Schulen brauchen mehr Geld, mehr Personal und mehr Freiräume: Steinmeier auf dem DSLK – bemerkenswert konkret

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DÜSSELDORF. Der Deutsche Schulleitungskongress (DSLK) war Balsam für die Seele einer gebeutelten Berufsgruppe: Schulleitungen, das machte eine große Umfrage im Vorfeld deutlich, sind extrem frustriert durch die Zumutungen der Schulpolitik – nicht nur in der Corona-Krise. Zuspruch gab’s dafür von ganz oben: vom Bundespräsidenten. Frank Walter Steinmeier wurde in seiner Rede bemerkenswert konkret – er forderte von den Entscheidungsträgern mehr Unterstützung für die Schulen ein. Und mehr Freiräume, um die Herausforderungen auch mal ungestört anpacken zu können.

Der Bundespräsident hielt aufgrund der Corona-Lage seine Ansprache per Video vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Deutschen Schulleitungskongresses. Foto: DSLK

„Es wird immer deutlicher: Das Modell von Schule, wie wir es seit 200 Jahren praktizieren, stößt an seine Grenzen“, so befand der renommierte Bildungsforscher Prof. Olaf-Axel Burow. Viele Menschen – auch Schulleitungen und Lehrkräfte – wünschten sich ein Zurück in die Normalität vor der Corona-Pandemie. Dabei übersähen sie: „Diese vermeintliche Normalität hat uns ja erst in die Lage gebracht.“ Was stattdessen erforderlich sei: ein neues Normal, das den Wandel (auch den krisenhaften, plötzlichen) von vorneherein miteinbezieht.

So gesehen sei die aktuelle Krise „die wirksamste Fortbildungsmaßnahme der letzten 20 Jahre“, befand Burow. Schulen lernten in der Not, sich auf schnelle Veränderungen einzustellen. Das werde künftig auch für den zu vermittelnden Stoff und fürs Lernen überhaupt gelten. Burow: „95 Prozent aller Wissenschaftler, die jemals gelebt haben, leben heute.“ Entsprechend dynamisch entwickele sich die Welt, auf die die Schülerinnen und Schüler ja in der Schule vorbereitet werden sollen.

„Wissen ist keine Kompetenz. Es gibt jede Menge Leute, die viel wissen, aber völlig inkompetent sind“

Es klang gut und nachvollziehbar, was Burow vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf dem Deutschen Schulleitungskongress (DSLK) ausbreitete: die Vision einer Schule, die „krisenresilient“ ist, dabei die Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler entwickelt und nicht nur Wissen vermittelt (Burow: „Wissen ist keine Kompetenz. Es gibt jede Menge Leute, die viel wissen, aber völlig inkompetent sind“), die sich öffnet für ihr Umfeld, einen Rahmen bietet für selbstorganisiertes Lernen, die Kindern und Jugendlichen bürgerschaftliches Engagement nahebringt, sie Achtsamkeit lehrt – und zudem auf Hausaufgaben verzichtet (Burow: „bringen wenig“).

Dagegen steht: der real existierende Schulalltag. Und der sieht so aus, wie eine forsa-Umfrage unter Schulleiterinnen und Schulleitern im Auftrag des VBE anlässlich des Deutschen Schulleitungskongresses ergab:

  • Befragt nach den drängendsten Problemen an ihrer Schule, nennen Schulleitungen mit Abstand am häufigsten den Lehrkräftemangel (46 Prozent), für ein Drittel der Schulleitungen zählen Corona zu den derzeit größten Problemen. Weiter werden genannt: schlechte Ausstattung (27 Prozent), marodes Schulgebäude (13 Prozent), zu viel Bürokratie (14 Prozent), herausforderndes Schülerverhalten (7 Prozent).
  • Die Politik erhält ein miserables Zeugnis. So stimmen 80 Prozent der Schulleitungen der Aussage zu, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachtet. Von den zuständigen Ministerinnen oder Ministern fühlten sich 2019 noch zehn Prozent unterstützt, doch mittlerweile nur noch zwei Prozent der Befragten.
  • Alleingelassen von der Politik und nicht ausreichend unterstützt sehen sich Schulleitungen so großen Herausforderungen gegenüber, dass 21 Prozent der unter 55-Jährigen angeben, diesen Beruf in zehn Jahren voraussichtlich nicht mehr auszuüben. Hinzu kommt, dass fast die Hälfte aller Befragten den Beruf „wahrscheinlich nicht“ oder sogar „auf keinen Fall“ weiterempfiehlt. Der Aussage, den Beruf momentan „sehr gerne“ auszuüben, stimmen heute nur noch halb so viele Befragte zu wie 2019, nämlich nicht mal jede dritte Schulleitung. Dafür versechsfachte sich in dieser Zeit der Wert derer, die eher beziehungsweise sehr ungern ihrem Job nachgehen: von 4 auf 25 Prozent.
  • Jeweils drei Viertel der Schulleitungen empfinden die wahrgenommene Anspruchshaltung, dass die Schule alle aufkommenden gesellschaftlichen Probleme lösen soll, sowie die Überforderung ihrer Kollegien als extrem belastend.

Und mit derart frustrierten und demotivierten Führungs- und Lehrkräften soll nichts weniger als eine Revolution des Bildungswesens gelingen? Geht durchaus, nach und nach jedenfalls – den Eindruck vermittelte Prof. Clemens Hillenbrand in seinem Vortrag, der sich (ausgerechnet!) dem „Umgang mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten an Ihrer Schule“ widmete, womit natürlich Schüler und nicht Schulleitung und Kollegium gemeint waren. Aber: Hier wie dort gehe es um Selbstwirksamkeits-Erfahrungen – mit Blick auf die Lehrerschaft eben um eine Anerkennung kollektiver Selbstwirksamkeit.

„Ich kenne viele Schulleiterinnen und Schulleiter, die ihre Arbeit mit einer zuversichtlichen und zupackenden Haltung angehen“

„Ich habe als Lehrkraft Erfolg gehabt“ – das sei für einen Einzelnen schwer festzustellen. Im Team aber, das sich untereinander wohlwollendes Feedback gebe, ließen sich gemeinsam Erfolgserlebnisse festmachen, die mehr und mehr Schub für eine positive Schulentwicklung gäben. Dabei komme der Schulleitung eine entscheidende Rolle zu. Die müsse dafür sorgen, dass Prozesse nicht ausuferten. Devise: Überschaubar anfangen! „Konzentrieren Sie sich auf eine Dimension!“, so Hillenbrand. „Vermitteln Sie klare Botschaften!“ Dann könnten Entwicklungsschritte von kleinen, festen Lehrergruppen, die sich gegenseitig unterstützten, gegangen werden (Motto: „Wir erforschen unser Lehren“).

Allerdings warnte Hillenbrand: „Ohne Invest geht es nicht, werden Sie nicht zum Erfolg kommen.“ Heißt: Ein besonderer Einsatz ist weiterhin gefordert.

Zuspruch für die Schulleitungen kam dafür von ganz oben – vom Bundespräsidenten (der eigentlich hatte persönlich auftreten wollen, dann aber aufgrund der Corona-Lage seine Ansprache per Video hielt). Und das zunächst in Worten, die man von einem Staatsoberhaupt vielleicht nicht so erwartet: „Schulleiter, das ist ‚der geilste Job der Welt‘“, sagte Frank-Walter Steinmeier (einen Schulleiter aus Werl zitierend). Und weiter: „Vielleicht wird dieses Zitat nicht jeder von Ihnen unterschreiben, aber ich kenne viele Schulleiterinnen und Schulleiter, die ihre Arbeit mit dieser zuversichtlichen und zupackenden Haltung angehen. Eine solche Haltung tut jeder Schule gut, aber ich finde, wir könnten sie auch in der Schulpolitik gut gebrauchen – nicht nur jetzt, mitten in der vierten Welle, sondern auch in der Zeit danach. Ich bin überzeugt: Wir müssen jetzt unsere Lektionen aus der Corona-Zeit lernen, und wir müssen das Gelernte dann auch umsetzen!“

Wie, dabei wurde der Bundespräsident dann bemerkenswert konkret: „Es muss uns gelingen, den Personalmangel an den Schulen zu beheben! Wenn Schulen jede und jeden bestmöglich fördern sollen, wenn sie die vielen verschiedenen Menschen unserer Gesellschaft zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten formen sollen, dann müssen wir sie auch mit den nötigen pädagogischen Fachkräften und multiprofessionellen Teams ausstatten.“

Fast immer seien es ausgebildete, erfahrene Lehrerinnen und Lehrer, die im Lauf ihres Berufslebens zu Schulleiterinnen oder Schulleitern befördert werden. Das sei gut so. „Aber eine Schule zu leiten, das ist eben nicht nur die Fortsetzung des Lehrerberufs mit anderen Mitteln. Es ist deshalb aus meiner Sicht unerlässlich, dass angehende Schulleiterinnen und Schulleiter gut vorbereitet werden auf ihre hochkomplexe Aufgabe“, sagte Steinmeier. Und er forderte: „Wir brauchen mehr Angebote für Ausbildung und Fortbildung, und wir sollten länderübergreifend festlegen, was Schulleiterinnen und Schulleiter eigentlich können müssen. Dass die Kultusministerkonferenz ein Qualifikationsprofil auf den Weg bringen will, ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Die Schullandschaft spiegele die Vielfalt der Gesellschaft wider. „Schulleitungen brauchen deshalb noch mehr Freiräume und noch mehr gezielte Hilfen, um die besonderen Bedürfnisse an ihrer Schule erfüllen zu können. Wer Ungleiches gleich behandelt, der verfestigt oder verschärft bestehende Ungleichheiten.“ Deshalb: „Wir brauchen Geld, ja, aber wir brauchen keine goldenen Zügel, die jeden Euro mit zwei Dutzend Vorschriften und haufenweise Formularen verknüpfen. Was wir brauchen, sind pragmatische, bewegliche und unbürokratische Lösungen – und das gilt ganz besonders mit Blick auf die Digitalisierung!“ Der mehr als höfliche Beifall machte deutlich, dass Steinmeier damit den anwesenden Schulleiterinnen und Schulleitern aus der Seele sprach. News4teachers

Schulleitungskongress: Frust über Corona-Politik, Anerkennung vom Bundespräsidenten

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14 KOMMENTARE

  1. Alles schön und gut, aber warum war Herr Steinmeier nicht persönlich vor Ort? Es war doch geplant, dass er in persönlich dabei sein sollte?! Stattdessen wird er leider nur per Videoschalte in den Saal gestreamt. Ist ihm das etwa zu unsicher?

    • Schulleitungen haben halt schon arg viel mit der am stärksten nichtimmunisierten, hochinzidenzierten Bevölkerungsgruppe zu tun. Manche nennen sie neuerdings SuSpekte.

    • Mich wundert, dass ein derartig großer Kongress in Coronazeiten mit so vielen teilnehmenden Lehrern nicht per Videokonferenz stattfindet.
      Herr Steinmeier verhält sich den Umständen entsprechend angemessen.

  2. Schön, das waren die Worte, die ihm der Redenschreiber aufgeschrieben hat. Dem kann man immerhin zugute halten, dass er sich informiert zu haben scheint. Wann folgen die Taten? Auf die kommt es an!

  3. Leider muss man ständig darauf hinweisen, dass immer noch NICHTS (!) gegen den riesigen Lehrkräftemangel unternommen wird: „Befragt nach den drängendsten Problemen an ihrer Schule, nennen Schulleitungen mit Abstand am häufigsten den Lehrkräftemangel (46 Prozent), für ein Drittel der Schulleitungen zählen Corona zu den derzeit größten Problemen. Weiter werden genannt: schlechte Ausstattung (27 Prozent), marodes Schulgebäude (13 Prozent), zu viel Bürokratie (14 Prozent), herausforderndes Schülerverhalten (7 Prozent).“
    Da hilft auch keine Aussitzen, das Problem nimmt immer größere Dimensionen an.

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