Kultusministerium weiß (angeblich) gar nicht, wie viel Unterricht wegen Corona ausfällt

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WIESBADEN. Seit sieben Wochen läuft in Hessen wieder der Unterricht unter Corona-Bedingungen. Morgen beginnen dort die Herbstferien. Herschte seit den Sommerferien Chaos in den Schulen – oder ist die Lage als Erfolg angesichts der Situation zu bewerten? Die Ansichten gehen weit auseinander.

Zeigt sich zufrieden mit dem Schulstart: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: HKM/ Patrick Liste

Zum Start der Herbstferien (2.10.) in Hessen stellt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) der Landesregierung für die Corona-Maßnahmen in Schulen ein schlechtes Zwischenzeugnis aus. «Es sind überhaupt keine Vorkehrungen getroffen, wie wir im Herbst und Winter unter Corona-Bedingungen zurechtkommen sollen», sagte die GEW-Vorsitzende Birgit Koch. Das Kultusministerium beurteilt die vergangenen sieben Wochen dagegen positiver.

Mitte August hatte für mehr als 760.000 hessische Schüler das Schuljahr begonnen. Ein normaler Schulbetrieb wie vor Corona sollte es nicht werden. Zwar verzichtete das Land auf eine generelle Maskenpflicht in Klassenzimmern. Doch Hygieneregeln wurden festgelegt. Zudem galt für Schüler zwar wieder eine Präsenzpflicht. Doch digitale Angebote sollten den Unterricht ergänzen.

Fast 5.000 Schüler und 500 Lehrer sitzen aktuell in Quarantäne fest

Bei Covid-19-Infektionen ordneten die örtlichen Gesundheitsbehörden Quarantäne an: mal für Lerngruppen, mal für komplette Jahrgänge, mal wurden Schulen geschlossen. Ende vergangener Woche durften beispielsweise 4745 Schüler, das entspricht laut dem Ministerium 0,62 Prozent, wegen Corona-Maßnahmen nicht am Präsenzunterricht teilnehmen – sie saßen zu Hause in Quarantäne fest. Bei den Lehrern waren es 484 Lehrkräfte (0,77 Prozent). Seit Schuljahresbeginn seien 16 von 1795 Schulen zeitweise wegen positiver Corona-Tests geschlossen worden.

Das Fazit des Landes: «Bewährt hat sich, dass die lokalen Gesundheitsbehörden je nach Infektionslage eine Verschärfung der Maskenpflicht für das Tragen im Unterricht anordnen können», sagte ein Sprecher des Kultusministeriums. Darüber hinaus sei es sehr erfreulich, dass seit Schuljahresbeginn an jedem Tag immer mehr als 99 Prozent der Schüler in die Schule hätten gehen können. Wie viel Unterricht insgesamt ausgefallen ist, dazu hat das Land nach eigenen Angaben keine Zahlen.

Die GEW bezweifelt das. Von einer «Verschleierungstaktik» spricht die Vorsitzende Koch. Sie stellt dem Land auch in anderen Fragen schlechte Noten aus. Viele Ankündigungen seien nie erfüllt worden, sagt Koch: «Das hessische Kultusministerium hat die Sommerferien nicht genutzt, um entsprechend zielführende Dinge auf den Weg zu bringen, die einen geregelten Schulalltag unter Corona-Bedingungen ermöglichen.» Dazu gehöre die Anbindung aller Schulen an ein digitales Schulportal, ein hessenweit einheitliches Videokonferenzsystem. Mancherorts seien nicht einmal alle Klassenräume ausreichend belüftbar.

Die zentrale Kritik sei: «Wir haben viel zu viele Menschen viel zu lange Zeit und in viel zu kleinen Räumen ohne Abstand und ohne Mund-Nasen-Schutz.» Körperliche Distanz zu halten sei unter diesen Bedingungen nicht möglich, Unterricht mit Maske auch keine Lösung.

Eltern: Bauchschmerzen bei Schulbussen, bei der Digitalisierung des Unterrichts – und beim Lüften

«Es gibt einige Punkte, bei denen der Schuh ganz schön heftig drückt», sagt Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats. So seien die Eltern mit den Bustransporten zu den Schulen nicht zufrieden, diese fänden unter völlig unterschiedlichen Hygienebedingungen statt. «Auch bei der Digitalisierung haben wir Bauchschmerzen.» Das Stoßlüften der Klassenräume werde angesichts des Herbstwetters zum Problem: «Seit letzter Woche bekommen wir vermehrt Meldungen, dass Kinder sich krank fühlen.»

Wie man darauf reagieren könne, dazu gebe es zwar Ideen. «Es fehlt aber ein Regisseur, der sagt: Ich habe den Überblick.» Insgesamt gehe es im Bereich Schule nicht so schnell voran, wie es die Infektionszahlen eigentlich verlangten. Das Land müsse auch den Mut haben, falsche Entscheidungen rückgängig zu machen.

«Viele Schüler sind froh, wieder zur Schule zu gehen», sagt Landesschulsprecher Paul Harder. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Unterricht zu Hause nicht funktioniere. «Die Lehrer sind dafür nicht ausgebildet, Geräte fehlen, für die Digitalisierung wurde viel zu wenig gemacht.» Harder kritisiert «leere Versprechungen» des Kultusministeriums: Das Schulportal als digitale Kommunikationsmöglichkeit für Lehrkräfte und Datenablage stehe entgegen Ankündigungen des Landes weiter nur der Hälfte der Schule zur Verfügung, Funktionen fehlten. Bei positiven Corona-Tests an ihrer Schule fühlten sich die Schüler zudem nicht ausreichend informiert. Auch wenn es nur Einzelfälle gebe, wolle man darüber in Kenntnis gesetzt werden.

Wohl mindstens zwei Corona-Ausbrüche an hessischen Schulen

Tatsächlich hat es offenbar sogar mindestens drei Ausbrüche an hessischen Schulen gegeben, bei denen sich offenbar Schüler und Lehrer in der Schule mit dem Coronavirus angesteckt haben: in Gießen, Bensheim und in Limburg. Dazu hat sich das Kultusministerium bislang ausgeschwiegen. (News4teachers berichtet ausführlich über Corona-Infektionen an Schulen – hier geht es zu einem Beitrag, der einen aktuellen Überblick bietet.) News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

RKI-Chef Wieler bestätigt, was Kultusminister verschweigen: Es gibt mittlerweile Corona-Ausbrüche an Schulen

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18 KOMMENTARE

  1. „Das Land müsste auch den Mut haben falsche Entscheidungen rückgängig zu machen“
    Ja das wäre auch mein Wunsch an das gesamte Versagerzentrum sprich für alle Kultusministerien und Ministerpräsidenten.

  2. Wann gibt es hier endlich mal wieder Artikel ohne reißerische Überschriften und Inhalte, die Leser zu neuen Empörungs-, Klage- und Anschuldigungswellen antreiben?

  3. Hessen-Lorz,
    Mainz 05 Beierlorzer.

    Das ist keine Steigerung, das ist die Folge, wenn der zweite Schritt vor dem ersten erfolgt. Der letzgenannte wurde schon geschasst.

  4. Hallo zusammen, was mich interessieren würde. Wenn ich die ganzen „Schadensmeldungen“ von Schulen aus den Landkreisen lese, dann fällt mir auf, dass sich infizierte Schüler IMMER zuhause im familiären Umfeld angesteckt haben. Lehrer aber stecken sich IMMER in der Schule an. An was liegt das? Sollen die medialen Berichte in eine bestimmte Richtung gelenkt werden?

  5. In Duisburg geht bei Infektionsgeschehen teilweise! oder vielleicht auch immer? nur der Tischnachbar in Quarantäne.
    Macht die Zahlen schlank

  6. Das HKM in Wiesbaden ist sicherlich eines der fähigsten Einrichtungen auf Landesebene bundesweit. Die angefragten Zahlen wären innerhalb von 24 Std. verfügbar. Es bedeutet also etwas, wenn man sagt, dass man die Zahlen nicht habe.

  7. Presseportal phoenix Runde:
    Ausstattung mangelhaft-
    Schule in Corona-Zeiten… 1.Oktober 22:15 Uhr…
    hab ich gerade zufällig eingeschaltet…
    bestimmt auch in der Mediathek?!

  8. S.o. auch als Podcast…

    Ebenfalls als Podcast ganz interessant:
    NDR 30.09.20 9:43 Uhr
    (58) Coronavirus-Update:
    Das Gedächtnis der Zellen

  9. In unserem Gymnasium der Stadt kaufen Förderverein und Eltern nun Luftreiniger, 2 pro Klassenzimmer Kostenpunkt 6600 Euro, inklusiv ist jeweils ein Ersatzfilter. In der Grundschule wird das Thema auch auf der Agenda stehen. Ich kann hier nur an alle appellieren selbst tätig zu werden. Vom KM kommt entweder nichts oder irgendwann mal in ferner Zukunft.

  10. @Neu1:
    Das ist toll und mit Ihrem letzten Satz haben Sie recht.

    Mich ärgert es allerdings, dass Eltern Schulen streichen und dort Fenster putzen, Fördervereine gründen, Schulen Firmen-sponsoring bemühen müssen, Ehrenamtliche wertvolle Arbeit leisten, LuL dies und das für den Unterricht sowie Klassenraumdeko u.v.m. häufig aus eigener Tasche bezahlen….ich könnte dies noch weiter fortsetzen….

    …während diejenigen, die sich wirklich viel mehr um die Schulen kümmern müssten ( Kommunen, KM etc.), in die Hände klatschen:
    Weiter so, Leute! Klappt doch prima!

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