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ICILS-Ergebnisse: Lehrerverbände kritisieren fehlende Unterstützung durch die Länder

BERLIN/DORTMUND/ERFURT. Die für Deutschland eher bescheidenen Ergebnisse der International Computer and Information Literacy Study, kurz ICILS, bestärken die verschiedenen Lehrerverbände in ihren Forderungen nach mehr Unterstützung durch das Land. Sie fordern nicht nur eine bessere IT-Ausstattung der Schulen, sondern auch eine professionelle Betreuung der Hardware und Fortbildungsangebote für die Lehrkräfte.

„Computer-Kompetenzen lassen sich nun mal nicht mit dem ‚Faustkeil‘ vermitteln“, sagt Udo Beckmann, Landesvorsitzender NRW und Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Die zuständige Politik müsse dringend ihre Verweigerungshaltung aufgeben und das Geld für eine zeitgemäße IT-Ausstattung aller Schulen einschließlich der Grundschulen bereitstellen. „Die Bereitstellung der notwendigen Rahmenbedingungen für die Schulen gehört ganz oben auf die digitale Agenda des Staates.“ Der VBE halte nichts von staatlichen Appellen, per Sponsoring die Schulen mit IT auszustatten. „IT darf nicht zum Einfallstor für eine weitere schleichende Privatisierung des öffentlichen Schulwesens werden.“

Computer im Unterricht? Gibt's in Deutschland nicht allzu häufig. Foto: Vancouver Film School / flickr (CC BY 2.0)

Computer im Unterricht? Gibt’s in Deutschland nicht allzu häufig. Lehrerverbände sehen die Ursachen in der mangelhaften IT-Ausstattung von Schulen und den fehlenden Fortbildungen für Lehrkräfte. Foto: Vancouver Film School / flickr (CC BY 2.0)

Schulen in Deutschland würden von Ländern und Schulträgern mit dem Thema IT überwiegend allein gelassen: „Die bundesweite Forsa-Repräsentativbefragung von Lehrkräften aller Schulstufen im Auftrag des VBE zeigt: Die Ausstattung der Schulen mit Hard- und Software ist mittelalterlich. Die digitale Schule wird vom Dienstherrn als Privatangelegenheit auf die Lehrer abgeschoben.“ 15 Prozent der befragten Lehrkräfte in NRW haben gar keinen Zugang zu einem dienstlichen PC. Fast die Hälfte, 45 Prozent, hat keine geschützte Dienst-E-Mail-Adresse. Keinen Zugang zu einer geschützten Online-Plattform für Unterricht, Hausaufgaben oder Elternkontakte gaben 54 Prozent der befragten Lehrer aus NRW an. Das Vorhandensein von Klassensätzen mobiler Geräte verneinten neun von zehn Lehrern.

Von alarmierenden Zuständen hinsichtlich der IT-Ausstattung der Schulen spricht auch der Landesvorsitzende des Thüringer Lehrerverbands (tlv), Rolf Busch. Wie Beckmann bezieht sich Busch dabei auf die Befragung des Instituts Forsa im Auftrag des VBE. Oftmals verfügten Schulen nur über vereinzelte Dienst-Computer, die zur allgemeinen Nutzung bereitstünden. „Ohne die entsprechende Ausstattung ist die Digitalisierung des Schulbetriebs eben unmöglich“, so Busch.

VBE-Vorsitzender Beckmann hebt vor dem Hintergrund der schlechten IT-Ausstattung hervor, dass in NRW trotzdem „neun von zehn Lehrkräften digitale Materialien und das Internet für ihren Unterricht“ nutzen. „Lehrer machen aus den unterbelichteten IT-Verhältnissen an ihren Schulen das Bestmögliche, um ihren Schülern IT-Bildung so gut wie eben möglich zu vermitteln.“ Die Kenntnisse dafür müssten sich die Lehrer jedoch überwiegend privat aneignen, da keine ausreichende Fortbildung angeboten werde. Wer Lehrkräfte digitale Verweigerung vorwerfe, möge selbst mit ungeschützten oder fehlenden E-Mail-Accounts an Schulen und langsamem Internet zeigen, wie es gehen soll.

Eine ähnliche Einstellung vertritt der Thüringer Lehrerverband: Es sei nicht förderlich, wenn die Lehrer den Schülern tiefere Medienkompetenzen vermitteln wollten, von diesen aber gezeigt bekommen müssten, wie Hard- und Software zu bedienen seien. „Hier herrscht ein enormer Nachholbedarf“, sagt Busch. Erste Initiativen entstünden bereits durch betroffene Lehrer selbst, beispielsweise in Erfurt, wo derzeit Workshops zum Thema Datenverschlüsselung organisiert würden. „Allerdings kann und darf dieser Wille zur Selbsthilfe nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Dass die Lehrer wollen, steht außer Frage – aber sie müssen auch von den entsprechenden Stellen angemessen unterstützt werden. Denn ohne die entsprechenden technischen und fachlichen Rahmenbedingungen hat der Ruf nach einer Digitalisierung des Schulbetriebs wenig Sinn.“

Wenn die Eltern viel davon haben, haben die Kinder es leichter auf dem Weg nach oben: Vermögen.

Reiche Kommunen haben mehr Möglichkeiten, ihre Schulen mit digitalen Medien auszustatten – diese “Gerechtigkeitslücke” kritisiert der DPhV-Bundesvorsitzende Meidinger. Foto: Maik Meid/Flickr (CC BY 2.0)

Notwendigen Handlungsbedarf im Bereich der Fortbildung und der technischen Ausstattung der Schulen sieht auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands (DPhV), Heinz-Peter Meidinger. Zudem ergänzt er, dass eine professionelle Wartung von schulischen Netzwerken vielerorts noch nicht gegeben sei. „Was nützt die beste Computerausstattung an unseren Schulen, wenn sie nicht professionell betreut wird?“, sagt Meidinger. Darüber hinaus gebe es eine Gerechtigkeitslücke. Reiche Kommunen böten ihren Schulen ganz andere IT-Ausstattungen als finanziell klamme. Das führe zu Benachteiligungen, die nicht zu rechtfertigen seien.

Doch trotz des umfangreichen Nachholbedarfs, auf den die Verbände aufgrund der internationalen Vergleichsstudie ICILS schließen, kann der DPhV-Bundesvorsitzende den Ergebnissen auch eine positive Erkenntnis entnehmen: Obwohl die Ausstattung mit Computern an den weiterführenden Schulen in Deutschland vergleichbar sei, hätten Gymnasiasten bei der internationalen Vergleichsuntersuchung von Achtklässlern in Bezug auf informationstechnische Kompetenzen besser als an allen anderen weiterführenden Schularten abgeschnitten. Der Leistungsvorsprung von 67 Punkten entspreche rund zwei Lernjahren. Meidinger begrüßt es, dass die Leistungsstreuung auf diesem Gebiet an Gymnasien deutlich geringer sei als an anderen Schulformen.

Zum Beitrag: Der „ICILS-Schreck“: Deutsche Schüler bei Computer-Kompetenzen international nur im Mittelfeld
Zum Beitrag: Bildungsstudie zur Computernutzung: Kommt nach dem PISA-Schock jetzt der „ICILS-Schreck“?
Zum Beitrag: VBE-Umfrage unter Lehrern: „Die Computer-Ausstattung der Schulen ist mittelalterlich“

3 Kommentare

  1. Ich würde ja gerne mehr machen, wenn…
    1) die Geräte sofort funktionieren würden (und ich mich nich erst 15 Minuten abhampeln muss, bis das letzte Update des Virenscanners ein vernünftiges Arbeiten ermöglicht).
    2) die benötigten Spezialprogramme wirklich auf dem Rechner laufen.
    3) ich zur Vorbereitung diese Programme von meinem Arbeitgeber kostenlos bekomme!
    4) ein extra EDV- Beauftragter für Funktionssicherheit und Einweisung sorgt. Es kann doch nicht sein, dass ich als Ü 60 von jungen Kollegen regelmäßig um Rat und Hilfe angegangen werde (meist kann ich helfen), ohne je eine irgendgeartete Ausbildung bekommen zu haben.
    Übrigens:
    5) Welcher Arbeitnehmer stellt seinen Privat-PC dem Arbeitgeber kostenlos zur Verfügung, besorgt sich die Programme (kostenpflichtig) selbst und ist dann auch noch Schuld an….
    Das kostet erst einmal Geld, richtig Geld!
    Aber: Dieses Geld könnte durchaus im Lande bleiben und wäre auch eine Anschubfinanzierung für die heimische Industrie, wenn man heimische Firmen mit Konzept- und Hardwareentwicklung beauftragen würde.
    Ach, es wäre so schön!
    rfalio

  2. Der zentrale Engpass an unserer Schule ist, wie genannt, die Wartung der vorhandenen Geräte und Medien durch eine Fachperson.

  3. Die Schüler sind unheimlich wissbegierig für alles, was im Internet stattfindet — so lange es nicht zu viel mit ernsthafter Arbeit mit PC-Programmen zu tun hat. Die Kompetenz und der Wille hören ganz schnell auf, wenn es um Dateiverwaltung, Umgang mit Tabellenkalkulationen (insbesondere Formeln mit Zellbezügen) usw. geht.

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