MÜNCHEN. Wie wichtig sind deutschen Eltern schulische Leistungen noch? Die neue PISA-Studie zeigt: Jugendliche hierzulande berichten von weniger familiärer Unterstützung und deutlich geringeren elterlichen Erwartungen an einen Hochschulabschluss als Gleichaltrige im OECD-Durchschnitt. Eine Recherche der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung liefert weitere Hinweise darauf, dass der Bildungsehrgeiz nachgelassen haben könnte – bei Eltern wie bei Jugendlichen. Dahinter steckt womöglich ausgerechnet eine positive gesellschaftliche Entwicklung: die über Jahre gesunkene Arbeitslosigkeit.

Es ist ein Elternabend in der ersten Klasse, zweites Halbjahr. Die Lehrerin erklärt, wie sie den Kindern das Rechnen mit Ergebnissen über zehn beibringt. Einige Eltern melden sich zu Wort. Muss das wirklich so ausführlich sein? Und könnte es nicht weniger Hausaufgaben geben?
Mit dieser Begebenheit beginnt eine Recherche der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), die eine grundsätzliche Frage aufwirft: Hat der Bildungsehrgeiz in Deutschland nachgelassen? Die Autoren Patrick Bernau und Alexander Wulfers beschreiben eine gesellschaftliche Entwicklung: Eltern scheinen bei der Schulwahl andere Maßstäbe anzulegen, Jugendliche berichten von geringerer Anstrengungsbereitschaft – und der Wunsch nach möglichst hohen Bildungsabschlüssen ist in Deutschland im internationalen Vergleich auffallend schwach ausgeprägt.
Die F.A.S. hat dafür Daten aus den Begleitbefragungen der PISA-Studien mit weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen verglichen. Ihre zugespitzte These lautet: Bildung sei den Deutschen inzwischen weniger wichtig als früher. Besonders interessant wird diese Diagnose durch einen Teil des neuen deutschen PISA-Berichts, der in der öffentlichen Diskussion bislang kaum eine Rolle gespielt hat: Kapitel 13 untersucht die häuslichen Lernumgebungen von 15-Jährigen. Die Ergebnisse liefern zusätzliche Hinweise darauf, dass die Erwartungen an schulische Bildung in Deutschland vergleichsweise niedrig ausfallen.
Deutsche Jugendliche nehmen deutlich geringere Bildungserwartungen ihrer Eltern wahr
Besonders auffällig ist der internationale Vergleich der elterlichen Bildungsaspirationen. Nur elf Prozent der Jugendlichen in Deutschland geben an, dass ihre Eltern von ihnen einen Hochschulabschluss oder einen höheren Abschluss erwarten. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Anteil bei 51 Prozent. Auch gegenüber sämtlichen ausgewählten Vergleichsstaaten liegt Deutschland deutlich zurück.
Dafür werden niedrigere Bildungsabschlüsse hierzulande häufiger als elterliches Bildungsziel wahrgenommen. 35 Prozent der Jugendlichen in Deutschland geben an, ihre Eltern erwarteten einen Abschluss der Sekundarstufe I. Im OECD-Durchschnitt sind es sieben Prozent. Einen Abschluss der Sekundarstufe II bis hin zu einer kurzen tertiären Ausbildung nennen 54 Prozent in Deutschland, gegenüber 42 Prozent im OECD-Durchschnitt.
Zwar unterscheiden sich die Bildungssysteme. In Deutschland führen berufliche Ausbildungen und andere Qualifizierungswege zu anerkannten Abschlüssen und beruflichen Perspektiven, ohne dass dafür ein Hochschulstudium erforderlich wäre. Eine geringere Hochschulaspiration ist deshalb nicht ohne Weiteres mit geringem Bildungsinteresse gleichzusetzen. Allerdings gibt es weitere Indizien.
Auch bei der familiären Unterstützung liegt Deutschland unter dem OECD-Durchschnitt
So fragt PISA auch danach, wie Jugendliche die Unterstützung durch ihre Familie erleben. 53 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland berichten, dass Eltern oder andere Familienangehörige mindestens einmal wöchentlich mit ihnen darüber sprechen, wie gut sie in der Schule zurechtkommen. Auf dem Gesamtindex zur familiären Unterstützung erreicht Deutschland einen Wert von minus 0,27. Der OECD-Durchschnitt liegt bei minus 0,19, der EU-Durchschnitt bei minus 0,15. Die Unterschiede sind statistisch signifikant. In Estland, den Niederlanden und Österreich fällt die wahrgenommene familiäre Unterstützung günstiger aus als in Deutschland. Frankreich liegt dagegen darunter.
Der Index umfasst mehr als das Gespräch über schulische Leistungen. Er berücksichtigt verschiedene Formen familiärer Zuwendung und Unterstützung, wie sie von den Jugendlichen wahrgenommen werden. Er ist deshalb nicht unmittelbar mit der Zahl der Elterngespräche oder der Hilfe bei Hausaufgaben gleichzusetzen. Der Vergleich mit den Daten der F.A.S. ist aber aufschlussreich. Nach deren Auswertung hat sich der Anteil der Eltern, die von sich aus das Gespräch mit der Schule suchen, in Deutschland innerhalb von zehn Jahren von 53 auf 44 Prozent verringert. Die Initiative zum Austausch mit Lehrkräften geht demnach seltener von den Familien selbst aus.
Auch die Schulwahl folgt offenbar veränderten Prioritäten. Der gute Ruf einer Schule war nach der F.A.S.-Auswertung 2012 für 41,4 Prozent der Eltern ein besonders wichtiges Kriterium, 2025 waren es nur noch 33,9 Prozent. Auch die Leistungen einer Schule haben bei der Schulwahl an Bedeutung verloren: 2012 waren herausragende schulische Ergebnisse noch für 27,2 Prozent der Eltern ein besonders wichtiges Auswahlkriterium, 2025 nur noch für 17,8 Prozent. Dagegen stieg der Anteil derjenigen, für die ein kurzer Schulweg besonders wichtig ist, von 17,3 auf 23,2 Prozent.
Auch die Jugendlichen berichten von geringerer Anstrengungsbereitschaft
Die Entwicklung beschränkt sich offenbar nicht auf die Eltern. Es zeigen sich auch Veränderungen in den Einstellungen der Schülerinnen und Schüler zwischen den jüngsten PISA-Erhebungen. Nach Angaben der F.A.S. ist zwischen 2022 und 2025 der Anteil der Jugendlichen, die sich bei schwierigen Aufgaben besonders anstrengen, um 7,9 Prozentpunkte zurückgegangen. Zugleich nahm der Anteil derjenigen, die Schule als Zeitverschwendung betrachten, um vier Prozentpunkte zu.
Einen weiteren Hinweis liefert die Einstellung zur Bedeutung mathematischer Kenntnisse für das Berufsleben. Dass Mathematik für eine gute Arbeitsstelle wichtig ist, findet weiterhin breite Zustimmung. Verändert hat sich jedoch die Stärke dieser Zustimmung. Nach der F.A.S.-Auswertung stimmten 2012 noch 57,1 Prozent der Jugendlichen dieser Aussage uneingeschränkt zu. 2022 waren es 37,8 Prozent. Zugleich wuchs der Anteil derjenigen, die lediglich zustimmten. Die grundsätzliche Bedeutung mathematischer Kenntnisse wird also weiterhin anerkannt, aber weniger nachdrücklich betont.
Auch das ist kein Beweis für allgemeine Bildungsverdrossenheit. Es deutet jedoch auf eine Verschiebung der Einstellungen hin, die mit den Veränderungen bei den elterlichen Erwartungen zusammenpasst. Woher könnte diese Entwicklung kommen?
Warum gute Arbeitsmarktchancen den Bildungsanspruch verändern könnten
Die F.A.S. diskutiert dafür eine Erklärung, die zunächst überraschend wirkt: Gerade die verbesserten beruflichen Perspektiven könnten dazu beigetragen haben, dass schulische Höchstleistungen weniger dringlich erscheinen.
In den 2000er-Jahren war der deutsche Arbeitsmarkt noch stark von Massenarbeitslosigkeit geprägt. Seit Beginn der 2010er-Jahre verbesserten sich die Beschäftigungschancen deutlich. Nach den von der F.A.S. zusammengestellten Eurostat-Daten sank die Jugendarbeitslosigkeit über einen längeren Zeitraum erheblich, auch wenn sie zuletzt wieder anstieg. Wenn junge Menschen und ihre Eltern davon ausgehen können, dass sich berufliche Möglichkeiten auch ohne außergewöhnlich gute Schulnoten eröffnen, könnte das die Anreize verändern, besonders viel Zeit und Energie in schulische Leistungen zu investieren.
Der Bildungsökonom Prof. Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut vermutet, dass auch im traditionell bildungsorientierten Bürgertum die Bereitschaft nachgelassen hat, von Kindern hohe schulische Leistungen einzufordern. Allerdings sei ein solcher Einstellungswandel schwer zu erfassen. „Wer sagt schon: Bildung ist mir nicht wichtig?“, fragt er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wößmann unterscheidet dabei zwischen dem Wunsch nach einem formalen Bildungsabschluss und dem Interesse an den tatsächlich erworbenen Kenntnissen. „Den Leuten ist vielleicht noch wichtig, dass das Kind aufs Gymnasium geht, eine gute Note hat, ein Abitur macht, aber ob dann wirklich Bildung dahintersteckt, also dass man wirklich was gelernt hat, gar nicht unbedingt.“
Auch die Bildungswissenschaftlerin Prof. Anne Sliwka von der Universität Heidelberg beobachtet ein nachlassendes schulisches Engagement. Als einen möglichen Grund nennt sie die wachsende Zahl von Ablenkungsmöglichkeiten. „Meinen Studenten sage ich immer: Ihr habt das Problem der Reizüberflutung. Ich hatte früher das gegenteilige Problem, nämlich Langeweile.“
Daneben hält Sliwka veränderte Arbeitsmarktbedingungen als Erklärung für geringere Bildungsanstrengungen für denkbar. Die These sei zwar kaum abschließend zu überprüfen, aber „sehr plausibel“.
Die F.A.S. verweist noch auf einen weiteren Wandel: den Zugang zum Hochschulstudium. Nach Angaben des Centrums für Hochschulentwicklung, die die Zeitung anführt, sind im aktuellen Wintersemester mehr als 70 Prozent der Bachelorstudiengänge zulassungsfrei. Vor zehn Jahren war dagegen noch etwa jeder zweite Bachelorstudiengang zulassungsbeschränkt. Auch das könnte die Wahrnehmung verändert haben, wie wichtig besonders gute schulische Leistungen für den weiteren Bildungsweg sind: Wer davon ausgeht, dass ein Studienplatz auch mit durchschnittlichen Noten erreichbar ist, sieht möglicherweise weniger Anlass, sich für einen möglichst guten Abiturdurchschnitt besonders anzustrengen. News4teachers
Hier lässt sich der komplette PISA-Bericht für Deutschland gratis herunterladen.
PISA-Chef Schleicher: „Das deutsche Bildungssystem ist ambitionslos geworden“










Wundert mich. Wenn die Ansprüche so gesunken sind, warum ist die „Streitbereitschaft“ dann so gestiegen? Also das Feilschen um halbe Punkte, jede Note und die Gegenwehr bei jeglicher erzieherischen Maßnahme?
Das ist ja gerade der Punkt: Es reicht, formal einen guten Abschluss zu erreichen, Bildung muss nicht dahinterstecken.
Wößmann unterscheidet dabei zwischen dem Wunsch nach einem formalen Bildungsabschluss und dem Interesse an den tatsächlich erworbenen Kenntnissen. „Den Leuten ist vielleicht noch wichtig, dass das Kind aufs Gymnasium geht, eine gute Note hat, ein Abitur macht, aber ob dann wirklich Bildung dahintersteckt, also dass man wirklich was gelernt hat, gar nicht unbedingt.“
Der Anspruch auf den Abschluss ist ja nicht gesunken, nur die Bereitschaft dafür auch abzuliefern.
„Den Leuten ist vielleicht noch wichtig, dass das Kind aufs Gymnasium geht, eine gute Note hat, ein Abitur macht, aber ob dann wirklich Bildung dahintersteckt, also dass man wirklich was gelernt hat, gar nicht unbedingt.“
Ziel ist möglichst gut zertifiziert zu sein, ohne formale Qualifikation ist es in Deutschland schwierig, selbst wenn sie etwas können. Leistung und formale Qualifikation sind jedoch nicht notwendigerweise miteinander verbunden, das ist wahrscheinlich einfach die Erfahrung dieser Elterngeneration. Und Sozialleistungen zu beziehen ist mit weniger moralischem Druck verbunden als früher.
Insgesamt führt das zu einem entspannteren Verhältnis zur schulischen „Leistung“.
Damit man hinterher sagen kann, dass man sich ja um das Kind und die Schule gekümmert hat. 3/4 Jahr um nichts kümmern und dann, wenn es um Zeugnisse geht, alles aufholen wollen. Ist halt auch schwierig, sich Fehler selbst einzugestehen, da ist es einfacher am Ende auf Konfrontation zu gehen, sind halt die anderen Schuld.
War in den internationalen Medien schon länger ein Thema. Dort wurden auch die Punktzahl genannt, die positiver „family support“ ausmachen kann.
‚Parents see themselves more as a client of the school‘: Underperformance in class leads to apathy at home | Fortune
„Den Leuten ist vielleicht noch wichtig, dass das Kind aufs Gymnasium geht, eine gute Note hat, ein Abitur macht, aber ob dann wirklich Bildung dahintersteckt, also dass man wirklich was gelernt hat, gar nicht unbedingt.“
Treffender lässt sich der bildungspolitische Offenbarungseid kaum formulieren: Gymnasium und Abitur für alle, Bildung optional! Hauptsache, das Etikett stimmt. Der Inhalt? Wird völlig überbewertet.
„Laut F.A.S. ist zwischen 2022 und 2025 der Anteil der Jugendlichen, die sich bei schwierigen Aufgaben besonders anstrengen, um 7,9 Prozentpunkte gesunken. Gleichzeitig stieg der Anteil derjenigen, die Schule für Zeitverschwendung halten, um vier Prozentpunkte.“ Na, das ist doch konsequentes Zeitmanagement: Wer in der Schule Schule schon verplempern muss, sieht erst recht keinen Grund, sich darin auch noch anzustrengen. Leistungsoptimierung durch Leistungsvermeidung – Effizienz kann so einfach sein!
Und wenn das Abi dann trotzdem platzt, gibt’s die Wutrede: „Fickt euch doch alle!“ Gemeint sind die Lehrer, die dem ganzen Jahrgang das Abitur angeblich nicht gönnten. Dabei wurden die Vornoten womöglich schon mit pädagogischer Großzügigkeit unters Volk gebracht, die Gießkanne lief auf Hochtouren – und dann kommt dieses verdammte Zentralabitur! Plötzlich fragt eine Prüfung tatsächlich nach Wissen, statt bloß die jahrelang gehegte Erwartungshaltung zu bestätigen. Ein Skandal! Da wird einem die Hochschulreife doch glatt nicht hinterhergetragen!
Das Abitur als Teilnahmeurkunde, die Note als Dienstleistung und der Lehrer als Erfüllungsgehilfe elterlicher Wunschvorstellungen. Der Anspruch wird so lange heruntergeschraubt, bis sich niemand mehr daran stößt. Und wenn die Realität sich partout nicht an die Wunschliste hält, ist natürlich das Lehrpersonal schuld.
Gymi für alle, Abi für alle, Anstrengung nach Bedarf – und wenn das Wissen fehlt, taugen eben die Prüfungsfragen nichts oder der Lehrer hat mit seinen 20 Jahre alten Arbeitsblättern alles versaut. Dass man jahrelang den Unterricht besucht hat, ohne sich ausreichend auf die Prüfung vorbereitet zu fühlen, kann schließlich unmöglich an einem selbst liegen. Die eigene Leistung steht unter Denkmalschutz.
Nicht mehr die Schüler müssen ihre Abiturreife beweisen, sondern die Lehrer ihre Bereitschaft, sie zu bescheinigen. Auf den Punkt gebracht: Hauptsache Abschluss. Was man dafür können muss, wird sich schon irgendwie wegdiskutieren lassen.
„Und wenn das Abi dann trotzdem platzt, gibt’s die Wutrede: „Fickt euch doch alle!“ Gemeint sind die Lehrer, die dem ganzen Jahrgang das Abitur angeblich nicht gönnten. Dabei wurden die Vornoten womöglich schon mit pädagogischer Großzügigkeit unters Volk gebracht…“
Meiner Erinnerung nach hatte der entsprechende Abiturjahrgang eine sehr kleine Schülerzahl – die KI meint (auf der Grundlage der Zeitungsmeldungen), es waren 52 Schülerinnen und Schüler (von denen 17 das Abitur nicht bestanden). Die Annahme, dass es in der Lehrerschaft eine intrinsische Motivation gab und / oder auch Druck auf selbige ausgeübt worden sein könnte, die Schülerzahl des Jahrgangs nicht weiter sinken zu lassen, um überhaupt noch eine funktionierende Oberstufe zu behalten, liegt nicht so ganz fern (obwohl diese Annahme natürlich unbeweisbar bleibt – aber hier ist der Punkt, dass es durchaus so gewesen sein könnte).
In dem Fall wären scheinbar „mit pädagogischer Großzügigkeit“ erteilte Vornoten eher auf Eigeninteresse des Lehrkörpers bzw. der Schule und der dahinterstehenden Entscheidungsträger zurückzuführen, und man hätte der jungen Dame (und den anderen Betroffenen) zwei lange Jahre hindurch wissentlich (!) einen Leistungsstand attestiert, den diese Schülerinnen und Schüler de facto nicht hatten und der aus Sicht der benotenden Lehrkräfte (aber nicht der betroffenen Schülerinnen und Schüler) erkennbar nicht hinreichen würde für das Bestehen des Zentralabiturs. AUTSCH! – Ganz ehrlich: Das ist unpädagogisch. Andere Lehrkräfte haben das Unheil offenbar kommen sehen und entweder versucht zu warnen oder im Nachhinein einzuordnen (weil sie sich vorher nicht getraut haben bzw. gehindert wurden): „Es habe Lehrer gegeben, die gesagt hätten, die Durchfallquote sei zu erwarten gewesen.“ (*)
Ganz ehrlich, mein jüngeres Ich wäre in derselben Situation genauso wütend gewesen wie die junge Dame – ob ich ebenso dieselbe Wortwahl getroffen hätte wie sie, kann ich aufgrund des übergroßen zeitlichen Abstands zu meinem jüngeren Ich nicht sagen. Aber ausschließen möchte ich das durchaus nicht!
Möglicherweise wäre ein erheblicher Teil dieser Schülerinnen und Schüler den Anforderungen des Abiturs auch bei einer vernünftigen Unterrichtsversorgung – auch die steht ja durchaus in Frage – nicht gewachsen gewesen. Aber versagt haben in diesem Fall trotzdem NICHT die Schüler!
(*) QUELLE: https://www.welt.de/vermischtes/article6a50ecac4c65dbb4ac8fd7ec/mecklenburg-vorpommern-abiturientin-erhebt-nach-fickt-euch-rede-weitere-vorwuerfe-an-schule.html
Sie haben nur eins auf den Punkt gebracht, und zwar, dass sie sich mit ihren Lügen oder Halbwahrheiten grandios in Rage reden können.
Bemitleidenswert, wenn das ihr Beitrag zu diesem Artikel sein soll.
Zu Ihren Aussagen fallen mir sofort einige Dinge ein:
1. Nein, nicht allen Eltern sind nur die Noten wichtig – mir schonmal nicht! Ich bringe meinem Kind bei, dass relevant ist, dass es das Thema verstanden hat. Ob es an Tag x abrufbar war oder eher übersät ist mit Flüchtigkeitsfehlern, spielt für mich keine Rolle.
2. Ist es nicht normal, dass man in dem Alter nur so hoch springt, wie man muss? Und wenn man dann auch noch die Schulinhalte als lebensfern und sinnfrei wahrnimmt erst recht? Ich kann das nachvollziehen.
3. Ein Skandal ist nicht, dass das Abi dann zu schwer war, sondern dass den SuS durch die Vornoten suggeriert wurden, dass sie auf Kurs sind und somit gar keine Chance hatte, das Zentralabi gut zu schaffen.
„Ist es nicht normal, dass man in dem Alter nur so hoch springt, wie man muss?“
Ja, absolut. Offenbar ist das inzwischen sogar das pädagogische Ideal.
Nur sitzen im gymnasialen Bildungsgang glücklicherweise noch Schülerinnen und Schüler, die kognitiv wie emotional zu deutlich höheren Sprüngen fähig wären.
Schade nur, wenn man ihnen systematisch abgewöhnt, diese Sprünge überhaupt noch anzustreben. Hauptsache, niemand muss sich überfordern, niemand fällt aus dem Mittelmaß heraus und am Ende fühlen sich alle gleichermaßen gut abgeholt.
So bricht man Leistungsspitzen nicht ab – man erzieht sie sich gleich gar nicht erst heran.
Ich bin daher für das Höherlegen der Latte und das (wieder) Einfordern höherer Sprünge bei allen Schülern.
„Ich bin daher für das Höherlegen der Latte“ – wir wären für ein besseres Training.
Und das beginnt damit, Bildung nicht mit Sport zu verwechseln. Bildung ist kein Wettbewerb mit Gewinnern und Verlierern (und freiwilliger Teilnahme) – sondern der geistige Grundbedarf für alle Kinder und Jugendlichen. Wer nur Ansprüche nach oben legt, sich aber um zielführende Förderung als Voraussetzung nicht schert, betreibt Auslese. Oder anders ausgedrückt: Bildungsdarwinismus.
Passt aber auch ins Konzept von manchen.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ich bin ja auch nicht dafür, einfach weiter das Niveau zu senken, um weiterhin die 1ser Abis zu erreichen. ABER, wenn ich mehr erwarte, dann müssen auch die Bedingungen stimmen. Man kann nicht erwarten, dass die SuS die Lücken, die durch unser marodes System entstehen, Zuhause aufholen. Ständig ausfallender Unterricht (nicht nur krankheitsbedingt, sondern gar nicht erst eingeplant durch LuL Mangel), 30er+ Klassen, Lärmbelästigung, verdammter Gleichschritt bei hoher Heterogenität, keine Flexibilität etc. verhindern bessere Bildung.
Da hilft es nicht, immer mehr Leistung einzufordern ohne entsprechende Bedingungen zu schaffen.
„Man kann nicht erwarten, dass die SuS die Lücken, die durch unser marodes System entstehen“
– Was ist mit den Lücken, die nicht aufgrund dessen entstehen, sondern wegen mangelndem Arbeitseinsatz? Sich hinzusetzen und den Stoff zu wiederholen und zuverlässig Vokabeln und Verbformen zu lernen, macht heute kaum noch jemand. Das hat für mich allerdings nichts mit dem „System“ zu tun, auch wenn es gern dafür verantwortlich gemacht wird.
Höherlegen der Latte ist gut – weil da muss ich mich nicht so verrenken, um drunter durchgehen zu können
So ist es. Auf Rückenprobleme durch opportune Verrenkungen beim Niveau-Limbo bei nicht so geschmeidigem Rückgrat verzichten viele von uns gern.
Deutsche Eltern erwarten generell größere Selbstständigkeit von ihren Kindern, wenn ich das jetzt mit Südeuropa vergleiche: Kinder gehen alleine ihren Schulweg, verhandeln mit den Lehrern und oft höre ich den Satz: “ Das musst Du mit Deiner Lehrerin ausmachen“, anderswo undenkbar. Das ist aber kein mangelndes Interesse, sondern geht auch in die Richtung, dass deutsche junge Erwachsene früher auf eigenen Beinen stehen. Und beispielsweise früh von Zuhause ausziehen. Bisher sah ich diese Unabhängigkeit eher als positiv an. Ist sie es doch nicht?
Ich bin befremdet. Eltern in Deutschland sind nicht mehr so.
Dass Kinder in z.B. Italien (Das ist ja immer das Beispiel für „Hotel Mama.) später ausziehen, liegt daran, dass man es sich nicht leisten kann. In Italien müssen Eltern übrigens auch ihre eigenen Eltern irgendwie mitversorgen.
In Bezug auf die PISA-Ergebnisse ist geringer „family support“ ein deutlicher Nachteil.
siehe u.a.
https://www.news4teachers.de/2026/09/reformen-nach-pisa-prominente-autoren-fordern-mehr-zeit-fuer-das-wesentliche-und-weniger-ueberfrachtung-durch-immer-neue-inhalte-und-projekte/#comment-837473
Seit Jahren wird für berufliche Ausbildung geworben, häufiges Argument: Abitur bedeutet nicht zwangsläufig Studium. Jetzt gibt es mehr, denen der erste Abschluss genug ist und das ist auch nicht optimal. Sieht beinahe so aus als ob nicht alles gleichzeitig zu haben ist.
Andererseits ist der abnehmende Wert von ‚Bildung‘ gegenüber ‚formalem Abschluss‘ doch seit Jahren zu beobachten: die Hälfte meiner 15-16jährigen sieht ausreichend, egal in welchem Fach, als gute Note, denn ‚es reicht doch‘. Ein nicht kleiner Anteil davon feiert im GK Mathe eine fünf…Auch die Erklärung, mit ausreichend sei das Minimalniveau gerade erreicht, ändert da nichts. Etwas älter, im Abitur, ist das nicht anders: Zulassung knapp geschafft, Defizite voll ausgeschöpft, bedeutet ‚Aufwand optimiert‘, allgemeine Anerkennung. Abitur 100 Punkte nach drei Nachprüfungen wird ebenfalls als optimaler Kosten/Nutzen-Aufwand gefeiert.
Schule ist keine Aufgabe oder Gelegenheit mehr, Neues und Bekanntes zu verstehen, darüber nachzudenken, Ideen kennenzulernen und zu diskutieren. Schule ist eine Hürde, die zu überspringen ist, aber wer schlau ist, kriecht ohne Aufwand und Ehrgeiz darunter her.
Ist das beobachtete Ergebnis wirklich so neu und unerwartet? Wo sind die Beispiele, dass Bildung ’sich lohnt‘? Influencer, Tech-Unternehmer, Sportler, Rapper mit Clan-Beschützern, sogar gleichaltrige Dealer, das sind diejenigen, die ‚alles haben‘, brauchten die Schulabschlüsse? Eine Umfrage unter den Eltern, was für sie alles im Austausch für materiellen ‚Erfolg‘ akzeptabel ist, wäre sehr interessant. Es könnte die beobachtete familiäre Einstellung erklären.
Gesundheit und Enkelkinder.
Die Einstellung der Eltern- und Schülerschaft zur Bildung passt sich einfach der vorgelebten politischen Realität an („Bildungsrepublik Deutschland“: Wahlkampfslogan 2008). Bessr spät als nie…
Danke der F.A.S. dafür dieses heikle Thema anzusprechen.
Das entspricht auf jeden Fall auch meiner Wahrnehmung als Lehrer an einer Ganztagsschule. Immer mehr Eltern wollen mit Schulbildung einfach nichts mehr zu tun haben. Kind abgeben und Kind abholen und das war es.
Mittlerweile dauert es am Anfang eines neuen Schuljahres fast zwei Monate bei mir, bis überhaupt alle Kinder ihre Arbeitsmaterialien (Arbeitshefte usw.) theoretisch zur Verfügung hätten. Den Eltern und den Schülern ist es schlicht egal, Schule wird bei einigen einfach nur als lästig angesehen.
Getoppt nur noch von den Eltern, denen die Kinder eigentlich scho lästig sind, oder die Angst vor Konfrontationen mit den Kindern haben.
So pauschal das zu sagen finde ich als Mutter schwierig. Wir sind an einer gebundenen Ganztagsschule. Bei uns gibt es zwei Gruppen von Eltern. Die einen interessieren sich nicht, kümmern sich nicht ums Arbeitsmaterial und denen ist alles recht, nichts wird hinterfragt. Die anderen hätten lieber Hausaufgaben und Übungszeiten für die Kinder, weil sie selber gern sehen möchten, wo steht das Kind, wie lernt es, regelmäßig zu üben und zu lernen, kann es sich konzentrieren etc., was kann es zuhause vielleicht noch intensiver machen (denn Hausaufgaben gibt es in diesem System nicht). Die Erfahrung ist leider, dass die Lehrer auf unsere Vorschläge und Bitten kritisch reagieren. Wir nerven eher schon, wenn wir mal drum bitten, einfach übers Wochenende die Arbeitshefte mitzugeben. Die Schülerschaft ist extrem heterogen, niemand wirft den Lehrern hier etwas vor. Aber ich will nicht akzeptieren, dass das Niveau dann für alle sinken muss. Mittlerweile besorgen sich viele Eltern einfach Material und üben zuhause, weil sie aufgegeben haben zu hoffen, dass sich jemals etwas ändern wird. Und da geht sie eben wieder auseinander, die Schere.
Marode Schulen, Plattenbau, Asbest oder gleich in den improvisierten Container. Ganztagesverwahrung, überfüllte Klassen, viele Störungen und nur ein paar Minuten richtiger Unterricht. AGs ,die nicht an das geschätzte Hobby am Nachmittag herankommen mit lauter lustlosen Kindern,die halt irgend etwas ankreuzen mussten. MusikAG ohne Wertschätzung,weil kostenlos, kein Fahrweg, Leihinstrument . Nudeln mit sechs Stunden warm gehaltener Billigbolognese. Alibisalat zum wegwerfen. Pause ,Busfahrt, Wartezeit mit Mobbing oder daddeln. Hausaufgabenbetreuung, mit Hausaufgaben,die man auch Zuhause machen könnte,mit Lärm und Personal auf Mindestlohn. Hier ne Freistunde, da ne Vertretung mit Film gucken. Wenn man was nicht versteht,Lehrer Schmidt im Internet fragen.
Ich zähl hier nur auf ,was hier laufend an Eindrücken im Forum geäußert wurde.
Haben Familien mit der “ Zeitverschwendung“ also vielleicht einfach Recht ….?
Sind jetzt also die Eltern schuld an der Bildungsmisere?
Erstaunlich. Seit Jahren hören wir, dass Eltern ihre Kinder unbedingt aufs Gymnasium schicken wollen, überzogene Leistungserwartungen haben und bei schlechten Noten sofort auf der Matte stehen. Und jetzt soll plötzlich das Gegenteil gelten? Den Eltern ist Bildung nicht mehr wichtig?
Schauen wir doch einmal genauer hin: Die PISA-Daten zu den elterlichen Bildungserwartungen stammen gar nicht von den Eltern selbst. Befragt wurden 15-Jährige, welche Bildungsabschlüsse ihre Eltern ihrer Einschätzung nach von ihnen erwarten. Daraus eine nachlassende Wertschätzung von Bildung abzuleiten, halte ich für ausgesprochen gewagt.
Und seit wann ist der Wunsch nach einem Hochschulabschluss der Maßstab für Bildungsinteresse? Vielleicht haben Eltern schlicht erkannt, dass eine gute berufliche Ausbildung ebenso wertvoll sein kann. Vielleicht möchten sie ihre Kinder auf einem passenden Bildungsweg begleiten, statt sie auf einen möglichst hohen Abschluss festzulegen.
Gerade in einem Schulsystem wie dem bayerischen, das bereits Zehnjährige unter erheblichen Selektions- und Leistungsdruck setzt, wäre das doch eine erfreuliche Entwicklung! Eltern, die ihre Kinder nicht zusätzlich unter Druck setzen, sondern deren individuelle Entwicklung in den Mittelpunkt stellen, verdienen Anerkennung und keinen Vorwurf mangelnden Bildungsinteresses.
Auch die angeblich fehlende Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen verdient eine differenziertere Betrachtung: Laut PISA 2025 geben 64 Prozent der Jugendlichen in Deutschland an, sich bei schwierigen Aufgaben besonders anzustrengen. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 60 Prozent. Und 77 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich als neugierig. Wo bleibt diese Perspektive?
Natürlich ist es besorgniserregend, wenn familiäre Unterstützung zurückgeht. Aber warum fragen wir nicht auch, weshalb das geschieht? Welche Rolle spielen die Belastungen von Familien, soziale Ungleichheit und ein Schulsystem, das schulischen Erfolg noch immer viel zu stark von den Möglichkeiten des Elternhauses abhängig macht?
Besonders erschreckend finde ich, wie schnell Bundesbildungsministerin Karin Prien die vermeintlich mangelnde Bildungsorientierung der Eltern als Erklärung für die schlechten PISA-Ergebnisse aufgegriffen hat.
Dabei gäbe es wahrlich genug bildungspolitische Versäumnisse aufzuarbeiten: Lehrkräftemangel, einen Investitionsstau von rund 68 Milliarden Euro allein bei Schulgebäuden, die unzureichende Umsetzung von Inklusion, fehlende individuelle Förderung und Unterrichtskonzepte, die vielerorts dringend weiterentwickelt werden müssten.
Vielleicht sollten wir auch einmal fragen, warum immer mehr Jugendliche Schule als Zeitverschwendung empfinden. Liegt das wirklich an fehlendem Ehrgeiz? Oder hat das womöglich auch etwas damit zu tun, wie Schule gestaltet wird und wie wenig Raum sie häufig für selbstbestimmtes, sinnstiftendes Lernen lässt?
Wer aus sinkenden PISA-Ergebnissen vor allem ein Versagen der Eltern und Jugendlichen herausliest, macht es sich verdächtig einfach.
Wir sollten endlich weniger darüber diskutieren, ob Kinder und Eltern den Ansprüchen unseres Schulsystems genügen, und mehr darüber, ob unser Schulsystem den Bedürfnissen und Bildungsansprüchen unserer Kinder gerecht wird.