HAMBURG. Jahrelang bestimmte der Lehrkräftemangel die deutsche Schulpolitik. Nun erklärt erstmals ein Bundesland das Problem faktisch für beendet: Hamburgs Bildungssenatorin Ksenija Bekeris (SPD) stellt fest, in der Hansestadt sei kein Lehrermangel mehr zu verzeichnen. Von mehr als 16.000 Lehrer-Vollzeitstellen waren zum Schuljahresbeginn gerade einmal vier unbesetzt. Ist Hamburg damit ein Vorbote dessen, was dem Schulsystem bundesweit bevorsteht? Gerade hat die Bildungsministerkonferenz ihre Prognose für die Schülerzahlen in Deutschland drastisch nach unten korrigiert – die demografische Wende erreicht die Schulen früher als bislang erwartet.

Es sind vier Stellen, an denen sich eine bildungspolitische Zeitenwende festmachen könnte. Im August verfügten die staatlichen Schulen Hamburgs nach Angaben der Schulbehörde über 16.166 Lehrer-Vollzeitstellen. Lediglich vier davon waren vakant, eine Quote von 0,03 Prozent. Ein Jahr zuvor waren noch 58 Stellen unbesetzt gewesen. Zum Beginn des laufenden Schuljahres habe es an keiner staatlichen Schule Personalprobleme mit Auswirkungen auf den regulären Unterricht gegeben.
Für Bekeris ist die Konsequenz klar: In Hamburg sei „kein Lehrermangel zu verzeichnen“. Damit erklärt erstmals ein Bundesland den Lehrkräftemangel faktisch für beendet.
Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die vergangenen Jahre von der entgegengesetzten Entwicklung geprägt waren. Die Länder erhöhten Ausbildungskapazitäten, warben Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger an und versuchten mit unterschiedlichen Maßnahmen, Lehrkräfte zu gewinnen oder länger im Beruf zu halten. Auch Hamburg hatte reagiert, nachdem die Schulbehörde 2023 einen erhöhten Personalbedarf festgestellt hatte. Unter anderem wurden die Ausbildungskapazitäten ausgebaut und die Einstiegsbesoldung verbessert. Nun stehen den staatlichen Schulen 16.166 Lehrer-Vollzeitstellen zur Verfügung – 112 mehr als ein Jahr zuvor.
„Die Entwicklung der Schülerzahlen verläuft je nach Region und Schulart sehr unterschiedlich. Während die Zahlen an manchen Schulen bereits zurückgehen, steigen sie andernorts noch über Jahre“
Die Hamburger Entwicklung fällt mit einer zweiten zusammen, die den Lehrkräftebedarf in ganz Deutschland verändern dürfte: Die Bildungsministerkonferenz im Rahmen der KMK hat ihre Vorausberechnung der Schülerzahlen im September erheblich nach unten korrigiert. Noch im vergangenen Jahr war sie davon ausgegangen, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler bis 2032 wachsen würde. Nun soll der Höchststand bereits 2029 erreicht werden.
Nach der aktuellen Modellrechnung steigt die Schülerzahl an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen von rund 11,27 Millionen im Jahr 2025 zunächst auf 11,54 Millionen im Jahr 2029. Für 2040 werden nur noch 10,58 Millionen erwartet – etwa 694.000 oder 6,2 Prozent weniger als 2025. Gegenüber der gerade einmal ein Jahr alten Vorausberechnung liegt der neue Wert für 2040 um rund 677.000 Schülerinnen und Schüler niedriger.
Hauptursache sind die seit 2021 deutlich sinkenden Geburtenzahlen. 2025 kamen nach vorläufigen Angaben rund 654.300 Kinder zur Welt, 3,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor und so wenige wie seit 1946 nicht mehr.
„Die Entwicklung der Schülerzahlen verläuft je nach Region und Schulart sehr unterschiedlich. Während die Zahlen an manchen Schulen bereits zurückgehen, steigen sie andernorts noch über Jahre. Deshalb müssen wir genau hinschauen, wann und wo Lehrkräfte, Räume und Bildungsangebote gebraucht werden. Vorausschauende Bildungsplanung bleibt damit eine zentrale Aufgabe der Länder“, erklärte die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz und bayerische Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler).
Tatsächlich erreicht die demografische Wende die Schularten zu unterschiedlichen Zeitpunkten. In der Primarstufe geht die Schülerzahl nach der Modellrechnung bis 2040 um 14,8 Prozent zurück. In der Sekundarstufe I steigt sie dagegen zunächst noch bis 2031 um 8,3 Prozent. In der Sekundarstufe II wird der Höchststand erst 2035 erwartet. Auch die beruflichen Schulen dürften bis Mitte der 2030er-Jahre noch wachsen.
Hinzu kommen erhebliche regionale Unterschiede. In den westdeutschen Flächenländern steigt die Schülerzahl zunächst bis 2029 um 3,4 Prozent und liegt 2040 voraussichtlich 3,6 Prozent unter dem Niveau von 2025. In den ostdeutschen Flächenländern erwartet die Bildungs-MK bis dahin einen Rückgang um rund 21 Prozent. In den Stadtstaaten steigt die Zahl zunächst noch leicht bis 2028 und dürfte 2040 rund 5,3 Prozent niedriger liegen als 2025.
„Jahrelang wurde um Lehrkräfte geworben, doch jetzt werden sie sogar weggebeten. In Hamburg stehen gut ausgebildete Lehrkräfte vor verschlossenen Schultüren“
Hamburg ist bei dieser Entwicklung früh dran. Dort soll die Schülerzahl 2029 ihren Höchststand erreichen, an den Grundschulen ist sie bereits seit 2025 leicht rückläufig. Dass der von der Schulbehörde errechnete Personalbedarf nahezu vollständig gedeckt ist – daran entzündet sich nun der Streit. Die GEW Hamburg leugnet nicht, dass die von der Stadt vorgesehenen Stellen nahezu vollständig besetzt sind. Sie stellt infrage, ob deren Zahl den tatsächlichen Personalbedarf der Schulen abbildet.
„Wer den Bedarf weg kürzt, löst das Problem nicht!“, erklärt die Gewerkschaft. Sie verweist unter anderem auf die geplante Erhöhung der sogenannten Basisfrequenzen, also der rechnerisch zugrunde gelegten Klassengrößen. Nach Berechnungen der GEW bekommt dadurch ein durchschnittliches vierzügiges Gymnasium 2,5 Lehrkräftestellen weniger zugewiesen. Hochgerechnet auf die 66 Hamburger Gymnasien entspreche das rund 165 Stellen.
Hinzu kommt die Arbeitsbelastung. Nach der Hamburger Arbeitszeit- und Belastungsstudie besteht laut GEW allein an Gymnasien und Stadtteilschulen ein Mehrbedarf von mehr als 350 Vollzeitstellen, um die geleistete Mehrarbeit auszugleichen. Zugleich überschreitet ein Viertel der untersuchten Vollzeitkräfte während der Schulzeit die Wochenhöchstarbeitszeit von 48 Stunden.
„Jahrelang wurde um Lehrkräfte geworben, doch jetzt werden sie sogar weggebeten. In Hamburg stehen gut ausgebildete Lehrkräfte vor verschlossenen Schultüren“, kritisiert Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg. Denjenigen, die im Schulsystem blieben, würden gleichzeitig zusätzliche Belastungen und schlechtere Arbeitsbedingungen zugemutet.
„Die entscheidende Frage ist nicht, wie wenige Lehrkräfte Hamburg künftig einstellen muss, sondern wie viel Personal für gute Bildung und gute Arbeitsbedingungen benötigt wird“, erklärt Heimbüchel. „Sinkende Schüler*innenzahlen sollten für bessere Bildung und Entlastung genutzt werden – nicht für Kürzungen.“ News4teachers / mit Material der dpa









