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Kolumne „Boarderlines“ Teil 9: Lehrer Andi hat Sehnsucht nach zu Hause

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Lektüre.

Teil 9 Andi hat Sehnsucht nach zu Hause

Ich inspiziere die verschmierten Stempel. Grünliche Dreiecke, schwarze Kreise und rötliche Quadrate. Seite für Seite, geschmückt mit offizieller Unterschrift aus schwungvoller Hand. In den vergangenen Jahren haben wir viel zusammen gesehen, denn das kleine, rotbraune Dokument mit dem goldenen Adler in der Mitte hat mich immer begleitet. Egal wohin, er war dabei, in der rechten Tasche über dem Oberschenkel, treu zur Stelle: Mein Reisepass.

Beweis für den Aufenthalt in fernen Ländern auf der einen, und meine bundesdeutsche Staatsbürgerschaft auf der anderen Seite. Über allem ragt die Zahlenkombination: D587349872. Eine Nummer im Heuhaufen von sechs Milliarden anderen sowie ein einzigartiger Fingerabdruck, der meine Identität bezeugt, um mich jederzeit, unter all den gelben, weißen, schwarzen oder braunen Menschen aufspüren zu können. Ich klappe das handliche Dokument zusammen. Mein Pass hat Farbe gelassen, sieht vergammelt aus, wie ein alterndes Sparbuch, aber steckt voller Erinnerungen für mich.

Mit dem Surfvirus infiziert, war ich viel unterwegs. Aber seitdem ich vor zweieinhalb Jahren meine akademischen Zelte in der Heimat abgebaut habe, um den Fußstapfen eines echten Surfers zu folgen, hat die Sache einen Gang zugelegt. Geldverdienen in Frankreich, Stippvisite zu Hause und wieder ab in die Ferne. Immer wieder. Ich kann dem Ruf der Sirenen nicht widerstehen, weil in der Fremde so viel Leben wartet, auch wenn ich mich manchmal frage, wohin das führt.

Es ist jedes Mal dasselbe Spiel. Zum Flughafen, Check-in, durch die Sicherheitskontrollen zum Gate, Bording und schnell ist man über den Wolken in einer anderen Welt. Eine Weile eingeschlossen zwischen den dröhnenden Turbinen, lähmende Stunden im zeitlosen Raum, wird man auf der anderen Seite der Erde wieder ausgespuckt. Dann folgen Wochen oder Monate kreuz und quer durch die Fremde bis die Zeit zu Ende geht – und der Reisende zurück zum Ausgangspunkt kommt.
Am Flughafen schließen sich die Schiebetüren. Sie lassen ein Land, komisches Geld, Menschen mit schiefen Zähnen, verdreckte Straßen, Hitze, Musik und Sonnenuntergänge zurück. Wenn der Vorhang fällt, ist die Geschichte zu Ende, das Kapitel abgehakt. Alles vorbei.

Oder es geht weiter, wieder in die Lüfte und in das nächste Level. Ein weiteres Abenteuer, das an einem neuen Ort direkt hinter dem Exit-Schild einer anderen Ankunftshalle wartet. Die Schiebetüren öffnen sich und geben den Weg frei. Aber auch das dauert nur so lange, bis ich zurückkehre, bis das Gepäck wieder in der Maschine verschwindet und bis der Passagier vom Sitz in der Economy Class empfangen wird. Wenn man immer unterwegs ist, steckt man in einer unendlichen Schleife aus Geschichten und ihren Episoden, die jedes Mal scheinbar wieder am Anfang enden. Am Ausgangspunkt.

Mein Pass wirkt blass, ungepflegt, ranzig. Der Umschlag an einer Seite aufgeplatzt und die Stempel so verschmiert, dass man gar nicht erkennen kann, aus welchem Land sie stammen.
Das ist nicht tragisch, denn sie stammen aus vergangenen Tagen. Alles in diesem Dokument ist eine genauso alte Geschichte wie unwiderbringliche Erinnerung. Zeichen einer Luftblase und laue Überreste der nach Westen ziehenden Schleierwolken. Nichts bleibt. Wie die Wellen, die sich auftürmen, ihre Schönheit entfalten und im selben Atemzug für immer vergangen sind. Tolle Momente, verloren in der Zeit, wie Tränen im Regen.

Jetzt sitze ich in Deutschland, liege im frisch bezogenen Bett und kann nicht glauben, wie gut sich die von meiner Mutti gewaschene, saubere Wäsche anfühlt. Die Maschine hat eine Glanzleistung vollbracht. Nach fünf Monaten auf Achse riechen meine Klamotten, gestern noch ein einziger, dreckiger Klumpen, wieder großartig und fast wie neu. Die Sachen auf dem Stuhl sind gefaltet, kein bisschen zerknittert, fleckig oder feucht, sondern einfach nur rein. Das Kopfkissen weich und weder Stock, Schimmel noch andere Mikroben lauern unter dem Bezug.

Dieser frühe Morgen ist ein herrliches Gefühl, auch ohne Strand. Oder gerade deswegen. Weder quälende, schwülwarme Luft, noch Ameisen, Kakerlaken oder Muskelschmerzen in den Schultern. Das Pochen in den kleinen, entzündeten Schnittwunden verstummt und mein Körper findet langsam zur Ruhe. Endlich. Nichts drängt mich dazu, vor dem Sonnenaufgang ins Wasser zu eilen, gegen das Ertrinken zu kämpfen, Unmengen Gepäck und Bretter durch eine staubige Hitze zu schleppen, um einen holprigen Chicken-Bus zu erwischen oder herauszufinden, in welcher Kaschemme man das billigste Essen bekommt.
Jetzt und hier ist alles einfach nur gut. Zuhause.

Ich rolle mich auf die Seite und schmiege meine Schläfe an eine kühle Stelle auf dem Kopfkissen. Gestern Abend habe ich meine alten Freunde getroffen. Tim und Andrea, Julie und Dirk, Stefan und Sabine, Martin, Markus und die Jungs. Wir haben viel erzählt und viel gelacht. Neue Jobs und skurrile Kollegen, Klatsch und Tratsch, Gehaltserhöhungen und gute Cafés, schmerzhafte Trennungen oder ewige Liebe. Zusammenziehen, Umzugskartons und Einweihungsparty, Katerbrunch am Sonntagmorgen und das erste Grill-Happening am Fühlinger See.

Echtes Leben, während ich mal wieder die ganze Zeit nur surfen war. Während Köln niemals schläft und jeder Tag mit neuen Sensationen aufwartet, bin ich mal wieder um die Welt gereist. Von einem Strand zum nächsten. Alles nur Sand. Mir fehlen diese fröhlichen Treffen, das Miteinander, das Zusammensein in guten wie in schlechten Zeiten – mir fehlen meine Freunde.

Als ich den anderen erzähle, dass ich auch mal wieder Bock auf den ganzen Büroalltag habe, lachen sie mich aus, weil »auch mal Bock haben« in einer anderen Liga spielt, als wirklich jeden Tag hin zu müssen. Sie haben natürlich recht.
Vielleicht fehlt mir eine Aufgabe im Leben. Vielleicht Routine, vielleicht Kontinuität, vielleicht eine Langzeitperspektive. Oder etwas Anderes. Wegen der Aufgabe muss ich mir keine Sorgen machen, denn meine steht schon vor der Tür.

Ich kuschele mich in die Decke und lege den Reisepass auf den Nachttisch neben meinem Bett. Ich bade in der Ruhe vor dem Sturm, denn in neun Tagen beginnen wir mit dem Campaufbau in Frankreich, um uns einer langen Saison mit wenig Zeit zum Nachdenken, vielen Leuten und noch mehr Wünschen zu stellen. Dort bin ich für alle da, kann alle zum Lachen bringen, fröhlich stimmen, glücklich machen und das ist doch das Schönste auf der Welt. Fünf Monate lang. Das heißt, nie genug Schlaf vom Ende der Partys in der Nacht bis zum beginnenden Tag in den Wellen des Atlantiks zu bekommen. Von dort zurück über die Düne zum gemeinsamen Frühstück sowie dem durchorganisierten Kursablauf direkt danach. Ich freue mich auf das Team, die alten Jungs und die neuen Kollegen sowie die Tatsache, wieder mein eigenes Geld zu verdienen. Es fühlt sich komisch an, monatelang zu reisen und alles zu verbraten, was ich mir erspart habe, wofür ich gearbeitet habe. Plötzlich stehe ich wieder bei Null, wieder am Ausgangspunkt. Das Leben fließt an mir vorbei, ohne dass ich es zu fassen kriege. Mein Auto, mein Haus, meine Yacht?
Wo ist mein Lebensprojekt, das mich mitnimmt, sich mit der Zeit entwickelt, alles verändert und mit dem ich gut voran komme? Und wo sind die Leute, mit denen ich das Leben teilen kann? Meine Freunde sind zwar immer für mich da, aber ich kenne sie nur noch von kurzen Besuchen in der Heimat. Einzelne Abende, an denen wir die Wiedersehensfreude aufleben lassen, aber die Zeit zu knapp ist, um sich wirklich auszutauschen, um echte Nähe zu finden.

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Es gibt Möglichkeiten. Ich könnte etwa Lehrer werden in einer Berufsschule. Mit meinen Diplomen kann ich ein Referendariat beginnen, so mein Zuhause wieder zu einem Zuhause machen und in den Ferien ein wenig Urlaubsurfen betreiben. Mit einer eigenen Wohnung. Schöner Gedanke, aber ganz schön normal. Oder ich lege noch einen Gang zu, hänge noch ein paar richtige Abenteuer dran, aber bleibe dabei allein und alles bleibt wie bisher.
Wenn ich auf meinen Reisepass blicke, ist jeder investierte Euro ein gewonnener Euro. Tausend Mal mehr wert als Auto, Haus oder Yacht! Meine Rendite ein Volltreffer und der Profit phänomenal: Freiheit und Wellen.

Der letzte Stempel ist blutjung, die Erlebnisse taufrisch, die Erinnerungen druckreif. Zwei Monate Indonesien, die ich mir als Vorbereitung für den Trubel der Frankreichsaison verschrieben hatte. Gutes Essen, frisches Obst und knackiges Gemüse, weder einen Tropfen Alkohol noch einen Schluck Kaffee. Statt dessen Sport am Limit, täglich vier bis sieben Stunden Surfen, viel Schlaf und natürlich Abgeschiedenheit. Die Wellen waren der Hammer. Jedes Mal wächst die Herausforderung, konfrontiert mich mit neuen Grenzen, ungeheurer Angst und dem größten Glück, wenn ich meine persönliche Prüfung gemeistert habe. Surfen liefert mir so intensive Gefühle, dass ich vom Gipfel der Welt in das tiefste Loch der Erde fallen kann – an einem Tag.
Die schönsten Momente meines Lebens entstammen dem Ozean. Aber auch die Schlimmsten!

Manchmal erfüllt mich das mit einer tiefen Lebendigkeit, manchmal mit höchstem Stolz und manchmal mit höllischem Schmerz und seelischem Untergang. Die leuchtende Seite des Lebens ist voller Schatten. Ich habe das auf meiner allerersten Reise schon irgendwo gesehen. Die dunklen Zeiten, in denen sich Antrieb und Euphorie verabschieden und eine erbärmliche Leere an die Oberfläche bringen. Dann, wenn plötzlich die Einsamkeit auftaucht, um mich in einen dunklen Abgrund zu reißen. Wenn Sinnfragen im Raum stehen, die das Hirn zermartern. Die Kämpfe im Kopf. Wenn mich das Denken mit Ungewissheit und Zukunftsängsten übermannt. Immer dann, wenn mir der Mut und die Kraft fehlen, das Hier und Jetzt anzunehmen, auch wenn es meinem Idealbild des bewundernswerten Großmeisters auf Reisen nicht mehr entspricht.

Auch die traurigen Augenblicke gehören dazu. Wenn mir am Ende der Welt die Decke der einsamen Hütte auf den Kopf fällt, wenn ich nur noch im Bett unter dem Moskitonetz dahinvegetiere und eigentlich nach Hause will, mich aber nicht traue. Wenn die Hitze mir den Atem nimmt, mir den Tatendrang raubt und mich in ein schwitzendes, antriebsloses Stinktier verwandelt. In jedem Fall bin ich dem Tod näher als dem Leben, wenn ich krank werde. Wenn ein Tropenvirus meinen fiebrigen Körper zermartert und sich niemand um mich kümmert. Dann bin ich so allein wie niemand anderer auf der Welt. Oder wenn die Wellen mal wieder zuschlagen, um mich zu zermalmen und um mir zu zeigen, wie klein und schwach ich wirklich bin, während die anderen Surfer große Taten vollbringen. Dann ist keiner da, der mich aufbaut.
Das sind verzweifelte Momente, von denen große Abenteurer selten reden. Momente ohne Glanz und Feuer, Momente ohne Heldenmut.
Die nicht so schönen Erlebnisse sind Teil der ganzen Wahrheit, von der ich auch im Camp berichte. Dann, wenn der Geschichtenerzähler in mir erwacht – oder der Angeber. Denn im Rückblick wächst das Elendige schnell zur Heldentat. Und irgendwie vergesse ich selber gerne die Momente, in denen ich nicht so toll bin, wie ich gerne wäre. Eigentlich behält man doch nur das Schöne im Herzen. Die inspirierenden Menschen, die exotischen Länder, das Wunder in der Dämmerung und natürlich die beste Welle.

Aber auch der Mist gehört dazu, ist Teil der Erfahrung und alles andere wäre eine schlechte Geschichte.

Zum 8.Teil Andi trifft den Hai

Zum 7. Teil Andi lernt Salsa lieben

Zum 6. Teil Andi trifft eine Entscheidung

Zum 5. Teil Andi findet Edelsteine auf Sri Lanka

Zum 4. Teil Andi landet auf Sri Lanka

Zum 3. Teil Heimaturlaub

Zum 2. Teil Andi reist nach Australien

 Zum 1. Teil Andi reist nach Bali

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

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