Startseite ::: Nachrichten ::: Englisch in der Grundschule abschaffen? Hitzige Diskussion um Eisenmanns Vorstoß – Philologen: Erst ab Klasse drei

Englisch in der Grundschule abschaffen? Hitzige Diskussion um Eisenmanns Vorstoß – Philologen: Erst ab Klasse drei

STUTTGART. Ist der Englisch-Unterricht in der Grundschule sinnlos? Oder sogar schädlich, weil er vom Lernen der Grundlagen Lesen, Schreiben und Rechnen abhält? Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann hat eine hitzige Debatte losgetreten. Dabei wird deutlich: Der spielerische Umgang mit der Fremdsprache in den ersten beiden Schuljahren findet nur wenige Fürsprecher.

Ist Englisch in der Grundschule vielleicht sogar schädlich? Illustration: Wikimedia Commons.

Ist Englisch in der Grundschule vielleicht sogar schädlich? Illustration: Wikimedia Commons.

Verbände in Baden-Württemberg wollen Englisch nicht ganz aus der Grundschule verbannen. Sie könnten aber damit leben, wenn der Unterricht wie in vielen anderen Bundesländern erst in Klasse drei starte – sofern die bisher in den ersten beiden Jahren verwendeten Stunden nicht entfielen, hieß es beim Landeselternbeirat, beim Philologenverband und beim Lehrerverband VBE.

Die Landesregierung stellt die seit 2003 bestehende Regelung des frühen Fremdsprachenunterrichts derzeit in Frage. «Wir prüfen tatsächlich, inwiefern Englisch und entlang der Rheinschiene Französisch für alle Grundschüler sinnvoll sind», sagte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) dem «Mannheimer Morgen».

VBE: Keine Stunden streichen

Grundschulen sollen aus Sicht des Lehrerverbandes VBE den unbefangenen Umgang von jungen Schülern mit Fremdsprachen nutzen. «Das Sprachenlernen macht ihnen in diesem Alter mehr Spaß als den Fünftklässlern», sagte der VBE-Sprecher Michael Gomolzig am Mittwoch in Stuttgart. Er könne sich höchstens vorstellen, dass mit der Fremdsprache nicht mehr in der ersten, sondern erst in der dritten Klasse begonnen wird – aber nur, wenn insgesamt keine Stunden gestrichen würden.

Auch der Landeselternbeirat äußerte sich skeptisch zu einem kompletten Verzicht auf Fremdsprachen in der Grundschule, weil zu befürchten sei, dass die Stunden dann endgültig wegfielen. «Denn Baden-Württemberg ist eines der Länder, das am wenigsten für Grundschulen ausgibt», sagte Landeschef Carsten Rees. Es gehe in der Frage nicht um «ganz oder gar nicht». Er könne sich mit dem Start in der dritten Klasse abfinden. Anders als in der bisherigen Praxis, in diesem Fach allein auf das Sprachbad zu setzen, müssten dann aber wenigstens Vokabeln gelernt werden. «Beim Sprachenlernen ist auch Mühe dabei.»

Warum Deutschlands Englisch-Lehrer die besten der Welt sind (und unter ihnen die Hamburger Englisch-Lehrer die allerbesten)

SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei forderte Evaluationsergebnisse vor möglichen «Streichmaßnahmen» beim Englischunterricht in der Grundschule. Zudem solle Eisenmann auf Lehrerstellenstreichung verzichten. «Dann wären die Ressourcen für Förderstunden in Deutsch und Mathe an den Grundschulen vorhanden.»

Hingegen stellte sich FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke in der «Rhein-Neckar-Zeitung» auf die Seite der Ministerin: «Als Ehemann einer Englischlehrerin und Vater von drei Kindern komme ich zu dem Ergebnis: Der Englischunterricht in der Grundschule ist nicht sehr ergiebig. Deshalb ist es sinnvoll, die Ressourcen auf andere Fächer zu konzentrieren.» Die internationale Konkurrenzfähigkeit baden-württembergischer Schüler entscheide sich nicht im Englischunterricht der Grundschule. «Es ist notwendig, dass die Kinder im Alter von zehn Jahren plus X ordentlich Englisch lernen.»

Die „eiserne Lady“ der Bildungspolitik: Eisenmann ist jetzt Präsidentin der KMK – und stellt als Erstes Englisch in der Grundschule infrage

Bislang werden im Englischunterricht in Grundschulen keine Noten vergeben, keine Klassenarbeiten geschrieben und keine Vokabeln gepaukt. Das Ministerium versicherte, dass die Stunden im Fall einer Änderung der bisherigen Praxis den Grundschulen erhalten blieben.

Philologen: Englisch erst ab Klasse drei

Aus Sicht des Philologenverbandes wäre es besser, den Sprachunterricht in der dritten Klasse zu beginnen, dann aber fundierter und intensiver. Der Nutzen gehöre über zehn Jahre nach dem Start des frühen Fremdsprachenunterrichts in einer Evaluation durchleuchtet, forderte Landeschef Bernd Saur. Aus Sicht des Gymnasiums sei es misslich, dass die Kinder mit völlig unterschiedlichen Wissensständen in die fünfte Klasse kämen und der Lehrer erstmal alle auf ein Niveau bringen müsse. Er begrüße die Initiative der Ministerin, sagte Saur.

Baden-Württemberg hatte 2003 als erstes Bundesland für alle Erstklässler den Englischunterricht und nahe der Grenze zu Frankreich den Französischunterricht eingeführt. Nach Angaben des Goethe-Instituts wird Englisch ab Klasse eins in Rheinland-Pfalz seit 2005/2006 und in Nordrhein-Westfalen seit 2008/2009 unterrichtet. In den anderen Ländern gibt es regionale Initiativen für den Beginn ab Klasse eins oder Schulversuche in einzelnen Grundschulen.

Entscheidungen zu dem Thema solle es aber erst im Frühjahr nach Gesprächen mit Experten und Praktikern geben, betonte das Kultusministerium. Die ergebnisoffene Analyse werde auf Anregung und in Abstimmung mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vorgenommen.

Die Ministerin erläuterte ihre Motivation: «Nach den Ergebnissen in den Vergleichsstudien IQB und Vera 8 haben wir begonnen darüber nachzudenken, wie der Deutsch- beziehungsweise der Mathematikunterricht weiter gestärkt werden kann.» Die Studien bescheinigten den Schülern Defizite im Fach Deutsch. Dabei müsse geklärt werden, ob die Mittel für den frühen Fremdsprachenerwerb nicht für eine bessere Grundbildung in den Fächern Deutsch und Rechnen eingesetzt werden könnten. «Die Analyse ist also auch eine Abwägung von Aufwand und Ertrag», sagte Eisenmann.

Außerdem werde ihr aus den weiterführenden Schulen rückgemeldet, dass der Effekt des Fremdsprachenunterrichts in den Grundschulen – im Vergleich zu Kindern, die ihn nicht genossen haben – bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht sei. «Der Nutzen scheint nicht sehr groß zu sein», betonte auch Philologen-Chef Saur, der am Gymnasium Englisch unterrichtet. dpa

„Sehr enttäuschend“: Philologen-Chef kritisiert Englisch-Unterricht in Grundschulen – und fordert KMK zum Handeln auf

 

9 Kommentare

  1. Englisch in der Grundschule ohne Vokabeltrainung, ohne Noten und ohne Klassenarbeiten macht abgesehen von Spaß überhaupt keinen Sinn, also entweder weg damit oder fundierter, das aber nur für Schüler, deren Leistungen in Deutsch und Mathematik gut genug sind. In den ersten beiden Schuljahren dürfte das nur bei den wenigsten der Fall sein, ab Klasse 3 sieht man schon deutlicher, wohin der Hase läuft. Schon mit Deutsch und Mathematik überforderte Schüler darf man nicht mit noch einem weiteren Lernfach vollständig abhängen.

  2. Ja, Englisch ab Klasse 3 oder später und die frei werdenden Stunden für Lesen, Schreiben, Rechnen nutzen !!!

  3. Als GS-Lehrerin in BW kann ich dem nicht zustimmen. Erstens gibt es ab Klasse 3 Noten im Zeugnis und während des Schuljahres eine individuelle Leistungsrückmeldung ( wie im BP vorgesehen). Die Kinder können in der Regel am Ende der 4. Klasse einfache Sätze verstehen und sprechen und besitzen einen einfachen mündlichen und schriftlichen Grundwortschatz, der durch den neuen BP vereinheitlicht wurde. Ich habe mit Viertklässlern sogar schon einfache englische Lektüren gelesen. Das Problem ist, dass die BP der GS und der weiterführenden Schulen nicht auf einander abgestimmt sind. Den Englischunterricht zu streichen (bzw. zu ersetzen) ist meiner Meinung nach nur eine Sparmaßnahme um für die zusätzliche Förderung in D und M kein Geld in die Hand nehmen zu müssen.

    • Wieso ist das eine Sparmaßnahme? Den Finanzminister kostet es dasselbe, wenn die Klassenlehrerin Englisch oder statt dessen Mathematik oder Deutsch unterrichtet.

    • @ xxx, ich denke mal, Annemone meint, dass Englisch bleiben und zusätzlich Deutschförderung (z.B.) eingerichtet werden soll.

      Ich bin eher dagegen. Die Kinder sollen auch noch Kinder bleiben dürfen und nicht immer nur lernen, lernen, lernen müssen. Also bitte nicht noch mehr Unterricht, auch wenn er Förderung heißt, sondern Konzentration auf Wesentliches und dafür wieder mehr Zeit einräumen, z.B. durch Streichung oder Kürzung von Englisch in der Grundschule.

      • Genau das meinte ich auch. Den Englischunterricht kann man 1:1 ersetzen durch Förderstunden für Förderbedürftige und parallel dazu wegen mir Englisch für die nicht-Förderbedürftigen. Diese Form von Englisch kann dann je nach Zusammensetzung der Gruppe wegen mir auch spielerisch ohne Schreiben bis hin zu Sprachunterricht wie in Klasse 5/6 sein, so lange die Kinder Freude daran haben.

      • Förderstunden in das System zu setzen, kann auch bedeuten, dass die Differenzierung erheblich verbessert werden könnte.

        Wer aber dafür kein Geld in die Hand nehmen will, muss mit den Konsequenzen leben und sie sich selbst auf den eigenen Zettel schreiben.

    • Ich fände Englisch in der Grundschule wegen der Freude und positiven Voreinstimmung gut – obwohl alle Englischlehrer mir sagen, dass der gesamte Grundschulstoff etwa 3-4 Wochen in Klasse 5 entspricht, wenn gesichert wäre
      – dass alle Kinder in kl. 5 dann das selbe Niveau erlernt haben (von der Angebotsseite her), aber die Streuung ist gewaltig
      – dass die Kinder alles nötige in Lesen, Schreiben, Rechnen gelernt haben. Aber das ist nicht der Fall. Die Stunden in der Grundschule werden, wie es aussieht, dringend zum Erlernen der deutschen Sprache gebraucht.

      • Heißt die Grundschule vielleicht Grundschule, weil sie grundlegende bzw. basale Kompetenzen – mir ist Fähigkeiten und Fertigkeiten allerdings lieber – vermitteln soll?
        Ist Kinder-Englisch als basale Kompetenz für Grundschüler ggf. vernachlässigbar?
        Wie sehen die Programme an Grundschulen zum Erlernen der Unterrichtssprache „Deutsch als Zielsprache“ aus? Gibt es ausreichend Deutsch-Förderangebote, um den 40% Ateil an Kindern mit Migrationshintergrund und den rund 10% Anteil von Kindern mit diagnostizierter LRS zu unterstützen?

        Englich ist „nice to have“ … also an Grundschulen so wichtig wie Latein an weiterführenden Schulen. Hätte nämlich Latein eine grundlegende Bedeutung, wüsste jeder, dass der Spruch „Non scolae sed vitae discimus“ nicht dem Seneca-Zitat entspricht.

        Kleiner Excurs (entnommen aus Wikipädia)
        Brief von Lucius Annaeus Seneca an Lucilius Iunior:

        „Latrunculis ludimus. In supervacuis subtilitas teritur: non faciunt bonos ista sed doctos. Apertior res est sapere, immo simplicior: paucis est ad mentem bonam uti litteris, sed nos ut cetera in supervacuum diffundimus, ita philosophiam ipsam. Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus.“

        „Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden. Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus, so unser höchstes Gut, die Philosophie, an überflüssige Fragen. Wie an der unmäßigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmäßigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.[1]“

        – Seneca: [2]

        Mit dem zuvor zitierten Absatz endet der Brief[2] von Seneca an Lucilius,[…]

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*