„Hanebüchen“: Kretschmann lockert Corona-Regeln an Schulen – Lehrer protestieren

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STUTTGART. Trotz der Gefahr einer vierten Welle lockert in Baden-Württemberg die grün-schwarze Landesregierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Corona-Regeln in Kitas und Schulen. Ist das Mut an der falschen Stelle? Die Lehrerverbände befürchten Schlimmes.

Im Wahlkampf? Winfried Kretschmann besucht das Landesgesundheitsamt. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Zwei Wochen vor Beginn des neuen Schuljahrs haben Lehrerverbände und SPD die jüngste Lockerung der Corona-Regeln an Schulen und Kitas in Baden-Württemberg scharf kritisiert. In den neuen Verordnungen für Schulen und Kitas, die seit Samstag gelten, sind Inzidenzen als Maßstab für Maßnahmen entfernt. «Somit gibt es nun keine Regel mehr, die Wechsel- oder Fernunterricht ab dem Überschreiten eines bestimmten Inzidenzwertes vorschreibt», erklärte das Kultusministerium.

Ralf Scholl, Chef des baden-württembergischen Verbands der Gymnasiallehrer, sagte, dies sei «hanebüchen». Es sei überhaupt leichtsinnig, die Sicherheitsmaßnahmen abzubauen. «Ich gehe deshalb davon aus, dass im Herbst Corona an den Schulen massiv toben wird.» Statt zu lockern, hätte das Land dafür sorgen müssen, dass alle Klassenzimmer rechtzeitig mit Luftfiltern ausgestattet werden, erklärte Scholl.

«Das sorgt natürlich für die Weiterverbreitung des Coronavirus, weil die Schnelltests erst drei bis vier Tage danach anschlagen»

Auch dass bei einem Corona-Fall in den weiterführenden Schulen die Mitschüler statt in Quarantäne zu gehen nur noch fünf Tage lang täglich getestet werden sollen, sei unverständlich. «Das sorgt natürlich für die Weiterverbreitung des Coronavirus, weil die Schnelltests erst drei bis vier Tage danach anschlagen», sagte Scholl.

GEW-Landeschefin Monika Stein vermutet hinter den Lockerungen Wahltaktik, weil Grün-Schwarz vor der Bundestagswahl zeigen wolle, dass sie Schülerinnen und Schüler nicht mehr in großem Stil in Quarantäne schicken und damit Distanzunterricht verhindern wolle. «Mich würde hier wirklich die wissenschaftliche Erklärung interessieren.»

Es sei doch absehbar gewesen, dass Kinder und Jugendliche «Treiber der Pandemie» würden, erklärte Scholl vom Philologenverband. Schließlich sollen Kinder unter zwölf Jahren nicht geimpft werden und auch bei Jugendlichen seien Eltern wegen der späten Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) häufig noch zurückhaltend. Es sei «Volksverdummung», wenn die Landesregierung nun davon spreche, dass über zwei Drittel aller über Zwölfjährigen im Land mittlerweile schon vollständig geimpft seien und deswegen Lockerungen möglich seien. Denn in Wirklichkeit seien von den Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren nach jüngsten offiziellen Zahlen nur 27,8 Prozent erst einmal geimpft und 22,1 Prozent hätten den vollständigen Impfschutz.

«Somit gibt es nun keine Regel mehr, die Wechsel- oder Fernunterricht ab dem Überschreiten eines bestimmten Inzidenzwertes vorschreibt»

Das Sozialministerium hatte am Freitag erklärt, die Quote der vollständig Geimpften innerhalb der impfbaren Bevölkerung, also ohne Kinder unter zwölf Jahren, liege mittlerweile bei 66,5 Prozent. «Dies ermöglicht die Erleichterungen, die jetzt vorgenommen werden», hieß es.

SPD-Partei- und Fraktionschef Andreas Stoch hält die Strategie der Regierung für kopflos. «Anstatt in den vergangenen Wochen und Monaten aktiv einen sicheren Schulstart vorzubereiten, will das Land es sich nun einfach machen und das Pandemiegeschehen in unseren Schulen und Kitas einfach für abgeschafft erklären.» Nur weil die Inzidenz nicht mehr das entscheidende Kriterium sei, «sind Corona, Ansteckungen, Quarantänen und Fernunterricht eben noch lange nicht aus der Welt», erklärte er. Die Lockerungen stünden «in keinem Verhältnis zu den versäumten Sicherheitsvorkehrungen wie Luftfilter oder flächendeckende Impfangebote». News4teachers / mit Material der dpa

In einer ursprünglichen Version des Beitrags wurde erklärt, dass eine Testpflicht in den Kitas gestrichen worden sei. Tatsächlich gab es nie eine Testpflicht in den Kitas. Wir haben den Beitrag entsprechend korrigiert, d. Red.

Zu viele infizierte Kinder: Kultusminister wollen Quarantäne-Regeln in Schulen aufweichen – Giffey stellt sich dagegen

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20 KOMMENTARE

  1. „Ist das Mut an der falschen Stelle?“

    Mut setzt mutiges Handeln voraus. Das liegt beispielsweise vor, wenn man sich – wofür auch immer – in eine Gefahr für Leben oder Gesundheit begibt.

    Genau das tun diese Politiker aber nicht! Sie zwingen ANDERE, eine unkalkulierbare Gefahr für Leben und Gesundheit einzugehen. Dafür gibt es viele Worte, aber „Mut“ gehört meiner Meinung nach nicht dazu.

    • Ich fühle mich nur noch vera…..
      Und Kinder, die zu Hause bleiben und sich schützen wollen, dürfen nicht! Mein Kind will nicht in die Schule. Es wird permanent an Covid erinnert und hat Angst. Zu Hause kann es abschalten und in Ruhe lernen, mithilfe der Lehrer, die sowieso alles online einstellen, weil so viele krank oder in Quarantäne sind.
      Ich schaue gerade, wohin wir gehen können. Im Österreich ist Heimunterricht erlaubt. Hat jemand Erfahrung?

  2. Ich hoffe nur , dass in anderen Bundesländern , welche in der Zwischenzeit schon Schule haben, bis zu unserem 1. Schultag soviel passiert ist, dass unsere Regieung noch rechtzeitig reagieren und in sichere Gewässer zurückrudern kann, will und wird!

    • Das wird leider nicht passieren . Hier in NRW schießen die Inzidenzen bei Schülern der Sekundarstufe 1 gerade in die Höhe . Und die Ministerin erwägt , die Maskenpflicht abzuschaffen . Kretschmann und erst recht Schopper werden also nichts dazu lernen . Und abgesehen davon reicht bei Kindern zur Covid – Bekämpfung ein Paket Tempotücher .

      • Am stärksten betroffen ist derzeit die Altersstufe 5 bis 14, das sind doch überwiegend tatsächlich diejenigen, für die es keine Impfung gibt. Wer hätte das gedacht??
        Aber immerhin gibt es am Donnerstag eine Sondersitzung des Landtages, wobei ich nicht darauf vertraue, dass da was hilfreiches dabei herauskommt.

  3. A) vollständig Geimpfte innerhalb der impfbaren Bevölkerung: 66,5%
    A*) zwischen zwölf und 17 Jahren sind 22,1% vollgeimpft

    Welches klingt denn besser?

    PS: Erinnert sich noch jemand an die winzigkleinen Prozentzahlen seinerzeit?

  4. Herr Ralf Scholl vom PHV-BW spricht mit aller Deutlichkeit, Klarheit, Offenheit und Ehrlichkeit die Dinge an. Herr Kretschamnn und Frau Schopper betreiben weiterhin Blendwerk und Augenwischerei auf Kosten der Schülerschaft.https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/lernbruecken-starten-in-bw-100.html Der Wahkampf und die Punkte für Stimmen stehen im Vordergrund und nicht der Gesundheitsschutz der Schüler. Herr Lauterbach hat mit viel Nachdruck angemahnt welche Gleichgültigkeit die Politik den Schulen gegenüber auslebt wird schwere Konsequenzen für viele Schüler haben. Der Leichtsinn den die Politik angkündigt hat für Schulen, ist nicht tragbar für eine Schulklasse. Es sind keine Vorkehrungen getroffen worden auf sicheren Gesundheitsschutz in Klassen und noch zu wenige Schüler die vollständig geimpft sind. Die Schüler sitzen eng beinander im Klassenzimmer ohne Luftfilter und es bleibt weiterhin bei Fenster auf und zu, mit Wärmflasche und Wolldecke. Die G8 Schülergeneration hat ein G7 Schuljahr absolviert und zwei Wochen Lernbrücken reichen nicht aus bei den angehäuften Lernrückständen. Die Schülerschaft und Elternschaft wird für dumm verkauft und jegliche Appelle auf eine faire Aufarbeitungszeit wird von Schopper und Kretschmann ignoriert. Es wird noch beschönigt und Schopper spricht von nur etwaigen Lernlücken und hat die Notlage der Schülerschaft nicht anerkannt. viele Schüler sind in eine schwere Lebnskrise durch den Ausnahmezustand geraten und brauchen zur Gesundung Stabilität und dies wird von Schopper nicht berücksichtigt. Auch für das neue Schuljahr sind Schüler von G8 Schulen nicht aufgeklärt, wie die Zusatzstunden in einen G8 Stundenplan eingebaut werden. Die Eltern beginnen mit Ihren heranwachsenden Kindern ein neues Schuljahr mit vielen Sorgen. Dabei ist der Schrei nach sicherer Bildungszeit für alle sozialen Schichten sehr groß. Die G8 Schulen und die Schüler sind am Limit angekommen und können keine weitere Rückstände nicht mehr verkraften. Die Dummheit und die Blindheit von Kretschmann und Schopper ist die unterste Schublade einer Schülerschaft gegenüber.

  5. Niedersachsen testet täglich nach den Schulferien wegen der Reiserückkehrer und hier wird das Testen ganz abgeschafft.

    Grüne in BW und FDP in NRW unterscheiden sich nicht.

    Unfassbar.
    Maßnahmen um Kinder zu schützen gibt es nicht.
    Dafür Maßnahmen damit Ansteckungen unentdeckt bleiben.
    Vielleicht auch, um eine schnelle Durchseuchung zu bewirken.

    Motto Augen zu und durch.

    • Dafür hat Niedersachsen aber klammheimlich die Präsenzpflicht wieder eingeführt,die doch angeblich rechtlich bei gleichzeitiger Testpflicht nicht möglich sei.Anruf bei der Schulbehörde ergab nur blabla.Es hätte sich gezeigt,die Kinder kämen damit gut zurecht,daher sei das jetzt so.Ah ja.Wo da die rechtliche Grundlage ist konnte man nur nicht sagen.Wohl aber bei Verweigerung mit dem Jugendamt drohen.

  6. Schauen wir weg oder schauen wir hin für die letzten in der Reihe!https://www.rnf.de/baden-wuerttemberg-lehrerverband-haelt-lockerungen-an-schulen-fuer-unverantwortlich-267571/
    Ralf Scholl geht den unbequemen Weg für die Schulen und Schülerschaft und fordert die Politik und KM auf Ihre Entscheidungen zu überprüfen mit einem ehrlichen Blick auf die Schulen. Herr Ralf Scholl hat in der Pandemie unermüdlichen Einsatz gezeigt und immer einen klaren Blick bewahrt für die Schulen. Er hat seine Arbeit in diesem Ausnahmezustand für die letzten in der Reihe sehr Ernst genommen. Die Ernsthaftigkeit hat die Politik und die KM nicht erkannt und den klaren Blick über den Verlauf der Pandemie erneut ausgeblendet. Welche Aufrufe braucht es noch um Gehör zu finden für Schulen und eine Schülerschaft finden. Herr Scholl gibt Schulen und Schülern eine Stimme und hat die Situation an den Schulen im Blick! Danke Herr Scholl für Ihre faire und kampfbereite Haltung für eine Generation die keine Lobby hat in unserer Politik! Herr Kretschmann und Frau Schopper könnten viel von Ihnen LERNEN und jedoch fehlt jede Bereitschaft auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

  7. Schopper spielt Eltern den schwarzen Peter zu! https://www.ardmediathek.de/video/swr-aktuell-baden-wuerttemberg/bw-kultusministerin-schopper-verteidigt-corona-lockerungen-an-schulen-und-kitas/swr-baden-wuerttemberg/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE1MjIzNjk/
    Wenn Eltern geimpft sind, Onkel und Tanten dann haben die Kinder Schutz und die 12 jährigen geimpft sind…… die Impfung ab 12 Jahren ist erst vor kurzem von der Stiko befürwortet worden und es sind noch viele verunsichert Frau Schopper! Da macht es sich Schopper sehr einfach und ja keine Beschmutzung vor dem Wahlkampf! Die Jacke muss weiß sein und rein. Welche Verantwortung die KM trägt beantwortet Sie nicht und tut dafür auch nichts!

  8. Und dies ohne Not!

    Welches politische Kalkül steckt dahinter?
    Güterabwägung: „Kosten“ (Risiken) – Nutzen?

    Bin überaus beunruhigt. Bauchgefühl und Ratio gleichermaßen: sehenden Auges schlafwandelnd (unnötige) Gefahren in Kauf nehmen.

    Geplantes Vorgehen empfinde ich nicht nur als sehr leichtsinnig, sondern eigentlich eher schon als grobfahrlässig und gänzlich verantwortungslos.

  9. Leider wird auf die noch fahrlässigere Freitestung an den Grundschulen in Baden-Württemberg im Artikel nicht eingegangen. Für Grundschulkinder reicht EINE!!! einzige Testung, nachdem es einen Corona-Fall in der Klasse gegeben hat, um wieder am Unterricht teilnehmen zu dürfen.

    Begründungen für diese Sonderregelung erhält man vom Kultusministerium nicht.

    Wahrscheinlich stimmt doch das Gerücht, dass Schopper die Zwillingsschwester von Eisenmann ist und Kretschmanns Demenz immer mehr zum Tragen kommt.

    Für mich sind diese Regelungen eine Schande, da von den Kindern und Jugendlichen zuerst verlangt wurde, sich wegen der Senioren einzuschränken, sie nun aber sehenden Auges dem Infektionsrisiko ausgesetzt werden.

    Auch brauchen sich die Politiker keine Sorge wegen Distanzunterricht zu machen, denn sollte ich trotz Impfung infiziert werden oder auch „nur“ in Quarantäne müssen, so werde ich mich auch von meiner eigenen Familie separieren und keinen Gedanken an Distanzunterricht verschwenden. Dienstliche Endgeräte habe ich immer noch nicht. Sollen Frau Schopper und Herr Kretschmann sich um meine Schüler kümmern und sie mit Aufgaben versorgen. Dies können sie sicherlich gut in ihren mit Luftfiltern ausgestatteten Büros.

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