STUTTGART. Die Bildungskrise zeigt sich längst nicht mehr nur in Unterrichtsausfall, Fachkräftemangel oder schlechten Testergebnissen. Immer häufiger berichten Schulen von erschöpften Lehrkräften, überforderten Kindern und eskalierenden Konflikten im Alltag. Die klinische Psychologin, Lerntherapeutin und Stifterin Dr. Helga Breuninger sieht darin kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem des Schulsystems selbst. Nach jahrzehntelanger Arbeit mit Schulverweigerern plädiert sie für einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von Kontrolle und Defizitblick, hin zu Beziehung, Resonanz und psychischer Sicherheit.

Der Ausweg aus der Bildungskrise – Warum Schulen Beziehung statt Kontrolle brauchen
Deutschland steckt in einer tiefen Bildungskrise. Doch die Ursachen liegen nicht nur in fehlenden Lehrkräften, maroden Gebäuden oder zu wenig Digitalisierung. Die Krise reicht tiefer — sie betrifft das emotionale Fundament unseres Schulsystems.
Der internationale UNICEF-Bericht 2026 zeigt ein alarmierendes Bild: Beim Wohlbefinden von Kindern landet Deutschland nur auf Platz 25 von 37 untersuchten EU- und OECD-Staaten. Noch schlechter schneidet Deutschland bei den Bildungsdaten ab: Platz 34 von 41 vergleichbaren Ländern (News4teachers berichtete).
Das ist kein Zufall. Viele Schulen funktionieren noch immer nach einem Prinzip, das aus einer anderen Zeit stammt: enge Zeitvorgaben, Stoffdruck, permanente Bewertung und hoher Anpassungszwang. Ursprünglich orientierte sich Schule stark an militärischen Organisationsformen. Auch wenn sich die Sprache modernisiert hat, ist die Grundlogik oft dieselbe geblieben: funktionieren, leisten, gehorchen.
Doch Menschen lernen nicht gut unter Dauerstress. Neurobiologisch führt chronischer Druck dazu, dass sich Wahrnehmung verengt, Kontrolle zunimmt und Konflikte schneller eskalieren. Genau das erleben viele Lehrkräfte täglich. Sie kämpfen längst nicht mehr nur um guten Unterricht, sondern häufig um Ordnung, Ruhe und Handlungsfähigkeit.
Gleichzeitig kämpfen Kinder und Jugendliche um etwas anderes: um Selbstwert, Zugehörigkeit und psychische Sicherheit. Viele Verhaltensauffälligkeiten sind deshalb keine „Störungen“, sondern Ausdruck innerer Überforderung. Angst war noch nie ein guter Lehrmeister.
So entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Kontrolle erzeugt Widerstand — Widerstand erzeugt noch mehr Kontrolle. Die positive Energie verschwindet aus dem System. Der Blick richtet sich nur noch auf Fehler, Defizite und Probleme.
Nach der Arbeit als klinische Psychologin mit 800 Schulverweigerern bin ich überzeugt: Der entscheidende Wendepunkt liegt in einem radikalen Perspektivwechsel: weg vom Problemblick — hin zum Potenzialblick. Der klassische Defizitblick fragt: „Was stimmt nicht mit dir?“ Der Potenzialblick fragt dagegen: „Was versucht dieser Mensch gerade zu schützen, zu zeigen oder zu entwickeln?“
Dieser Unterschied verändert das emotionale Klima einer Schule fundamental. Kinder und Jugendliche brauchen Resonanz, tragfähige Beziehungen und Lernfreude. Erst dann entsteht psychische Sicherheit — die Grundlage für Motivation, Konzentration und nachhaltiges Lernen. Auch neurobiologisch verändert sich dadurch etwas Entscheidendes: Stressreaktionen nehmen ab, soziale Verbundenheit wächst, Emotionsregulation gelingt besser. Lernen wird wieder möglich.
Für Lehrkräfte bedeutet dieser Wandel keine zusätzliche Belastung, sondern Entlastung. Beziehung ersetzt Machtkämpfe. Wo Vertrauen entsteht, verschwinden viele Konflikte von selbst.
Internationale Bildungsforschung bestätigt seit Jahren, dass die Qualität der Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler:innen einer der stärksten Faktoren für Lernerfolg ist. Besonders sichtbar wird dies in den Metastudien von John Hattie sowie in Untersuchungen zur Resonanzpädagogik von Hartmut Rosa. Deshalb braucht Deutschland nicht einfach „mehr vom Alten“, sondern ein neues Verständnis von Schule. Eine Schule, die nicht primär kontrolliert, sondern stärkt. Eine Schule, in der Beziehung nicht als Nebensache gilt, sondern als Kern des Lernens.
Denn am Ende geht es um weit mehr als gute Noten. Es geht um Kinder, die sich gesehen fühlen. Um Lehrkräfte, die nicht ausbrennen. Und um eine Gesellschaft, die Mitgefühl, Demokratie und Zusammenhalt nicht verliert. News4teachers
Mit ihrer gleichnamigen Stiftung engagiert sich Helga Breuninger, klinische Psychologin und Lerntherapeutin, seit Jahrzehnten für professionelles Beziehungslernen und eine resonante Haltung in der Lehrkräftebildung. Kostenlose Basiskurse auf dem NELE Bildungscampus und openHPI vermitteln Lehrkräften die resonante Haltung. Videobasierte und KI-gestützte Trainingskurse helfen, diesen Perspektivwechsel praktisch umzusetzen.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Gesunde Schule”.








