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900 von 900 möglichen Punkten: Wie geht das? Der perfekte Abiturient gibt Schülern (gute) Lerntipps via TikTok

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FRANKFURT/MAIN. 900 von 900 Punkten: Alexander Jorias hat im hessischen Abitur die maximal mögliche Punktzahl erreicht. Wer ein solches Ergebnis erzielt, dürfte unzählige Stunden gelernt haben – könnte man meinen. Tatsächlich führt der 19-Jährige seinen Erfolg vor allem auf ein über Jahre entwickeltes Lernsystem zurück. Auf seiner Internetseite erklärt der Rekord-Abiturient, wie es funktioniert – und warum aus seiner Sicht nicht möglichst viele Lernstunden über gute Noten entscheiden.

Lerntipps auf TikTok: Alexander Jorias (bearbeiteter Screenshot).

Über gute Noten wird viel gesprochen. Wie sie entstehen, deutlich seltener. Alexander Jorias, der im hessischen Abitur die maximalen 900 Punkte erreicht hat, macht daraus kein Geheimnis. Auf seiner Internetseite beschreibt der 19-Jährige ungewöhnlich offen, wie er gelernt hat – und warum aus seiner Sicht nicht möglichst viele Stunden, sondern die richtige Strategie den Unterschied machen. „Ich habe während der ganzen Q-Phase pro Klausur (im Schnitt) ca. eine Stunde gelernt. Vor dem Abitur ca. zwei Stunden pro Tag. Das hat mir 600/600 Punkten in der Q-Phase und 15 Punkte in allen Abi-Prüfungen eingebracht – also 900/900 Punkte im Abi.“

Wer nach einer Patentformel für Bestnoten sucht, wird allerdings enttäuscht. Jorias betont ausdrücklich, dass sein Konzept keine Garantie für Spitzenergebnisse sei. „Erstens habe ich das Glück, dass mir von Natur aus Schule und Lernen sehr leicht fällt. Zweitens habe ich über die Jahre ein sehr effizientes Lern-Framework etabliert, das meiner Ansicht nach mit 20 Prozent des Aufwands 80 Prozent der Ergebnisse erzielen kann“, so schreibt Jorias auf seiner Internetseite.

Mit seinen Lerntipps erreicht der ehemalige Musterschüler inzwischen über seine Internetseite und TikTok viele Schülerinnen und Schüler. Den Anspruch, aus ihnen allesamt Einser-Abiturienten zu machen, erhebt er nicht. Sein Ziel sei vielmehr ein anderes: „Mein einziger Anspruch ist es, dass ihr aus euch mit wenig Aufwand viel rausholen könnt.“

Der Ausgangspunkt seines Lernkonzepts klingt zunächst erstaunlich schlicht. Bevor überhaupt gelernt werde, müsse man drei Fragen beantworten: „Was kann ich schon? Was muss ich können? Wie komme ich dort hin?“ Erst wenn diese geklärt seien, beginne der eigentliche Lernprozess. Viele Schülerinnen und Schüler machten aus seiner Sicht den Fehler, sofort mit dem Wiederholen oder Auswendiglernen zu beginnen, ohne sich zunächst klarzumachen, welche Anforderungen eine Klausur tatsächlich stelle.

Im Mittelpunkt seines Konzepts steht deshalb eine Unterscheidung, die nach seiner Überzeugung häufig übersehen wird. „Für mich existieren drei Arten von Lernstoff, die drei verschiedene Kompetenzen fordern. Für mich gibt es Dinge, die man wissen, können und verstehen muss.“ Wer diese Bereiche vermische, lerne oft unnötig lange und zugleich wenig effizient.

Unter „Wissen“ versteht Jorias Inhalte, die tatsächlich auswendig gelernt werden müssen – etwa geschichtliche Ereignisse oder die Symbolik literarischer Werke. „Können“ beschreibt für ihn methodische Sicherheit, etwa beim Verfassen einer Gedichtanalyse oder einer englischen Outline. „Verstehen“ schließlich meint, abstrakte Zusammenhänge zu durchdringen und auf neue Aufgaben anwenden zu können – beispielsweise in Mathematik oder Chemie. Jede dieser drei Kategorien verlange eine andere Herangehensweise. Darin liege der Kern seines Lernsystems.

Dabei warnt der Rekord-Abiturient ausdrücklich davor, seine Methode als allgemeingültiges Erfolgsrezept zu verstehen. „Die Frage, wie man sich Lernstoff idealerweise beibringt, ist hochkomplex und sowohl vom eigenen Lerntyp als auch von dem Stoff selbst abhängig.“ Seine Methoden seien deshalb ein persönlicher Erfahrungsbericht – kein allgemeines Erfolgsversprechen.

„KI kann wie ein Nachhilfelehrer sein, kann dich wirklich kontrollieren, kann dich auch stärker fordern und auch individueller auf dich eingehen, als es ein Lehrer kann“

Ein wichtiger Baustein seines Systems ist Künstliche Intelligenz. Bereits seit Beginn der Oberstufe nutzt Jorias KI regelmäßig als persönlichen Lernbegleiter. Sie stellt Aufgaben, kontrolliert Lösungswege, erklärt Fehler und simuliert mündliche Prüfungen.

„KI kann wie ein Nachhilfelehrer sein, kann dich wirklich kontrollieren, kann dich auch stärker fordern und auch individueller auf dich eingehen, als es ein Lehrer kann, weil der hat halt 20 Schüler oder so und KI ist ja nur one-on-one“, sagt Jorias. Gleichzeitig warnt er davor, sich blind auf die Technik zu verlassen. „Manchmal kommt da auch Quatsch raus.“ Wer KI lediglich nutze, um sich Lösungen liefern zu lassen, laufe Gefahr, selbst weniger nachzudenken, „dass man wirklich ein bisschen verdummt.“

Mindestens ebenso wichtig wie digitale Hilfsmittel sei jedoch der Unterricht selbst. Rückblickend bezeichnet Jorias die mündliche Mitarbeit als einen der entscheidenden Faktoren seines Erfolgs. „Die mündlichen Noten sind eigentlich in den meisten Fächern 50 Prozent der Endnote“, sagt er im Gespräch. Wer sich regelmäßig beteilige, verstehe den Stoff kontinuierlich und müsse vor Klausuren deutlich weniger nachlernen. Gute Noten seien deshalb oft das Ergebnis konsequenter Mitarbeit über Monate hinweg – nicht erst der Vorbereitung in den Tagen vor einer Prüfung.

Trotz aller Planung spiele auch Zufall eine Rolle, räumt der 19-Jährige ein. Das gelte nicht nur für Prüfungsaufgaben, sondern ebenso für Bewertungen. „Wenn die Lehrer keine 15 geben wollen, dann hat man die halt nicht.“

Dass Jorias mit seiner Lernstrategie die maximal möglichen 900 Punkte erreichte, macht seinen Fall dennoch außergewöhnlich. Im hessischen Punktesystem erzielte er sowohl in allen Kursen der Qualifikationsphase als auch in sämtlichen Abiturprüfungen die Höchstwertung von 15 Punkten. Rechnerisch entspricht das zwar einem Notendurchschnitt von 0,6, offiziell endet die Abiturnote jedoch bei 1,0. Auf seinem Zeugnis stehen deshalb die Note 1,0 und die volle Punktzahl von 900.

Wie selten ein solches Ergebnis ist, lässt sich kaum sagen. Nach Angaben des Hessischen Bildungsministeriums erreichten 2025 insgesamt 1.118 von 23.045 Abiturientinnen und Abiturienten die Note 1,0. Wie viele davon tatsächlich alle 900 Punkte erzielten, wird statistisch nicht erfasst. Die Ergebnisse des diesjährigen Abiturs sollen erst im Laufe der Sommerferien veröffentlicht werden.

„Ich glaube, auch in Bayern hätte ich ein sehr, sehr gutes Abi gemacht“

Die immer wieder aufflammende Debatte über unterschiedlich anspruchsvolle Abiturprüfungen in den Bundesländern sieht Jorias gelassen. Auf seinen Social-Media-Kanälen werde häufig gefragt, ob ihm ein perfektes Abitur auch in Bayern gelungen wäre. Eine seriöse Antwort darauf gebe es nicht, meint er. „Da hängt auch Glück dran.“ Zugleich ist er überzeugt: „Ich glaube, auch in Bayern hätte ich ein sehr, sehr gutes Abi gemacht.“

Nach einer Asienreise mit Freunden will er in München Management and Technology studieren. Dass ihm das perfekte Abitur dabei Türen öffnen wird, bezweifelt er nicht. Den eigentlichen Wert seines Rekords sieht er dennoch nicht in der Note selbst. Wertvoller sei die Aufmerksamkeit, die das außergewöhnliche Ergebnis ausgelöst habe. „Ich glaube, dass es quasi keine Situation im Leben gibt, wo das nicht irgendwie hilfreich sein kann.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zur Homepage von Alexander Jorias. 

Interview: Warum Wohlbefinden so wichtig fürs Lernen ist – wissenschaftlich belegt

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17 Kommentare
Fräulein Rottenmeier
1 Tag zuvor

„Gute Noten seien deshalb oft das Ergebnis konsequenter Mitarbeit über Monate hinweg – nicht erst der Vorbereitung in den Tagen vor einer Prüfung.“
Damit ist fast alles gesagt…..und was noch dazu kommt, ist das geistige Vermögen…..

S.B.
1 Tag zuvor

Und die Lehrkräfte und das Schulsystem sind schuld daran.

Fräulein Rottenmeier
8 Stunden zuvor
Antwortet  S.B.

Verstehe Ihre Replik nicht? Wieso sollte jemand Schuld, wenn der Schüler genau das tut, was sich alle wünschen, nämlich kontinuierliche Mitarbeit….?

Fräulein Rottenmeier
7 Stunden zuvor

Deutsch heute kaputt.
„Ich“ fehlt und „sein“ fehlt auch….

Wilhelm
1 Tag zuvor

Eine 1,0 gibt es aber bereits ab 823 Punkten, und genau darin liegt die Schieflage der Benotung. Früher gab’s ein Abizeugnis mit Noten in bestimmten Fächern drauf (ohne die mit Klasse 11 auslaufenden), da hätte man für eine 1,0 eben in allen Fächern „sehr gut“ haben müssen, wobei diese Note deutlich strenger verteilt wurde als heute. Eine Note wie 0,7 mit 15 Punkten gab es nicht. Die große Verbesserung der Abinoten ist also nichts anderes als ein Verfahrenstrick, damit besagt das eigentlich herzlich wenig.

Fräulein Rottenmeier
8 Stunden zuvor
Antwortet  Wilhelm

Was hat das jetzt mit meinem Kommentar zutun?

Wilhelm
6 Stunden zuvor

Sie haben ja Recht, aber gute Noten sind eben auch eine Folge der veränderten Spielregeln. Im Artikel liest sich das dann so:
„Sein Ziel sei vielmehr ein anderes: ‚Mein einziger Anspruch ist es, dass ihr aus euch mit wenig Aufwand viel rausholen könnt.‘ “
Es geht also um die Optimierung des Quotienten Aufwand/Ertrag.

ed840
1 Tag zuvor

 „Wenn die Lehrer keine 15 geben wollen, dann hat man die halt nicht.

Umso respektabler, dass die Lehrkräfte bei dem jungen Mann nicht so knausrig waren.

Karl Heinz
1 Tag zuvor

Wenn Abiturienten schon klingen wie die Coaches aus diesen Führungskräfteseminaren…
Schrecklich.
Einfach nur schrecklich

Fräulein Rottenmeier
7 Stunden zuvor
Antwortet  Karl Heinz

Was genau ist denn so schrecklich? Das jemand Lerntipps gibt? Jemand, der es vormacht und Vorbild sein kann?
Ich lerne auch gerne von Menschen, die aus der Praxis kommen, die mir Wege zeigen, wie etwas geht, die mich aber ansonsten nicht beurteilen (daher ist die Glaubwürdigkeit hier höher als bei Lehrern….)

tozitna
1 Tag zuvor

„Mein einziger Anspruch ist es, dass ihr aus euch mit wenig Aufwand viel rausholen könnt.“
In unserer Regionalpresse (Brandenburg/ Oberhavel) werden die (zahlreichen) 1.0er mit ähnlichen Statements zitiert. Überall Superlative mit wenig Aufwand.
Muss das so sein? Kann man wirklich mit 20% Aufwand (bei anderen: „habe mich nicht totgemacht beim Lernen“) das Beste geben/ der Beste sein? Oder ist dann der Maßstab verrutscht, wann etwas so richtig, richtig, richtig gut ist…

Fräulein Rottenmeier
8 Stunden zuvor
Antwortet  tozitna

Niemand wird mit 20 % Aufwand eine solche Abinote zustande kriegen…..aber mit effektiven 80 % Aufwand schon….und genau das ist doch auch gesund…..die letzten 20% führen zu Magengeschwüren und letztlich in den Burnout….

Realist
1 Tag zuvor

Die sozialen Medien eröffnen jedem neue Möglichkeiten, egal ob Abi mit 900 Punkten bestanden oder durchgefallen:

Die einen werden begehrte Lerncoaches, die anderen Shitfluencer, die jeden Stream mit „F… D…“ abschließen.

Millionen Follower haben sie alle.

Abitur: Du kannst nicht verlieren!

Joachim Schwarz
1 Tag zuvor

„Erstens habe ich das Glück, dass mir von Natur aus Schule und Lernen sehr leicht fällt.“
Das ist doch der springende Punkt. Beste Leistungen sind die Kombination aus angeborener Intelligenz und Fleiß. Das eine kann das andere nicht vollständig kompensieren. Wer das nicht früh genug versteht, macht sich u.U. kaputt.

Rainer Zufall
1 Tag zuvor

Ist heute heimlicher Themenmonat? 😀
https://www.swr.de/swrkultur/wissen/besser-lernen-gute-noten-mit-den-tricks-einer-influencerin-linda-weise-100.html

Ich persönlich sehe da viel Potenzial, allerdings lesen und hören wir hier von den Schüler*innen, die sich außerhalb ihrer Unterrichtszeit mit dem Lernen beschäftigen (können)

447
1 Tag zuvor

Eindrucksvoll, er bringt vieles gut verständlich auf den Punkt.