BERLIN. Debatten über Ramadan, Kopftücher, Gebete oder religiösen Druck unter Jugendlichen flammen an deutschen Schulen immer wieder auf. Lehrkräfte berichten tatsächlich von Konflikten im Zusammenhang mit Religion – zugleich warnen Forschende davor, vorschnell von Islamismus zu sprechen oder muslimische Schülerinnen und Schüler unter Generalverdacht zu stellen. Die Herausforderung hat also zwei Seiten: Schulen müssen lernen, religiös begründeten Druck konsequent zu begrenzen – ohne dabei selbst zur Stigmatisierung beizutragen.

Wenn Schülerinnen und Schüler andere unter Druck setzen, weil sie nicht fasten, kein Kopftuch tragen oder religiöse Vorschriften anders auslegen, dann geraten Schulen schnell in ein Spannungsfeld aus Pädagogik, Religionsfreiheit und gesellschaftlicher Polarisierung. Solche Debatten kochen seit Jahren immer wieder hoch – aktuell durch eine große Spiegel-Berichterstattung zum Thema, die die Probleme zwar sachlich einordnet, aber eben auch alarmistisch einleitet. Überschrift: „Gebete, Gebote, Gruppenzwang – Wenn Religion den Schulalltag dominiert“.
Die darin zitierte Erziehungswissenschaftlerin Prof. Margit Stein von der Universität Vechta beschäftigt sich seit Jahren mit religiös motivierten Konflikten im Schulalltag. Gemeinsam mit Forschenden der IU Internationalen Hochschule hat sie Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter zu ihren Wahrnehmungen befragt. Die 2025 veröffentlichte Studie ist nicht repräsentativ, wird inzwischen aber häufig zitiert. Knapp ein Drittel der Befragten berichtete darin von religiös motivierten Konflikten an Schulen. Genannt wurden Spannungen über Ramadan-Regeln, Gebetszeiten, Speisevorschriften oder religiöse Kleidung. Ein Viertel der Befragten nahm zudem islamistische Tendenzen wahr – etwa Antisemitismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit oder demokratieablehnende Aussagen mit religiöser Begründung.
„Es ist eine kleine Gruppe, die mit ihrem Verhalten das Ansehen von vielen muslimischen Jugendlichen beschädigt“
Stein betont allerdings selbst, dass die Ergebnisse häufig verkürzt dargestellt würden. Erfasst worden sei nicht die tatsächliche Verbreitung islamistischer Einstellungen unter Schülerinnen und Schülern, sondern die Wahrnehmung pädagogischer Fachkräfte. Die meisten muslimischen Schülerinnen und Schüler seien davon nicht betroffen, sagt sie gegenüber dem Spiegel. „Es ist eine kleine Gruppe, die mit ihrem Verhalten das Ansehen von vielen muslimischen Jugendlichen beschädigt.“
Die Debatten entzünden sich häufig an recht banalen Einzelfällen. Im März dieses Jahres sorgte etwa ein Vorfall an einer Gesamtschule in Kleve für Diskussionen. Dort soll es während des Ramadan Streit zwischen fastenden und nicht fastenden Schülerinnen und Schülern gegeben haben. Fastende Kinder sollen andere aufgefordert haben, ebenfalls zu fasten, während umgekehrt provozierendes Verhalten gegenüber Fastenden geschildert wurde. Eine Lehrkraft habe beide Gruppen aufgefordert, sich voneinander wegzudrehen. Obwohl das Schulamt beteuerte, dass der Konflikt an der Schule längst beigelegt worden sei, drehte die „Bild“-Zeitung auf. „Ramadan-Streit! Schüler sollen Pausenbrot heimlich essen“, titelte sie (News4teachers berichtete).
Gerade solche Vorfälle entwickeln häufig eine Dynamik, die weit über den eigentlichen Schulkonflikt hinausgeht. Aus einem Streit unter Kindern und Jugendlichen wird schnell eine medial aufgeheizte Debatte über Islamismus, Parallelgesellschaften oder den Kontrollverlust der Schule. Margit Stein warnt vor einer solchen Zuspitzung. Die mediale Berichterstattung über religiöse Konflikte sei „sehr stark, auch affektiv aufgeladen“, sagt sie dem Spiegel. Ihre Studien belegten zwar reale Spannungen im Schulalltag – zugleich machten sie aber auch deutlich, dass Verhalten muslimischer Schülerinnen und Schüler häufig schneller als ideologisch oder radikal interpretiert werde als vergleichbare Provokationen anderer Jugendlicher.
Bereits 2024 hatte Stein in einem auf News4teachers veröffentlichten Interview erklärt, ihre Forschung zeige „die Tendenz, verschiedenartige Verhaltensweisen und Aktivitäten der Schülerinnen – oftmals mit religiösem Hintergrund – schnell als Anzeichen islamistischer Radikalisierung zu interpretieren“. Dies könne darauf hindeuten, „dass provokantes Verhalten von muslimischen Schülerinnen stärker problematisiert wird als gleiches Verhalten von nicht-muslimischen Schüler*innen“.
Auch der ebenfalls an der Studie beteiligte Sozialwissenschaftler Prof. Mehmet Kart warnte damals vor vorschnellen Zuschreibungen. Die „mutmaßliche Tendenz zur einseitigen Wahrnehmung“ könne „zu einer ungerechten Stigmatisierung muslimischer Schüler*innen führen“. Das beeinträchtige nicht nur deren Selbstverständnis, sondern auch das schulische Zusammenleben.
„Jede Form von Mobbing, ob religiös motiviert oder aus welchen Gründen auch immer, muss natürlich von Seiten der Lehrkräfte pädagogisch unterbunden werden“
Stein macht zugleich deutlich, dass es sich bei solchen Fällen pädagogisch zunächst um eine Form von Mobbing und sozialem Druck handele – unabhängig von der religiösen Begründung. „Jede Form von Mobbing, ob religiös motiviert oder aus welchen Gründen auch immer, muss natürlich von Seiten der Lehrkräfte pädagogisch unterbunden werden“, sagte sie in einem Interview mit dem ZDF. Entscheidend sei nicht die religiöse Überzeugung einzelner Schülerinnen oder Schüler, sondern die Freiheit anderer.
Gerade dabei fühlen sich viele Lehrkräfte offenbar unsicher. In den Befragungen berichteten viele Pädagoginnen und Pädagogen, sie seien auf religiös aufgeladene Konflikte kaum vorbereitet worden. Ältere Lehrkräfte hätten entsprechende Themen weder im Studium noch in Fortbildungen behandelt. „Wir sind da schon ziemlich alleingelassen“, zitiert Stein Aussagen aus ihrer Forschung.
Hinzu kommt ein weiterer Befund: Muslimische Lehrkräfte nehmen solche Konflikte laut Studie häufiger wahr als nichtmuslimische Kolleginnen und Kollegen. Die Forschenden führen das unter anderem darauf zurück, dass diese Lehrkräfte oft als Ansprechpartner hinzugezogen würden oder für die Problematik stärker sensibilisiert seien.
Zugleich verweisen die Forschenden darauf, dass viele der beschriebenen Auseinandersetzungen innerhalb muslimischer Gruppen stattfinden. In den Studien ist von Konflikten zwischen stärker und weniger religiös lebenden Jugendlichen die Rede, von Streit über Kopftücher, Fastengebote oder unterschiedliche Glaubensauslegungen. Stein spricht ausdrücklich auch von intrareligiösen Konflikten. In der öffentlichen Debatte erscheinen solche Konflikte dagegen häufig als grundsätzlicher Gegensatz zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Schülerinnen und Schülern.
Die gesellschaftliche Polarisierung verstärkt solche Spannungen offenbar zusätzlich. Internationale Krisen und Kriege wirkten bis in Schulen hinein, sagt Stein. Gleichzeitig nehme die religiöse Vielfalt an Schulen zu. Damit steigen auch die Anforderungen an Lehrkräfte und Schulleitungen.
Die Forschungslage spricht deshalb weder für Entwarnung noch für Alarmismus. Dass Lehrkräfte religiös motivierte Konflikte häufiger wahrnehmen, ist ein relevanter Befund. Ebenso relevant ist aber die Frage, wie solche Konflikte interpretiert werden – und wie schnell aus problematischem Verhalten einzelner Schülerinnen und Schüler pauschale Verdachtsmomente gegenüber muslimischen Jugendlichen entstehen.
Stein und Kart fordern deshalb seit Jahren mehr Fortbildungen, bessere Informationen über Beratungsstellen und eine stärkere Verankerung von Themen wie religiöse Vielfalt, Antidiskriminierung und Radikalisierungsprävention in der Lehrkräftebildung. Schulen müssten lernen, religiös begründeten Druck konsequent zu begrenzen, ohne dabei selbst zur gesellschaftlichen Zuspitzung beizutragen. Genau daran entscheidet sich inzwischen nicht nur der Umgang mit Religion an Schulen – sondern auch die Frage, ob Schule als gemeinsamer sozialer Raum funktioniert. News4teachers / mit Material der dpa
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule“.
Interview: Warum Wohlbefinden so wichtig fürs Lernen ist – wissenschaftlich belegt









Wie passt der Inhalt des Artikels zu einer Umfrage aus Niedersachsen:
Scharia wichtiger als Grundgesetz | hpd
Zitat: 67,8 Prozent der befragten muslimischen Schüler bestätigen die Aussage, dass “die Regeln des Koran wichtiger sind als die Gesetze in Deutschland.”
Die Stichprobe ist zugegebenermaßen nur sehr klein (308 muslimische Schüler von 8539 befragten Schülern), jedoch halte ich den Anteil, der die Scharia befürwortet, für so hoch, dass sich eine gesonderte Untersuchung anbieten würde.
Sehr gut. Fragen Sie mal gläubige Katholiken, was für sie wichtiger ist: die Bibel oder das Grundgesetz – Sie würden keine andere Antwort bekommen. Trotzdem wird die Gefahr, die von Katholiken ausgeht, als relativ gering eingeschätzt.
Dazu kommen Reizwörter (“Scharia”), die von Menschen wie Ihnen in die Debatte als Zündstoff eingebracht werden, ohne deren Bedeutung zu kennen. Deshalb konsultieren wir doch mal ein seriöses Kinderlexikon: “Scharia ist ein arabisches Wort und bedeutet übersetzt in etwa ‘Weg zur Wasserquelle’. (…) Die Scharia ist also insgesamt die komplette religiöse Lebensweise des Menschen. Die Scharia ist dabei kein Gegensatz zu den Gesetzen des Landes, in dem muslimische Männer und Frauen leben. Für sie gelten natürlich die Gesetze des Landes, in dem sie leben.” Gerne hier nachlesen: https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/s/scharia
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Mein muslimisches Klientel sieht es leider oft anders als das seriöse Kinderlexikon. Für viele steht die Scharia für eine klare, an den Koran angelehnte Gesetzgebung, die von Friedensrichtern innerhalb der Communitys gewahrt wird. Von einigen strafrelevanten Konflikten bekommt unsere Justiz überhaupt nichts mit.
Ihr Vergleich mit streng gläubigen Katholiken wirkt arg bemüht, denn mir ist deutschlandweit kein Stadtteil bekannt, in dem Katholiken versuchen, eine Gesetzgebung außerhalb unseres Rechtssystems durchzudrücken.
Ich sach nur Schwangerschaftsabbruch.
Die Bemerkung über Katholiken war ironisch gemeint – selbstverständlich glaubt niemand, dass von Katholiken eine Gefahr für Leib und Leben ausgeht (obwohl es mit Sicherheit auch katholische Gewalttäter gibt). Herzliche Grüße Die Redaktion
Fragen Sie mal gläubige Katholiken, was für sie wichtiger ist: die Bibel oder das Grundgesetz – Sie würden keine andere Antwort bekommen.
Selbst wenn die Bibel für jemanden “wichtiger ist”, also einen höheren “persönlichen und spirituellen Wert” hat, bedeutet es ja nicht, dass man sich daher nicht an das Grundgesetz halten würde.
Wann haben sich das letzte Mal “gläubige Katholiken” bspw. an Exodus 21 gehalten und ein Kind, welches Mutter oder Vater schlägt oder verflucht, getötet?
Ich kenne auch keinen “gläubigen Katholiken”, der forderte, dass man die “Ehrlich Brothers” töten müsse, da man ja Zauberer nicht im Leben lassen dürfe (5. Mose, 18).
Im Gegensatz dazu hatte ich bspw. schon einen muslimischen Schüler, der kein Problem darin gesehen hat, einen Mitschüler zu verprügeln, weil dieser “die Religion” beleidigt hätte.
Ebenso hatten wir eine (tatsächlich islamistisch indoktrinierte) Schülerin, die ihre muslimischen Mitschülerinnen fertig gemacht hat, weil diese ihr nicht streng genug im Glauben waren, die Lehrerinnen als “Schlampen” beleidigt hat usw.
Wie im Artikel richtig benannt, sind die überwiegend unauffälligen Muslime auch gar kein Problem. Problematisch sind die wenigen, sehr radikal und islamistisch auftretenden Schüler, die dann ein schlechtes Licht auf alle anderen werfen.
“Im Gegensatz dazu hatte ich bspw. schon einen muslimischen Schüler, der kein Problem darin gesehen hat, einen Mitschüler zu verprügeln, weil dieser ‘die Religion’ beleidigt hätte.”
Andernorts geht ein mutmaßlich rechtsextremer Schüler mit einem Hammer auf muslimische Schüler los… Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2026/05/hammerangriff-auf-schueler-rassistisches-motiv-eine-der-kernfragen-im-prozess/
Geht’s dabei tatsächlich um Religion?
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Es ist nicht Aufgabe der Schulen oder der Lehrkräfte, zu erlernen, wie man mit muslimischen Druck umgehen sollte. Das ist eindeutig die Aufgabe der Länder. Die Länder müssen klare Gesetze dazu erlassen, in denen genau aufgeführt ist, was in der Schule erlaubt ist und was nicht erlaubt ist. Dazu natürlich die passende Liste mit den Sanktionen für Verstöße. Dabei sollten Eltern bei den Sanktionen immer mit belangt werden, denn sie haben die Pflicht, ihre Kinder zur Einhaltung der Regeln zu erziehen.