VBE: Pensionierte Lehrer zurückholen zu wollen, ist zu Corona-Zeiten ein Unding

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BERLIN. Die Coronakrise hat den Lehrermangel aus den Schlagzeilen verdrängt – beseitigt ist er deshalb aber noch lange nicht, im Gegenteil. Dass Risikogruppen in der nächsten Zeit nicht unterrichten sollen, verschärft die Personalknappheit an den Schulen nochmal deutlich. Umso skurriler wirkt es, dass das bayerische Kultusministerium eine Risikogruppe – nämlich pensionierte Lehrkräfte – zurück an die Schulen holen möchte. „Gedankenspielen der Politik, die zur Lösung des teils eklatanten Lehrkräftemangels an Schulen derzeit die Rekrutierung von Lehrerinnen und Lehrerinnen im Ruhestand vorsehen, erteilen wir eine klare Absage“, heißt es jetzt beim VBE.  

Zurück in den Schuldienst – ausgerechnet zu Corona-Zeiten? Foto: Shutterstock

„Seniorinnen und Senioren gehören zur Hochrisikogruppe. Gerade sie müssen geschützt, dürfen aber keinesfalls bewusst gefährdet werden“, erläutert der Bundessprecher der Seniorenvertretung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Max Schindlbeck, mit Blick auf die derzeitige Lage. Entsprechende Arbeitsverträge seien schon in normalen Zeiten aus den verschiedensten Gründen nicht zu akzeptieren, in gesundheitsgefährdenden Ausnahmesituationen wie derzeit ­aber sogar grob fahrlässig und keine Option.

Gesundheitliche Gefährdung von Lehrern!

Der Bundesvorsitzende des VBE, Udo Beckmann, betont: „Seit Jahren weisen wir, auf die Folgen der Personalunterversorgung hin, die sich durch das Nicht-Handeln der Politik sukzessive verschärft haben. Zur Abmilderung dieser hausgemachten Schieflage darf keinesfalls eine gesundheitliche Gefährdung von Lehrerinnen und Lehrern im Ruhestand in Kauf genommen werden. Gleichwohl wissen wir, dass viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrung und Kompetenz andernorts weiterhin in den Dienst der Gesellschaft stellen – das verdient höchste Wertschätzung! Klar ist aber auch, der Schutz der Gesundheit dieser Menschen muss immer und gerade jetzt höchste Priorität haben.“

Hintergrund: Im April – also mitten in der Coronakrise – hatte sich das bayerische Kultusministerium an pensionierte Lehrkräfte gewandt, um sie zu einer Rückkehr in den Schuldienst zu bewegen. Dies meldete die GEW (News4teachers berichtete ausführlich über das Geschehen – und zwar hier). In einem mehrseitigen Schreiben seien sie zur Wiederaufnahme ihrer Lehrtätigkeit ab September gebeten worden, um dem Lehrkräftemangel an den bayerischen Grund-, Mittel- und Förderschulen Herr zu werden, hieß es. Die Gewerkschaft zeigte sich „fassungslos“. Menschen ab 60 gelten als Risikogruppe, die bei einer Infektion mit dem Coronavirus besonders gefährdet ist.

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Kultusministerium: Kommt auf das Infektionsgeschehen an

„Was schon zu normalen Zeiten problematisch ist, wird in Zeiten von Corona unmöglich. Wo bleibt die Fürsorgepflicht des Kultusministeriums?“, so fragte die GEW. Der Brief sei auch an Lehrkräfte gegangen, die in der Coronakrise unter keinen Umständen mehr unterrichten dürfen (auch an Verstorbene, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet) – und es sei kaum absehbar, dass sich der Ausschluss von Risikogruppen bis September ändere. „Was hat sich das Kultusministerium dabei gedacht, in Zeiten wie diesen, einen solchen Brief zu versenden?“ fragt sich die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Martina Borgendale, selbst Lehrerin und Personalrätin an einer Nürnberger Schule. „Nun die pensionierten Lehrkräfte zu reaktivieren, wenn auch erst ab September, geht gar nicht!“

Dass im September die Coronakrise auch in Bayern kaum beendet sein dürfte, macht ein Beschluss der Stadt München augenfällig: Sie hat das Oktoberfest abgesagt.

Nun hat das Kultusministerium laut „Bayerischem Rundfunk“ auf die Kritik reagiert: Es handle sich um ein freiwilliges Angebot für das kommende Schuljahr 2020/21 in Kombination mit dienstrechtlichen Maßnahmen, hieß es. Wegen des hohen Lehrerbedarfs sei dies schon vor der Corona-Krise geplant gewesen. Wenn also Lehrkräfte aus dem Ruhestand zurückkommen, müsse dies abhängig vom Infektionsgeschehen zu Beginn des nächsten Schuljahres und unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes erfolgen, so das Ministerium.

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ weiter berichtet, enthielt das Schreiben allerdings eine Frist, die keineswegs das Infektionsgeschehen zu Beginn des nächsten Schuljahres berücksichtigte: Ob die pensionierten Lehrkräfte wieder unterrichten möchten, mussten sie bis spätestens 10. Mai entscheiden. News4teachers

Worauf Lehrer in der Coronakrise einen Anspruch haben: GEW-Rechtsgutachten zum Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Schule

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2 KOMMENTARE

  1. Wir müssen endlich jetzt (wieder) an die Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte denken. Die werden dringend gebraucht und sind nicht plötzlich einfach so da!

    • In absehbarer Zeit gibt es soviele potentielle Seiteneinsteiger deren Jobs in der „freien Wirtschaft“ gekündigt werden, dass es keine eigenständige, den Steuerzahler belastende Lehramtsstudierende mehr braucht. Die Arbeitsagenturen werden glücklich sein, wenn sie ihre arbeitslosen Akademiker aus den Fallzahlen heraus und in die Schulen hinein bekommen:)

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