Vier von fünf Lehrern unterrichten ohne den einfachsten Corona-Schutz – und jeder dritte muss auch noch selbst im Klassenraum putzen

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BERLIN. Während die Schulen mit schnellen Schritten von immer mehr Bundesländern in einen Normalbetrieb ohne Abstandsregeln gedrängt werden, gelten selbst einfachste Hygieneregeln in vielen Klassenzimmern nicht. Dies ergibt eine aktuelle Umfrage des VBE, die die Bedingungen, unter denen Lehrerinnen und Lehrer derzeit arbeiten müssen, beleuchtet. „Anstatt ein angemessenes Arbeitsumfeld mit ausreichend Zeit für Bildung und Erziehung zu schaffen, bekommen Lehrkräfte den Putzeimer in die Hand gedrückt“, sagt Verbandschef Udo Beckmann.

Das Putzzeug müssen Lehrer mitunter auch noch selbst kaufen. Foto: Shutterstock

„Die Kultusministerien ordnen die Aufhebung des Abstandes an, während sich jede dritte Lehrkraft durch die bestehenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen jetzt schon nicht ausreichend geschützt fühlt. Es wird zu wenig getan, um den veränderten Bedingungen gerecht zu werden“, kritisiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). „So berichten 29 Prozent der Lehrkräfte, dass kaum oder keine Reinigungsmittel und dafür notwendige Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt werden. Eine einfache und effektive Möglichkeit, wie sie auch in Supermärkten und Arztpraxen eingesetzt wird, ist das Aufstellen von Plexiglasscheiben. 78 Prozent der Lehrkräfte berichten aber, dass es das nicht gibt. Zudem sagt jede dritte Lehrkraft, dass die Lehrerinnen und Lehrer selbst Räume putzen, um den höheren Rhythmus bei der Reinigung zu gewährleisten.“

Die Lehrer wurden Ende Mai zur Lage in den Schulen befragt

Er bezieht sich auf die aktuellen Zahlen einer vom VBE beim Institut forsa beauftragten repräsentativen Umfrage unter 1.006 Lehrkräften allgemeinbildender Schulen. Diese beschäftigte sich mit der Situation an Schulen während der ersten Wochen der Schulöffnungen und wurde Ende Mai 2020 im Rahmen des Befragungspanels forsa.omninet durchgeführt.

Über 60 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass sie momentan im Vergleich zum regulären Schulbetrieb eine höhere Belastung haben, weitere 20 Prozent eine ähnliche. Beckmann verweist auf das hohe Engagement der Lehrkräfte, die in der Phase der Schulöffnungen zwischen Präsenzunterricht, der Aufgabenerstellung für das selbstständige Lernen zuhause und der Begleitung dieser Schülerinnen und Schüler sowie dem Einsatz in der Notbetreuung pendeln.

Nach den Ursachen für den Mehraufwand gefragt, gibt die Hälfte an, dass es einen höheren Organisationsaufwand gibt, zum Beispiel um Aufgaben zu versenden.

Für je etwas über 40 Prozent der Lehrkräfte kommt der Mehraufwand von der parallelen Betreuung der Lerngruppen zuhause und dem Unterricht vor Ort sowie von dem Bedarf an Kommunikation zu unterschiedlichen Zeiten.

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Arbeitszeiten der Lehrerinnen und Lehrer weiten sich aus

„Wir sehen eine deutliche Ausweitung der Zeiten, zu denen Lehrkräfte arbeiten. Eltern und Schülerinnen und Schüler lernen zuhause, wie es am besten in die dortigen Strukturen passt. Das ist auch vollkommen in Ordnung – nur entsteht so zu unterschiedlichsten Zeiten der Bedarf an Unterstützung durch die Lehrkraft. Das führt zu einer Streckung der Arbeitszeit. Die Kultusministerien sind aufgefordert, hier sehr genau hinzusehen, dass der Arbeitsschutz der Beschäftigten gesichert wird“, erklärt der VBE Bundesvorsitzende.

Nachdem die Lehrkräfte für die „Bildung in der digitalen Welt“ weder fortgebildet wurden, noch ausgestattet sind, mussten sie sich in den letzten Wochen in die Nutzung digitaler Anwendungen einarbeiten. Dies führte bei jeder dritten Lehrkraft zu Mehraufwänden. Die Durchführung von Telefon- und Videokonferenzen wurde von jeder vierten Lehrkraft als Ursache für Mehrarbeit angegeben. Beckmann kommentiert dieses Engagement: „In kürzester Zeit und mit hoher Anstrengung wurde mit digitalen Anwendungen die Kommunikation zu den Schülerinnen und Schülern aufrechterhalten, um Aufgaben zu erklären, Fragen zu beantworten und einen Raum für den Austausch mit anderen zu schaffen. Das viel gepriesene ‚digitale Lernen‘ ist das aber noch nicht. Dafür brauchen die Lehrkräfte quantitativ ausreichende und qualitativ hochwertige Fort- und Weiterbildungen innerhalb der Dienstzeit und Unterstützung bei der Erstellung und Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte. Entlasten würde es die Hälfte der Lehrkräfte, wenn Schülerinnen und Schüler mit Endgeräten ausgestattet werden. Jede dritte Lehrkraft gibt auch die eigene Ausstattung mit einem Gerät als Entlastungsmöglichkeit an.“

Je die Hälfte der Befragten sagt, dass es sie entlasten würde, nicht gleichzeitig für Lerngruppen in der Schule und zuhause zuständig zu sein und wenn organisatorische Aufgaben reduziert würden. Ungefähr ein Drittel der Lehrkräfte setzt für eine Entlastung auf curriculare Veränderungen, wie Lerninhalte zu reduzieren oder sich auf die Kernfächer zu konzentrieren. Das passt auch gut zusammen mit der Erkenntnis, dass 82 Prozent der befragten Lehrkräfte sagen, dass es in der Schulöffnungsphase die größte Herausforderung sei, Lernunterschiede auszugleichen.

Beckmann warnt aber davor, in der aktuellen Lage zum Beispiel ganz auf musisch-künstlerische Fächer zu verzichten: „Wir wissen, dass es sehr positive Effekte haben kann, die erlebte Zeit auch kreativ verarbeiten zu können. Hier muss eine angemessene Balance zwischen dem Aufholen von Lerninhalten und dem Raumgeben für die Persönlichkeitsentwicklung gegeben werden.“ Wichtig sei zudem das Zurückgeben der Struktur (56 Prozent).

Fieber und Husten? Zu viele Lehrer wissen nicht, was dann passiert

Mehrheitlich antworteten die Lehrkräfte, dass sich eine Person mit Erkältungssymptomen nicht an der Schule aufhalten dürfe. Wenn diese Fieber und/oder Husten habe, gibt jeder dritte Befragte an, dass die Person auf das Corona-Virus getestet werde, 40 Prozent sagen, dass dies unterschiedlich ist und vom behandelnden Arzt abhängt.

Udo Beckmann ist Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Foto: Sibylle Ostermann
Zeigt sich empört: VBE-Vorsitzender Udo Beckmann. Foto: Sibylle Ostermann / VBE

„Erschreckend ist aber auch, dass je ein Viertel der Lehrkräfte diese Fragen nicht beantworten konnte, weil es nicht eindeutig geregelt ist oder sie es nicht wissen. Zudem konnte über die Hälfte keine Angaben zu den Quarantäneregelungen machen. Hier ist ein Informationsdefizit entstanden, welches die Kultusministerien zu verantworten haben“, kritisiert Beckmann und fordert: „Es braucht einfache und klare Regelungen, die nachvollziehbar und eingängig sind. Zudem müssen die Gesundheitsministerien auch weitere Maßnahmen ergreifen, um den Gesundheitsschutz wieder glaubwürdig zu priorisieren. Dazu könnte auch das Angebot freiwilliger Testungen auf das Corona-Virus zählen. Zwar bieten diese keine Sicherheit, nicht zu einem späteren Zeitpunkt zu erkranken, erhöhen aber das subjektive Sicherheitsgefühl und könnten auch im Rahmen der Strategie zur Ausweitung der Testaktivitäten ihren Platz haben. 74 Prozent der Lehrkräfte befürworten freiwillige Tests.“ News4teachers

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22 KOMMENTARE

  1. „Anstatt ein angemessenes Arbeitsumfeld mit ausreichend Zeit für Bildung und Erziehung zu schaffen, bekommen Lehrkräfte den Putzeimer in die Hand gedrückt“. In den Grundschulen ist das der Fall. Hier arbeiten nahezu 99 Prozent Frauen. Die bekommen nun auch noch den Putzeimer in die Hand gedrückt und dürfen nach Unterrichtsschluss im Raum desinfizieren und sauber machen. Man ist einfach davon ausgegangen, dass die Frauen das (neben allen anderen Tätigkeiten) eben auch noch zusätzlich machen. Putzen. Der Beruf „Grundschullehrerin“ wird dadurch weiter entwertet und die Frauen, die diesen Beruf ausüben, werden weiter abgewertet. Nach dem Motto: Kleine Kinder, kleines Gehalt. UND Putzen, aber richtig, bitte!

    • Gendergerecht ist das nicht. Kann ich mir gar nicht vorstellen, die Gleichstellungsbeauftragte würde doch gleich tätig werden.

      • Nachdem im Grundschulbereich seit Jahrzehnten der Mangel verwaltet wird und unzählige Aufgaben wie selbstverständlich immer wieder oben drauf gekommen sind, wundert sich kaum jemand darüber, dass LehrerInnen nun auch noch Tische und Stühle desinfizieren und abwischen und Türklinken desinfizieren. Auch DAS wäre eigentlich Aufgabe des Schulträgers.

        • Der Fall ist einfach: Die SL schließt die Schule sofort. Ist die Reinigung druch den Träger nicht gesichert, kein Unterricht.

          • Da kenne ich mich leider rechtlich nicht gut genug aus, was Schulleitungen theoretisch für Befugnisse haben. In der Praxis ist es wie beschrieben. Eine Bekannte, die in einer Kita arbeitet schildert es ebenso. Ich persönlich sehe darin eine ganz klare Diskriminierung von Frauen, weil man einfach mal voraussetzt, dass sie – natürlich – dann auch noch desinfizieren und den Putzlappen schwingen.

          • Sehe ich auch wie omg.
            Grundschullehrer beschreibt die Situation an den Grundschulen zwar treffend, aber wir (Ich bin Grundschullehrerin.) müssen uns klar machen, dass das System so lange funktioniert, solange wir immer im Sinne der Kinder versuchen, politischen ud strukturellen Bockmist irgendwie auszugleichen. Erst wenn auch wir Lehrer ganz klar Stop-Signale senden und lernen, „NEIN!“ zu „artfremden“ Aufgaben sagen, gibt uns keiner mehr Putzeimer in die Hand! Genau DAS ist im Sinne der Kinder, weil nur so den verantwortlichen Stellen – sowie den Eltern 😉 – klar wird, dass Aufgaben anliegen, die an anderer Stelle organisiert werden müssen!
            …und zurück zu Corona: Wenn ein Raum nicht gereinigt werden kann, DARF er NICHT zum nächsten Unterricht genutzt werden. Steht ganz klar in den Hygienemaßnahmen. Punkt! … Versucht es mal mit dem NEIN! 😉
            Wir haben wahrlich genug andere Aufgaben an der Backe!

          • Bei uns gab es in den ersten Tagen echt Stress mit dem Reinigungspersonal. Treudoof, wie wir nunmal sind, haben wir morgens eben nicht Nein gesagt, sondern mal eben in 6 Klassenräumen die Tische und Stühle selbst desinfiziert. Als dann allerdings eine Kollegin meinte, damit Schichtbetrieb möglich wäre, könnten wir doch immer zwischendurch die Reinigung übernehmen, habe ich nur gemeint: „Das wüsste ich aber!“ und ihr erklärt, dass die Reinigung der Räume Aufgabe des Schulträgers ist. nachdem wir uns dort mehrfach beschwerten, klappt es jetzt endlich.
            Aber regt euch nicht auf, in NRW muss ab Montag nicht mehr jeder Raum täglich geputzt werden, da ja dann immer dieselben Kinder drin sind….

          • @ omg
            Leider sind die alten Schulleiter, die so etwas durchgezogen hätten, so gut wie ausgestorben. Die Jungen machen alles, was das Schulamt sagt, ohne nach Sinn und Verstand zu fragen. . Zivilcourage und das Vertreten einer eigenen Meinung kennen die Meisten nicht mehr.

      • Leider ist das in Grundschulen schon lange Fakt. Die Gemeinden sparen bei den Putzunternehmen und dadurch bleibt es immer schmutzig, wenn ich als Lehrer nicht selbst zum Lappen greife. Die letzten Jahre wurde dann auch noch der Großputz in die Pfingstferien gelegt, so dass ich mein Klassenzimmer in den Sommerferien komplett selbst putze, um mich zu Schulbeginn nicht zu ekeln.

        • „Leider ist das in Grundschulen schon lange Fakt. Die Gemeinden sparen bei den Putzunternehmen und dadurch bleibt es immer schmutzig, wenn ich als Lehrer nicht selbst zum Lappen greife.“ Es ist in Grundschulen UND Kitas so. Und wer arbeitet dort zu 99 Prozent? Frauen. Es ist letztlich eine Form von Diskrimimierung. In welchem klassischen Männerberuf gibt es Vergleichbares?

          • Wenn das Diskriminierung sein sollte, dann diskriminieren sich die Frauen in dem Beispiel selbst.

        • Hab ich auch mal gemacht. So war immer alles i.O. und der Betrieb lief. Kein Grund, irgendetwas an dieser Praxis zu ändern!
          Genau das ist es doch.
          Nun ekle ich mich etwas (eine Weile!) und lasse gern Eltern in meinen Klassenraum oder oder … 😉
          Das hilft zumindest teilweise, weil nun endlich Probleme sichtbar werden, die ich selbst vorher verschleiert habe!

          • Habe ich noch nie gemacht. Ich habe auch immer die Aufforderung der SL missachtet, vor Elternsprechtagen oder Klassenpflegschaftssitzungen den Klassenraum zu säubern, damit die Eltern einen „guten Eindruck haben“. Sollen die doch sehen, welchen Saustall die eigenen Kinder hinterlassen und das die Räume nicht täglich sondern intervallweise gereinigt werden.

            Der Punkt Klasse reinigen ist auch nie als Dienstanweisung ergangen, immer nur als freundliche Aufforderung.

            Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt!

        • Ja, warum schicken große Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit?
          Sie könnten die ungenutzten Humanen Ressourcen doch auch den Gemeinden zum Reinigen der Stadtparks, zum Streichen der Schulen etc. zur Verfügung stellen, schließlich zahlt die Gemeinschaft der abhängig Beschäftigten doch das KuG.

          • Ganz ehrlich: Wer mit A12 oder A13 putzt, der gehört doch zu den besser bezahlten Putzkräften des Landes. 😉

            Wisst ihr, ich bin ja Gymnasiallehrer. Ich lege in meinen Klassen Wert auf große Ordnung. Das ist meine Erziehungsaufgabe und dient auch der Sicherheit. Würde mein Vorgesetzter zu mir kommen und sagen „Gümmi, du musst jetzt hier auch putzen!“ dann würde ich ihn schlicht an Ort und stelle einfach stehen lassen. Soll dich der Klassenraum dann aussehen wie sau. Beschweren sich die Eltern? Gut, das dürfen sie dann bei der Schulleitung. In Jugendsprache (neulich im Spiegel gelesen) heißt sowas wohl „Rücken“ – Ähnlich wie „ein Rückgrat haben“.

            Also beweist Rücken und geht einfach.

  2. Ironie an: Naja, wenn sich das Lehrerinnenzölibat von dickebank durchsetzt, putzen wir doch gerne den Dreck der Kinder weg. Sind ja zu Hause keine.

  3. Bastelkids für MNS an die Erzieher☆innen in den Kitas?! Demnächst auch Putzeimer und -Lappen und „Impulspapiere“ zur Herstellung von Desinfektionsmittel für Erzieher☆innen und Grundschullehrer☆innen? Ist DAS die Wertschätzung für unsere pädagogische Arbeit trotz jahrzehntelanger Einsparungen. Genau, einfach mal NEIN sagen und nur UNSEREN Beruf machen! Wer „treudoof“ die Säcke schleppt, macht sich selbst zum Esel.

    • „Wer „treudoof“ die Säcke schleppt, macht sich selbst zum Esel.“ Das ist richtig. Und trotzdem machen wir es dann immer wieder, jeden Tag. Mit dem Ergebnis, dass das, was zu schleppeb ist, immer mehr wird. Die Wertschätzung wird hingegen für GrundschullehrerInnen immer weniger.

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