das an quasi keiner Schule möglich sein. Wir haben in der Schule <10Mbit für die gesamte Schule zur Verfügung, das würde gerade einmal reichen, um zwei bis drei Streams anzubieten, dann wäre ende. Also gute Forderung, nur leider in Deutschland quasi nicht möglich, da man das Schulsystem einfach kaputtgespart hat.

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