Bildungskrise als Chance: Die Montessori-Bewegung empfiehlt sich als Vorbild

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BERLIN. Mehr als 90 Verbände haben heute einen gemeinsamen Appell an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) veröffentlicht, sich endlich gegen „eine der schwersten Bildungskrisen seit Gründung der Bundesrepublik“ zu stemmen – und dafür unter anderem ein Sondervermögen Bildung in Höhe von 100 Milliarden Euro aufzulegen (News4teachers berichtet). Zu den Unterzeichnern gehört auch Montessori Deutschland. Der Bundesvorsitzende empfiehlt der Politik die Montessori-Pädagogik als Vorbild.

„Wir sind überzeugt davon, dass Kinder mit einer angeborenen Lernfreude ausgestattet sind“: Jörg Boysen, Vorsitzender von Montessori Deutschland. Foto: privat

„Es wird schwer sein, die derzeitige Bildungskrise zu überwinden. Wir sollten sie aber – über die Suche nach Notlösungen hinaus – als große Chance sehen, erste Schritte in Richtung einer grundsätzlichen pädagogischen Neuausrichtung hin zu den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen zu gehen“ – sagt Jörg Boysen, Bundesvorsitzender von Montessori Deutschland.

„Unsere Einrichtungen verbindet die Überzeugung, dass Lernen nur dann gut gelingen kann, wenn wir achtsam und respektvoll mit Kindern umgehen – ohne Noten, ohne Druck, dafür mit Anerkennung des Individuums in seinem Lern- und Entwicklungsprozess und echter Inklusion. Dazu braucht es aber unter anderem die im Appell geforderten entsprechenden finanziellen und personellen Möglichkeiten ebenso wie eine darauf ausgerichtete Aus- und Weiterbildung sowie Schulorganisation.“

Der Appell fordert darüber hinaus, die Schulen „zukunftsfähig und inklusiv“ zu machen. Das heißt für die Initiatoren konkret:

  • „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wirkungsvoll als verbindlichen Lerninhalt zu verankern, damit sich Schüler*innen auf die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereiten können,
  • Lehrpläne und Lerninhalte schüler*innenorientiert und diskriminierungskritisch zu überarbeiten, um Freiräume für die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung der Schüler*innen zu schaffen und die Bildungsqualität zu erhöhen,
  • alternative Leistungsbewertungen zu ermöglichen statt zu viele Vergleichsarbeiten durchzuführen,
  • Schulentwicklung gemeinsam zu gestalten, auf Nachhaltigkeit auszurichten und durch passende Aus- und Weiterbildung zu unterstützen und
  • multiprofessionelle Teams als festen Bestandteil in allen Schulen zu verankern und zu finanzieren.“

Alternative Leistungsbewertung, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, multi-professionelle Teams – das alles seien beispielsweise der Montessori-Pädagogik zugrundeliegende Bestandteile für gelingende Bildung, sagt Boysen und betont: Auch im Bereich der Frühförderung seien Montessori-Einrichtungen gut aufgestellt. „Nach dem Verständnis der Montessori-Pädagogik ist die Entfaltung und Bildung des Menschen ein lebenslanger Prozess und damit systemisch-ganzheitlich zu betrachten.“

Er erklärt: „Die Montessori-Pädagogik bietet ein Konzept aus einem Guss: von frühkindlicher Bildung über Grundschule und weiterführender Schule bis zum Studentenalter. Wenn wir unser Bildungssystem grundlegend ändern wollen, erachten wir es als wichtig, dass auch der Staat Entwicklung und Lernen als Prozess ansieht und somit übergreifende Konzepte in vielfältigen Ausführungen anerkennt. So müssen auch Kindertageseinrichtungen dabei grundsätzlich als Bildungsstätte mehr in den Fokus rücken.“

„Die Gesellschaft hat sich verändert. Sie stellt heute gänzlich andere Ansprüche und Erwartungen an junge Menschen als in der Zeit, als die Institution ‚Schule‘ konzipiert wurde“, so der Bundesvorsitzende weiter.

„Schulen in freier Trägerschaft sollten in der deutschen Bildungslandschaft nicht als Konkurrenz zu staatlichen Einrichtungen, sondern als Partner angenommen werden“

„Dementsprechend sollten wir jetzt gemeinsam handeln und unser Bildungssystem so ausrichten, dass es den Kindern und Jugendlichen heute gerecht wird. Wir als Montessori Deutschland sehen uns für eine Bildungswende in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung – schon allein bedingt durch die Grundlagen der Montessori-Pädagogik, die den Menschen immer in Wechselbeziehung zu allem, was Leben ausmacht, sieht. Montessori Deutschland bietet deshalb den Bildungsverantwortlichen auf jahrzehntelange Erfahrungen beruhende Expertise an und steht als Ansprechpartner bereit. Hierbei sollten auch Schulen in freier Trägerschaft, an denen Montessori-Pädagogik vielfach ungesetzt wird, in der deutschen Bildungslandschaft nicht als Konkurrenz zu staatlichen Einrichtungen, sondern vielmehr als Partner für Bildung angenommen werden.“ News4teachers 

Herr Bundeskanzler, die Bildungskrise gefährdet Deutschlands Zukunft – kümmern Sie sich darum!

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3 Kommentare
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kanndochnichtwahrsein
1 Jahr zuvor

Ich vermisse neben all den m.E. zutreffenden Aussagen einen ausdrücklichen, klaren Hinweis darauf, dass auch in diesem System durchaus genau die Grundlagen gelehrt werden, die laut „neuester“ Studien bei den Kindern zunehmend fehlen.
Lesen, Schreiben, Rechnen sind die Grundlage – auch um lebenspraktische Dinge zu erlernen, der Zukunft gewachsen zu sein, gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Umweltverantwortung wahrnehmen und übernehmen zu können.

Gerade weil die heutigen Schüler/innen in Zukunft große Fragen beantworten und noch größere Probleme lösen müssen, MUSS ihnen eine sichere Grundlage zum Verständnis ihrer Umwelt vermittelt werden.
Dazu gehört für mich essentiell, dass sie sicher lesen, schreiben und rechnen lernen udn dabei wissen, was sie warum tun.
Die Vermittlung dieser Fähigkeiten ist gerade eine der Stärken des Montessori-Konzeptes, neben vielen anderen, die darauf aufbauen und die Kinder befähigen können, der Zukunft kompetent zu begegnen.

Achin
1 Jahr zuvor

Herr Boysen ist ein erfahrener und selbstbewusster Präsentator und Verkäufer:

https://montessori-stiftung.de/die-stiftung/kuratorium/

Pädagogische Professionalität sucht man in seinem Portfolio vergebens. Warum ist keine Lehrer*in oder Erziehungswissenschaftler*in Sprecherin des Verbandes? Ich frage mich, ob eine Lehrer*in in einem Fachmagazin für Unternehmensberatung auf diese Weise aufträte.

Es bleibt die Frage, wie Montessori-Schulen in der Fläche mit einer repräsentativen Schüleschaft funktionieren sollen. Laut der Hattie-Studie sind offene Unterrichtsfornen eher kontraproduktiv für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten.

Bla
1 Jahr zuvor
Antwortet  Achin

Müsste man natürlich ausprobieren.
Ich wäre da auch skeptisch, ob das flächendeckend in der „richtigen Montessori-Konzeptform“ klappen würde.