Studie: Abgänger von Förderschulen finden schwer in Ausbildung und Arbeitsmarkt

33

BERLIN. Jugendliche von Förderschulen mit dem Schwerpunkt „Lernen“ finden nur schwer Zugang zu einer Ausbildung und beenden diese oft nicht. Selbst wenn sie einen vergleichbaren Schulabschluss haben wie Jugendliche von Regelschulen, bestehen die Probleme weiter. Das geht aus einer gemeinsamen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurde.

Die Förderschule erweist sich für viele Schülerinnen und Schüler als Sackgasse. Illustration: Shutterstock

Etwa 23 Prozent der ehemaligen Förderschülerinnen und -schüler haben sechs Jahre nach dem Besuch der 9. Klasse noch keine Ausbildung gefunden. Bei den Jugendlichen von Regelschulen, die maximal einen Hauptschulabschluss erlangt haben, waren das dagegen 13 Prozent. Jugendliche von Förderschulen verbringen außerdem mehr Monate in berufsvorbereitenden Maßnahmen als ehemalige Regelschülerinnen und -schüler mit Hauptschulabschluss. Zudem hatten nur 35 Prozent der Jugendlichen von Förderschulen ihre Ausbildung im Zeitraum von September 2011 bis Oktober 2016 erfolgreich abgeschlossen, bei den Jugendlichen von Regelschulen waren das 43 Prozent.

„Es wäre jedoch nicht zulässig, den Förderschulbesuch kausal für das schlechtere Abschneiden verantwortlich zu machen“

Bis zum 20. Lebensjahr erhöht sich der Anteil Jugendlicher aus Förderschulen, die weder erwerbstätig noch in Ausbildung sind oder eine Schule besuchen, auf fast ein Drittel. Unter den Abgängerinnen und Abgängern von Regelschulen mit maximal Hauptschulabschluss ist dieser Anteil mit 16 Prozent nur halb so groß. „Dies deutet auf eine fehlende Integration in das Ausbildungssystem oder den Arbeitsmarkt hin“, so IAB-Forscher Malte Sandner. „Es wäre jedoch nicht zulässig, den Förderschulbesuch kausal für das schlechtere Abschneiden verantwortlich zu machen, da mit den vorliegenden Daten nicht ermittelbar ist, wie diese Jugendlichen an einer Regelschule abgeschnitten hätten“.

Gleichwohl lässt sich aus den Ergebnissen eben auch kein Argument für eine Sonderbeschulung ableiten. Schülerinnen und Schüler, die die Förderschule mit einem Hauptschulabschluss verlassen, weisen zwar eine höhere Beteiligung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt auf als diejenigen ohne Hauptschulabschluss. Allerdings gelingt ihre Integration immer noch schlechter als bei Jugendlichen, die den Hauptschulabschluss an einer Regelschule erlangt haben: Sie sind kürzer in einer betrieblichen Ausbildung, weniger Zeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt und leben länger in Bedarfsgemeinschaften, die Grundsicherung für Arbeitssuchende beziehen.

„Eine bessere Unterstützung an Förderschulen kann ein Weg für einen erfolgreichen Übergang sein“

„Da Abgängerinnen und Abgängern von Förderschulen mit einem Hauptschulabschluss die Arbeitsmarktintegration wesentlich besser gelingt als denjenigen ohne Hauptschulabschluss, kann eine bessere Unterstützung an Förderschulen zur Erreichung eines Hauptschulabschlusses ebenfalls ein Weg für einen erfolgreichen Übergang sein“, erklärt Silke Anger, IAB-Forschungsbereichsleiterin „Bildung, Qualifizierung und Erwerbsverläufe“. Die Studie beruht auf den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zu 1.628 Schülerinnen und Schülern, die im Herbst 2010 die 9. Klasse an verschiedenen Schulformen in Deutschland besucht haben.

Herunterladen lässt sich die IAB-WZB-Studie hier.

Trotz (oder wegen?) Inklusion: Immer mehr Schüler mit besonderem Förderbedarf

Anzeige


33 KOMMENTARE

  1. Man will ja die Hauptschule aus ähnlichen Gründen abschaffen. Aber der Hauptschulabschluss soll merkwürdigerweise dennoch erhalten bleiben. Noch niemand hat die Frage beantwortet, ob Abgänger von Gemeinschaftsschulen mit Hauptschulabschluss nun bessere Chancen haben als Abgänger von Hauptschulen. Analog ist das bei der Inklusion und den Förderschulen. Ob wohl deren Abschaffung die Chancen erhöht?

  2. Das Problem wird für diese Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen nicht besser, wenn sie denselben Abschluss an einer Regelschule machen. Insgesamt folgt aus der Studie nur, dass Absolventen der Regelschule leichter einen Ausbildungsplatz finden als die von der Förderschule. Mehr als dieses triviale Ergebnis nicht.

    • So trivial wie Sie das Ergebnis sehen, ist es für die Betroffenen nicht. Dieses „triviale“ Ergebnis bedeutet für deren Biografien entweder stabile Ausbildung und Arbeitsplätze oder eben nicht.

  3. „Da Abgängerinnen und Abgängern von Förderschulen mit einem Hauptschulabschluss die Arbeitsmarktintegration wesentlich besser gelingt als denjenigen ohne Hauptschulabschluss, kann eine bessere Unterstützung an Förderschulen zur Erreichung eines Hauptschulabschlusses ebenfalls ein Weg für einen erfolgreichen Übergang sein“, erklärt Silke Anger, IAB-Forschungsbereichsleiterin „Bildung, Qualifizierung und Erwerbsverläufe“.

    – Was glaubt sie denn, was die Kollegen an den Förderschulen den lieben langen Tag machen?

  4. Nee, is klar. Wenn die einen Abschuss von einer Regelschule vorweisen, reißen sich die potentiellen AG um diese Jugendlichen.

  5. Das liegt aber nicht an den defizitären Lehrkräften und dem bösen Schulsystem. Es liegt- ob inklusiv oder exklusiv beschult- zumeist an den Defiziten der Abgänger. Diese Schwächen sind vorhanden und können auch nicht zu 100% ‚weggefördert‘ werden. Der Arbeitsmarkt ist- im Gegensatz zur Schule- keine primär soziale Einrichtung!

    • Hier wird die Problematik kurz und deutlich benannt: Jede noch so gute Förderung scheitert an den Grenzen, die die zu fördernden Schüler leider haben.

      • Sehr interessante These:
        Für das Scheitern (= Ausbleiben eines guten Schulabschlusses) wird am Ende immer der Schüler selbst ggf. auch das Elternhaus verantwortlich gemacht (Grenzen).
        Bei erfolgreichem Schulabschluss sind es immer die Leistungen der Sonderschulen, die zum Erfolg führten.
        Erfolg = Förderleistung der Sonderschule
        Misserfolg = persönliches Scheitern der Schüler.
        Diese, wie viele andere Studien, zeigt deutlich die Grenze der Förderschulen auf!

    • Dass sich immer gleich die Lehrkräfte der Förderschulen mitangegriffen fühlen, wenn das System der Sonderung auf dem Prüfstand steht? Das ist zwar irgendwie verständlich und nachvollziehbar, logisch ist es nicht. Wenn das System der schulischen Sonderung für sich selbst aus soziologischer Perspektive schädlich ist, dann können sich die Lehrkräfte noch so sehr bemühen und ins Zeug hängen, noch so gut und engagiert arbeiten, ausgleichen können sie diesen negativen soziologischen Effekt nicht (Milieu). Gegen dieses System anzuarbeiten verschleißt eine Menge Energie. Dafür können weder die Lehrkräfte, noch die Kinder oder deren Eltern etwas. Man darf das halt einfach nicht immer totschweigen bzw. wegidealisieren: „Förderschüler“ ist gesellschaftlich nunmal ein negatives Stigma, das diese Menschen ihr Leben lang mit sich herumtragen. Die Macht bzw. Wirksamkeit des Systems ist in ihrer soziologischen Dimension gigantisch.

  6. Nach dem Schon- und Phantasieraum Schule wartet leider immer noch diese verdammte Realität auf die Schulabgänger. Das muss dringend aufhören!

    Ich fordere, dass lebenslang andere verantwortlich gemacht werden können!

    • Was soll das? Ich bin Mutter zweier Kinder mit LRS und Dyskalkulie. Beide haben jeweils beides.

      Wir sind keine Kiffer, keine Raucher und keine Alkis, sind beide voll berufstätig. Es ist eben so und wir tun unser bestes um die Kinder zu unterstützen. Beide dürfen weiterhin die Realschule besuchen bzw der kleine eine LRS-Klasse. Niemand hat daran Schuld, aber ich bin entsetzt, wie vielen Kindern nicht geholfen wird und man mehr oder weniger mit rechtlichen Beistand drohen muss, bevor man Hilfe bekommt. Da sollten die Kultusminister ansetzen, denn die sind in der Tat in der Verantwortung!!!. Diese Kinder brauchen angepassten Unterricht, denn es geht um ihre Zukunft.
      Seelische Behinderung droht.

      Ich dachte früher auch wie Sie, nur dann traf es uns selbst. Meine Kinder sind zum Glück beide sehr handwerklich begabt, sodass ich keine Ängste habe, was die Zukunft angeht.

      • Förderschwerpunkt lernen und LRS/Dyskalkulie sind zwei Hausnummern. In nrw gibt es für Dyskalkulie keinen Nachteilsausgleich.

        Ihre Kinder werden wohl ihren Weg gehen, der Artikel suggeriert aber, dass durch Inklusion die Abschlüsse der Förderschüler besser oder zumindest anerkannter werden. Am einfachsten geht das mittels Nachteilsausgleichen, die Lera als Schonraum bezeichnet hat, die es im echten Leben insbesondere außerhalb des öffentlichen Dienstes nicht gibt.

    • So ist es: Erst werden die Kinder zum System-Erhalt der sondernden Schule missbraucht, dann in eine Gesellschaft entlassen, in der sie für den Rest ihres Lebens das Label „lästige Problem-Mitmenschen“ oder „Sozial-Schmarotzer“ aufgeklebt bekommen. Schöne Sonderschul-Schonraumfalle!

  7. Das muss nicht unbedingt an den Abschlüssen liegen, sondern auch „der kommt von der Förderschule“ kann der Grund sein. Schaut euch doch einmal unsere Gesellschaft und wie Haupt-und Förderschüler gesehen werden, an! Nicht grundlos sind Viertklässler einem enormen Druck ausgesetzt. Alle Eltern haben Angst, sie und ihre Kinder werden als Asoziale abgestempelt, wenn ihr Kind nur auf der Oberschule landet.

    • Daran sind aber die Eltern nur mittelbar schuld. Die Politik hat alles unterhalb des Abiturs schlecht geredet und schlecht gemacht.

    • Unsere künftige Bundestagspräsidentin hat auch erstmal einen Hauptschulabschluss an einer Hauptschule gemacht. Sie hat halt später noch was draufgesattelt. Das können andere auch.

  8. Vielleicht liegt das Hauptproblem, dass Förderschüler mit dem Förderschulabschluss Lernen keine Ausbildung oder nur selten abgeschlossen haben, einfach daran, dass es nur GANZ WENIGE spezielle Ausbildungsmöglichkeiten für den Förderschulabschluss Lernen gibt. Ein Großteil der Ausbildungen verlangen zumindest den Hauptschulabschluss.

    Vielleicht sollte sich da auf dem Arbeitsmarkt was ändern???

    • „Ein Großteil der Ausbildungen verlangen zumindest den Hauptschulabschluss.“ Natürlich- denn selbst damit schaffen viele das Ausbildungsziel nicht- die Berufsschullehrkräfte wissen davon mehr als ein Lied zu singen.
      Auch wenn für die Aufnahme einer dualen Ausbildung formal meist kein Abschluss notwendig ist.
      Betriebe stellen keine Problemfälle ein, sondern die, von denen sie sich etwas versprechen. Eben keine sozialen Einrichtungen! S. o.

    • Auch interessant: Der Arbeitsmarkt soll sich ändern! Die heilige Kuh menschenrechtsverletzendes sonderndes Schulsystem genießt indes absoluten Bestandsschutz?!
      Ich dachte die Schule soll so sein, dass sie möglichst gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.
      Wenn das offenbar doch nicht so gut gelingt, wie immer verheißen wird bzw. systemtreu zu erwarten wäre, ist es einfach an der Zeit, sich von der systematischen schulischen Separation zu verabschieden. Dann beobachten wir mal, was passiert. Und wenn dann der Arbeitsmarkt immer noch nicht zu den Jugendlichen passt, dann können wir den reformieren. Ein Schritt nach dem anderen, schön der logischen Reihe nach und nicht umgekehrt. Der Arbeitsmarkt besteht ja schließlich aus Absolventen aller Schulen – leider bislang immer noch keiner inklusiven Schulen. Vielleicht liegt darin ja gleich das Problem und wird somit gleich mitgelöst?

  9. Es werden viele Kinder zu schnell in eine Förderschule abgeschoben. Meistens sind es Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen und eigentlich eher mehr Förderung in der Regelschule bekommen sollten. Es gibt auch Fälle, wo deutschsprachige Kinder ein an sich logopädisches Problem haben und 1-2 Buchstaben nicht aussprechen. Diese werden auch schnell in die Förderschule geschickt. Obwohl sie keine andere Schwächen haben und mit ein paar Logopädiesitzungen das Problem behoben werden könnte. Viele Eltern wehren sich und wollen, dass ihre Kinder auf eine Regelschule gehen, weil sie eben keine sonstige Schwächen aufweisen. Da stehen sie oft sehr hilflos der Schule gegenüber, grade wenn sie auch schlecht Deutsch sprechen. Wenn die Schule es so will, dann schickt sie die Kinder in die Förderschule. Den Eltern wird die Entscheidung darüber quasi aberkannt. Da spreche ich aus eigener Erfahrung.
    Mehr Schüler in den Förderschulen müssen ja irgendwo her kommen. Die sind ja nicht einfach so vom Himmel gefallen.
    Die Schulen wollen keine schwachen Kinder haben, weil sie wahrscheinlich von den Kapazitäten auch sehr begrenzt sind. So dreht sich dann der Kreis.

    • Wenn die Kinder dann so gut und leistungsstark sind, werden sie ihren Weg schon machen. Sie, Herr/ Frau Lesik, schicken sie dann wieder zur Regelschule und gut ist es. Einer unserer Schwerpunktschüler hat jüngst den Wechsel zum Beruflichen Gymnasium geschafft.
      Übrigens kenne ich es eher umgekehrt- auf Biegen und Brechen von Elternseite den Förderstatus oder gar die Förderschule vermeinden wollend!

    • „Wenn die Schule es so will, dann schickt sie die Kinder in die Förderschule.“ Na, das wüsste ich aber! Hier bei uns ist es nämlich genau umgekehrt, Elternwille steht über allem. Und den Eltern hat Politik erfolgreich eingeredet, dass nur Regelschulen das Nonplusultra sind. Da können wir uns den Mund fusselig reden, das Kind kann unter der Situation leiden, wie es will, wenn die Eltern das so wollen, bleibt es in unserer Schule.

    • Mir scheint auch, dass man in der Vergangenheit zu viele Kinder in die Förderschulen abgeschoben hat. Aber um das zu korrigieren, braucht man keine UN-Konvention mit hochtrabenden Formulierungen und angeschlossener parteipolitischer Ausschlachtung „die konsequente Inklusion besteht in der einen Schule für alle“). Klare Kriterien mit Überprüfungen würden genügen. Ausländer mit schwachen Deutschkenntnissen in Förderschulen abzuschieben, finde ich auch nicht gut, aber es ist ja offenbar verboten, spezielle Ausländerklassen zu haben. In denen wären sie besser aufgehoben, denke ich, zumindest temporär, weil man auf sie Rücksicht nehmen könnte.

      • Na ja, die Menschenrechte wollen wir doch nicht einmal so in den Mülleimer treten.
        Oder wollten Sie auch mal Sklave sein, oder – wären Sie eine Frau – wieder raus aus Schule und Universität, oder – wären Sie ein Kind – rein in Kinderarbeit? Um nur einige Beispiele zu nennen, was wir den UN-Konventionen verdanken. Wir sind froh und dankbar, dass wir diese Problemfelder weitgehend überwunden haben. Wir werden auch das Problemfeld „Schulische Aussonderung“ überwinden. Die Frage ist nur wie schnell oder wie langsam? Die inklusive Schule ist das einzig Menschenrechtskonforme Schulsystem. Auch wenn niemals 100 % realisiert werden können – das ist in obigen Beispielen leider auch nicht der Fall – mehr Mut und Entschlossenheit zur Annäherung würde ich mir schon wünschen.

    • Auch mir ist früher aufgefallen, dass Kinder mit Migrationshintergrund rasch auf Förderschulen abgeschoben wurden, wenn sie im sprachlichen Bereich große Schwierigkeiten hatten.
      Ein Sprachhilfeschüler von mir hatte offensichtlich ein allgemeines Sprachproblem, es hieß, er könne auch seine Muttersprache nicht richtig. In Mathematik war er allerdings sehr fit. Er hatte große Probleme mit dem Lesen lernen, deshalb wiederholte er das erste Schuljahr und sollte dann auf die Sonderschule überprüft werden. Man argumentierte, er könne sich nicht einmal die Namen
      der Farben merken. Tatsächlich verwechselte er bestimmte Farben ständig. Ich gab ihm dann einen braunen Stift in die Hand und sagte: „Zeige mir Dinge, die die gleiche Farbe haben!“ Sofort lief er zu einer Zimmerpflanze. Die Lehrerin hatte mittlerweile seine Farbenblindheit auch erkannt.
      Natürlich war mit dieser dann auch ärztlich festgestellten Diagnose das Sprachproblem nicht behoben.
      Durch intensive Förderung und nach einigen Gesprächen zwischen der Lehrerin, den Eltern und mir, konnte der Junge jedenfalls auf der Regelschule bleiben.
      Es gab mir sehr zu denken,dass er trotz seiner guten mathematischen Leistungen für die Förderschule hätte überprüft werden sollen. Da mein Mann damals an einer Brennpunktschule unterrichtete und auch jahrelang die Schulfremdenprüfung bei Förderschülern abnahm, konnte er die mathematischen Fähigkeiten des Kindes mitbeurteilen. Ebenfalls wusste er, wie schwer es für die begabteren Förderschüler ist, den versäumten Stoff ( und darum dreht es sich) nachzuholen und die Hauptschulprüfung abzulegen.

    • „abgeschoben an die Förderschulen!“ – das war schon in den Ursprüngen dieses Systems die Motivation hinter der Gründung von zunächst „Idioten-Anstalten“, später „Hilfsschulen“, die dann zu „Sonderschulen“ umbenannt wurden. Die ursprünglich Absicht war stets, die „normalen“ Schulen von den lästigen „Dummerchen“ oder „Störern“ zu befreien („normal“ in Anführungsstrichen, weil „menschlich normal“ ist das überhaupt nicht, sondern primär asozial und selektiv; eher eine Art schulischer Sozialdarwinismus – mehr nicht). Um den Effekt der sozialen Ausgrenzung (= eigentliche Triebfeder der schulischen Aussonderung) noch besser zu verschleiern, wurden sie ab den 70er Jahren sogar als sog. „Förderzentren“ geradezu „geadelt“. Sie verleibten sich einen Berg Kassen- und Sozialleistungen ein, inklusive Tages-Betreuung (da waren im sonstigen schulischen Bereich Ganztagesschulen oder -klassen noch in weiter Ferne), und feierten sich als die Erlösung für schwache Schüler.
      Statt mal erhlich zu sagen, dass dadurch ein höchst schädliches soziales Ökosystem von ausschließlich Problem behafteten Kindern und Jugendlichen erzeugt wird. Wie sollen sich Kinder darin gut entwickeln? Kinder entwickeln sich schließlich ganz stark durch Imitation miteinander. Wenn da so ein außergewöhnlich homogenes Grüppchen der Schwierigen zusammenkommt – dann wird’s echt pädagogische Nacht um die Kinder. Die Lehrkräfte und Therapeuten arbeiten zwar sehr engagiert dagegen an, aber inaktivieren können sie diesen Effekt eben nicht. Und bis sie ihr Möglichstes getan haben, um gegen diesen Effekt zu arbeiten, bleibt halt nicht mehr viel Energie und Zeit für die eigentliche Lehrtätigkeit. Das würde denn auch das Ausbleiben guter Schulabschlüsse erklären.

      • Man darf allerdings meiner Meinung nach nicht das Kind mit dem Bad ausschütten. Sonderschulen sind nicht per se schlecht. Viele Schüler brauchen ein hohes Maß an Förderung, das in einer Regelschule nie und nimmer gewährleistet werden kann. Manche können sich nur in recht kleinen Gruppen regulieren und konzentrieren.
        Schulklassen sind immer mehr oder weniger heterogen, und eine zu große Heterogenität lässt sich nicht unter einen Hut kriegen, auch nicht unbedingt mit besseren Ressourcen.
        Kritisch wird es, wenn vorschnell die Sonderbeschulung als Lösung für ein Lern- oder Verhaltensprobleme angesehen wird. Wo ist die Grenze? Die Übergänge sind ja fließend. Die Bedeutung einer Sonderbeschulung kann für den Lebenslauf einzelner Schüler aber schwerwiegend sein. Viel besser finde ich schon, wenn Inklusion gelingt, zum Beispiel durch Erteilung von Nachteilausgleichen oder durch zusätzliche Sprachhilfe.
        Was Therapiestunden und dergleichen sowie Ganztagsbeschulung betrifft, geht es ja dabei eher um Schüler mit Behinderungen, z. B. mit geistiger Behinderung. Dieser Schüler hatten vor einigen Jahrzehnten noch gar keine Möglichkeit, am Unterricht teilzunehmen. Ganztagsbeschulung macht hier besonders viel Sinn, weil die Schüler u.a. viele Dinge des praktischen Lebens mühsam erlernen müssen, oft durch jahrelanges Training, und auch oft die Eltern dringend Entlastung brauchen. Therapien in den Unterrichtsalltag hereinzunehmen macht Sinn, weil wiederum durch den Ganztag für Therapien die übrigen Zeitfenster zu klein sind, außerdem findet dadurch auch wieder eine erhebliche Entlastung für Eltern UND Schüler (!) statt.
        Trotzdem darf man nichts schönreden, denn wenn ständig Kinder wechselnd aus dem Klassenverband zur Therapie geholt werden, schafft das durchaus wieder neue Probleme.

        • „Viele Schüler brauchen ein hohes Maß an Förderung, das in einer Regelschule nie und nimmer gewährleistet werden kann.“ Wenn die Aussage richtig ist, lässt dies nur eine Diagnose zu: Die Regelschulen müssen sich zwangsläufig gravierend verändern. Die Richtung kann nur sein: inklusive Schulen. Aus der Perspektive der Kinder, deren Förderung sie nie und nimmer gewährleisten kann, leidet das Schulsystem an einer hochgradigen Entwicklungsverzögerung! Da besteht dringender Therapie- und Nachholbedarf, damit sich das endlich mal vrebessert! Geben wir mal den UN die Funktion des Therapeuten: So verhält sich unser Schulsystem äußerst Therapieressistent. Statt gescheit mitzuarbeiten, um möglichst bald aus der Therapie entlassen werden zu können und ein normales Dasein zu führen, weigern sich die Ministerien, Schulämter und bisweilen auch viele Lehrkräfte, was das Zeug so hergibt. Am besten kann man das an den Schulbauaktivitäten ablesen: Seit 2009 gibt es unzählige Schulneu-, -ersatz- oder -erweiterungsbaumaßnahmen in unzähliger Millionenhöhe an Steuergeldern. Von Förderschule bis zum Gymnasium ist alles dabei. Was fehlt? Auch nur eine einzige Baumaßnahme einer inklusiven Schule. Sollte irgendjemand in diesem Leserkreis ein Beispiel haben, gerne her damit.
          Lieber bedient sich dieses antiquierte System immer noch des Mittels der Aussonderung wie vor über hundert Jahren. Dieses System wurde jetzt über 100 Jahre erprobt und praktiziert. Trotz, zumindest in den letzten Jahrzehnten, aller bester Ausstattung (im Vergleich zur sog. Regel-Grund- und Mittel-Schule [vormals Hauptschule]) bleibt sie letztlich erfolglos, wenn man die soziologischen Folgeschäden betrachtet und die Beschönigungsbrille abnimmt. In welche Lebensverhältnissen leben ehemaligen Förderschüler denn wirklich? Bleibt da nicht dominant der mehr als fragwürdige Erfolg der negativen Stigmatisierung sowie entsprechend schwierigen Lebensläufen?

  10. Was soll das? Ich bin Mutter zweier Kinder mit LRS und Dyskalkulie. Beide haben jeweils beides.

    Wir sind keine Kiffer, keine Raucher und keine Alkis, sind beide voll berufstätig. Es ist eben so und wir tun unser bestes um die Kinder zu unterstützen. Beide dürfen weiterhin die Realschule besuchen bzw der kleine eine LRS-Klasse. Niemand hat daran Schuld, aber ich bin entsetzt, wie vielen Kindern nicht geholfen wird und man mehr oder weniger mit rechtlichen Beistand drohen muss, bevor man Hilfe bekommt. Da sollten die Kultusminister ansetzen, denn die sind in der Tat in der Verantwortung!!!. Diese Kinder brauchen angepassten Unterricht, denn es geht um ihre Zukunft.
    Seelische Behinderung droht.

    Ich dachte früher auch wie Sie, nur dann traf es uns selbst. Meine Kinder sind zum Glück beide sehr handwerklich begabt, sodass ich keine Ängste habe, was die Zukunft angeht.

    • Es stellt sich auch die Frage, ob beide Eltern mit derart problematischen, weil förderungsintensiven Kindern voll berufstätig sein können. Aber lässt sich doch alles delegieren und outsourcen!

    • Ich frage mich, wie das eine Schule für alle richten soll. Früher wurden gute Hauptschüler im Handwerk bevorzugt eingestellt, denn sie konnten ihre handwerklichen Fähigkeiten schon früh beweisen. Ein befreundeter Lehrer hatte dort mit seinen Schülern große Projekte wie z. B. Spielplatzgeräte geplant. Von der Berechnung des Materials bis zum Aufbau war alles dabei.
      Mein Sohn hat in der Realschule nur Bleistifte gestemmt, da gab es keinerlei praktische Anwendungen. Ob das für Inklusionskinder gut ist?
      Mittlerweile gibt es gefühlt nur noch das Gymnasium und den Rest, der es dort nicht schafft. Die Ausbildungsbetriebe stellen selbst gute Realschüler kaum noch ein. Der Mangel an höherer Mathematik und Literaturwissenschaften kann doch wohl kaum der Grund sein…

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here