„Je inklusiver der Unterricht, desto mehr sozio-emotionale Kompetenzen finden wir vor“

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CÓRDOBA. Sozio-emotionale Kompetenzen fördern den schulischen Erfolg und schützen vor Mobbing. Inklusiv eingestellte Lehrerinnen und Lehrer stärken diese Fähigkeiten erheblich, ermittelte jetzt ein spanisch-finnisches Forschungsteam.

Inklusive Bildung durch Lehrkräfte kann laut Llorent, Núñez-Flores und Kaakinen eine wirksame pädagogische Maßnahme zur Entwicklung der sozialen und emotionalen Kompetenzen der Schüler sein. Foto: Shutterstock.

Sozio-emotionale Kompetenzen, mithin Kenntnisse, Fähigkeiten und Einstellungen, die die Entwicklung positiver zwischenmenschlicher Beziehungen und einen angemessenen Umgang mit Emotionen in verschiedenen Kontexten fördern, sind enger mit dem schulischen Erfolg verbunden, als vielfach gedacht. Sie bilden einen Schutzfaktor gegen Mobbing und andere antisoziale Verhaltensweisen. Es grenzt an Binsenweisheiten, mit denen Vicente J. Llorent, Mariano Núñez-Flores und Markus Kaakinen ihren Forschungshintergrund umreißen. Gemeinsam wollten die drei Wissenschaftler herausfinden, „inwieweit die gezielte integrative Ausbildung von Lehrern mit den sozio-emotionalen Kompetenzen ihrer Schüler zusammenhängt“, so die Forscher der Universitäten Cordoba und Helsinki.

Ihre Studie stützt sich auf Befragungen von 3.550 Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I und 294 Lehrerinnen und Lehrern von 174 Klassen aus 40 verschiedenen Schulen in und um die spanische Stadt Córdoba. „Wir haben die Lehrer anhand eines Fragebogens über integrative Bildung befragt, welche Einstellungen sie haben. Es ist wichtig zu wissen, ob sie das Thema positiv sehen oder nicht, wie sie es im Unterricht umsetzen, wie das Bildungszentrum organisiert ist und ob sie sich kollektiv im Hinblick auf die inklusive Bildung organisieren“, erklärt Vicente J. Llorent.

Indem sie diese Daten mit dem Niveau der sozio-emotionalen Kompetenzen der Schüler in den Dimensionen Selbstbewusstsein, Selbstmanagement und Selbstmotivation, soziales Bewusstsein, prosoziales Verhalten und verantwortungsbewusste Entscheidungsfindung verknüpften, ermittelten Llorent, Núñez-Flores und Kaakinen einen deutlichen positiven Zusammenhang zwischen den Einstellungen der Lehrerinnen und Lehrer hinsichtlich des inklusiven Unterrichts und den sozio-emotionalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. „Je inklusiver der Unterricht, desto mehr sozio-emotionale Kompetenzen finden wir vor“, fasst Llorent zusammen.

Wenn Lehrer einen inklusiven Unterricht entwickelten und die Schüler über mehr sozio-emotionale Kompetenzen verfügen, könne dies wiederum der Prävention von antisozialen Verhaltensweisen wie Mobbing, Cybermobbing, Cyberhass und Cybergewalt in affektiven Beziehungen förderlich sein, argumentiert der Forscher. Die Studie zeige hier die entscheidende Rolle auf, die Lehrer spielen, indem sie durch eine integrative Erziehung in ihren Klassen die sozio-emotionalen Kompetenzen ihrer Schüler fördern.

Einen besonderen Akzent ihrer Studie sehen Llorent, Núñez-Flores und Kaakinen im hohen Maß an Beteiligung: „Wir haben das, was die Lehrer sagen, und auch das, was die Schüler sagen; wir haben die beiden Sichtweisen, und wir kombinieren sie, was ein starker Punkt ist, der die Studie auf statistischer Ebene komplexer macht“, so Mariano Núñez-Flores. In weiteren Studien wollen sie nun überprüfen, ob der ermittelte Effekt auch langfristig anhält. (pm)

  • Die Studie ist in Learning and Instruction erschienen:
    Llorent, V.J., Núñez-Flores, M., & Kaakinen, M. (2024). Inklusive Bildung durch Lehrer zur Entwicklung der sozialen und emotionalen Kompetenzen ihrer Schüler in der Sekundarstufe. Learning and Instruction Vol 91

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Sepp
1 Monat zuvor

Je mehr Lehrkräfte also dafür sensibilisiert sind und darauf achten, desto besser werden die sozio-emotionalen Kompetenzen ihrer Schüler. Das kann man tatsächlich als Binsenweisheit bezeichnen.

Natürlich ist in einer hypothetischen, völlig antisozialen Klasse kein Lernen möglich, wenn dort nur Gewalt und Mobbing herrschen. Das ist aber ein hypothetischer Extremfall.
Meines Erachtens ist es aber unzulässig, daraus im Umkehrschluss einen Lernerfolg (alleine) durch soziale Kompetenzen zu formulieren.

Selbst im Artikel von Llorent wird das auch gar nicht behauptet. Insofern irritieren mich die Aussagen und die Überschrift dieses N4T-Artikels.

Unfassbar
1 Monat zuvor

Langfristige Konsequenzen für Fähigkeiten und Fertigkeiten standen wohl nicht im Interesse der Forschung. Leider.

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor

„Es grenzt an Binsenweisheiten…“
Es sind Binsenwahrheiten.

„Sozio-emotionale Kompetenzen (…) sind enger mit dem schulischen Erfolg verbunden als vielfach gedacht.“

Als vielfach gedacht? Wo wurde denn zuvor untersucht, als „wie eng“ sich viele das so denken?
Also, mir persönlich ist die Ansicht, „sozio-emotionale Kompetenzen“ seien mehr oder weniger unerheblich für den schulischen Erfolg eigentlich noch nie untergekommen.

Palim
1 Monat zuvor

Dann müsste ja die nächste Untersuchung erheben, was Schüler:innen und Lehrkräfte als maßgeblich dafür sehen, dass Inklusion gelingen kann,
welche Bedingungen unweigerlich bestehen müssen, damit Lehrkräfte diese Aufgabe übernehmen können und positiv beurteilen.

Wenn doch Lehrkräfte einen so großen Ausschlag dafür geben, sollte man alles daran setzen, sie bestmöglich zu unterstützen.

Andernfalls könnte man auf den Gedanken kommen, dass einem Lehrkräfte und Schüler:innen nicht wichtig genug sind. Dass würden die Lehrkräfte womöglich merken und entsprechend der mangelnden Unterstützung das Vorhaben der inklusiven Bildung nachrangig einstufen müssen.

Canishine
1 Monat zuvor

Das ist eine interessante Studie, bei der der Begriff „inklusiv“ allerdings womöglich etwas anders verstanden wird als bei uns Inklusion (vgl. Abschnitt 1.2 in der Studie).

Alx
1 Monat zuvor

Vielleicht beeinflussen auch umgekehrt die sozio-emotionalen Kompetenzen der Schüler die Lehrereinstellung gegenüber Inklusion.

Das ließe sich mit der genutzten Methodik schwierig vom vorliegenden Ergebnis unterscheiden.

Einer
1 Monat zuvor

Früher wurden vormittags in der Schule Inhalte vermittelt und sozio-emotionale Intelligenz wurde in den Pausen, nachmittags und am Wochenende auf dem Bolzplatz erworben. Durch echte Kontakte mit echten Freunden und echte Auseinandersetzungen mit Worten und manchmal auch mit Händen.

Heute gibt es den ganzen Tag Schein-Kontakte und Schein-Freunde in den asozialen Medien und deshalb soll nun die Schule in den Fächern diese Lücke füllen. Weil wir als Gesellschaft uns von den bunten Dopaminpumpen haben ködern lassen.