Lehrermangel weitet sich durch Corona drastisch aus – GEW erwartet extreme Belastungen für die dünn besetzten Kollegien

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BERLIN. Als erstes Bundesland startet Mecklenburg-Vorpommern am Montag ins neue Schuljahr. Weil ohnehin schon Lehrermangel herrscht und nun noch etliche Lehrer wegen Corona im Homeoffice arbeiten, müssen die Stundenpläne zusammengestrichen werden. Kritiker sehen dadurch die Bildungsqualität akut gefährdet. Mecklenburg-Vorpommern ist kein Einzelfall: Auch in den anderen Bundesländern wird das Personal in den Schulen nicht reichen, um die Stundenpläne abzudecken. Ärger ist programmiert.

Trübe Aussichten: Der Lehrermangel in Deutschland wird durch die Coronakrise drastisch verschärft. Foto: Shutterstock

„Die Kultusministerien haben es über Jahre versäumt, ausreichend viele Lehrkräfte entsprechend des Bedarfes und der stetig neu hinzukommenden Anforderungen anzuwerben und einzustellen“, erklärt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des VBE. Und das räche sich jetzt.

„Verschärft wird der Mangel während der Corona-Pandemie durch Lehrkräfte, die aufgrund einer attestierten, erhöhten Risikolage nicht vor Ort unterrichten können“, sagt er. Zwar arbeiten die Kollegen zu Hause. Sie begleiten Schülerinnen und Schüler online, planen Unterricht, koordinieren, korrigieren Aufgaben und übernehmen Organisatorisches. „Trotzdem fehlen sie als Lehrkraft an der Schule“, betont Beckmann. „Klassenleitungen und Fachlehrkräfte müssen vertreten werden oder der Unterricht fällt aus. Die Versprechung aus den Kultusministerien, dass ein Regelbetrieb angeboten werden kann, weckt falsche Erwartungen und kann deshalb nur zu Unmut führen.“

Ein Mindestprogramm an Präsenzunterricht wird garantiert, aber…

Der ist in Mecklenburg-Vorpommern schon laut zu vernehmen. Ein Koalitionskrach zeichnet sich ab. Die mitregierende CDU sieht massive Probleme heraufziehen. Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) hat zwar eine Garantie gegeben: Vier Stunden in der Grundschule und fünf in der weiterführenden Schule sollen die Schülerinnen und Schüler täglich Präsenzunterricht bekommen.

Dieser Mindestumfang ist aber nach Ansicht des bildungspolitischen Sprechers der Unionsfraktion im Landtag, Marc Reinhardt, zu gering. Die Stundengarantie des Koalitionspartners sei nicht ehrgeizig genug, sagte er nach einer Sitzung des Bildungsausschusses des Landtags am Mittwoch. Es müsse Lernstoff aus den Monaten ohne Präsenzunterricht nachgeholt werden – stattdessen drohten weitere Lücken. Besonderes Augenmerk sei auf die Abschlussklassen zu legen, fordert Reinhardt. Es müsse alles unternommen werden, um die fünf Mindeststunden im weiterführenden Schulbereich auszudehnen. Auch aus Sicht des Landeselternrats reicht die Garantie nicht aus, um die vorgegebenen Bildungsziele zu erreichen.

GEW schätzt: 15 Prozent der Lehrer gehören zur Risikogruppe

Streit um schlecht besetzte Lehrerzimmer zeichnet sich auch in Berlin ab. Die Berliner GEW geht davon aus, dass dort zum Beginn des neuen Schuljahres in eineinhalb Wochen ein sich deutlich auswachsender Lehrermangel herrscht. Das Problem ist auch in der Bundeshauptstadt nicht neu. In diesem Sommer kommt eben hinzu, dass Lehrkräfte, die während der Corona-Krise wegen ihrer Vorerkrankungen zur Risikogruppe zählen, nicht vor der Klasse unterrichten werden. «Die fehlen natürlich», sagte Dieter Haase aus dem Vorstand der Berliner GEW. «Ich gehe davon aus, dass mindestens 15 Prozent der Lehrkräfte dazu gehören.» Insgesamt sei die Situation so schwierig wie seit Jahren nicht mehr. «Wir haben die Talsohle erreicht», sagt Haase.

Der Gewerkschafter befürchtet, das werde Folgen haben: «Es muss Abstriche geben. Und wie, das müssen dann die Schulen vor Ort regeln. Dann muss zum Beispiel Förderunterricht gestrichen werden, also etwa Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund», sagte er. «Das sind die Stunden, die als erste dran glauben müssen. Das ist pädagogisch Unsinn, aber Sie können einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen. Wenn nichts mehr da ist, ist nichts mehr da.» Das Problem verschärft sich nach Haases Einschätzung noch, wenn Kinder aus Risikogruppen nach den Ferien zu Hause bleiben und online unterrichtet werden müssen.

„Wir blicken mit Sorge auf das neue Schuljahr“

«Man kann natürlich versuchen, dass die Kollegen, die zu Hause bleiben, weil sie selbst zur Risikogruppe gehören, das online mit solchen Schülern machen. Aber das wird eine schwierige Aufgabe sein», sagte Haase. «Wie sich das einspielt, müssen wir sehen. Das sind jedenfalls zusätzliche Belastungen für die Lehrer.» Haase sieht stressige Monate auf die Berliner Schulen und die Lehrerinnen und Lehrer zukommen: «Die Kollegen waren am Ende des Schuljahres wirklich platt, die waren am Limit», sagte er. Wenn es die ersten neuen Infektionsfälle gebe und die Lehrkräfte dann Präsenzunterricht und Online-Unterricht machen müssten, sei das wieder mit erheblichen Belastungen verbunden.

VBE-Bundesvorsitzender Beckmann: „Wir blicken mit großer Sorge auf das neue Schuljahr.“ News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Erschreckende Umfrage: Lehrermangel belastet die Schulen enorm – die Gesundheit der Lehrer und der Zusammenhalt in den Kollegien leiden

 

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4 KOMMENTARE

  1. Lehrermangel? Gibt’s genauso wenig wie Corona! Die Kultusminister ignorieren beides! Das Ergebnis fällt der Gesellschaft spätestens im Herbst auf die Füße. Aber hat ja keiner gewußt, oder?!?

  2. Ich finde es sehr schade, dass die GEW nun wieder in ihren üblichen Narrativ zurückfällt und den Lehrermangel beklagt. Sie schafft es ja nicht einmal, die momentan vorhandenen Lehrkräfte in der aktuellen Situation darin zu unterstützen, dass in den Schulen ein für das 21. Jahrhundert angemessener Arbeitsschutz gewährleistet wird.

    Der Hamburger Schulsenator hat am Dienstag seine große Freude darüber betont, dass die Schulen wieder so gut wie uneingeschränkt geöffnet werden. Arbeitsschutz? Fehlanzeige! Lediglich ein paar Alibimaßnahmen gibt es. Es werden selbst die naheliegenden Schutzmaßnahmen verwehrt. Die Ankündigung hat bei nahezu allen Kolleginnen und Kollegen in meinem Umfeld große Wut, Entsetzen und Verzweiflung ausgelöst. Es fühlt sich so an, als seien die Lehrkräfte vom Schulsenator nun endgültig zum Abschuss freigegeben worden. Von der GEW hört man dazu …nichts. Auch die Opposition und die Presse hält still. Lehrer haben halt offenbar keine Lobby und lassen es mit sich machen. Warum gründen wir nicht mal ne Gewerkschaft?

    • 2020Aufbruch@gmx.de:
      Schulöffnungen nur mit Arbeitsschutz. Kleine Klassenberbände, Distanzlernen…. Schule muss für alle Akteure sicher gemacht werden. Lassen sie uns als Eltern und Lehrer gemeinsam vorgehen.
      Die Zeit ist bereits jetzt schon sehr knapp. Gesundheit geht vor Schulöffnungen ohne Sicherheitskonzept.

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