Philologen: Corona-Krise darf den Klimaschutz nicht von der politischen Agenda verdrängen

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STUTTGART. Die Corona-Krise beherrscht die Schlagzeilen – und hat scheinbar eine noch deutlich größere Bedrohung aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt: den Klimawandel. Bernd Saur, Ehrenvorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, und Katja Kranich, Schulleiterin des Stromberg-Gymnasiums in Vaihingen/Enz, mahnen in ihrem gemeinsamen Gastbeitrag für News4teachers an, den Klimaschutz nicht aus dem Blick zu verlieren.

Viele Schüler engagieren sich für Fridays for Future, auch wenn die Möglichkeiten für Aktionen derzeit stark eingeschränkt sind. Das Foto entstand vor der Corona-Krise. Foto: Shutterstock

Schon bald werden Beatmungsgeräte nicht mehr helfen…

„Es gehört zur Identität unseres Landes, Größtes zu leisten“ (Angela Merkel)

von Katja Kranich und Bernd Saur

Über das beachtliche Bedrohungspotenzial des weltweiten Corona-Geschehens dürfte weitgehend Einigkeit bestehen. Unsere globalisierte Welt befindet sich im Würgegriff einer Virus-Pandemie. Die Maßnahmen und Möglichkeiten zu ihrer Bekämpfung sind nicht in jedem Land dieselben. Dass Deutschland vieles richtig macht, wurde unserem Land am 16.4.2020 durch das Sicherheits-Ranking der Londoner Denkfabrik „Deep Knowledge Group“ (DKG) attestiert. Bei einem weltweiten Vergleich von 40 Ländern erweist sich Deutschland als das sicherste Land Europas und belegt Platz 2 hinter Israel. Kein weiteres europäisches Land befindet sich unter den Top 10. Die deutschen Maßnahmen zur raschen Eindämmung des Virus sowie die Vorkehrungen zur Stützung der Wirtschaft überzeugten die Londoner Denker. Und tatsächlich scheint kein Land der Welt seinen darbenden und zum Teil in ihrer Existenz bedrohten Betrieben so viel Geld zur Verfügung zu stellen wie Deutschland.

Die Bundesregierung und die 16 Ministerpräsidenten gehen bewusst nicht den schwedischen Weg der sogenannten Herdenimmunisierung, wiewohl sich die Wissenschaftler hierzulande nicht allesamt einig sind, ob ein mehr oder weniger kompletter und längerer Shutdown der alleinig sichere Königsweg ist. Bilder aus Krankenhäusern in der Lombardei, aus New York, aus Ecuador, aber auch aus deutschen Pflegeheimen mit Patienten an Beatmungsgeräten führen uns tagtäglich vor Augen, welche Bedrohung diese Pandemie für uns alle darstellt, und es ist natürlich auch den damit verbundenen Ängsten in der Bevölkerung geschuldet, dass die Menschen nie gekannte und für möglich gehaltene, massive Einschränkungen ihrer Grund- und Menschenrechte akzeptieren. Andere Bilder, solche aus Syrien mit der Bombardierung von Krankenhäusern durch al-Assad, Erdogan und Putin sowie Bilder von Lesbos und dem Jemen treten derweil komplett in den Hintergrund.

Auf jede Tagesschau, in der bereits ausführlich über die Epidemie berichtet wird, folgt täglich eine mindestens viertelstündige Sonderberichterstattung zum alles überlagernden Thema. Wir befinden uns wahrlich im Ausnahmezustand.

Am 15.4.2020 wurde im Kanzleramt eine Exit-Strategie beschlossen und der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt. Über die Modalitäten gehen die Meinungen verständlicherweise zum Teil stark auseinander. Die Exit-Strategie rief auch diejenigen erneut auf den Plan, die sich fragen, ob die Kollateralschäden der Maßnahmen nicht vielleicht die durch die Maßnahmen verhinderten Schäden deutlich zu übersteigen drohen. Sie sprechen sich für einen deutlich rascheren Exit aus. Auch wird die Frage aufgeworfen, ob denn die spätere Rückzahlung der jetzt gemachten Schulden unseren jungen Menschen zuzumuten ist, vor allem wenn für den riesigen Schuldenberg irgendwann einmal wieder hohe Zinsen zu bezahlen sind.

Punktuelles Unverständnis über einzelne Beschlüsse ändern jedoch nichts daran, dass die Deutschen grundsätzlich bereit sind, eine massive Beschneidung ihrer Freiheitsrechte hinzunehmen bis hin zu abstrusen Vorgaben, wie zum Beispiel dass das Sitzen auf einer Parkbank mancherorts mit einer saftigen Geldstrafe geahndet wird. Nicht jede Zwangsmaßnahme ist logisch fundiert. Dass die Menschen sogar bereit sind, auch Unsinniges hinzunehmen, lässt aufhorchen und ist jedenfalls bemerkenswert.

Wenn die Menschen zur Abmilderung der Corona-Pandemie bereit sind, auf fundamentale Rechte zu verzichten und Zwangsmaßnahmen zu akzeptieren, sollten dann seitens der Politik nicht auch Zwangsmaßnahmen angewendet werden, um die Menschheit vor einer noch viel größeren Gefahr zu bewahren?

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Zwangsmaßnahmen auch zur Eindämmung des Klimawandels?

Dieselben Menschen wissen, dass der Klimawandel zu unermesslichem Leid und Elend für Millionen und Abermillionen Menschen führen wird. Seit Wochen kommen in den Medien nur Virologen und Epidemiologen zu Wort. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hatte zuvor zu keinem Zeitpunkt diese ungebrochene mediale Präsenz und politische Bedeutsamkeit.

Sollte die offensichtlich zu weitgehendem Verzicht bereite Spezies Mensch im Interesse ihrer Kinder und Kindeskinder, vor allem derer in Regionen, die unbewohnbar werden von der Politik nicht fordern, umgehend mindestens ebenso einschneidende Zwangsmaßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels zu verfügen, denen sie sich dann genauso unterordnen würden wie den jetzt verfügten?

Wir sind bereit, die Wirtschaft lahmzulegen wegen eines neuartigen Virus, wandeln jedoch schlaftrunken vor uns hin, wenn es darum geht, unseren Globus bewohnbar zu halten. Wir wissen ganz genau, welcher massiven Maßnahmen es weltweit bedarf und beschränken uns darauf, über kosmetische Änderungen zu diskutieren und uns kleinlaut einzugestehen, dass die Fridays for Future- Bewegung im Grunde ja berechtigt ist.

Nein, es darf Polen nicht erlaubt werden, ein Kohlekraftwerk bis 2050 zu betreiben, das so viel ausstößt wie die gesamte Republik Slowakei. Es steht in keinem Verhältnis, dass 15 Containerschiffe die Weltmeere durchpflügen und dabei so viel Schadstoffe emittieren wie 750 Millionen Autos. Es darf nicht wieder Standard werden, dass es täglich 4 Lufthansa-Flüge von Nürnberg nach München gibt.

Zukunft des gesamten Globus retten

Uns allen ist klar, dass nur politisch verordnete Maßnahmen einen wirklich wirksamen Effekt auf die Klimaziele haben werden. Wenn der Globus technologisch, wirtschaftlich und medial sowie durch den Flugverkehr auch geographisch (epidemiologisch ja schon länger) ein Dorf geworden ist, dann muss dieses Dorf auch in der Lage sein, sein eigenes Überleben zu sichern. Man stelle sich einmal vor, die derzeit hundertfach investierten Milliarden zur pauschalen Stützung der Wirtschaft würden ansatzweise in die Erforschung zukunftsfähiger Technologien fließen und würden Unternehmen subventionieren, die sich jenseits vom Shareholder-Value-Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichten.

Dieselbe Verzichtsbereitschaft, die die Weltbevölkerung jetzt bei Corona aufbringt, muss die Politik für eine ungleich größere Aufgabe bedingungslos einfordern, nämlich für die Rettung unserer Heimstatt, unseres Planeten. Es ist ehrenwert, wenn wir durch den jetzigen Verzicht einige tausend Menschenleben retten. Um wieviel verantwortungsvoller wäre es, wenn wir durch Verzicht und nachhaltige Investitionen die Zukunft des gesamten Globus retten würden und damit eine ganz andere Risikogruppe schützen würden, nämlich unsere Kinder und Kindeskinder.

Wenn Angela Merkel Recht hat, wenn es tatsächlich zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten, so bedarf es jetzt der Courage, mit derselben Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit eine globale Strategie gegenüber der ganzen Welt einzufordern, um unseren Globus zu retten. Keine unverbindlichen Lippenbekenntnisse auf Klimakonferenzen, kein Herumdoktern an Winzigkeiten, die niemandem weh tun. Was wir brauchen ist ein weltweit verbindlicher Maßnahmenkatalog, dem sich alle unterzuordnen haben. Denn für den Schutz der Risikogruppe von morgen werden Beatmungsgeräte nicht ausreichen.

Hier ist ein weiterer Gastbeitrag von Katja Kranich und Bernd Saur auf News4teachers:

Gastbeitrag: Was vielen Kindern zusehends fehlt, ist ein klarer erzieherischer Rahmen – und das bekommt die Schule zu spüren

 

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