NS-Gedenkstätten: Schulklassen rauschen in 90 Minuten durch – „das war’s“

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FÜRSTENBERG AN DER HAVEL. Sie arbeiten die NS-Verbrechen auf und werden selbst Zielscheibe von Angriffen. In den Gedenkstätten wächst die Sorge vor dem Rechtsextremismus. Der Stiftungsdirektor hat daher ein Anliegen.

Zu wenig Personal, zu wenig Räumlichkeiten: die Gedenkstätte Buchenwald. Foto: Shutterstock / Alice-D

Angesichts eines Erstarkens des Rechtsextremismus in Deutschland fordert der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Axel Drecoll, eine bessere Personalausstattung für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. «Wir kämpfen dafür, dass wir besser ausgestattet werden», sagte Drecoll im Gespräch. «Es braucht eine politische Offensive von Bund und Land.»

Es sei mehr Geld und Personal nötig, damit die Gedenkstätten ihre Bildungsarbeit etwa gemeinsam mit Schulen verstärken könnten. Zwar tue die Landesregierung in Brandenburg viel für die Gedenkstätten, aber es bräuchte in der gesamten Bundesrepublik noch mal einen «Schub nach vorn», meinte Drecoll. Der reguläre Besuch von Schulklassen in der Gedenkstätte dauere 90 Minuten. «Da kann man einmal über so ein großes Gelände gehen und auf ein paar Sachverhalte hinweisen, das war’s.»

In der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg seien sechs Beschäftigte mit der Bildungsarbeit befasst. Darüber hinaus gibt es eigenständige Guides für Führungen auf dem Gelände. Auch die Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen beklagte jüngst, sie habe zu wenig Personal und auch zu wenige Räumlichkeiten, um die Nachfrage decken zu können.

2023 besuchten nach Angaben der brandenburgischen Gedenkstätten-Stiftung rund 500.000 Menschen das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg. Die Gedenkstätte beklagt seit dem Terrorangriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober eine Zunahme antisemitischer und israelfeindlicher Attacken und Botschaften auf ihrem Gelände.

In der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in Fürstenberg an der Havel im Norden Brandenburgs befassten sich heute Gedenkstätten-Leiter und Wissenschaftler in einer Diskussionsveranstaltung mit Folgen eines erstarkenden Rechtsextremismus. In den 90er Jahren hatten Gedenkstätten vielfach rechtsextreme Gewalt erleben müssen. Auf Baracken, in denen einst jüdische Häftlinge eingepfercht waren, wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen 1992 ein Brandanschlag verübt.

Sorge vor Erstarken rechtsextremistischer Bewegungen

Die Gedenkstätten-Stiftung befürchtet eine Zunahme rechtsextremistischer Bewegungen und blickt angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen im Osten mit Sorge auf ein Erstarken der AfD. Eine Veränderung des Klimas werde gerade auch von Opfergruppen angstvoll beobachtet, sagte Drecoll. «Geschichtsrevisionistische Positionen dürfen nicht Normalität werden.» Die Gedenkstätten-Stiftung wolle künftig die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und ehrenamtlich Engagierten stärken, um die Bedeutung der NS-Aufarbeitung für die Demokratie noch sichtbarer machen.

Mit dem Sieg der AfD bei der Europa- und der Kommunalwahl ist Brandenburg dreieinhalb Monate vor der Landtagswahl deutlich nach rechts gerückt. Bei Wahlumfragen zur Landtagswahl am 22. September liegt die AfD vorn, die der Verfassungsschutz in Brandenburg als rechtsextremistischen Verdachtsfall einstuft. In Deutschland stieg die Zahl der rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten im Jahr 2023 deutlich an. News4teachers / mit Material der dpa

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7 Kommentare
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Tigerente
4 Tage zuvor

Eben (Titelschlagzeile). Deshalb ist es blinder Aktionismus, alle Schulklassen zu solchen Besuchen zu „zwingen“ und zu glauben, damit habe man was erreicht. Aber genau das wird immer und immer wieder gefordert, damit man sagen kann, man tue ja was gegen den Rechtsextremismus.

RainerZufall
4 Tage zuvor
Antwortet  Tigerente

Alle dürfen sich ermuntert fühlen, andere Angebote zu machen 🙂

Besseranonym
2 Tage zuvor
Antwortet  RainerZufall

3h ? Ohne Durchdrücken ? 😉

Im Ernst: Das ist ja wohl wirklich abhängig vom jeweiligen Lehrer.
Wenn es zur Pflichtüb6ng verkommt, sollte ein Kollege gebeten werden.

Ulrika
4 Tage zuvor

Das ist mal wieder sehr polemisch. Wenn ich einen Unterrichtsgang, eine Studienfahrt, Exkursion etc. plane, „zwinge“ ich die SuS auch zu vielem und manchem- zumeist aus pädagogischen Erwägungen. Ich „zwinge“, weil ich entscheide- wenn die SuS sich in Planungssitzungen z. B. dagegen aussprächen, führe ich trotzdem.
Ob eine Maßnahme, ein Unterricht „was bringt“ (Was denn genau, nach welchen Indikatoren?), lässt sich ohnehin trefflich diskutieren.
Ein verpflichtender Besuch für (angehende) Lehrkräfte und SuS finde ich deshalb durchaus richtig. Zudem, wenn es eine Verpflichtung gibt, gehört es zu den dienstlichen Aufgaben und muss vom Dienstherrn mit Zeit- und Geldkontingenten hinterlegt werden.

Ulrika
4 Tage zuvor
Antwortet  Ulrika

…natürlich „Einen verpflichtenden Besuch“…. 😉

RainerZufall
4 Tage zuvor

Gedenkstätten sind halt ein wichtiger Baustein, aber nicht die alleinige Lösung.

Wenn die Menschen es vor Ort als unbedriedigend empfinden, sollte man dies ernst nehmen, gleichzeitig sagt dies aber nich nichts über Nachbereitung und Langzeitwirkung auf die Schülerschaft aus – die Eindrücke und Erfahrungen wirken erst langsam.

Gerade bei (vermeindlich) desinteressierten Jugendlichen finde ich die 90min gar nicht so schlecht. Die Anteilnahme im Kontext eines Weltbildes, dass diese ja erst noch ausbilden sollen, würde ich nicht zwingend voraussetzen.

Auch unangemessenen Reflexen (Lachen als Coping-Strategie gegen eine unbehagliche Geschichte/ Athmosphäre muss man aufgreifen, aber nicht direkt verurteilen.

Es ist ein Batzen Arbeit!

Bla
3 Tage zuvor
Antwortet  RainerZufall

Sehe ich auch so.
Ob man jetzt „verpflichtende Termine“ nach Abhakliste hierfür anführt [haben Sie nicht gemacht] – das gehört jedoch schon diskutiert.
Gedenkstätten sind ein wichtiger Bestandteil der Bildung und eine gute Methode der Umsetzung. Falls – und so hört sich das an – die Gedenkstätten (massiv) überfordert und belastet sind, ist die logische Konsequenz die Forderung nach besseren Rahmenbedingungen, legt allerdings auf der anderen Seite die Frage nach der „Verpflichtung von Besuchen“ als Sinnhaftigkeit (oder nicht) nahe.

Auf das „Lachen“ sollte man sich v. A. als Fachperson in einer Gedenkstätte nicht als zu negativ-interpretierend einstimmen. Sie sprechen hier völlig zurecht die „Coping Mechanism“ an. Nur trennen muss man das … Ist auch nicht immer einfach. Manche Menschen sind nunmal schlichtweg „bösartig“ im Umgang mit den Opfern und andere brauchen dies als Bewältigungsstrategie.