BERLIN. Demokratiebildung braucht nach Ansicht von Lehrerverbänden deutlich mehr politische Unterstützung. In einer gemeinsamen „Berliner Erklärung“ warnen Bildungsorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor gesellschaftlicher Polarisierung und Angriffen auf demokratische Grundwerte. Schulen seien der zentrale Ort für gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Teilhabe. Dafür müssten jedoch auch die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften verbessert werden.

Bildungsorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben eine gemeinsame Erklärung zur Bedeutung von Demokratiebildung verabschiedet. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) sowie die Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer Österreich (GÖD-APS) sehen die öffentliche Schule in einer Schlüsselrolle für den Erhalt demokratischer Gesellschaften und fordern von der Politik stärkere Investitionen in Bildung sowie bessere Rahmenbedingungen für Lehrkräfte. Die „Berliner Erklärung“ wurde nun in der deutschen Bundeshauptstadt veröffentlicht.
Die Verbände begründen ihren Vorstoß mit gesellschaftlichen Entwicklungen, die sie mit Sorge beobachten. In der Erklärung heißt es: „Wir, die Bildungsorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, beobachten mit Sorge die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Diese Entwicklung belastet den sozialen Zusammenhalt.“ Zugleich verwiesen die Organisationen auf „gesellschaftliche Tendenzen, welche demokratische Grundwerte und Menschenrechte offen infrage stellen“. Vor diesem Hintergrund unterstrichen sie „die fundamentale Bedeutung der öffentlichen Schule für die Demokratiebildung“.
„Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss von jeder Generation neu erarbeitet und gestützt werden“
Dabei weisen die Verbände der Schule eine zentrale demokratische Funktion zu. Wörtlich heißt es: „Die öffentliche Schule ist der wichtigste Ort, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss von jeder Generation neu erarbeitet und gestützt werden.“ Weiter erklären die Organisationen: „Die Schule ist der zentrale Ort, an dem junge Menschen zu mündigen, kritischen und verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen.“
Deutlich positionieren sich die Verbände gegen extremistische und menschenfeindliche Einstellungen. „Die Schule schafft einen sicheren Raum, in dem demokratische Werte, Toleranz und Menschenrechte aktiv vermittelt und gelebt werden“, heißt es in der Erklärung. Weiter schreiben die Organisationen: „Extremistischen, diskriminierenden oder rassistischen Haltungen begegnet die Schule mit einer aktiven und unmissverständlichen Verteidigung der demokratischen Grundwerte.“ Eine starke Demokratiebildung auf allen Schulstufen sei ihr „erklärtes Ziel“.
„Demokratiebildung ist ein Kernauftrag der Schule und muss auf allen Stufen verbindlich in den Lehrplänen verankert sein“
Konkret formulieren die Verbände fünf zentrale Forderungen. An erster Stelle steht die Stärkung einer offenen Diskussionskultur im Unterricht. „Eine lebendige Demokratiebildung gedeiht durch den offenen Austausch im Klassenzimmer“, heißt es. Lehrpersonen gestalteten diesen Prozess „auf Basis des Beutelsbacher Konsenses“. Der Schutz dieser professionellen Freiheit sei „die Grundvoraussetzung dafür, dass Lernende lernen, ihre eigene Meinung fundiert zu bilden, andere Perspektiven zu respektieren und demokratische Prozesse sicher zu durchlaufen“.
Darüber hinaus verlangen VBE, LCH und GÖD eine verbindliche Verankerung der Demokratiebildung in allen Schulstufen. „Demokratiebildung ist ein Kernauftrag der Schule und muss auf allen Stufen verbindlich in den Lehrplänen verankert sein“, schreiben die Verbände. Damit Lehrkräfte diesen Auftrag wirksam umsetzen könnten, benötigten sie „eine fachspezifische Aus- und Weiterbildung“. Zugleich fordern die Organisationen „eine aktive Unterstützung, die den fachlichen Rückhalt gewährleistet, die parteipolitische Neutralität sicherstellt und Lehrpersonen vor unzulässigem politischem Druck schützt“.
Breiten Raum nimmt in der Erklärung die Arbeitsbelastung von Lehrkräften ein. Die Verbände betonen, dass Demokratiebildung Zeit benötige. „Die Begleitung von Partizipationsprojekten und die Förderung der politischen Mündigkeit sind anspruchsvolle pädagogische Aufgaben, die Zeit erfordern“, heißt es. Deshalb setzen sich die Organisationen „für eine gezielte Entlastung von administrativen Tätigkeiten“ ein, damit Lehrkräfte ihre Ressourcen auf individuelle Förderung, Demokratiebildung und innovative Unterrichtsformate konzentrieren könnten. Zugleich seien „ein gesundheitsförderndes Arbeitsumfeld und flächendeckende multiprofessionelle Teams“ notwendig.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Gesundheit der Lehrkräfte. „Resiliente Lehrpersonen sind die Voraussetzung für eine funktionierende demokratische Schule“, schreiben die Verbände. Tatsächlich lasteten „die vielfachen Krisen der vergangenen Jahre schwer auf den Schultern der Lehrpersonen, insbesondere vor dem Hintergrund der grundsätzlichen personellen Überlastung“. Deshalb brauche es „dringend systemimmanente und professionelle Angebote zur Gesundheitsförderung und zum verstärkten Gesundheitsschutz der Lehrpersonen“.
Die Erklärung entstand im Zusammenhang mit dem diesjährigen trinationalen Treffen der Bildungsorganisationen in Berlin. Vertreterinnen und Vertreter von VBE, LCH und GÖD kommen seit 2007 regelmäßig zusammen, um sich über bildungspolitische Entwicklungen und Herausforderungen im Schulwesen auszutauschen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Beratungen stand das Thema „Resiliente Lehrkräfte“. Nach Angaben des VBE wurde dabei deutlich, dass Schulen junge Menschen zwar auf demokratische Verantwortung vorbereiten sollen, Lehrkräfte diese Aufgabe aber nur erfüllen können, wenn ihre Gesundheit geschützt, ihre Arbeitsbelastung begrenzt und ihre professionelle Arbeit anerkannt wird.
„Der wissenschaftliche Diskurs belegt den engen Zusammenhang zwischen einem hochwertigen Bildungssystem und der Stabilität einer Demokratie“
VBE-Bundesvorsitzender Tomi Neckov erklärte: „Der grenzüberschreitende Austausch ist bereits seit 19 Jahren eine verlässliche Grundlage für gemeinsame Positionen und fachlichen Fortschritt.“ Mit der Berliner Erklärung werde deutlich: „Die Herausforderungen im Bildungsbereich sind groß, aber sie lassen sich gemeinsam besser angehen.“ Der trinationale Austausch bleibe deshalb „ein wichtiges Instrument — fachlich, politisch und menschlich“.
Ihre bildungspolitischen Forderungen stellen die Verbände ausdrücklich in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. „Der wissenschaftliche Diskurs belegt den engen Zusammenhang zwischen einem hochwertigen Bildungssystem und der Stabilität einer Demokratie“, heißt es in der Erklärung. Deshalb fordern sie die Politik auf, „Bildung als prioritäre Investition in die Zukunft zu begreifen“. Notwendig seien „eine verlässliche langfristige und nachhaltige Finanzierung, eine weitsichtige Bildungsplanung und die konsequente Wertschätzung der Profession Schule“.
Zum Abschluss verbinden die Organisationen ihre Forderungen mit einem politischen Appell: „Gute Schulen sind keine Selbstverständlichkeit – sie sind Ausdruck gemeinsamen Handelns für die Zukunft unserer Gesellschaft. Wer die Demokratie stärken will, muss jetzt handeln: durch Respekt, durch konkrete Verbesserungen – und durch echte Wertschätzung für die Menschen, die Bildung zum Wohle von uns allen möglich machen.“
Hier lässt sich die vollständige Berliner Erklärung herunterladen.
“Hierarchisch gesteuert”: Verbände wehren sich gegen AfD-Pläne mit der Schule









„Wörtlich heißt es: „Die öffentliche Schule ist der wichtigste Ort, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss von jeder Generation neu erarbeitet und gestützt werden.“ Weiter erklären die Organisationen: „Die Schule ist der zentrale Ort, an dem junge Menschen zu mündigen, kritischen und verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen.““
Jup, nicht ohne Grund wird von gerade gegen gemeinsames Lernen und die Schulpflicht geschossen 🙁
Meinen Sie Tanya, Petra OWL und Co. – also, dass die Verfechter von (immer mehr) Distanzunterricht, gegen Schule als Ort des sozialen Zusammenhalts schießen?Der Meinung bin ich auch!
Vielen waren schon immer der Meinung, es bräuchte eine Bildungspflicht, aber meinten die es schon gestern schon immer, bevor die Rechtsextremen vorschlugen, was schon vor Jahren abgefrühstückt war? 😉
https://www.bundestag.de/resource/blob/415424/dbc64afb565391f883ebe737ba44475f/wd-8-047-09-pdf-data.pdf
„… damit Lehrkräfte ihre Ressourcen auf individuelle Förderung, Demokratiebildung und innovative Unterrichtsformate konzentrieren könnten.“
Sind das wirklich „die Kernaufgaben“ von Lehrern (genau so steht es in der „Berliner Erklärung“ unter 3.), oder fehlt da nicht das meiste? Was ist mit dem Unterricht in den Fächern, was ist mit „classroom management“, was ist mit den Erziehungsaufgaben (wird das neuerdings nicht immer betont?), was ist mit den Prinzipien guten Unterrichts? Wenn man akzeptiert, dass es letztlich auf die erworbenen Kompetenzen der Schüler ankommt, dann sind doch die Unterrichtsformate nebensächlich. Der „Output“ zählt. Die Hilfsmittel, mit denen das erreicht wird, sind kein Selbstzweck, auch nicht das individualisierte Lernen und die „Digitalität“. Alles, was oft hoch gelobt wird, hat nämlich auch Nachteile.
Was die Politik betrifft, so haben die Revolutionäre aller Zeiten immer vorher die traditionellen Schulen der Herrschenden durchlaufen. Der Erfolg „politischer Erziehung“ bleibt eben begrenzt. Alles kann auch umschlagen — in die eine oder die andere Richtung.