DORTMUND. In der Debatte um Altersgrenzen für soziale Medien sprechen sich führende Bildungsforscher für einen weitgehenden Ausschluss von Social Media in der Grundschule aus. Gleichzeitig empfehlen sie, Jugendliche an weiterführenden Schulen gezielt und systematisch im Umgang mit sozialen Netzwerken auszubilden. Das geht aus einem neuen Gutachten des Aktionsrats Bildung hervor. Die Wissenschaftler verbinden ihre Forderungen mit einem neuen Bildungsziel: der „medialen Integrität“. Was dahinter steckt.

„Die Gefahren und unerwünschten Nebenwirkungen von Social Media überlagern nach unserer Einschätzung mögliche positive Aspekte im Grundschulalter“, sagt Bildungswissenschaftlerin Prof. Nele McElvany von der Technischen Universität Dortmund. „Deshalb plädieren wir für einen Ausschluss von Social Media aus Grundschulen, wenn es sich nicht um klar umrissene besondere pädagogische Ziele handelt, die doch einen Einbezug erfordern.“
„Wir“ – das sind neun renommierte Bildungsforscher*innen, die im Aktionsrat Bildung zusammengeschlossen sind und der sich im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft alljährlich einem neuen Schwerpunktthema zuwendet. In diesem Jahr eben: Soziale Medien und deren Wirkung auf die Bildung. Das Gutachten zeichnet für die verschiedenen Bildungsstufen ein deutlich unterschiedliches Bild. Während für Kinder im Grundschulalter Schutz und Begrenzung im Vordergrund stehen, soll der Umgang mit sozialen Medien in der Sekundarstufe ausdrücklich Teil schulischer Bildung werden.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verweisen darauf, dass die Nutzung von Smartphones, Social Media und Social Gaming bereits im Grundschulalter stark zunehme. Kinder seien dabei zunehmend Informationen ausgesetzt, die nicht mehr durch Erwachsene gefiltert würden, sondern durch algorithmische Auswahlmechanismen. Zugleich seien sie Risiken wie Cybermobbing, Aufmerksamkeitsproblemen, problematischem Nutzungsverhalten oder suchtähnlichen Entwicklungen ausgesetzt.
Für die Grundschule leiten die Autoren daraus eine klare Priorität ab. „Pädagogisches Ziel für Grundschulen muss sein, die Entwicklung der Voraussetzungen für einen souveränen Umgang mit Social Media durch die Grundschulkinder zu fördern“, sagte McElvany, die als Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung zu den führenden Grundschulforscherinnen in Deutschland zählt. Dazu gehörten insbesondere Selbstregulation, kritische Urteilsfähigkeit und ein Bewusstsein für Risiken digitaler Kommunikation.
Gleichzeitig betont der Aktionsrat, dass Kinder langfristig auf die Nutzung sozialer Medien vorbereitet werden müssten. Im Gutachten heißt es: „Social Media sind zu einem unumgänglichen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Kinder, Jugendliche und Erwachsene müssen aus diesem Grund von klein auf altersgerecht auf die vielfältigen Chancen und Risiken und die gezielte sinnvolle Nutzung von Social Media vorbereitet werden.“
Das Gremium schlägt dafür das neue Leitbild der „medialen Integrität“ vor. Gemeint ist damit mehr als klassische Medienkompetenz. Kinder und Jugendliche sollen nicht nur lernen, digitale Angebote technisch zu beherrschen oder Informationen kritisch zu prüfen. Sie sollen auch Verantwortung für ihr eigenes Verhalten in sozialen Netzwerken übernehmen.
Im Gutachten heißt es: „Integrität bedeutet, dass die Person bei der Nutzung von Social Media altersgemäß verantwortlich handelt, auch wenn sie dadurch auf vermeintliche Vorteile verzichten oder Nachteile in Kauf nehmen muss.“ Weiter schreiben die Autorinnen und Autoren: „Eine integere Person achtet darauf, dass andere durch ihr Verhalten nicht geschädigt werden und richtet sich an universell gültigen Werten und ethischen Prinzipien aus.“ Konkret nennen die Wissenschaftler etwa Empathie, Perspektivübernahme, Selbstreflexion, Quellenkritik und die Fähigkeit zur Selbstregulation als Kompetenzen, die im Umgang mit sozialen Medien systematisch gefördert werden müssten.
„Lehrkräfte sollen positive Beispiele für die Nutzung von Social Media als didaktische Werkzeuge in ihren Unterricht integrieren“
Anders als für die Grundschule empfehlen die Experten für die Sekundarstufe ausdrücklich einen pädagogischen Umgang mit sozialen Medien. Im Gutachten heißt es: „Lehrkräfte sollen positive Beispiele für die Nutzung von Social Media als didaktische Werkzeuge in ihren Unterricht integrieren.“ Die Potenziale lägen unter anderem in der Förderung digitaler Lesekompetenzen, digitaler Schreibfähigkeiten, kritischen Reflektierens und kollaborativen Problemlösens. Und weiter: „Das pädagogische Personal soll Social Media in allen Bildungskontexten verstärkt einsetzen, um deren Potenziale zu nutzen und Kinder, Jugendliche und Erwachsene an eine zweckmäßige und verantwortungsvolle Nutzung heranzuführen.“
Gleichzeitig plädieren die Autoren für klare Grenzen – auch bei älteren Schülerinnen und Schülern. Die Nutzung digitaler Endgeräte an weiterführenden Schulen solle „bis zur zehnten Jahrgangsstufe auf den lernbezogenen Einsatz im Unterricht beschränkt sein“. Entsprechende Vorgaben sollten nach Auffassung des Aktionsrats in den Schulgesetzen der Länder verankert werden und nicht allein von einzelnen Schulen festgelegt werden.
Neben den Empfehlungen für Schulen richtet das Gutachten zahlreiche Forderungen an die Politik. Der Aktionsrat verlangt: „Für eine stärkere rechtliche Regulierung von Social Media muss auf Bundesebene ein verbindlicher Rechtsrahmen geschaffen werden, der auch eine entwicklungspsychologische Perspektive berücksichtigt.“ Weiter fordern die Wissenschaftler: „Die Anbieter müssen auf diesem Weg verpflichtet werden, bei Einrichten eines Nutzerkontos das Alter wirksam zu verifizieren.“
Darüber hinaus sprechen sie sich für technische Nutzungsbeschränkungen aus. Die Plattformbetreiber müssten verpflichtet werden, „die Nutzungszeiten altersgerecht zu limitieren, sowohl mit Blick auf Unterbrechungen nach einer bestimmten Nutzungsdauer als auch mit Blick auf ein Tagesbudget an Nutzungszeiten“.
Einen weiteren Schwerpunkt legt das Gutachten auf den Kinder- und Persönlichkeitsschutz. „Es sollen klare bundesgesetzliche Regelungen zum Schutz der Privatsphäre und der Persönlichkeitsrechte von Kindern in Social Media entwickelt und umgesetzt werden“, heißt es. Genannt wird ausdrücklich auch das sogenannte Sharenting, also das Veröffentlichen von Fotos und Videos von Kindern durch deren Eltern.
Zudem fordern die Autoren Maßnahmen gegen manipulative Gestaltungselemente auf Plattformen. Kinder und Jugendliche müssten „vor manipulativen und suchtfördernden Elementen („dark patterns“) sowie vor Werbung effektiv geschützt werden“. Auch die Anonymität im Netz wird kritisch gesehen. Das Gutachten erklärt: „Es ist darauf hinzuwirken, dass anonyme Äußerungen im Netz auch technisch durch die Anbieter unmöglich gemacht werden.“
Für Schulen empfehlen die Wissenschaftler außerdem einen stärkeren Blick auf mögliche Belastungen durch digitale Medien. Lehrkräfte und pädagogisches Personal müssten Schülerinnen und Schüler „mit Blick auf deren psychische Gesundheit aufmerksam beobachten“. Genannt werden Konzentrationsprobleme, Müdigkeit, Körperbild, Essverhalten, Selbstwertgefühl, depressive Verstimmungen und Ängstlichkeit.
Zugleich sehen die Autoren erheblichen Forschungsbedarf. „Dabei muss die wirkungsbezogene Forschung zur Nutzung und zu den Auswirkungen von Social Media auf das Lernen und die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden, insbesondere mit Blick auf altersspezifische Wirkungen“, heißt es im Gutachten. Bislang stammten viele Erkenntnisse aus dem Ausland; für den deutschsprachigen Raum fehle es an einer breiten wissenschaftlichen Datengrundlage. News4teachers / mit Material der dpa
Hier lässt sich das vollständige Gutachten herunterladen.









Zitat:
„Integrität bedeutet, dass die Person bei der Nutzung von Social Media altersgemäß verantwortlich handelt, auch wenn sie dadurch auf vermeintliche Vorteile verzichten oder Nachteile in Kauf nehmen muss.“
Und wer glaubt, dass das funktioniert?
Reicht doch wenn Bildungspolitiger das glauben. Bekanntlich kann der Glaube Berge versetzen.
Funktioniert sicherlich genauso wie:
„Die Plattformbetreiber müssten verpflichtet werden, „die Nutzungszeiten altersgerecht zu limitieren, sowohl mit Blick auf Unterbrechungen nach einer bestimmten Nutzungsdauer als auch mit Blick auf ein Tagesbudget an Nutzungszeiten“.“
Der Aktionsrat Bildung nennt sich zwar „politisch unabhängig“, gehört aber eben doch zum Bayerischen Wirtschaftsverband, und Mitglied ist auch der bekannte Bildungsökonom Wößmann:
https://www.aktionsrat-bildung.de/index.html
Alles, was bildungsmäßig aus Bayern kommt, wird doch sonst meist heftig kritisiert. Aber die bayerischen Wirtschaftsinteressen sind gut? „Social Media sind zu einem unumgänglichen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden.“ Wirklich ?? Und deswegen sollen Grundschulkinder jetzt „mediale Integrität“ entwickeln, noch bevor sie richtig lesen und schrieben können? Und welche „mediale Integrität“ haben die Bosse in Konzernen, Verbänden, Parteien, in der Presse usw.? Woher kommen denn die vielen „Fake News“ ? Da scheint es Wunschvorstellungen zu geben. Aber wie immer — Gesundbeten wird kaum helfen.