Mehr Lehrer ≠ mehr Schulqualität? Kretschmann bringt Lehrerverbände in Rage

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STUTTGART. Die Zahl der Lehrer in Baden-Württemberg ist in den vergangenen Jahrzehnten kräftig gestiegen – bei sinkenden Schülerzahlen. Aber macht das den Unterricht besser? Winfried Kretschmann, Ministerpräsident und Ex-Lehrer, findet: Nein, tut es nicht. Mit dieser Meinung hält er nicht hinter dem Berg. Die Verbände sind darüber stinksauer.

Erzählt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) – hier beim Vorlesetag – Geschichten, um von der schlechten Versorgung der Schulen mit Lehrpersonal abzulenken? Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Mehr Lehrer sind aus Sicht von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) keine Garantie für bessere Bildung. «Viel hilft nicht viel. Es kommt immer auf Qualität an», sagte Kretschmann. Eigentlich eine Binsenweisheit. Die Bildungsverbände haben allerdings überhaupt kein Verständnis für die Äußerungen des Regierungschefs. «Herr Kretschmann ist in der Lehrerbedarfsplanung so gut wie ein Ziegelstein im Schwimmen», sagte der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand – offensichtlich mit Blick auf Kretschmanns Eingeständnis, den Lehrerstellenbedarf in der Vergangenheit falsch eingeschätzt zu haben, über das News4teachers berichtete.

«Mehr Lehrer bedeutet weniger Unterrichtsausfall, mehr Förderunterricht, mehr Sicherheit»

Ohne ausreichend Lehrer könne man zudem den Ganztag nicht ausbauen wie geplant, betonte Brand. Und: «Wir sind bei der Inklusion in den letzten Jahren keinen Meter vorangekommen.» Es brauche dringend Sonderpädagogen, die für die Schüler da seien. Brand stimmte Kretschmann zwar zu, dass sich Unterricht verändert habe. Die Erziehungsarbeit an Schulen nehme zu. Aber er macht eine andere Gleichung auf als der grüne Regierungschef: «Mehr Lehrer bedeutet weniger Unterrichtsausfall, mehr Förderunterricht, mehr Sicherheit.» Derzeit sei das Land nicht mal in der Lage, den Pflichtbereich im Grundschulunterricht sicherzustellen. Auch im Sekundarbereich fehlten je nach Fach Lehrer, etwa bei den sogenannten MINT-Fächern.

Michael Hirn, der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), spricht von einer «unterkomplexen Ansicht von Herrn Kretschmann». «Wenn auf die wachsenden Aufgaben nicht mit genügend Personal reagiert wird, können die Lehrer die Aufgaben nicht erfüllen, weil sie schlicht überlastet sind.» Quantität sei die Voraussetzung, dass Qualität in der Bildung umgesetzt werden könne. Baden-Württemberg sei im Landesvergleich zudem immer noch auf Platz 16, was das Lehrer-Schüler-Verhältnis an Grundschulen angehe, kritisierte Hirn. Mit der Qualitätsdebatte wolle die Landesregierung von Problemen ablenken, die sie nicht löse – etwa die nötigen Stellen zu schaffen.

«Da geht es nicht um mehr oder weniger Lehrer, sondern um gar keine Lehrer»

«Wer im Sommer 2021 mit solchen Aussagen auffällt wie der Ministerpräsident, hat den Bezug zum Alltag in unseren Schulen gänzlich verloren», sagte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch, der selbst einst Kultusminister im Südwesten war. Baden-Württemberg stehe vor einem Schuljahr mit einem Rekordmangel in der Versorgung mit Lehrerinnen und Lehrern. Das bedeute Unterrichtsausfall: «Da geht es nicht um mehr oder weniger Lehrer, sondern um gar keine Lehrer.» Dass es heute mehr Lehrer pro Schulkind gebe, sei gut und richtig, sagte Stoch. «Wir wollen keine Klassen mit 50 Kindern mehr.»

Kretschmann hatte erklärt, die Qualitätsinstitutionen, die die ehemalige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in der vergangenen Legislaturperiode geschaffen hat, müssten nun in Gang kommen. Statt nur auf Lehrerstellen zu schauen, müsse gefragt werden: «Was ist mit der Lehrerfortbildung? Was ist mit der Qualitätssicherung? Wie etablieren wir ein Bildungsmonitoring?» Niemand könne heute noch so unterrichten wie vor 40 Jahren, die Welt habe sich verändert, räumte Kretschmann ein, der nach seinem zweiten Staatsexamen 1977 selbst als Lehrer in Baden-Württemberg unterrichtete. «Das ist alles aufwendiger und komplizierter geworden – die Heterogenität, also die Notwendigkeit für individuelle Förderung, hat stark zugenommen.» Kretschmann sprach unter anderem von einem riesigen Migrantenanteil. Das erfordere alles mehr Lehrerinnen und Lehrer, ohne dass es dadurch gleich besser werde.

Auch die Klassengröße sagt nach Meinung des grünen Regierungschefs nichts über die Qualität des Unterrichts aus. «Bei kleinen Klassen wissen wir aus der Wissenschaft, dass es kein belastbares Kriterium für Erfolg ist.» Es müsse stets auf die Qualität geachtet werden.

Die Zahl der sogenannten Vollzeitlehrereinheiten an allgemeinbildenden Schulen im Südwesten stieg nach Angaben des Statistischen Landesamts in den letzten 30 Jahren um rund 11.500 auf derzeit 82.961. Die Schülerzahl an allgemeinbildenden Schulen sinkt hingegen seit 16 Jahren in Baden-Württemberg kontinuierlich. Das Institut für Bildungsanalysen (IBBW) und das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL), auf die Kretschmann verwies, sollen den Schulunterricht im Südwesten verbessern. Die Institute gingen im Frühjahr 2019 an den Start. Das IBBW soll untersuchen, wie es um die Bildungsqualität bestellt ist – bis runter auf die einzelne Schule. Eine der Kernaufgaben soll die Erstellung von zentralen Prüfungen für die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sein.

Das ZSL soll unter anderem die Lehrerfortbildung verbessern, sich um die Erarbeitung von Bildungsplänen und die Zulassung von Schulbüchern kümmern. Zu Kretschmanns Verweis auf die Qualität sagte Stoch: «Selbst nach der allertollsten Fortbildung kann eine Lehrerin nicht an drei Orten gleichzeitig unterrichten.» News4teachers / mit Material der dpa

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8 KOMMENTARE

  1. Zitat: „Das ZSL soll unter anderem die Lehrerfortbildung verbessern“
    Nein, vor allem muss die Schulpolitik verbessert werden, vor allem die linksideologische, die auch von den Grünen betrieben wird.
    Nachdem die Grünen in Baden-Württemberg die Regierung übernommen haben, hat es in nur wenigen Jahren einen beispiellosen Absturz der im Ländervergleich einst spitzenmäßigen Schülerleistungen gegeben. Obwohl mir Herr Kretschmann recht sympathisch ist, hat er doch eine desaströse Bildungspolitik zu verantworten, die (wie so vieles bei den Grünen) mehr von Traumtänzerei als von nüchternen Verstandesüberlegungen geleitet wird.
    Traumtänzerei mit wundervollen Zielen hat immer etwas Sympathisches, sie muss jedoch auf der Erde verwirklicht werden und nicht in den himmlischen Sphären überschäumend schöner Phantasie.

  2. Herr Kretschmann als ehemaliger Lehrer hat sich in der außergewöhnlichen Lebensphase den Schulen und der Schülergeneration die Notlage der G8 Schulen nicht mit einer Ernsthafigkeit in den Blick genommen. Als die Klassen geteilt waren, konnten die Lehrer den Lernlücken besser gerecht werden und intensiver mit geteilten Klassen am Lernstoff arbeiten. Auch der persönliche Blick der einzelenen Schüler nach der langen ausgebremsten Lebensphase konnte besser aufgefangen werden, als bei vollen Klassen. Die Lehrer konnten auch einzelne Schüler besser auffangen und auch den Bedürfnisse der Schüler mehr Zeit einräumen. Herr Kretschman hat jegliche Hilferufe der Schülergeneation schamlos übergangen. Die Lehrer haben in der schweren Krise für Schüler und Eltern außergewöhnliches geleistet und ermöglicht. Diesen Einsatz hat Herr Kretschmann nicht erbracht für eine angemessene Entwicklungszeit. Herrn Kretschmann ist auch bekannt, dass Frau Eisenmann kein respektvolles Miteinander mit anderen Menschen in Ihrem Zuständigbereich nicht gepflegt hat. Auch der Wunsch nach G9 Umstellung wurde von Frau Eisenmann mit Unwahrheiten belegt und der Wunsch von Eltern, Schüler und Lehrer nicht berücksichtigt. Frau Eisenmann hat keine tragenden Früchten auf den Entwicklungsweg von Schulen und Schülern gebracht. Auch die Zusammenarbeit zwischen Herr Kretschmann ist mit Frau Eisenmann nicht gut gelaufen und dies wurde auch auf den Situtzungen sichtbar. Welche Augenwischerei und Blendwerk will Herr Kretschmann noch weiter betreiben und die Schülergeneration hat in der jetzigen Krise schon genug ausgehalten und mitgetragen. Frau
    Schopper beschönigt ebenfalls die Notlage der Schüler in BW mit etwaigen Lernrückständen und hat ebenfalls die Notlage der Schüler nicht anerkannt. Die Schulen hatten kein G8 Schuljahr sondern ein G7 Schuljahr und es fehlt eine gute Basis den Lernstoff aufzuarbeiten. Der Flickenteppich hat ausgedient und gehört entsorgt. Die Chance nach dieser schweren Lebenskrise wäre die Gelegenheit sich neu aufzustellen und nach G9 zurück zu kehren und eine angemessene Entwicklungszeit für die Schüler zu ermöglichen. Die Mahnungen Appelle sind von Ärzten und Psychologen mit viel Nachdruck ausgesprochen worden und von Hernn Kretschmann und Frau Schopper kein Gehör eingeräumt worden. Wie das Rückenwindprogramm bei G8 Schulen in den Stundenplan eingebaut werden soll ist Schulen, Schulleitungen, Lehrern, Schülern und Elternschaft ein Rätsel. Der Leistundruck sind bei einem G8 Schuljhr sehr hoch und der Schultag schon sehr lang. Der Leistungsruck wird sich durch ein Rückenwandprogramm erhöhen und für die Gesundung der langen ausgebremsten persönlichen Entwicklung und Entfaltung keine Zeit oder viel zu wenig Zeit für Lebensfreude verbleiben. Die Stundenzahl erhöht sich bei dem Rückenwindprogramm nochmals für G8 Schulen und der Hilferuf war weniger Leistungsdruck und dies wird nicht umgesetzt. Andere Pesonen in Ihrem Zuständigsbereich werden untergraben und dürfen mit Ihren Erfahrungen nicht beitragen. Bei einer Krise geht nur ein Miteinander und es braucht ein Dorf von Menschen um dies schwere Zeit aufzuarbeiten und den weiteren Lebensabschnitt der heranwachsenden Generation zu stabilisieren. Lichtblicke fehlen den Schülern für Ihren weiteren Entwicklungsweg und Lebensabschnitt. Die Politik und KM haben nur Ihre Vorstellungen ausgelebt und nicht geschaut was wirlich für die weitere Entwicklung von Schülern gebraucht wird. Die Betroffenheit von Schülern ist für Herr Kretschmann und Frau Schopper ein Fremdwort und tragende Lösungen liegen in der vierten Welle immer noch nicht auf dem Tisch. Leider bestimmt die Politik den weiteren Lebensweg der Schüler und die weitere Entwicklungszeit und Eltern haben keinerlei Einfluss auf die vielen Fehlentscheidungen. Die Wahlbeteiligung wird es zeigen und die Politik hat Ihr Gesicht bei den Wählern verloren.

  3. Herr Kretschmann könnte bei seiner Aussage den Begriff der Lehrer in Bundestagsabgeordnete ändern, dann wäre ich sofort dabei. Das dort immer mehr Abgeordente sitzen, macht die Arbeit nicht unbedingt besser.

    • @Rosa

      Es kann nur einen fähigen Menschen geben! (Frei nach dem Highländer)

      Dumm nur, dass wir diesen immer noch suchen.

  4. «Da geht es nicht um mehr oder weniger Lehrer, sondern um gar keine Lehrer»

    Joooaaaah, das erinnert so’n bisschen 😉 an die Situation in den Pflegeberufen, da bleibt der Nachwuchs auch schon seit Jahren aus. …
    Warum denn nur?! …
    Und wenn das überhaupt wahrgenommen wird, dann wundern sich viele Leute – obwohl, die Verwunderten werden langsam weniger. Wohl auch, weil viele Leute selber älter werden (oder deren Eltern), dann darf die Erfahrung überlasteter bzw. fehlender Pflegekräfte buchstäblich am eigenen Leib gemacht werden.

    Ich bin schon ganz doll gespannt, wie es „am anderen Ende des Lebensweges“, also in der Bildungsbranche, mit Schwerpunkt Kita und Schule weitergehen wird.

    Nachdem jetzt so oft gesagt wird, dass die Kinder durch den DU ganz dolle psychische Probleme bekommen haben (die sie vorher natürlich überhaupt nicht hatten, nein nein!), hat die Digitalisierung den einen oder anderen „Kratzer“ davongetragen. Also fällt die massive Digitalisierung als alleinige Personalkosten sparende Stellschraube für die nahe Zukunft schon mal weg!

    Da bleiben dann nur noch Notausstiege in Form von „Lernbegleitern“ mit … nun ja … sehr diverser Vorbildung und maximal heterogener Interessenlage am Berufsbild Erzieher und Lehrer.
    Divers und maximal heterogen …
    Das passt dann prima zu den Schülern bzw. den „dem Lernen potentiell aufgeschlossen gegenüber Stehenden“.
    Die „Lernbegleiter“ kann man dann notfalls aus dem Ausland abwerben (vgl. Pflegekräfte) und vielleicht komplett illegal beschäftigen? (Arbeitsschutz wird ausgerechnet dann wohl auch nicht mehr eingeführt, ging ja bisher auch ohne! Und der Rest ist Verhandlungssache.)

    „Oft, wenn wir glauben, wir wären am Ende von etwas angekommen, stehen wir bereits am Anfang von etwas anderem.“
    (Fred Rogers, 1928 – 2003, „war ein US-amerikanischer Fernsehmoderator, Musiker, Puppenspieler, Schriftsteller, Produzent und presbyterianischer Pastor. Er erlangte große Bekanntheit als Schöpfer, Showrunner und Moderator der Vorschulfernsehserie Mister Rogers‘ Neighborhood, die zwischen 1968 und 2001 ausgestrahlt wurde.“)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Rogers

    Fred Rogers, er hatte viele Berufungen und Tätigkeiten – DAS erinnert jetzt nicht an die Pflegeberufe.
    Nein.
    Aber es hat was mit Berufen zu tun, ganz sicher!
    Warte, warte, waaarte … ich hab’s gleich …
    POLITIKER!
    Nicht?
    Ach so? Fred Rogers war talentiert.
    Ja, dann …. Sorry, Mr Rogers!

  5. So ein Depp. Warum glaubt der wohl das die Schülerzahl in Förderklassen so gering sind? Ich war damals von der 3-4 Klasse in einer damals genannten (Sonderschule-E) wegen ADHS, bevor ich dann in der 5. in die Realschule ins Internat gewechselt habe.
    Da hat man damals sehr gut gemerkt was der Unterschied ist, es waren nur 9 Schüler in der Klasse. Da konnte sich die Lehrkraft dann natürlich sehr gut um jeden einzelnen kümmern und dementsprechend waren die Ergebnisse.

    Leider hat sich zu heute kaum was geändert. Mein Sohn hat auch ADHS und eine Schulbegleitung. Damit geht es bisher sehr gut und die Schule freut sich über die zusätzliche Unterstützung im Unterricht. Und ja, die soll sich eigentlich nur um mein Kind kümmern, aber in der Realität ist die irgendwie doch irgendwie für alle da, wenn auch überwiegend für mein Kind.
    Im letzten Schuljahr waren es sogar 2 Schulbegleitungen in einer Klasse. Und das hat System. Nachdem wir eine hatten wurde uns durch andere Eltern bekannt das mehrere Eltern in anderen Klassen gezielt angesprochen wurden, ob man nicht über eine Schulbegleitung nachdenken wolle. Ich für meinen Teil würde da jederzeit mitgehen, egal ob es mein Kind wirklich braucht oder nicht, es tut dem Kind gut und der Klasse insg. auch da es die Lehrkraft einfach entlastet.

    Einfach nur mehr Lehrkräfte einzustellen ist das eine, man muss dann in der Folge die Klassen kleiner machen, dann können die Lehrkräfte auch gezielter auf den einzelnen Schüler eingehen. Die Klassen sind aktuell viel zu groß!

  6. Klassen zu groß, Lehrkräfte zu wenig. Das ist das Problem! Aber wer will das schon wissen?

    Wir haben derzeit fünf Schulbegleitungen in einer Klasse – der Raum platzt aus allen Nähten, prima Klima für Mutantenbildung.

    Insgesamt muss ich sagen, dass ich über die stark wachsende Anzahl von Schülern und -innen entsetzt bin, die nicht ohne Hilfe durch die Schule kommen. Das war auch v o r Corona schon so.

    Mehr Lehrer würde ohnehin nicht in den Klassenraum passen – sollen sie halt … im Freien in einer Baumschule unterrichten.

    (Irgendwo ist Ironie versteckt – gar nicht schwer zu finden)

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