Gymnasial-Eltern greifen Gebauer an: „Ministerium scheint an seiner Belastungsgrenze zu sein“

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DÜSSELDORF. Was wird aus dem nächsten Schuljahr? Diese Frage stellen sich Lehrer und Eltern wohl deutschlandweit. Um hier Klarheit einzufordern, haben Eltern aus Nordrhein-Westfalen jetzt eine Petition ins Leben gerufen, mit der ein Masterplan eingefordert werden soll, wie es mit dem Unterricht nach den Sommerferien weitergeht. Die Landeselternschaft der Gymnasien NRW – der mitgliederstärkste Elternverband in Deutschland – unterstützt jetzt die Petition. Das kann für Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) politisch gefährlich werden.

Unter Druck: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer. Foto: Martin Kraft / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Die Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen e. V. (LE Gymnasien) ist eine mächtige Lobbyorganisation in der Bildungspolitik. Wie mächtig, das bekam seinerzeit die grüne NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann zu spüren. Als die LE Gymnasien beim Thema G8 ihren Kurs plötzlich um 180 Grad drehte und Löhrmann die Gefolgschaft verweigerte, war es um die (ursprünglich auch von dem Elternverband vorangetriebene) Schulzeitverkürzung geschehen – und Löhrmann stand als Bremserin im Abseits. Von diesem Debakel sollte sie sich politisch nie mehr erholen.

„Brauchen jetzt dringend die besten Köpfe“

Jetzt richtet sich die Wut der Elternschaft gegen ihre Nachfolgerin Yvonne Gebauer (FDP). „Mit der Bewältigung der letzten Schulwochen scheint das Ministerium für Schule und Bildung (MSB) an seine Belastungsgrenze gekommen zu sein, dabei braucht die Planung des nächsten Schuljahres jetzt dringend die besten und erfahrensten Köpfe“, so heißt es bitter in einem internen Schreiben, das News4teachers vorliegt. Die Kritik darin ist geradezu vernichtend.

„Die Berichte über das Schulsystem in seiner alltäglichen Unzulänglichkeit reißen im Moment nicht ab“, so schreiben die Elternvertreter. „Schulen sind auf digitalen Unterricht bestenfalls nur vereinzelt vorbereitet. In der Fläche sind große Lücken in der Wissensvermittlung aufgerissen von den Grundschulen über die weiterführenden Schulen bis hin zu den Berufskollegs. Viele Fächer gehen ganz verloren und der Restunterricht bleibt Stückwerk ohne die Möglichkeit, Inhalte und Kompetenzen zu sichern. Ein Konzept zum Lückenschluss? Fehlt!“

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Schulen und Schulträger bemühten sich – alleingelassen vom Ministerium

Schulen und Schulträger bemühten sich im Alleingang, datenschutzkonforme Lernplattformen für den Unterricht bereitzustellen. NRW habe im Gegensatz zu anderen Bundesländern derzeit fast keine brauchbare Basis für einen Distanzunterricht, vor allem da zentrale ministerielle Vorgaben fehlten. „Lernmodule für den Distanzunterricht wurden nicht zentral konzipiert bzw. freigegeben. Damit ist an einen abgestimmten Präsenz- und Distanzunterricht für die überwältigende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler nicht zu denken, konzeptionell sind wir in der Fläche ‚blank‘“.

Die Landeselternschaft zeigt sich zutiefst beunruhigt und macht jetzt mobil. Sie fordert ihre Mitglieder auf – Die Landeselternschaft der Gymnasien NRW repräsentiert nach eigenen Angaben „zur Zeit 80 Prozent der Gymnasien im Land NRW“, das wären mehr als 400.000 Schüler und ihre Eltern – eine Petition zu unterstützen, die Elternvertreter der Gymnasien und der Gesamtschule in der Stadt Rheine gemeinsam verfasst und ins Netz gestellt haben. „Es kann keine Lösung sein, Lehrerinnen mit der Umsetzung eines Distanzlernens allein zu lassen. Damit werden die Schülerinnen mit Unterlagen in diversen unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen Wegen versorgt, die diese dann alleine zu Hause bearbeiten sollen, ohne direkte Anleitung durch Lehrer_innen“, so heißt es darin.

Im Wortlaut

„Wir fordern den Landtag NRW auf, beim Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW darauf hinzuwirken, dass das MSB kurzfristig einen Masterplan Schulöffnung für das kommende Schuljahr 2020/21 zur Beratung und Beteiligung vorlegt“, so heißt es in einer Petition, die Elternvertreter von Gymnasien und Gesamtschulen der Stadt Rheine verfasst haben – und die die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW unterstützt.

Wörtlich heißt es im Begründungstext:

„Die Politik hat auf die Corona-Pandemie reagiert und im März 2020 alle Schulen in NRW geschlossen. Dies hat natürlich zu massiven und andauernden Unterbrechungen des Schulbetriebs geführt; eine Wiederaufnahme des Präsenzunterrichtes in einem den Lehrplänen angepassten Umfang ist weder kurzfristig noch auf längere Sicht absehbar. Das gilt für Grundschulen, weiterführende Schulen und auch Berufskollegs, betrifft also Schüler_innen aller Schulformen und aller Jahrgänge. Als Konsequenz drohen absehbar massive Lücken in der Bildung und Ausbildung unserer Kinder, die nicht hinnehmbar sind.   Es fehlen eindeutige und für alle nachvollziehbare Konzepte und Maßnahmen. Für Schulen ist „Auf Sicht fahren“ schädlich.

Als Teil des Nordrhein-Westfalen-Plans müssen jetzt Pläne konzeptionell ausgearbeitet werden, wie es mit der Schule im Schuljahr 2020/2021 weitergeht, wie der Unterricht gestalten werden soll, wie die Defizite aufgeholt werden.

Den Lehrerinnen und Schülerinnen müssen Hilfsmittel, wie eine einheitliche Videoplattform, ggf. Tablets, Drucker etc. zur Verfügung gestellt werden, so dass Unterricht auch zu Hause stattfinden kann.

Es kann keine Lösung sein, Lehrerinnen mit der Umsetzung eines Distanzlernens allein zu lassen. Damit werden die Schülerinnen mit Unterlagen in diversen unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen Wegen versorgt, die diese dann alleine zu Hause bearbeiten sollen, ohne direkte Anleitung durch Lehrer_innen.

Es ist absehbar, dass Schule erst einmal nur in abgespeckter Version und nur für einen Teil der Schüler_innen oder einen Teil der Zeit stattfindet. Daher müssen Alternativen frühzeitig ausgearbeitet werden und entsprechende Konzepte bereitgestellt werden. Ein abgestimmtes Konzept erst kurz vor dem nächsten Schuljahr wird im Hinblick auf umfangreiche organisatorische Vorbereitungen kaum rechtzeitig einführbar sein.

Diese Vorgehensweise ist auch unabdingbar, um Eltern Planungssicherheit zu geben, sollten die Kinder in welchem Umfang auch immer zu Hause betreut werden müssen. Das gilt insbesondere für die Grundschulen und die unteren Jahrgangsstufen der weiterführenden Schulen.“

Hier geht es zu der Petition.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

„Schulleitungen und Lehrkräfte sind fassungslos über ihren Dienstherrn, die Landesregierung“

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3 KOMMENTARE

  1. Die Eltern haben zwar Recht, aber alle anderen Landesregierungen kriegen es ja auch nicht hin.
    „Lernmodule für den Distanzunterricht wurden nicht zentral konzipiert bzw. freigegeben. Damit ist an einen abgestimmten Präsenz- und Distanzunterricht für die überwältigende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler nicht zu denken,“ ja, das trifft das Problem genau. Hier hätte man bundesweit etwas tun können, wenn wir eine funktionierende KMK hätten.

  2. Es fällt auf, dass die Probleme besser gelöst werden, wenn externe Spezialisten (Hochschulen, Eltern, Schülerinnen und Schüler etc.) eingebunden sind; Bundesländer, die sich hier besser aufstellen, kriegen den Schulbetrieb wieder viel schneller und effizienter auf die Beine. Hut ab!
    NRW hangelt sich von einem kurzfristigen Meilenstein zum nächsten (Abiturprüfungen, Wiederaufnahme Grundschulbetrieb, mündl. Abiturprüfungen, Nachprüfungen, dazwischen ein paar Ausreißer des R-Wertes, garniert mit einer Diskussion über eine Verkürzung der Sommerferien). Wer Vorbereitungszeit für das nächste Schuljahr verplempern will, soll genauso weitermachen.

    • Die FDP Ministerin hat doch auch externe Spezialisten, die sie beraten:

      Lindner
      Kubicki
      Teuteberg

      Da ohnehin zu viele in NRW Abi machen, ist Y.G. doch auf dem richtigen Weg.

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