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Tag der Handschrift: Lehrerverbände warnen die Politik davor, das Handschreiben in der Schule zu vernachlässigen

BERLIN. Alljährlich wird der 23. Januar in den USA als National Handwriting Day begangen. Das ist ein Anlass, um auf die problematische Situation des Handschreibens in Deutschland zu blicken: Immer mehr Kinder – das machen repräsentative Umfragen unter Lehrkräften und Eltern in Deutschland deutlich –, haben Schwierigkeiten, im Verlauf des Schriftspracherwerbs in der Grundschule eine „gut lesbare, flüssige Handschrift“ zu entwickeln, wie es in den bundesweit geltenden Bildungsstandards vorgegeben ist. Der VBE sowie der BLLV sprechen sich dafür aus, das Problem nicht zu vernachlässigen.

Immer mehr Schüler haben offenbar Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Immer mehr Schüler haben Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

„Es geht beim Handschreiben nicht nur um eine schöne, aber im Zeitalter der Digitalisierung doch verzichtbare Kulturtechnik – sondern um echte Bildungschancen. Neurowissenschaftler weisen darauf hin, dass bei Kindern die motorische und die kognitive Entwicklung zusammenhängen“, sagt Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts, Heroldsberg, das sich mit der Forschung auf den Gebieten der Schreibmotorik und der Schreibergonomie beschäftigt. „Lehrkräfte sehen mehrheitlich einen Zusammenhang zwischen dem Handschreiben und den Leistungen eines Schülers. Zu vermuten ist, dass von Problemen beim Handschreiben Kinder aus bildungsfernen Familien tendenziell öfter betroffen sind. Eine bessere schreibmotorische Förderung  könnte also dazu beitragen, die Bildungschancen gerade solcher Kinder zu verbessern.“ Deshalb, so Diaz Meyer, sollten Kitas und Grundschulen sich des Themas verstärkt annehmen.

Auch VBE-Vorsitzender Udo Beckmann sich dafür ein, die Bedeutung dieser Kulturtechnik nicht zu unterschätzen. „Handschreiben ist keine überholte Technik. Das Halten eines Stiftes und das Schreiben mit der Hand fördern die feinmotorischen Fähigkeiten eines Kindes. Außerdem wurde in verschiedenen Studien bewiesen, dass dies auch Auswirkungen auf die geistigen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler hat“, sagt er. Demnach werde die Merkfähigkeit geschult und das Lernen falle durch das Aufschreiben leichter, da beim Schreiben mit der Hand andere Gehirnregionen aktiviert werden als beim alleinigen Lesen von Informationen oder dem Eintippen über die Tastatur.

Nach Umfrage unter Lehrern entbrennt bundesweite Debatte um das Handschreiben

Beckmann führt aus: „Das Handschreiben zu erlernen, ist nicht immer eine leichte Aufgabe für die Kinder. Es braucht pädagogisches Feingefühl und Zeit, um sie an diese Technik heranzuführen. Das darf aber kein Grund für die anhaltende Diskussion um die Streichung der verbundenen Schreibschrift oder gar der Handschrift als solches sein.“ Auch sollte die zunehmende Digitalisierung nicht dazu führen, das Handschreiben in den Schulen zurückzudrängen. „Den Schülerinnen und Schülern darf nicht zugunsten des alleinigen Schreibens am Computer die Möglichkeit genommen werden, eine Handschrift und die entsprechenden Fähigkeiten zu entwickeln.“ Weiter betont Beckmann: „Das Handschreiben und das Schreiben am Computer dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beides ist für die Entwicklung verschiedener Fähigkeiten eines Kindes wichtig.“

„Wesentlicher Teil unserer Kulturtechnik“

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, schlägt in dieselbe Kerbe. „Die Handschrift ist ein wesentlicher Teil unserer Kulturtechnik. Sie darf nicht aufgegeben werden“, erklärt auch sie. Mit einem Aus der Handschrift würde ein Stück Persönlichkeit verloren gehen. Es sei zudem nachgewiesen, dass sich handgeschriebene Texte besser merken lassen. „Wissenschaftler weisen immer wieder auf das Zusammenspiel von Hirnfunktionen und feinmotorischen Bewegungen hin“, sagt sie – und beklagt, dass es in Zeiten von Tablets und Smartphones schon Grundschulkindern immer schwerer falle, flüssig und lesbar zu schreiben.

Mit dem „schleichenden Verlust dieses wichtigen und grundlegenden Kulturguts“ dürfe sich niemand abfinden. Im Gegenteil: „Ziel muss sein, dass möglichst viele Kinder nach vier Grundschuljahren diese Fähigkeit sicher und gut beherrschten. Für Heranwachsende sei die Schule noch der einzige Ort, an dem sie mit der Hand schreiben müssten und diese Fähigkeit gefragt sei. „Im Computer- und Handyzeitalter wird mehr in Tastaturen getippt als sich im Schreiben geübt. Das bleibt nicht ohne Folgen: Das Kulturgut Handschrift wird zur Nebensache.“

Auf der „didacta“ vorgestellt: Neue Initiative will helfen, das Handschreiben zu retten

Damit eine Aufwertung des Schreiben-Lernens gelingen könne, müssten für die Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen allerdings auch entsprechende Rahmenbedingungen erfüllt sein, fordert Fleischmann: „Dazu gehört ausreichend Zeit, genügend Personal und Möglichkeiten, mit den Grundschulkindern in Ruhe und ohne Prüfungsdruck zu trainieren. Die jungen Schülerinnen und Schüler sollten Schreibenlernen als Prozess erleben dürfen, an dem sie wachsen und reifen.“

Hintergrund zum Tag der Handschrift: Der 23. Januar ist der Geburtstag von John Hancock (1737 –1793), dem Erstunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Seine handschriftliche Signatur auf dem Dokument ist aufgrund ihrer Größe besonders markant. Agentur für Bildungsjournalismus

 

Umfrage unter Lehrern und Eltern

Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sehen immer häufiger, dass Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Handschreiben haben. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die der Deutsche Lehrerverband (DL) gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, im Jahr 2015 durchgeführt hat. Danach meinen vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Nach Einschätzung der an der Umfrage beteiligten Lehrkräfte haben die Hälfte der Jungen (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (31 Prozent) Probleme mit der Handschrift.

Hier geht es zu einem Bericht über die Lehrer-Umfrage.

Mehr als 96 Prozent der Eltern halten schreiben lernen mit der Hand heutzutage noch für wichtig, fast zwei Drittel davon sogar für sehr wichtig. Über 23 Prozent der Eltern stellen allerdings fest, dass ihre Kinder Probleme haben, mehr als 30 Minuten am Stück zu schreiben. Das wären hochgerechnet auf Deutschland 1,2 Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die nicht ausdauernd leserlich und ohne Verkrampfungen schreiben können. Dies sind Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter Müttern in Deutschland, die das Schreibmotorik Institut, mit Unterstützung des Bundeselternrates, im vergangenen Jahr durchgeführt hat.

Hier geht es zu einem Bericht über die Eltern-Umfrage.

„Eine ganze Kultur geht verloren“: Wie Künstler für den Erhalt des Handschreibens kämpfen – Ausstellung in Berlin

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