BERLIN. Der Digitalpakt 2 steht in den Startlöchern, doch bis die Mittel fließen, müssen die Länder noch ihre Umsetzungsregeln festlegen. Welche Lehren lassen sich aus dem ersten Digitalpakt ziehen? Wie können Schulträger die neuen Fördermöglichkeiten sinnvoll nutzen? Und welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen Bildungsverwaltung und Bildungswirtschaft bei der digitalen Transformation der Schulen? Darüber spricht News4teachers mit Dr. Christian Büttner. Der ehemalige Berufsschullehrer und frühere Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg (IPSN) führt seit 2024 das Forschungsinstitut Bildung Digital (FoBiD) und ist Vorstandsvorsitzender des Bündnisses für Bildung. Der gemeinnützige Verein vernetzt Vertreter der öffentlichen Hand, der Bildungswirtschaft, Bildungsinstitutionen und Start-ups, um den digitalen Wandel im Bildungswesen mit gemeinsamen Standards, Projekten und Handlungsempfehlungen zu unterstützen.

News4teachers: Herr Dr. Büttner, der Digitalpakt 2 ist beschlossen. Dennoch hört man derzeit vergleichsweise wenig darüber. Was ist der aktuelle Stand?
Büttner: Der Digitalpakt 2 ist beschlossen, die Finanzierung ist geklärt. Jetzt müssen alle Bundesländer zustimmen. Anschließend erstellen sie die jeweiligen Verordnungen, nach denen der Digitalpakt umgesetzt wird. Das ist der aktuelle Stand.
News4teachers: Das heißt: Alle warten jetzt auf den letzten formalen Schritt?
Büttner: Genau. Man wartet auf die letzten Unterschriften. Danach können die Bundesländer mit der Umsetzung beginnen. Nach aktuellem Stand können zudem Ausgaben, die rückwirkend ab dem 1. Januar 2026 erfolgt sind, angerechnet werden.
News4teachers: Für viele Kommunen ist das wichtig, weil sie auf Refinanzierung angewiesen sind.
Büttner: Richtig. Zunächst erhalten die Bundesländer die Mittel. Anschließend entscheidet jedes Land selbst, wie diese an die Schulträger weitergegeben werden. Das kann sehr unterschiedlich geregelt sein. Bayern hat beispielsweise eine Gesetzesänderung zum 1. Januar 2027 beschlossen: Der Freistaat und die Kommunen teilen sich die IT-Kosten dauerhaft nach einem 4-Säulenmodell, das IT-Kosten je Lerner pauschaliert. Nach meinem Kenntnisstand fließen die Mittel des Digitalpakts dort nicht direkt an die Kommunen, sondern in dieses Finanzierungsmodell.
News4teachers: Das Bündnis für Bildung versteht sich als Vernetzungsplattform zwischen kommunalen Schulträgern und der Bildungswirtschaft. Warum braucht es ein solches Netzwerk?
Büttner: Das Bündnis für Bildung ist ein Verein mit mittlerweile rund 180 Mitgliedern. Dazu gehören Bundesländer, Kommunen, Landkreise und Schulträger ebenso wie Unternehmen der Bildungs- und Digitalwirtschaft – von Verlagen über IT-Unternehmen und Systemhäuser bis hin zu Start-ups.
Dadurch entsteht ein 360-Grad-Blick auf die Transformation des Bildungswesens. Aus unserer Sicht ist der Austausch zwischen Bildungswirtschaft, Politik und öffentlicher Hand entscheidend. Er fördert das gegenseitige Verständnis für die jeweiligen Rollen und Herausforderungen.
Wir veröffentlichen außerdem Handlungsleitfäden, Whitepaper und Stellungnahmen. Dabei liefern wir keine Blaupausen nach dem Motto: „So muss es gemacht werden.“ Vielmehr entwickeln wir Fragenkataloge und Orientierungshilfen, anhand derer Schulträger, Länder oder andere Akteure eigene Lösungen entwickeln können.
Wichtig ist dabei, dass diese Papiere immer gemeinsam von Vertreterinnen und Vertretern der öffentlichen Hand sowie der Bildungswirtschaft erarbeitet werden. Außerdem prüfen achten Vorstand und Beirat darauf, dass sie neutral formuliert sind. Unser Anspruch ist, keine politischen oder wirtschaftlichen Einzelinteressen zu vertreten, sondern möglichst ausgewogene Handlungsempfehlungen zu geben.
News4teachers: Warum ist dieser Austausch überhaupt nötig? Könnte man den Bedarf der Schulen nicht einfach zentral erfassen und die benötigten Produkte am Markt beschaffen?
„Pädagogische Konzepte beeinflussen die technische Ausstattung, gleichzeitig eröffnet die vorhandene Technik neue pädagogische Möglichkeiten. Deshalb ist der Austausch heute wesentlich wichtiger als früher“
Büttner: So einfach ist das Bildungssystem in Deutschland leider nicht aufgebaut. Die Bundesländer verantworten die innere Schulangelegenheiten – also Lehrpläne und Personal –, während die Schulträger für Gebäude, Ausstattung, IT, Support und viele organisatorische Aufgaben zuständig sind.
Früher war diese Trennung nicht ganz so problematisch. Mit der Digitalisierung sind die Bereiche aber viel stärker miteinander verknüpft. Pädagogische Konzepte beeinflussen die technische Ausstattung, gleichzeitig eröffnet die vorhandene Technik neue pädagogische Möglichkeiten. Deshalb ist der Austausch heute wesentlich wichtiger als früher.
Hinzu kommt die enorme Heterogenität. Wir haben rund 40.000 Schulen, 16 Bundesländer und etwa 6.000 Schulträger. Großstädte verfügen über ganz andere Möglichkeiten als kleine Schulträger. Gerade deshalb ist der Erfahrungsaustausch wichtig.
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News4teachers: Wäre eine zentrale Einkaufsstelle für alle Schulen trotzdem nicht sinnvoll?
Büttner: Das ist auch eine Frage der Kultur. In Bayern gibt es beispielsweise eine Einkaufsgenossenschaft, über die Schulträger gemeinsam ausschreiben. Grundsätzlich bleibt aber die Herausforderung bestehen, dass Schulen sehr unterschiedliche Anforderungen haben. Eine Grundschule braucht andere Lösungen als ein Gymnasium oder eine Berufsschule.
Hinzu kommen unterschiedliche Zuständigkeiten und Finanzierungsmodelle. Vor dem Hintergrund des Föderalismus und der Komplexität des deutschen Bildungssystems kann ich mir derzeit keine zentrale Stelle vorstellen, die sämtliche Hard- und Software für alle Schulen beschafft.
News4teachers: Sie waren als kommunaler Verantwortlicher unmittelbar mit dem ersten Digitalpakt befasst. Was waren damals die größten Herausforderungen?
Büttner: Der Digitalpakt 1 war zunächst ein klassisches Infrastrukturprogramm. Es ging um Vernetzung, Serverlösungen und darum, überhaupt die technische Grundlage für digitales Lernen zu schaffen.
Mit den späteren Programmen für Schülergeräte, Lehrkräfteausstattung und Administration wurde deutlich, wie wichtig es ist, dass Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler über funktionierende Endgeräte verfügen und diese auch gewartet werden. Deshalb halte ich den Digitalpakt insgesamt für einen großen Erfolg.
Die Herausforderungen lagen vor allem in der Unterschiedlichkeit der Bundesländer und darin, dass viele Beteiligte zunächst Erfahrungen sammeln mussten. Schulen mussten überlegen, wie sie digital unterrichten wollen. Kommunen mussten klären, welche Technik sie benötigen und wie sie diese beschaffen können. Hinzu kamen Verwaltungsaufwand, Abrechnung und Nachweispflichten.
Man sieht aber auch, dass aus diesen Erfahrungen gelernt wurde. Im Digitalpakt 2 sind viele Dinge klarer geregelt. Software ist jetzt ausdrücklich förderfähig, und auch die Nachweisführung soll stärker vereinheitlicht werden. Ich glaube deshalb, dass der Digitalpakt 2 einfacher umzusetzen sein wird und zugleich mehr Flexibilität bietet.
News4teachers: Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern und der Bildungswirtschaft?
Büttner: Beide Seiten müssen zusammenarbeiten, wenn Schule besser werden und die Transformation gelingen soll.
Unlängst hat es dazu ein Spitzengespräch zwischen den Bundesländern und mehreren Verbänden der Bildungswirtschaft gegeben – darunter Bündnis für Bildung, Didacta Verband, EdTech Verband, Verband Bildungsmedien und Bitkom. Dabei wurde vereinbart, den Austausch zu intensivieren und verbindlicher zu gestalten. Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen und die Zusammenarbeit weiter zu verbessern.
„Lehrkräfte und Schulen sollten sich möglichst nicht mit datenschutzrechtlichen Detailfragen beschäftigen müssen. Alles, was ihnen zur Verfügung gestellt wird, sollte datenschutzkonform sein“
News4teachers: Datenschutz ist seit Jahren eines der zentralen Themen der Digitalisierung an Schulen. Wie erleben Sie die Situation?
Büttner: Man muss eigentlich zwischen Datenschutz und Datensicherheit unterscheiden. Datensicherheit lässt sich häufig technisch lösen. Beim Datenschutz besteht die größere Herausforderung darin, dass es zwischen den Bundesländern unterschiedliche Auslegungen gibt.
Unsere Position als Bündnis für Bildung ist klar: Lehrkräfte und Schulen sollten sich möglichst nicht mit datenschutzrechtlichen Detailfragen beschäftigen müssen. Alles, was ihnen zur Verfügung gestellt wird, sollte datenschutzkonform sein.
Dafür braucht es eine enge Abstimmung zwischen Politik, Verwaltung und Bildungswirtschaft. Idealerweise gäbe es ein gemeinsames Datenschutzverständnis aller Länder. Das würde für alle Beteiligten deutlich mehr Planungssicherheit schaffen.
Es laufen bereits verschiedene Projekte, die auf eine stärkere Harmonisierung abzielen. Das gemeinsame Ziel ist, beim Datenschutz zu mehr Verlässlichkeit zu kommen.
News4teachers: Gerade Schulleitungen empfinden die Situation oft als unübersichtlich.
Büttner: Die Verantwortlichkeiten sind grundsätzlich geregelt. Die Schwierigkeit besteht eher darin, dass Datenschutz unterschiedlich interpretiert und angewendet wird. Genau deshalb braucht es mehr Einheitlichkeit und möglichst bundesweit verlässliche Regelungen.
News4teachers: Beim Digitalpakt 1 wurde häufig die Bürokratie kritisiert. Wird der Digitalpakt 2 aus Ihrer Sicht schlanker?
Büttner: Das lässt sich im Moment noch nicht abschließend beurteilen, weil die Länder ihre Ausführungsbestimmungen noch nicht veröffentlicht haben.
Grundsätzlich hat man die Probleme erkannt. Entscheidend wird jetzt sein, wie sie in der Praxis umgesetzt werden.
Ich glaube allerdings, dass die eigentliche Herausforderung noch grundsätzlicher ist. Schulen, Schulträger und Bildungswirtschaft brauchen vor allem Stabilität und Verlässlichkeit. Das würde man eher erreichen, wenn Digitalisierung dauerhaft finanziert würde und nicht immer wieder über zeitlich befristete Programme organisiert werden müsste.
News4teachers: Also eine dauerhafte Finanzierung statt immer neuer Digitalpakte?
Büttner: Genau. Dann könnten Schulen und Schulträger langfristig planen. Es ginge nicht nur um die Finanzierung selbst, sondern auch um verlässliche Rahmenbedingungen.
Bayern hat beispielsweise ein dauerhaftes Finanzierungsmodell eingeführt. Ob das der richtige Weg ist, wird sich zeigen. Aber grundsätzlich halte ich Fünf-Jahres-Zyklen für zu kurz. Digitalisierung ist schließlich keine Aufgabe, die irgendwann abgeschlossen ist.
News4teachers: Digitalisierung hört ja nicht einfach auf.
Büttner: Richtig! Gleichzeitig ist das natürlich ein hochpolitisches Thema. Es geht um Zuständigkeiten, Finanzierungsverantwortung und langfristige Verpflichtungen. Deshalb ist eine dauerhafte Lösung nicht einfach umzusetzen.
„Die Anforderungen an Digitalisierung sind inzwischen so komplex, dass kleinere Schulträger nicht alle Kompetenzen selbst vorhalten können. Der Austausch mit anderen ist deshalb aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung“
News4teachers: Was würden Sie einem Schulträger raten, der sich jetzt auf den Digitalpakt 2 vorbereitet – gerade wenn er personell eher klein aufgestellt ist?
Büttner: Die meisten Schulträger haben aus dem Digitalpakt 1 bereits wichtige Erfahrungen mitgenommen. Entscheidend ist zunächst die enge Abstimmung mit den Schulen vor Ort. Welche Bedarfe gibt es? Wie soll künftig unterrichtet werden? Welche pädagogischen Konzepte verfolgen die Schulen?
Genauso wichtig ist der Blick auf andere Schulträger. Man sollte sich anschauen, wie andere ähnliche Herausforderungen lösen. Genau dafür sind Netzwerke hilfreich. Die Anforderungen an Digitalisierung sind inzwischen so komplex, dass kleinere Schulträger nicht alle Kompetenzen selbst vorhalten können. Der Austausch mit anderen ist deshalb aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung.
News4teachers: Dafür bietet sich das Bündnis für Bildung an?
Büttner: Genau. Dafür ist das Bündnis für Bildung da.
News4teachers: Und was würden Sie einem Unternehmen der Bildungswirtschaft empfehlen, das auf den deutschen Markt kommen möchte?
Büttner: Zunächst einmal würde ich sagen: Den einen deutschen Bildungsmarkt gibt es eigentlich nicht. Aufgrund der föderalen Zuständigkeiten ist der Markt sehr heterogen – und genau das muss man verstehen.
Der Markteintritt ist deshalb durchaus anspruchsvoll. Gleichzeitig bietet der Bildungsmarkt viele Chancen. Unternehmen müssen allerdings berücksichtigen, dass sie unterschiedliche Zielgruppen ansprechen: Lehrkräfte, die mit den Produkten arbeiten, und Schulträger, die diese häufig über Ausschreibungen einkaufen. Deshalb ist Vernetzung wichtig – sei es über Verbände der Bildungswirtschaft oder über das Bündnis für Bildung. Nur so lässt sich verstehen, wie dieser Markt funktioniert.
News4teachers: Lehrkräfte formulieren ihre pädagogischen Anforderungen, Schulträger finanzieren und beschaffen die Lösungen. Wie bringt man diese unterschiedlichen Perspektiven zusammen?
Büttner: Vor allem durch Kommunikation. Aus meiner Zeit in Nürnberg kann ich sagen: Wir haben Schulen, Schulverwaltung, Schulaufsicht und Politik gemeinsam in die Entwicklung der Digitalstrategie eingebunden. Alle Beteiligten wurden regelmäßig informiert und konnten ihre Perspektiven einbringen.
Dieses Mitnehmen aller Beteiligten ist entscheidend. Digitalisierung ist immer auch Projektarbeit und lebt von Kommunikation.
Wichtig ist außerdem das richtige Rollenverständnis. Wenn ich eine Lehrkraft frage: „Wie möchten Sie künftig unterrichten?“, dann sollte die Antwort nicht lauten: „Ich brauche ein einen bestimmten Prozessor, oder ein bestimmtes Gerät“ oder „Ich brauche diese Software.“ Die Antwort sollte sein: „Ich möchte im Unterricht dieses pädagogische Ziel erreichen.“
Dann ist es Aufgabe des Schulträgers zu überlegen, welche technische Ausstattung dafür erforderlich ist – ob digitale Tafeln, Endgeräte oder bestimmte Software. Dieses Verständnis der jeweiligen Rollen halte ich für sehr wichtig.
Sollte Digitalisierung in Schulen funktionieren: Erst den Bedarf definieren, dann die passende Lösung auswählen.
News4teachers: Sind im Bündnis für Bildung auch Lehrkräfte beziehungsweise Lehrerverbände vertreten?
Büttner: Ja. Mitglied sind unter anderem der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband, der Bayerische Philologenverband sowie der Deutsche und der Bayerische Realschullehrerverband. Die Perspektive der Lehrkräfte fließt also ausdrücklich in unsere Arbeit ein.
News4teachers: Sie plädieren für eine dauerhafte und verlässliche Finanzierung der Schuldigitalisierung. Gleichzeitig entwickeln sich Technologien – etwa Künstliche Intelligenz – immer schneller. Welche Konsequenzen hat das für Schule?
Büttner: Die Stabilität, die ich mir wünsche, bezieht sich nicht auf die Technologie selbst. Technologische Entwicklungen werden sich immer weiter verändern. Stabilität bedeutet für mich vielmehr Planungssicherheit bei Finanzierung und Rahmenbedingungen.
Schulen müssen gemeinsam mit ihren Schulträgern entscheiden können, welchen Weg sie gehen möchten. Künstliche Intelligenz verändert vieles sehr schnell. Dennoch hat sich die grundlegende Aufgabe von Lehrkräften nicht verändert: Schülerinnen und Schüler erfolgreich auf ein eigenständiges Leben, auf die Gesellschaft und auf das Berufsleben vorzubereiten.
Dabei geht es nicht nur um Wissen, sondern vor allem um Kompetenzen. Viele Zukunftskompetenzen lassen sich auch ohne KI vermitteln – etwa Kommunikationsfähigkeit oder kritisches Denken. Deshalb wird Lernen künftig aus meiner Sicht hybrid sein. Je nach Schulart und pädagogischem Konzept werden unterschiedliche Wege sinnvoll sein.
Entscheidend ist, dass Schulen überlegen, welche Kompetenzen ihre Schülerinnen und Schüler künftig brauchen und wie sie diese am besten vermitteln können. News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek führte das Interview.
Digitalpakt: Welche Spielräume das Vergaberecht Schulträgern bei Ausschreibungen lässt










Digitalisierung und Stabilität/Verlässlichkeit schließen sich für mich aus, leider. Selten funktioniert etwas, wie es eigentlich soll… 🙁