Misshandlung von Kindern: Zahl der Fälle bleibt in der Pandemie hoch (und die Energiekrise wird den Druck noch verschärfen)

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WIESBADEN. Zehntausende Kinder und Jugendliche müssen zuhause physische und psychische Gewalt erleben. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschlimmert. Prävention finde wegen Einsparungen viel zu wenig statt, kritisiert der Kinderschutzbund – und sagt voraus, dass sich die Situation aufgrund des wachsenden ökonomischen Drucks auf die Familien in der Energiekrise wohl noch verschlimmert.

Die Schule muss mitkriegen, was da passiert.» (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Knapp 60.000 Kinder und Jugendliche sind nach der amtlichen Statistik im vergangenen Jahr Opfer von Vernachlässigung oder Gewalt geworden. Mehr Betroffene gab es bisher nur im ersten Corona-Jahr 2020, als die Fallzahlen einen Höchststand erreichten, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte. 2021 registrierten die Ämter einen leichten Rückgang um ein Prozent. Hinzu komme eine riesige Dunkelziffer, die während der Pandemie noch gestiegen sei, sagte die Frankfurter Professorin für Jugendhilfe und Kinderschutz, Maud Zitelmann.

Einen Höchststand von 67.700 zeigt die seit zehn Jahren geführte Statistik bei der Zahl der Fälle, in denen die Behörden zwar keine Kindeswohlgefährdung, aber einen Hilfebedarf feststellten. Knapp zwei Prozent häufiger kam dies 2021 im Vorjahresvergleich vor. Das Bundesamt verwies auf die Pandemie als eine Ursache der hohen Zahlen, die für Familien Existenzängste, begrenzte Freizeitmöglichkeiten und Distanzlernen bedeutet habe. Die insgesamt 59.948 registrierten Opfer von Kindeswohlgefährdung waren zu 49 Prozent jünger als acht Jahre und zu 25 Prozent jünger als vier Jahre. Jungen waren bis zum Alter von elf Jahren etwas häufiger betroffen, Mädchen ab dem zwölften Lebensjahr.

«Es ist dringend notwendig, dass wir das Kinderrecht auf Beteiligung und Partizipation ernst nehmen»

Geprüft hatten die Behörden mit rund 197.800 Verdachtsfällen zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Sie stellten in 45 Prozent der Fälle von Kindeswohlgefährdung Indizien für Vernachlässigung fest und in knapp einem Fünftel (18 Prozent) für psychische Misshandlungen. In 13 Prozent der Fälle wurden Anzeichen für körperliche Misshandlungen, in 4 Prozent für sexuelle Gewalt und in jedem fünften Fall (21 Prozent) für mehrere Arten von Vernachlässigung und Gewalt gefunden.

Die Hinweise kamen am häufigsten von Polizei und Justizbehörden (28 Prozent) sowie Verwandten, Bekannten und Nachbarn oder wurden anonym abgegeben (25 Prozent). In nur zwei Prozent der Fälle wandten sich die betroffenen Minderjährigen selbst an die Behörden.

Diese Zahl zeige, dass es zu wenige und nicht geeignete Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche gebe, sagte der Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds, Heinz Hilgers: «Es ist dringend notwendig, dass wir das Kinderrecht auf Beteiligung und Partizipation ernst nehmen, dass wir Kinder ernst nehmen.» Kindgerechte Büros in den Jugendämtern und geeignete Kontaktmöglichkeiten in Schulen und Kitas würden helfen. Auch Prävention finde viel zu wenig statt – wegen Corona, aber auch, weil es Hilgers zufolge zu wenig Personal gibt: «Viele Jugendämter sind fast kaputt gespart.»

Die Zahl der registrierten Fälle bilde die tatsächliche Situation nur zu einem Teil ab, sagte auch Hilgers. Er rechnet mit einem weiteren Anstieg wegen des wachsenden ökonomischen Drucks auf die Familien.

«Kommunen, Bund und Länder müssen die Kinderschutzstrukturen deutlich ausbauen, Geld in die Hand nehmen»

Die Expertin der Frankfurt University of Applied Sciences wies daraufhin, dass auch Schulen nur zehn Prozent der Fälle gemeldet hätten. Dies zeige, dass Lehrer besser ausgebildet werden müssten, um Missbrauch zu erkennen. «Die Schule muss mitkriegen, was da passiert», sagte Zitelmann. Das Thema müsse im Unterricht vorkommen, damit Kinder wüssten, dass sie Schutz erhalten können.

Auch Sozialarbeitern werde in ihrer Ausbildung viel zu wenig Fachwissen in Sachen Kinderschutz vermittelt. Die Ausstattung der Jugendämter sei zudem schon vor Corona kritikwürdig gewesen. «Kommunen, Bund und Länder müssen die Kinderschutzstrukturen deutlich ausbauen, Geld in die Hand nehmen, Personal einstellen, gute Arbeitsbedingungen schaffen und schulen», sagte die Professorin. Zudem müssten Konzepte entwickelt werden, um in der Pandemie Infektionsschutz und Kinderschutz zugleich sicherzustellen. «Die nächste Welle kommt», sagte Zitelmann mit Blick auf das Corona-Virus. News4teachers / mit Material der dpa

Pandemie hat Kinder unglücklicher gemacht (offene Schulen sie aber nicht glücklicher)

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2 Kommentare
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Schattenläufer
1 Monat zuvor

Es ist ja ein beliebtes Gerücht, dass das Kindeswohl ursächlich durch den Distanzunterricht im ersten Jahr der Pandemie gefährdet war.
Der obige Bericht klingt eher, als würde das Problem bedeutend tiefer gehen.

Zunächst Eltern die nicht mehr willens oder in der Lage sind ihre Kinder angemessen und ohne Gewalt zu erziehen.
Auf der anderen Seite Jugendämter die man so weit kaputt gespart hat, dass Sie nahezu handlungsunfähig sind.
Sparen ist wohl eine Spezialität unseres Staates. Jugendämter, Schulen, Bundeswehr, Gesundheitsämter. Es scheint als sollte man das System des exzessiven Sparens irgendwie mal in Ruhe überdenken.

Wird aber nicht so kommen. Die Lösung liegt mal wieder auf der Hand.
Die LuL in der Schule und die Kitas sollen es richten.
Da besteht eben nur das winzige Problem, dass das System Schule auch bis zu Anschlag heruntergespart wurde. Wie sollen das die LuL in Klassen der aktuellen Stärke leisten???
Kaum ein Lehrer hat in seiner Ausbildung dazu eine Qualifikation erworben.
Außerdem hat die Schule, auch wenn das momentan absolut unpopulär ist, eigentlich die Aufgabe der Bildung.

Lösungen müssen beim Staat eben nicht funktionieren, sie müssen das Problem nur so gestalten, dass ein Anderer die Verantwortung trägt.

Beliebt sind da eben die LuL. Kindeswohlgefährdung? Klar die faulen und dummen LuL kommen ihren Pflichten nicht nach und machen sich im Distanzunterricht lieber einen lauen Lenz.
Ist doch klar woher die Probleme kommen! Die LuL haben es verbockt.

Das ist bequem und kommt bei Durchschnittsbürger gut an. LuL sind eh nur Idioten die nichts arbeiten, dauernd Ferien haben und unsere Steuergelder verjubeln.

Von fehlendem Personal an Schulen und in Jugendämtern, von fehlenden Sozialarbeitern mit passender Qualifikation, von einer Überforderung der Eltern durch stetig wachsenden Druck durch durch die Wirtschaft oder von Belastungen durch Inflation und sonstiges, die labile Eltern so sehr frustrieren, dass sie ihren Erziehungsaufgaben nicht mehr nachkommen können ist da keine Rede. Kommt alles von Distanzunterricht.

Problem gelöst! Die LuL waren es.

DerechteNorden
1 Monat zuvor

Die Wahrheit ist doch, dass man diese Probleme nur lösen könnte, wenn sich der Staat (wenn es auch das Personal gäbe) viel mehr ins Privatleben einmischen würde. Das aber geht nicht.
Geradezu absurd muss es einem da vorkommen, dass die Maßnahmen-Gegner*innen komplett auf Freiwilligkeit statt irgendeines Eingreifens des Staates bestehen und gleichzeitig anprangern, dass es Kindeswohlgefährdungen gibt, weil die Eltern sich nicht so gut kümmern.