Inklusion: Rückschritte durch Corona – auch bei der Akzeptanz der Lehrer

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BERLIN. Der Lehrerverband VBE beklagt Mängel an Deutschlands Schulen bei der Einbindung von Schülern mit Behinderung und besonderem Förderbedarf. Es gebe einen deutlichen Unterschied zwischen dem Stellenwert der Inklusion in politischen Sonntagsreden und den tatsächlich bereitgestellten Ressourcen, kritisierte der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. «Deshalb können die Schulen ihren Inklusionsauftrag unter den gegebenen Rahmenbedingungen nach wie vor nicht erfüllen.» Die Corona-Krise hat die Lage noch verschärft.

Nicht mal die Schulgebäude sind auf die Inklusion eingestellt, ein Großteil jedenfalls ist nicht barrierefrei. Foto: Shutterstock

Notwendig sind aus Sicht des Verbands etwa kleinere Klassen, mehr barrierefreie Schulen, eine bessere Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrer und eine flächendeckende Unterstützung durch Sonderpädagogen. Der Verband hat eine Umfrage beim Institut Forsa in Auftrag gegeben, der zufolge zwar 56 Prozent der befragten Lehrer den gemeinsamen Unterricht grundsätzlich sinnvoll finden, aber nur 27 Prozent dieser Befürworter halten dies zur Zeit praktisch für sinnvoll.

Vier von fünf Lehrern sprechen sich für Erhalt der Förderschulen aus – Beckmann: fatal

Landesregierungen und Kultusministerien erhalten die Note 4,5 für ihre Inklusionspolitik. „Da wundert es nicht, wenn sich vor diesem Hintergrund eine deutliche Mehrheit der Befragten (83 Prozent) für den mehrheitlichen Erhalt der Förderschulen ausspricht. Ein fatales Zeugnis nach 11 ½ Jahren Bewährungsprobe“, kommentiert Beckmann.

Die 2127 im September und Oktober 2020 befragten Lehrerinnen und Lehrer allgemeinbildender Schulen machten auch Angaben zu den Einschränkungen in der Corona-Krise und ihren Auswirkungen auf die Inklusion. 70 Prozent gaben an, dass die Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend gefördert werden konnten, als die Schulen geschlossen waren. 74 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass die coronabedingten Einschränkungen zu einem Rückschritt bei der Inklusion geführt haben, weil der gemeinsame Alltag fehlte.

Aber auch schon vor Corona stimmten laut Umfrage die Bedingungen nicht. Kommt eine Schülerin oder ein Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eine Lerngruppe hinzu, bleibt sie in der Regel gleich groß. Das sagen zwei von drei Befragten. An der Grundschule sind es sogar drei von vier. Dabei steigt die durchschnittliche Schülerzahl weiter an: Ein Kind mehr als noch 2017 ist in einer inklusiven Lerngruppe, an Grundschulen zwei mehr.

Lehrer wünschen sich eine Doppelbesetzung im inklusiven Unterricht – die gibt es aber nicht

Beckmann kommentiert: „So unterschiedlich die sonderpädagogischen Förderbedarfe sind, so unterschiedlich muss die Förderung sein. Doch dafür bleibt kaum Zeit. Was es braucht, ist daher eine Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Sonderpädagogin oder -pädagogen.“ Doch: Obwohl 97 Prozent aller Befragten sagen, dass eine Doppelbesetzung in inklusiven Lerngruppen notwendig sei, berichtet davon nur die Hälfte der Lehrkräfte von Schulen mit inklusiven Lerngruppen. Zwar gibt es an vier von fünf Schulen mit inklusiven Lerngruppen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Dies ist eine deutliche Steigerung seit 2015. Jedoch: Unterstützendes Personal ist an fast einem Viertel der Schulen nur zeitweilig an ausgewählten Schultagen verfügbar. Für optimale Unterstützung braucht es laut 85 Prozent aller Befragten multiprofessionelle Teams. Diese gibt es der Befragung zufolge aber nur an einem Drittel der Schulen.

Viele Lehrer müssen inklusive Lerngruppen praktisch unvorbereitet übernehmen

Auch bei der Qualifizierung hapert es. Jede fünfte der befragten Lehrkräfte gibt an, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer, die eine inklusive Lerngruppe übernommen haben, darauf nur maximal eine Woche vorbereiten konnten. Über die Hälfte sagt, dass die Kolleginnen und Kollegen keine sonderpädagogischen Kenntnisse hatten. Fast die Hälfte, dass es keine begleitende Fortbildung gibt und keine Erfahrungen im gemeinsamen Unterricht gesammelt werden konnten. Jede dritte befragte Lehrkraft gibt an, dass es keine speziellen Fortbildungen gab.

Ein Lichtblick: Inklusion kommt mittlerweile zumindest in der Ausbildung häufiger vor, aber noch immer sagt dies nur eine von vier Lehrkräften. Das Fortbildungsangebot wird von 44 Prozent der Befragten mit der Note mangelhaft oder ungenügend bewertet! Der Bundesvorsitzende kritisiert: „Die Lehrkräfte werden ohne angemessene Vorbereitung in die neue Situation gebracht. Das ist nicht nur unfair gegenüber den Lehrkräften, sondern genauso gegenüber den Kindern, insbesondere gegenüber denjenigen, die auf besondere Fördermethoden angewiesen sind.“

Auf der anderen Seite wurden nicht mal die Gebäude vernünftig auf die Inklusion eingestellt. Noch immer sind nur 16 Prozent der Schulen vollständig barrierefrei. Kleingruppen und Differenzierungsräume gibt es nicht einmal an der Hälfte der Schulen. Nach Angaben des Verbands haben von mehr als acht Millionen Schülerinnen und Schülern in allgemeinbildenden Schulen rund 6,5 Prozent einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen, insgesamt 235.000, werden demnach an einer Regelschule unterrichtet, die anderen an Förderschulen. News4teachers / mit Material der dpa

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4 KOMMENTARE

  1. Die Inklusion hat in Hessen bis September 2020 „pausiert“ – der Lockdown hat hier nen bissl länger gedauert. In diesem Schuljahr liegt die Stundenzahl je Schüler bei genau einer Sonderpädagogenstunde je Inklusionskind- die Verordnung sieht mindestens 4 Stunden vor.
    Und wen interessierts?
    Mal einfach das Gutachten des aktuellen hessischen Kultusminister von 2003 zum Vorrang des Kindswohls lesen – was sich die Zeiten ändern….
    „https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiAnLSs4vfsAhWMiVwKHSTLB9oQFjAGegQICBAC&url=http%3A%2F%2Fliga-kind.de%2Ffk-402-lorz%2F&usg=AOvVaw2_RRSvOUFYCLyVjoRvxlG4

  2. Inklusion und Corona haben eines gemeinsam: beides ist ein Sparmodell auf dem Rücken der SuS.
    Ein S mit dem Förderschwerpunkt Lernen hat das Recht auf eine Stunde Unterstützung durch eine/n FörderschullehrerIn . IN DER WOCHE!
    Fällt diese aus, gibt es keine Vertretung!
    Die Beratung der normalen LehrerInnen und die Versorgung mit fördergerechrem Lernstoff hängt stark vom „good will“ der Fachkraft ab. Während einige wirklich hilfreich sind, verweisen andere auf „Differenzierung ist deine Aufgabe“!
    Wenn man das Glück hat, eine gute Klassengemeinschaft aufbauen zu können, so werden die Förderschüler zumindest nicht ausgegrenzt.
    Trotzdem hat das Förderkind jede Menge Frust zu verdauen, da es ja merkt, das es oft einfach nicht „mithalten“ kann.
    Wenn es „Glück“ hat, besteht noch ein Sozial-emotionalen Förderbedarf. Wenn dieser anerkannt wird, erhält das Kind eventuell noch eine Schulbegleitung, die es einige Stunden am Tag im Unterricht begleitet und ihm hilft. Aber auch in diesem Bereich sind Fachleute rar, da der Job oft extrem schlecht bezahlt ist.
    Ob eine Integration gelingt, hängt also oft von vielen verschiedenen schlecht zu greifenden Faktoren ab und ist häufig „Glücksache“. (Gute Klassengemeinschaft, engagierte Fachkraft, emphatische Schulbegleitung….)

  3. Inklusion an einer Regelschule bedeutet 2-3 Stunden Unterstützung durch einen Förderschullehrer – falls denn genug Förderschullehrer vorhanden wären. Jedoch bleiben viele Stellen unbesetzt, so dass noch nicht einmal diese wenigen Stunden erteilt werden. Eine vernünftige Förderung ist so nicht möglich!
    Außerdem dauert es viel zu lange, bis ein Schüler einen Förderschwerpunkt genehmigt bekommt. Ein AOSF-Antrag dauert im Schnitt ein halbes Jahr – allerdings nur, wenn er zufällig im Februar gestellt wird.
    Das ist doch kein Zustand! Aus den überforderten Schülern, werden schulmüde Kinder und somit Erwachsene, die ein Leben lang Unterstützung benötigen – nur weil der Staat an Schule und Lehrern spart! Das ist so traurig!

  4. ad: weitergehende Erwartungen oder Forderungen zum Thema „Inklusion“:

    leider zum völlig falschen Zeitpunkt!!!

    Die Schulen haben eh wegen Corona schon genug (neue) „Baustellen“, wo adhoc der Mangel an Lehrkräften und viele neuartige Herausforderungen im Schnellstgalopp bewältigt werden müssen.

    Bereits im „Normalfall“, d.h. vor Corona, waren die meisten Schulen mit „Inklusion“ sowieso heillos überfordert.

    Jetzt geht’s aber zuerst einmal um Priorisierung!!!

    (Nebenbei bemerkt:
    auch die Frauenfrage, Gleichstellung von Mann und Frau, müssen leider zur Zeit „pausieren“, werden hintenan gestellt – siehe Praxis in den Familien beim sog. „Homeschooling“ während der 1. Coronawelle. Auch hier konstatieren wir einen eklatanten Rückschritt.)

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