Praktisch: So sieht Unterricht an Deutschlands preisgekrönter Schule des Jahres aus

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BERLIN. Das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz in Waren (Mecklenburg-Vorpommern) hat den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2022 gewonnen. Vier weitere Preise in Höhe von je 30.000 Euro gehen an die Havelmüller-Grundschule in Berlin, die IGS im niedersächsischen Buchholz, das Placida-Viel-Berufskolleg in Menden (NRW) und die Deutsche Europäische Schule in Singapur. Im Rahmen des renommierten Wettbewerbs zeichnen die Robert Bosch Stiftung GmbH und die Heidehof Stiftung GmbH in Zusammenarbeit mit der ARD und der ZEIT Verlagsgruppe jährlich die – angeblich – besten Schulen aus.

So viel Praxis wie möglich: Unterricht am Berufliche Bildungszentrum Müritz in Waren. Foto: Deutscher Schulpreis / Patricia Haas

Den Hauptpreis überreichte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger heute im ewerk in Berlin in Vertretung des Bundeskanzlers, der wegen seiner Corona-Erkrankung nicht selbst vor Ort sein konnte.

„Gute Bildung braucht Wertschätzung. Dafür steht der Deutsche Schulpreis“, betont Bundeskanzler Olaf Scholz anlässlich der Verleihung des Deutschen Schulpreises. „Die heute gekürten Preisträger-Schulen sind auch Vorbild für andere Schulen. Sie zeigen, wie Schule in all ihrer Vielfalt gelingen kann und wie mit gutem Unterricht jede Schülerin und jeder Schüler erreicht werden kann.“ Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger unterstreicht: „Gute Schulen und ihre innovativen Konzepte müssen sichtbar gemacht und gewürdigt werden. Das leistet der Deutsche Schulpreis.“

Berufliche Schule bildet für den Arbeitsmarkt der Zukunft aus

Das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz in Mecklenburg-Vorpommern ist eine staatliche berufliche Schule mit zwei Standorten und sechs Fachbereichen. Vom Koch bis zur Mediengestalterin lernen hier insgesamt 1.400 Jugendliche und bereiten sich auf den Arbeitsmarkt vor. „Obwohl Fachpraxisunterricht in Mecklenburg-Vorpommern nicht vorgeschrieben ist, hat es die Schule geschafft, die praktische Arbeit in erheblichem Umfang in den Unterricht zu integrieren“, lobt Michael Schratz, Gründungsdekan der School of Education der Universität Innsbruck und Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises.

Sogenannte „SimLabs“ (Simulationslabore) unterstützen diesen Praxisbezug. In der Holzwerkstatt, der Lehrküche oder dem Lehrrestaurant lernen die Schüler:innen an oftmals moderneren Geräten als in den Betrieben. „Den Kern der Unterrichtsqualität – das hohe fachliche Niveau und der starke Bezug zur Lebenswelt – sichert das Team der didaktischen Jahresplanung“, erklärt Schratz. In diese Jahresplanung sind alle im Bildungsgang beteiligten Lehrkräfte über Fachgruppen eingebunden. Sie haben die sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes im Blick und entwickeln die individuellen Lernsettings kontinuierlich weiter.

Zu den übrigen Preisträgerschulen schreibt die Jury:

  • „Die Havelmüller-Grundschule ist nicht nur Lern-, sondern auch Lebensort. Das zeigt sich in den vier Lernhäusern – auch Familienhäuser genannt, in denen rund 75 Kinder in jahrgangsübergreifenden Klassen lernen. Obwohl das Konzept der Lernhäuser erst seit dem Schuljahr 2021/2022 besteht, ist die Umsetzung in höchstem Maße gelungen. Der Unterricht zielt darauf ab, die Schüler:innen zum selbstständigen Lernen zu befähigen, ihre sozialen Kompetenzen zu entwickeln und eine demokratische Schulkultur zu etablieren. Eine Besonderheit der Schule ist der fest im Stundenplan verankerte Projektunterricht – entwickelt vom Havelseminar, einer Gruppe von Lehrkräften der Schule, die kontinuierlich an Konzepten der Unterrichtsentwicklung arbeiten.“
  • „Die größte Stärke der IGS Buchholz ist ihre ausgeprägte und motivierende Feedbackkultur. Gleichzeitig überzeugt die noch junge Gesamtschule durch ihre hohe Fachlichkeit. Ihre pädagogische Qualität zeigt sich zum Beispiel in der Ausgewogenheit von Instruktionsphasen und Phasen des selbstbestimmten Lernens. Darüber hinaus ist das hohe Maß an Partizipation beeindruckend. Alle Schüler:innen haben weitreichende Mitsprachemöglichkeiten – das reicht von der Schul- und Unterrichtsentwicklung bis hin zur konkreten Planung des Unterrichts.“
  • „Das Placida-Viel-Berufskolleg macht vor, wie man mit Unterrichtsentwicklung, Flexibilisierung und Individualisierung eine ganze Schule verändern kann. Die Schule koppelt ihre Schulentwicklung konsequent an den Unterricht. Gleichzeitig beweist das Placida-Viel-Berufskolleg, dass sich berufliche Bildung und Lernen nach dem Daltonplan nicht ausschließen. Die durchgehende Verzahnung von Fachunterricht, Dalton, Mentoring und Digitalisierung mündet in einem sehr bemerkenswerten Konzept – in Daltonconnects, das Standardisierung und Individualisierung vereint.“
  • „Die systematische Unterrichtsentwicklung der Deutschen Europäischen Schule Singapur ist vorbildhaft. Auch wenn viele Lehrkräfte nur einige Jahre an der Schule sind, gelingt es der Schule, ihren zukunftsorientierten Unterricht konsequent zu verbessern – zum Beispiel durch gut vernetzte Teamstrukturen, fest im Stundenplan verankerten Kooperationszeiten, Professionellen Lerngemeinschaften und regelmäßigen Unterrichtsbesuchen. Viele Schüler:innen müssen aufgrund von häufigen Ortswechseln oft instabile Lebenssituationen bewältigen. Mit einem multiprofessionell aufgestellten Förderzentrum bietet die Deutsche Auslandsschule engmaschige Unterstützung, berät, diagnostiziert und fördert die Lernenden.“

Der Deutsche Schulpreis 2023: Schulen können sich jetzt bewerben

Seit dem Start des Programms haben sich rund 2.500 Schulen für den Preis beworben. Bei der Entscheidung über die Preisträger bewertet die Jury sechs Qualitätsbereiche: „Unterrichtsqualität“, „Leistung“, „Umgang mit Vielfalt“, „Verantwortung“, „Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner“ und „Schule als lernende Institution“. Diese Merkmale seien inzwischen als Kennzeichen für gute Schulqualität allgemein anerkannt, heißt es.

In diesem Jahr stand der Wettbewerb unter dem Motto „Unterricht besser machen“. Eine 50-köpfige Jury aus Bildungswissenschaft, Schulpraxis und Bildungsverwaltung hatte Anfang des Jahres 20 Schulen aus 81 Bewerbungen ausgewählt. Sie wurden im Mai und Juni von Juryteams besucht und begutachtet. Im Anschluss hat das Auswahlgremium 15 Schulen für das Finale nominiert. Die im Finale nicht ausgezeichneten bekommen ein Preisgeld von jeweils 5.000 Euro.

Alle allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Deutschland sowie alle Deutschen Auslandsschulen können sich ab sofort bis zum 15. Februar 2023 für den Deutschen Schulpreis 2023 bewerben. News4teachers

Mehr Informationen unter www.deutscher-schulpreis.de/bewerbung

Sechs Punkte, die eine gute Schule ausmachen – Der Jury-Sprecher des Deutschen Schulpreises im News4teachers-Interview

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Georg
2 Monate zuvor

Zitat: „ Obwohl das Konzept der Lernhäuser erst seit dem Schuljahr 2021/2022 besteht, ist die Umsetzung in höchstem Maße gelungen.“

Woher wissen die das? Ein Konzept ist im schulischen Bereich erst dann gelungen, wenn mehrere Schülerjahrgänge selbiges komplett und mit im Schnitt besseren Ergebnissen als an klassischen Vergleichsschulen durchlaufen haben.

Schattenläufer
2 Monate zuvor

Berufliches Bildungszentrum Müritz – Praxisanteil in der Schule
Berufsschulen haben laut dualem System die Aufgabe den theoretischen Teil der Ausbildung zu übernehmen. Bei uns beschweren sich Betriebe und Ministerium sogar, wenn unser praktischer Teil zu hoch wird und wir damit den Betrieben eventuell in die Quere kommen. Außerdem kostet Praxis im Theorieunterricht doch wohl Zeit. Wurde der theoretische Teil gekürzt?

Havelmüller-Grundschule – Schule als Lebensraum
Hier wird gelobt, dass eine Schule versucht die Aufgaben der Eltern, nämlich Sozialisierung gleich mit zu übernehmen. Zeitgeist aber nicht Aufgabe der Schule.

IGS Buchholz – selbst bestimmtes Lernen
Wurden auch die Ergebnisse des selbst bestimmten Lernens evaluiert? Oft läuft es so, dass selbst bestimmtes Lernen einfach nur im Erledigen von Lernaufgaben liegt und die Korrektur von Fehlern auf der Strecke bleibt

Placida-Viel-Berufskolleg – Flexibilisierung und Individualisierung des Unterrichts
Wer individualisiert den Unterricht denn und wie? Haben die genug Lehrer für extrem kleine Klassen oder schlafen die knappen vorhandenen Lehrer nicht mehr.

Deutsche Europäische Schule Singapur – vernetzte Teamstruktur
Singapur? Liegt das in Deutschland? Seit wann denn. Vernetzte Teamstrukturen klingt für mich nach einer erforderlichen Basisausstattung die man in deutschen Schulen wohl vergeblich suchen wird.

Sorry, klingt für mich wie die üblichen Nebelbomben.

Die KMK lobt sich selbst. Ehrgeizige Schulleitungen greifen Preise ab. Die Wirtschaft macht Eigenwerbung als Träger der Veranstaltung und Bildungswissenschaftler bestätigen sich selbst, dass die schulische Realität do genau so ist wie sie es sich immer in ihrem Elfenbein-Turm vorgestellt haben.

Für mich fehlen hier zwei Dinge um das Ganze ernst zu nehmen.

  • Eine Untersuchung der Konzepte anhand einer Evaluation von Leistung und Verhalten der SuS im vergleich zu anderen SuS.
  • Eine Evaluation zur Arbeitsbelastung der eingesetzten Lehrer mit einer Einschätzung wie lange diese Konzepte durchführbar sind.

Sollte sich dabei herausstellen, dass die SuS deutlich leistungsstärker und besser sozialisiert werden als an normalen Schulen, ohne dabei die LuL bis zum Anschlag zu überlasten, bin ich bereit das ganz begeistert zu würdigen.

Carsten60
2 Monate zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Bei der Havelmüller-Grundschule steht im Inspektionsbericht, dass ein Schwerpunkt der Schule die Umgestaltung von einer integrativen zu einer inklusiven Schule sei. Und dann heißt es, es gebe an dieser Schule eine (!) Lehrerin für Sonderpädagogik mit 12 Wochenstunden Unterrichtsverpflichtung. Und das bei 6 Jahrgängen mit insgesamt 300 Schülern! Da bekommt jeder Jahrgang nur 2 Wochenstunden ab, jede Klasse offenbar eine Wochenstunde. So sieht Inklusion praktisch aus. Und dann gilt das als preiswürdig. Zum Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens wird am Schluss hervorgehoben, dass dessen Erfolg sich darin zeige, dass immer mehr Schüler eine Gymnasialempfehlung bekommen (die allerdings nicht verbindlich ist).

Fakten sind Hate
2 Monate zuvor
Antwortet  Carsten60

Von „integrativ“ zu „inklusiv“ finde ich absolut nicht toll und lobenswert.
Hier in NRW würde das bedeuten, dass die betroffene Schule statt für jeden Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf eine eigene Lernbegleitung (1zu1 Betreuung) erhält, sondern nur noch einen Sonderpädagogen pro X Schüler.

Inklusion ist somit hochgelobte Sparversion der Integration.

Der Paradigmenwechsel müsste so um 2008 herum geschehen sein. Das hatte ich beim Nachbargymnasium während meiner eigenen Schulzeit mitbekommen. Der damalige Schulleiter hat ziemlich viel Stunk verbreitet, als klar war, dass ursprüngliche Integrationskonzept klammheimlich abgewandelt wurde.

447
2 Monate zuvor

Als ich den Artikel las, hatte ich einen Traum:

Ich komme morgen zu meiner Schule… und sie ist ausgestattet wie eine Vorzeigeschule für Diplomatenkinder, reiche Expats und internationale Akademiker. Als ich mich von der integrierten Samsung-Tafel abwendete, um mit einer Wischbewegung meine digitale concept map mit den Schülern zu teilen sah ich es… ich hatte einen Klassenraum voller Singapor-Schüler!

Da bin ich aufgewacht, denn vor Begeisterung darüber hatte ich im Traum die Arme hochgerissen… und dabei beinahe mein sicher versiegeltes (und nie ausgepacktes) ALDI-Dienst“tablet“ umgeworfen, das neben einem Haufen Klassenarbeitshefte voller roter Farbe lag.

So kann es gehen mit den Träumen…

Walter
2 Monate zuvor

Mir fällt seit Jahren auf, dass Schulpreise immer an Schulen vergeben werden, die gesinnungspolitischen Zielen dienen und nicht auffallend guten Leistungen bei der Vermittlung von Wissen und Können in den schulischen Kernaufgaben (Fächern).
Schulpreise sind mir eher ein Dorn im Auge, weil sie vornehmlich Werbeträger für gesellschaftliche Moden sind und sich zum Handlanger politischer Interessen machen.

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  Walter

So extrem würde ich es nicht formulieren, aber in der Sache gebe Ihnen tendenziell recht. Leistungsorientierung steht bei der Begründung der Jury deutlich seltener auf dem Plan als Vielfalt, Gemeinschaft, Demokratie usw.