Wieso die Grundschule bei Kindern das Verständnis für Mitmenschen fördern muss

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VECHTA. Intuitiv zu verstehen, wie andere Menschen fühlen und handeln, gehört elementar zum Leben in einer Gemeinschaft. Ab wann Kinder dazu in der Lage sind, ist eine zentrale Frage. Ob Grundschüler etwa Sarkasmus oder einen Fauxpas als solchen erkennen, haben Wissenschaftler aus Vechta und Freiburg untersucht. Bestimmte Bausteine dieser Fähigkeiten sollten ihrer Ansicht nach in der Grundschule besonders gefördert werden.

Streiten muss gelernt werden – (auch) in der Grundschule. Foto: Shutterstock

Kinder sind intuitive Psychologinnen und Psychologen. Sie entwickeln früh ein grundlegendes Verständnis davon, wie Menschen denken, fühlen oder handeln. Meist wird davon ausgegangen, dass dieses Verständnis sich vor allem im Vorschulalter herausbildet. Komplexere Fähigkeiten im Verständnis anderer entwickeln sich jedoch erst im Laufe der Grundschulzeit, zeigen nun Christopher Osterhaus von der Hochschule Vechta und Susanne Koerber, von der Uni Freiburg in einer aktuellen Studie.

Gemeinsam konnten Koerber, Professorin für frühe Bildung der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Osterhaus, Juniorprofessor für Entwicklungspsychologie im Handlungsfeld Schule nachweisen, dass Kinder rund um das erste Schuljahr verstehen, dass es zwischen Menschen zu Missverständnissen kommen kann. Diese Einsicht sei eine wesentliche Grundlage für viele weitere Entwicklungen in der Fähigkeit, andere zu verstehen. Zu den komplexen Fähigkeiten, die sich im Verlauf der Grundschule entwickeln, gehöre etwa Sarkasmus zu erkennen, die Gefühle anderer an den Augen abzulesen, sich in die Gedankenwelt eines anderen zu versetzen und einen Fauxpas auszumachen. All dies sind wichtige sozial-kognitive Fähigkeiten, die als „intuitive Psychologie“ beschrieben werden.

Für ihre Studie hatten Christopher Osterhaus und Susanne Koerber eine fünfjährige Längsschnittuntersuchung mit insgesamt 161 Kindergarten- und Grundschulkindern durchgeführt. „Wir haben die Kinder zum ersten Mal im Kindergarten interviewt und haben sie dann bis ans Ende der Grundschulzeit begleitet“, erläutert Osterhaus. „Dabei haben wir jährlich ihre Kompetenzentwicklung gemessen. Auf diese Weise lässt sich sehr genau verfolgen, wann Entwicklungsschritte auftreten und wovon diese abhängen.“

Die Schülerinnen und Schüler bekamen von den Wissenschaftlern dabei Test-Aufgaben, wie die Geschichte über ein Mädchen, dass eine Überraschungsparty versehentlich ausplaudert. „Knapp 90 Prozent der Neunjährigen erkennen, dass solche Situationen nicht auf Absicht beruhen“, stellt Christopher Osterhaus fest. „Diese Fähigkeit scheint auf einen relativ simplen Prozess zurückzugehen, bei dem Kinder das, was in ihrem sozialen Umfeld passiert, mehr oder minder automatisch wahrnehmen und bewerten. Und je mehr Erfahrung sie hierin haben, desto besser scheint diese Bewertung zu funktionieren.“

Intelligenz und Erfahrung entscheiden über Entwicklung

Andere Fähigkeiten scheinen sich aber nicht in erster Linie durch ein Mehr an Erfahrung zu entwickeln. So hänge das Verständnis davon, dass zwei Leute dieselbe Information anders interpretieren, nicht mit dem Alter zusammen, mit dem einzelne Kinder den grundlegenden Meilenstein im Verständnis anderer erlangten. Nur rund 60 Prozent der Neunjährigen lösten eine entsprechende Aufgabe korrekt. Stattdessen hing diese Fähigkeit mit der Intelligenz der Kinder zusammen: Zum Ende der Grundschule schnitten intelligentere Schülerinnen und Schüler bei den entsprechenden Tests besser ab.

Das lasse vermuten, dass sich dieses Verständnis nicht allein mit der Erfahrung entwickelt, wie etwa dem Erkennen einer sozialen Regelübertretung, so Koerber und Osterhaus. Vielmehr müssten sich Kinder explizit mit diesem Umstand auseinandersetzen. Sie müssten also lernen, die komplexe Funktionsweise unseres Denkens zu verstehen und zudem eine Theorie darüber entwickeln, nach welchen Mustern komplexe soziale Interaktionen ablaufen.

„Psychologische Grundausbildung“ zu Hause und in Schule nötig

Die Studie zeige deutlich, dass zu Beginn der Grundschulzeit zwar grundlegende Fähigkeiten vorhanden seien, vieles sich aber erst noch entwickelt. Lehrkräfte und Eltern müssen mithin oft Geduld haben, da die Kinder längst nicht alles verstehen. Christopher Osterhaus konkretisiert: „Einige Aspekte entwickeln sich aller Wahrscheinlichkeit nach ohne großes Zutun, allein durch Erfahrung. Entscheidend ist also, dass Kinder diese Erfahrung machen können – und das ist ja auch durch Corona aktuell. Als Nächstes wollen Koerber und Osterhaus erforschen, ob es sich bei der Fähigkeit, andere zu verstehen, tatsächlich um eine einzelne Kompetenz handelt, so wie sie bisher auch in der Wissenschaft meist betrachtet werde. Bisherige Ergebnisse deuteten darauf hin, dass es sich dagegen um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Fähigkeiten handelt. Woraus sich die Fähigkeit, andere zu verstehen, zusammensetze und wann sich die einzelnen Bestandteile entwickeln, bleibe so eine spannende Forschungsfrage.

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4 KOMMENTARE

  1. „Kinder sind intuitive Psychologinnen und Psychologen.“
    Ich fürchte, so denken nur Psychologen und fordern dann eine „psychologische Grundausbildung“. Pädagogen haben den Kindern schon sozusagen angeborene „Diagnosekompetenzen“ attestiert, was die Qualität des Unterrichts betrifft. Und nach Meinung von Politikern soll die Grundschule natürlich auch für soziale Gerechtigkeit sorgen und die vielzitierte „soziale Spaltung“ überwinden. Jeder hat andere Forderungen, in der Summe absolut ungenießbar. Jede Sparte will die Welt mit ihrer Sichtweise „beglücken“. Können wir nicht mal aufhören, die Grundschule mit allem möglichen zu überfrachten, was dann letztlich zu Lasten der „Basiskompetenzen“ geht, also lesen, schreiben, rechnen ? Denn alle Tests zeigen, dass es gerade daran hapert.

  2. Wozu brauchen Kinder eigentlich noch Eltern und Familie? Kita und Schule machen doch alles notwendige! Na gut, Zeugung und Geburt können die Eltern besser und billiger, aber danach braucht es sie nicht mehr. (Falls es jemand noch nicht gemerkt hat – das war Ironie)

  3. Irgendwie stört mich die Überschrift des Artikels. Das Rad braucht nicht neu erfunden werden. Wichtig ist eine Forschung in der Richtung vielleicht nur, um bewusst zu machen, was durch die Schulausfälle Gefahr lief, verloren zu gehen.

    Die Grundschule fördert schon immer die sozialen Kompetenzen – das geschieht ganz automatisch. Jedem ausgebildeten Grundschullehrer/in ist bewusst, dass Grundschüler, Entwicklungsstadien durchlaufen – das ist empirisch bewiesen – nicht nur kognitiv, sondern auch sozial. Daraus resultiert so manche Unterrichtsplanung (Stichwort Entwicklungspsychologie).

    Sarkasmus als Grundschüler zu erkennen – das empfinde ich als Nebenkriegsschauplatz und befremdet mich als langjährige Grundschullehrerin. Jede Lehrerin weiß, dass sie ihre Grundschüler nicht ironisch bzw. sarkastisch ansprechen kann, weil hier das Sprachverständnis einfach noch nicht da ist. (Oder man muss sehr viel erklären.) Von daher wäre dieses Thema eher für ältere Schüler geeignet.

    Wir in der Grundschule helfen den Schülern mit in der Schule aufkommenden sozialen Schwierigkeiten umzugehen. Es treten Fälle auf und diese werden mit Hilfe so reflektiert, dass man die Schüler davon nachhaltig etwas lernen. Durch das Klassenlehrerprinzip (viele Stunden in der eigenen Klasse) haben wir hier grundätzlich eine gute Handlungsbasis für nachhaltige Fortschritte.

    In der Schule muss man zwangsläufig mit allen verträglich umgehen lernen. Eine gute Methode ist die Förderung von Empathie, Bewusstmachung von Gestik, Mimik und Körperhaltung (nicht nur die Sprache der Augen!). Vieles davon ist in den Lehrplänen enthalten, zumindest in meinem Bundesland.
    Nicht zu vergessen: Ein positives Klassenklima wirkt sich auf die Lernfreude aus.

    Grundschule ist eben nicht nur lesen, rechnen, schreiben. Grundschule ist komplex, weil sie in vielen Bereichen an den Basics arbeitet. Schon aus diesem Grund brauchen wir solide ausgebildete Grundschullehrkräfte.

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