Mitbestimmung leicht gemacht: Schülern erste Demokratie-Erfahrungen ermöglichen

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LANGEN. Spicken erlaubt: Wenn es um das Thema Demokratiebildung geht, können sich Schulen viel voneinander abschauen. Doch nicht immer ist der Erfahrungsaustausch, zum Beispiel durch gegenseitige Schulbesuche, im laufenden Betrieb praktikabel. Inspirierende Vorbilder liefern aber auch Online-Angebote wie der kostenlose MOOC „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“. Darin geben unter anderem eine Grundschule im hessischen Langen und eine Integrierte Gesamtschule in Hannover Einblicke in ihre Arbeit. Am heutigen 23. Mai ist der Tag des Grundgesetzes – ein guter Anlass, um an ein wichtiges Bildungsthema zu erinnern.

Dass es vielen Menschen schwerfällt, sich für ihre Ideen zu engagieren, dabei mit anderen fair zu kommunizieren und zu einem friedlichen Konsens zu kommen, macht sich derzeit der erstarkende Rechtspopulismus zunutze. Als wirksames Rezept gegen solch anti-demokratische Tendenzen gilt nach wie vor Bildung. Möglichst früh, aber spätestens mit dem Schuleintritt sollen Kinder und Jugendliche demokratische Grundstrukturen erlernen. Schule ist allerdings auch ein Ort, an dem Macht ungleich verteilt ist und unter Umständen Erfahrungen gemacht werden können, die demokratischer Bildung entgegenstehen: Mobbing, Gewalt und Ausgrenzung gehören zum Beispiel dazu. Wie kann es trotzdem gelingen, Schülerinnen und Schülern Demokratie als Lebensform zu vermitteln?

„Eine Schule muss demokratisch sein“, sagt der Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann in einer Praxisreportage des Online-Kurses, mit dem die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover Lehrkräften Demokratiebildung näherbringen möchte. „Sie muss genau überlegen: Wo können die Schülerinnen und Schüler sich tatsächlich mit Aussicht auf Erfolg beteiligen?“, erklärt der Professor der Hertie School of Governance weiter. Es gehe dabei um eine echte Beteiligung, nicht um ein „So tun als ob“.

Dazu braucht es allerdings die Bereitschaft, verschiedene Perspektiven zuzulassen und wertzuschätzen. Die Albert-Schweitzer-Grundschule im hessischen Langen liefert dafür ein Beispiel. „Kinder haben einen anderen Blick auf die Dinge“, sagt Schulleiterin Barbara Busch im Praxisfilm und betont, wie wichtig es ist, Kinder an Entscheidungen, die ihre eigene Lebenswelt betreffen, zu beteiligen. Schule werde dadurch ein besserer Ort.

Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer
„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.“ Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier gibt es weitere Informationen.

Tatsächlich wurden in Langen bereits viele Ideen der Schülerinnen und Schüler verwirklicht. So haben die Kinder zum Beispiel selbst eine Regelung entwickelt, wie sie Chaos auf dem Rollerparkplatz vermeiden können, und sich dafür eingesetzt, dass die Schule für den Schulhof Baumstämme zum Balancieren anschafft. Es sei wert, ihnen zuzuhören, sagt Busch: „Das sind Ideen, da wäre ich niemals draufgekommen.“ Außerdem würden von den Kindern selbst initiierte Regeln viel mehr geachtet, als wenn sie vom Lehrer oder der Lehrerin kämen.

Debattieren, zuhören, sich aufeinander beziehen, das sollen die Kinder an der Albert-Schweitzer-Grundschule lernen. Grundlage dafür bietet eine partizipativ mit Schülern und Eltern erarbeitete Schulordnung. Darin fest verankert: Klassenrat und Schülerparlament. Im Klassenrat treffen sich die Kinder einer Klasse einmal pro Woche unter wechselndem Vorsitz, um Konflikte und Probleme zu lösen, aber auch um zu besprechen, was gut gelaufen ist. Grundbedingung für einen solchen Klassenrat sei allerdings, dass er von Kindern für Kinder stattfindet. Die Erwachsenen halten sich strikt zurück. Dasselbe gilt für das Schülerparlament, in dem die Klassensprecher regelmäßig zusammenkommen.

Starke Persönlichkeiten, die weit im Sozialverhalten seien, würden nach der vierten Klasse die Albert-Schweitzer-Schule verlassen, so Barbara Busch. Und noch einen schönen Nebeneffekt habe es, Kindern Verantwortung zu geben, wo sie altersgerecht angemessen ist, sagt Lehrerin Katrin Riedl: „Ich find das bequem, weil es uns Lehrern ja auch ein Stück Verantwortung nimmt, dadurch dass die Kinder ein Stück Verantwortung mittragen.“

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Kommunikation auf Augenhöhe

An der IGS Roderbusch in Hannover ist der Klassenrat wie in Langen ebenfalls fester Bestandteil des demokratischen Konzepts. An der weiterführenden Schule geht es nicht nur um Mitbestimmung: Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen und ermutigt werden, sich mit ihren Talenten und Fähigkeiten einzubringen – nicht nur im Schulalltag, sondern im Leben generell. Der Klassenrat sei ein erster Schritt dahin.

Schüler Gruppe Diskussion Mitbestimmung Demokratie (c) Shutterstock / Jacob Lund
Schülerinnen und Schüler brauchen verschiedene Plattformen der Mitbestimmung. Foto: Shutterstock / Jacob Lund

Auch die Schülervertretung gilt als wichtige Plattform für politisches Engagement und ermöglicht den Kindern und Jugendlichen, mit den Erwachsenen auf Augenhöhe zu kommunizieren. „Die Schülervertretung muss aus meiner Sicht eine ganz große Bedeutung haben. Sie kann gar nicht groß genug sein, weil sich da eigentlich wirklich Partizipation und Mündigkeit von Schülern ausbilden kann“, sagt Schulleiterin Brigitte Naber. Deswegen nehmen die SV-Mitglieder auch an Arbeitskreisen der Steuergruppe der IGS teil.

„Wir Lehrer sind teilweise betriebsblind“, erklärt Björn Rohloff, Didaktischer Leiter der IGS und Mitglied der demokratisch organisierten kollegialen Schulleitung. „Wir stecken in Strukturen und finden manchmal nicht heraus.“ Es sei daher wichtig zu wissen, wie die Schüler ticken, und auch in Ordnung, wenn die den Lehrern ab und zu einmal auf die Füße treten.

Besonders an einer Ganztagsschule, so Brigitte Naber, könne es nicht um die reine Wissensvermittlung gehen, sondern man müsse den Schülerinnen und Schülern Beziehungen anbieten. Schließlich sei die Schule für sie ein Ort zum Leben. In die gleiche Richtung geht auch der Magdeburger Politikprofessor Roland Roth, der im Film dafür plädiert, dass Schülerinnen und Schüler die Erfahrung machen müssen, dass ihre Stimme zählt und ihr Mitgestalten gefragt ist. „Da wo Kinder nur in die passive Rolle der sozusagen Trichterwissenskonsumenten gedrängt werden, da ist die Chance vergeben, überhaupt auch nur für diese Art der demokratischen Vielfalt vorzubereiten“, sagt Roth.

Demokratiebildung, so zeigen die Praxisbeispiele, umfasst weniger das Lernen über als vielmehr das Erleben von Demokratie. „Wenn man ins Wasser kommt, lernt man schwimmen“, sagte Goethe einst. Gut, wenn man es zunächst im flachen Wasser ausprobieren kann. Sonja Mankowsky / Agentur für Bildungsjournalismus

Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz im Rahmen einer feierlichen Sitzung des Parlamentarischen Rates ausgefertigt und verkündet. Damit war die Bundesrepublik Deutschland gegründet.

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