KÖLN. Die Gesellschaft verändert sich, die Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer wachsen stetig. Stellt sich die Frage: Was müssen angehende Lehrkräfte heute lernen, um den Herausforderungen von morgen gewachsen zu sein? Konkrete Ideen hat Matthias Martens, Professor für empirische Schulforschung an der Universität zu Köln – und Wissenschaftlicher Leiter der Heliosschulen Köln, wo (bundesweit in dieser Form einmalig) Lehrkräfte universitär und praktisch zugleich ausgebildet werden. Im Interview mit News4teachers erläutert er, was das Modell so besonders macht. Und was eine gute Lehrkräftebildung grundsätzlich ausmacht.

News4teachers: Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine gute Lehrkräftebildung heute aus?
Matthias Martens: Das ist eine sehr umfassende Frage – man kann sie als Beschreibung des aktuellen Zustands verstehen oder als Wunschbild. Ich versuche mal eine Mischung aus beidem.
Für mich zeichnet sich eine gute Lehrkräftebildung vor allem dadurch aus, dass die unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure in den verschiedenen Phasen der Ausbildung eng zusammenarbeiten. Historisch ist die Lehrkräftebildung in Deutschland auf zwei Säulen aufgeteilt: Die universitäre Ausbildung und die schulpraktische Ausbildung sind weitgehend voneinander getrennt. Begegnungsräume für die beteiligten Akteurinnen und Akteuren gibt es nur wenige. Genau hier sehe ich einen wichtigen Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung.
Gleichzeitig müssen beide Bereiche – die wissenschaftliche ebenso wie die schulpraktische Ausbildung – hohen Qualitätsansprüchen genügen. Lehrerin oder Lehrer zu sein, ist eine ausgesprochen verantwortungsvolle pädagogische und didaktische Tätigkeit. Dabei halte ich eine wissenschaftlich fundierte Lehrkräftebildung für ein großes Privileg, das historisch erkämpft worden ist. Sie ermöglicht angehenden Lehrkräften, wissenschaftliche Denk- und Reflexionskompetenzen zu entwickeln, die sie dabei unterstützen, die Komplexität ihres Berufs zu bewältigen. Außerdem erschließen sie sich ihre Unterrichtsfächer auf wissenschaftlicher Grundlage und erwerben die Fähigkeit, sich auch unter veränderten Bedingungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Ein weiterer zentraler Punkt ist das Verhältnis von Theorie und Praxis. Studierende wünschen sich zu Recht, dass beides sinnvoll miteinander verknüpft wird. Unsere Aufgabe an den Universitäten besteht deshalb darin, wissenschaftliche Inhalte so zu vermitteln, dass Studierende ihren praktischen Nutzen erkennen und erfahren, warum es sich lohnt, sich intensiv damit auseinanderzusetzen.
Schließlich müssen wir die Lehrkräftebildung weiterhin stark an den Herausforderungen der Zukunft ausrichten. Wir sollten uns kontinuierlich fragen, welche gesellschaftlichen Realitäten bilden sich gerade in Schule ab, welche Veränderungen kommen auf Schulen zu – beispielsweise durch den angekündigten demographischen Wandel, der mittel- und langfristig mit einer Reduzierung der Schüler*innenzahlen einhergehen wird –, welche Kompetenzen benötigen Lehrkräfte aktuell und zukünftig. Unsere Strukturen und Inhalte der Lehrkräftebildung müssen so gestaltet sein, dass (angehende) Lehrkräfte auf diese Veränderungen professionell reagieren können.
„Die Lehrkräftebildung befindet sich in einem kontinuierlichen Reformprozess“
News4teachers: Inklusion und eine größere Heterogenität der Schülerschaft etwa mit Blick auf die Sprachkompetenzen sind zwei der Herausforderungen, auf die Schule in jüngster Vergangenheit reagieren musste. Wie spiegeln sich solche gesellschaftlichen Entwicklungen in der Lehrkräftebildung wider?
Martens: Wenn wir auf die vergangenen 20 Jahre blicken, befinden sich sowohl das Bildungssystem insgesamt als auch die Lehrkräftebildung in einem kontinuierlichen Reformprozess. Dazu gehören beispielsweise die Modularisierung der Studiengänge, die stärkere Kompetenzorientierung und die deutlich ausgebaute Berufsfeldorientierung im Lehramtsstudium. Auch die Anteile der Fachdidaktik wurden erweitert. Viele dieser Veränderungen sind eine Reaktion auf die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien wie PISA oder TIMSS Anfang der 2000er-Jahre.

Darüber hinaus haben sich aber auch die von Ihnen erwähnten gesellschaftlichen Entwicklungen unmittelbar auf die Lehrkräftebildung ausgewirkt. Das gilt insbesondere für das Thema Inklusion, das sich beispielsweise in den Überarbeitungen der Lehrkräfteausbildungsgesetze niedergeschlagen hat. Auch in der universitären Ausbildung ist es mittlerweile ein zentrales Querschnittsthema – übrigens ähnlich wie Bildung für nachhaltige Entwicklung.
News4teachers: Ein weiteres dieser Querschnittsthemen ist sicherlich die Digitalisierung. Durch Künstliche Intelligenz hat der Bereich noch einmal an Komplexität gewonnen. Bildet die Lehrkräftebildung das ebenfalls bereits ab oder ist KI bislang vor allem in der Fortbildung verankert?
Martens: Im Moment ist besonders im Bereich der Lehrkräftefortbildung viel Bewegung zu beobachten. Die Wissenschaft trägt in zahlreichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten dazu bei, zeitgemäße und zukunftsfähige Fortbildungskonzepte bereitzustellen. Dazu haben auch große Förderprogramme des Bundes beigetragen.
Die Erkenntnisse und Konzepte fließen natürlich auch in die universitäre Lehrer*innenbildung ein. Die Entwicklung verläuft allerdings so rasant, dass es bislang noch nicht überall gelingt, KI flächendeckend und bedarfsgerecht in die Ausbildung zu integrieren.
Eine zentrale Herausforderung betrifft zudem die Lehrkräftebildung an den Hochschulen selbst, insbesondere das Prüfungswesen. Bei schriftlichen Leistungsnachweisen können wir heute nicht mehr ohne Weiteres feststellen, in welchem Umfang die Arbeit tatsächlich von Studierenden selbst stammt. Deshalb müssen wir unsere Prüfungsformen, aber auch unsere Vorstellungen von Lernen, Verstehen und Kompetenzerwerb an die neuen Bedingungen anpassen. Das ist sicherlich eine Aufgabe, mit der sich auch Lehrerinnen und Lehrer konfrontiert sehen: Wie gestalten wir Bildungs-, Lern- und Prüfungsprozesse unter KI-Bedingungen? Hier würde sich eigentlich eine stärkere Zusammenarbeit anbieten. Schule und Hochschule stehen vor denselben Herausforderungen.
Daneben ist KI ein zentrales Tool, um Bildungsprozesse zu gestalten. An den Universitäten gibt es dazu Reformimpulse und konkrete Aktivitäten. An der Universität zu Köln beschäftigt sich beispielsweise der gesamte Bereich Studium und Lehre intensiv damit, wie wir sowohl die Herausforderungen als auch die Chancen von KI aufnehmen und tragfähige Perspektiven entwickeln können. Für mich ist gerade in der Lehrkräftebildung von besonderer Bedeutung, KI als Werkzeug zu verstehen, das Prozesse schulischer und hochschulischer Bildung unterstützen und verbessern kann – zum Beispiel die Individualisierung des Lernens oder die individuelle Förderung. KI-Systeme haben das Potenzial, Lehrpersonen und Dozierende in der Gestaltung von Bildungsprozessen in heterogenen Lerngruppen zu entlasten. Dies darf aber nicht dazu führen, dass wir die Verantwortung für die fachliche, fachdidaktische und pädagogische Qualität des Unterrichts abgeben. Digitale Souveränität und Reflexionskompetenzen halte ich für Schlüsselfähigkeiten.
„Diese Beteiligung von Studierenden prägt die Gestaltung der Schule bis heute“
News4teachers: Herr Martens, als Professor für empirische Schulforschung sind Sie auch Wissenschaftlicher Leiter der Heliosschulen, der Inklusiven Universitätsschule Köln. Laut Eigenbeschreibung verfolgt diese Schule seit Gründung das Ziel, eine innovative Lehrkräftebildung zu verwirklichen. Was bedeutet das konkret?
Martens: Um das zu erklären, muss ich etwas auf die Entstehungsgeschichte der Schule eingehen. Der Gründungsprozess begann 2008 im Umfeld der Studierendenproteste gegen die Einführung von Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen. Lehramtsstudierende wollten damals nicht nur gegen die Gebühren protestieren, sondern zugleich einen inhaltlichen Impuls setzen. Ihre Forderung lautete: Wir brauchen eine andere, stärker praxisorientierte Lehrkräftebildung, in der Schule und Universität eng miteinander verbunden sind.
Zur gleichen Zeit gewann durch die UN-Behindertenrechtskonvention die Frage an Bedeutung, wie ein inklusives Bildungssystem gestaltet werden kann. Viele Studierende stellten fest, dass sie auf den Unterricht in inklusiven Schulen kaum vorbereitet wurden. Die Inklusive Universitätsschule Köln ist daher ganz wesentlich aus einer studentischen Initiative hervorgegangen. Diese Beteiligung von Studierenden prägt die Gestaltung und Weiterentwicklung der Schule bis heute.
Von Beginn an war ein zentraler Motor die Vorbereitung angehender Lehrkräfte auf ein inklusives Schulsystem. Das zeigt sich bereits im Namen der Schule. Zugleich orientierten sich Kolleginnen und Kollegen, die sich stärker an der Gründung beteiligten – das war noch vor meiner Zeit – unter anderem an sogenannten Teacher Training Schools, wie es sie beispielsweise in Finnland gibt. Eine grundlegende Frage bei der Gestaltung der Universitätsschule, die auch eine Praxisschule für die Universität sein sollte, lautete: Wie lässt sich schulpraktische Lehrkräftebildung so organisieren, dass die Universität die Ausbildungsbedingungen an der Schule aktiv mitgestaltet und wissenschaftliche Erkenntnisse und Schulpraxis eng miteinander verbunden werden?
Von Anfang an war aber auch die Zusammenarbeit mit den anderen Akteurinnen und Akteuren im Ausbildungssystem wichtig. Die Stadt Köln als Schulträger und untere Schulaufsicht sowie die Bezirksregierung Köln als Schulaufsicht und Verantwortliche für die schulpraktische Lehrer*innenbildung arbeiten mit der Universität zu Köln zusammen. Die Universitätsschule ist unser gemeinsamer Kommunikations- und Erfahrungsraum für die Lehrkräftebildung in der Region Köln.
Ein Ziel seit der Gründung ist, deutlich mehr Studierende an der Universitätsschule auszubilden, als dies gewöhnlich an einer Schule der Fall ist, nämlich bis zu 60 Studierende pro Semester statt der regulären drei bis fünf. Bei einem Kollegium von etwa 60 bis 80 Lehrkräften soll dies eine annähernd Eins-zu-eins-Betreuung zu ermöglichen. Damit ist auch der Anspruch verbunden, Lehrkräftebildung zu einer Aufgabe der gesamten Schule zu machen.
Gleichzeitig sollen die Studierenden die besondere Lernkultur der Schule unterstützen. Diese ist stark auf individuelle Lernbegleitung ausgerichtet. Die Studierenden sollen bereits früh in ihrer Ausbildung in die Rolle von Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern hineinwachsen, unterstützt von erfahrenen Lehrkräften und Mitarbeitende im Ganztag und der Inklusionsbegleitung.
Ich würde sagen, dass wir auf einem sehr guten Weg sind, diese Grundideen zu verwirklichen. Mittlerweile lernen und arbeiten in jedem Semester etwas mehr als 40 Studierende an der Universitätsschule. Innerhalb der Schule wurden innovative Betreuungsstrukturen aufgebaut, um diese große Zahl an Studierenden während des Praxissemesters angemessen begleiten zu können. Wir haben Veranstaltungsformate entwickelt, in denen Lehrpersonen, Fachkräfte aus dem Ganztag und der Inklusionsbegleitung, Dozierende der Universität, Studierende und Personen aus der zweiten Phase der Lehrer*innenbildung zusammenarbeiten.
News4teachers: Welche Erfahrungen machen Lehramtsstudierende an den Heliosschulen, die sie an anderen Schulen möglicherweise nicht in gleicher Weise sammeln können?
In den nächsten Tagen erscheit der zweite Teil des Interviews auf News4teachers.
Die Heliosschulen – Inklusive Universitätsschule Köln (IUS) – bestehen aus einer Grundschule und einer Gesamtschule und sind die erste bundesdeutsche Praxisschule in der Lehrkräftebildung. Entstanden ist das Projekt aus dem Wunsch von Studierenden nach einer Praxisschule, wie sie international – z.B. in Finnland – als Erfolgsmodell etabliert ist. Ziel ist es, Theorie und Praxis systematisch miteinander zu verbinden: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur inklusiven Lerngestaltung fließen unmittelbar in die schulische Arbeit ein. News4teachers begleitet die Entwicklung als Medienpartner.

Die Ursprünge der Inklusiven Universitätsschule Köln reichen bis in die Nullerjahre zurück. Studierende der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln wollten der Frage nachgehen, wie Inklusion an allgemeinbildenden Schulen konkret umgesetzt werden kann – auch vor dem Hintergrund des Beitritts Deutschlands zur UN-Behindertenrechtskonvention. Aus dieser Initiative entwickelte sich, mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Prof. Kersten Reich sowie der Stadt Köln, die Gründung einer zweizügigen Grundschule im Jahr 2015 und einer vierzügigen Gesamtschule im Jahr 2018. 2022 wurde zwischen der Stadt Köln, der Bezirksregierung Köln und der Universität zu Köln eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die die Arbeit der IUS in den Feldern Lehrkräftebildung, Schulentwicklung, Forschung und Innovationstransfer auf Dauer festschreibt.
Rechtlich handelt es sich um zwei eigenständige Schulen, die jedoch über ein gemeinsames pädagogisches Konzept, die Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und dem Jugendhilfeträger Perspektive Bildung e.V. sowie über eine gemeinsame Leitungs- und Organisationsstruktur eng miteinander verbunden sind. Perspektivisch ziehen beide Schulen gemeinsam in ein neues Gebäude.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Aus- und Fortbildung“.
Referendariatsreform: Angehende Lehrkräfte laufen Sturm gegen mehr Pflichtunterricht








