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Vor der dritten (und entscheidenden?) Tarifrunde: Zig-Tausende Lehrkräfte demonstrieren ihre Entschlossenheit zum Arbeitskampf

BERLIN. Eine Warnstreikwelle läuft durch Deutschlands Schulen – tausende Lehrkräfte blieben heute dem Unterricht fern. Beispiel Berlin: In vielen Kitas und Schulen gab es nur notdürftige Betreuung. Die Pädagogen behaupten: «Berlin spart sich dumm.» Ein Blick in die Möwensee-Grundschule vor der (entscheidenden?) dritten Runde der Tarifverhandlungen, die am Donnerstag beginnt.

Der Tarifstreit kocht langsam hoch. Immer mehr Lehrkräfte beteiligen sich an Warnstreik-Aktionen. Foto: GEW Berlin

Der Tarifstreit kocht langsam hoch. Immer mehr Lehrkräfte beteiligen sich an Warnstreik-Aktionen. Foto: GEW Berlin

Kein Geschrei, kein lautes Lachen, keine umhertobenden Kinder – an der Möwensee-Grundschule im Berliner Stadtteil Wedding geht es am Dienstagmorgen ungewöhnlich ruhig zu. Nur in ein paar Klassenräumen brennt Licht, an den Tischen sitzt bloß eine Handvoll Kinder. Statt erste Stunde Mathe stehen heute etwa Malen und Basteln auf dem Stundenplan. Der Grund: Von den knapp 60 Lehrern und Erziehern, die sonst die Kinder unterrichten und betreuen, fehlt heute jeder Dritte. Sie streiken gemeinsam mit Angestellten der Verwaltung oder der Hochschulen für mehr Lohn.

«Ich habe nicht das Gefühl, dass ich für meine Arbeit angemessen bezahlt werde», sagt etwa Antje Schröder. Die 49-Jährige ist momentan die einzige Integrationserzieherin in der Möwensee-Schule. Sie kümmert sich darum, dass Kinder aus anderen Ländern und Kulturen oder beeinträchtigte Schüler von den anderen nicht abgehängt werden. «Eine anspruchsvolle Aufgabe, die mir riesigen Spaß macht», sagt Schröder. Nur wolle die bald keiner mehr machen, wenn die Bezahlung weiter so schlecht bleibe.

Tausende Lehrer im Warnstreik – Finanzminister kündigt an: Wir werden auch in der dritten (und vorerst letzten) Verhandlungsrunde kein Angebot vorlegen

Denn: Nach Gewerkschaftsangaben verdienen Berliner Erzieher monatlich bis zu 427 Euro weniger als ihre Kollegen in Brandenburg. «Wir müssen darum kämpfen, dass wieder mehr junge Leute Erzieher werden wollen», sagt Claudia Huth (46). «Dass wir schlecht bezahlt werden, steigert die Attraktivität nicht unbedingt», sagt sie.

Vor allem an Grundschulen mit Ganztagsbetreuung spielen die angestellten Erzieher eine wichtige Rolle, sie kümmern sich außerhalb der Unterrichtszeiten um die Kinder – so auch an der Möwensee-Schule, in der manche Kinder von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr betreut werden. Für die Streiktage – auch am Mittwoch planen die Gewerkschaften einen Ausstand – hat die Schule eine Notbetreuung für alle Kinder eingerichtet, deren Eltern sie nicht zuhause betreuen können.

Viel los ist nicht: Am Dienstag sind 82 Kinder da, eigentlich gehen hier 470 zur Schule. «Wir haben die Eltern schon vor einer Woche informiert, dass keine reguläre Betreuung stattfindet», sagt Manuel Honisch, Sonderpädagoge an der Möwensee-Grundschule und Sprecher beim Berliner Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). «Die meisten Eltern haben Verständnis für unseren Streik», glaubt er.

Große Demo am Alexanderplatz

Am Dienstagmorgen treffen sich die Streikenden zunächst bei eisiger Kälte vor der Schule, ehe sie gemeinsam zum Start der großen Gewerkschafts-Demonstration am Alexanderplatz fahren. In ihren roten GEW-Westen demonstrieren die Lehrer und Erzieher dort zusammen mit ihren Kollegen von vielen anderen Schulen. Sie rollen Transparente aus und blasen in Trillerpfeifen, um ihre Forderungen akustisch zu unterstreichen. «Berlin spart sich dumm», steht da. Daneben fordert Wilhelm Buschs Lehrer Lempel: «Mehr Lohn!»

Insgesamt hat die GEW 15.000 Erzieher und Sozialarbeiter aus Berlin zum Warnstreik am Dienstag und Mittwoch aufgerufen. Ebensoviele angestellte Lehrer sollen ihre Arbeit niederlegen, weil ihr Lohnniveau deutlich unter demjenigen der verbeamteten Lehrer liegt. Auch Laetitia Pritzkow, Lehrerin im Wedding, streikt. Sie fordert, dass der Senat die steigenden Einnahmen der Stadt in Bildung investiert: «Das Motto ‚arm aber sexy‘ darf nicht mehr gelten.»

Dafür gehen die Lehrer und Erzieher von der Möwensee-Grundschule nicht nur am Dienstag und Mittwoch auf die Straße. Am Donnerstag demonstrieren sie in Potsdam, wenn dort die nächste Verhandlungsrunde zwischen Gewerkschaften und der Tarifgemeinschaft der Länder stattfindet. Spätestens am Freitag wird es dann wieder laut auf den Fluren der Grundschule im Wedding. Von Christoph Koopmann, dpa

 

Hintergrund: Die Streikaktionen in den Ländern

POTSDAM. Am Donnerstag wollen sich die Gewerkschaften und Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst der Länder in Potsdam wieder an einen Tisch setzen. Es ist die dritte und entscheidende Runde. Viele Beschäftigte sind sauer – Tausende von Lehrkräften in sechs Bundesländern traten in den Streik, darunter in …

… Baden-Württemberg

Bei Protestaktionen in Baden-Württemberg gingen am Dienstag nach Angaben der Gewerkschaften Verdi und GEW mehr als 4000 Demonstranten auf die Straße. «Wir erwarten, dass die Gegenseite am Donnerstag ein verhandlungsfähiges Angebot vorlegt», sagte Verdi-Sprecher Andreas Henke. Die Gewerkschaften fordern insgesamt sechs Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeberseite – die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) – hält das für zu viel.

GEW-Sprecher Matthias Schneider zufolge beteiligten sich auch etwa 1000 Lehrkräfte an den Warnstreiks. Rund 5000 Schulstunden seien dadurch ausgefallen. Auch an zahlreichen Theatern legten Beschäftigte die Arbeit nieder. Von ausgefallenen Vorstellungen war zunächst nichts bekannt. «Wir haben uns darauf vorbereitet und bei Proben etwa auf einige Umbauten verzichtet», sagte der geschäftsführende Intendant der Staatstheater Stuttgart, Marc-Oliver Hendriks. Das Staatstheater Karlsruhe reagierte mit einem Programmwechsel.

Zur zentralen Kundgebung in Stuttgart kamen den Angaben zufolge etwa 1.500 Demonstranten. «Eine Kollegin verdient 1000 Euro mehr als ich. Und das für die gleiche Arbeit», sagte etwa die angestellte Lehrerin Angela Effnert (56) aus Stuttgart. Ihre Kollegin Monika Radtke von einer Sonderschule in Neckarsulm meinte: «Wenn wenigstens die Arbeitsstunden angeglichen werden würden, das wäre schon viel wert.» Das Regierungspräsidium begründe das höhere Gehalt der Beamten oft damit, dass diese als Klassenlehrer mehr arbeiten müssten. «In der Praxis ist das nicht der Fall. Oft sind die angestellten Lehrer die Klassenlehrer», betonte die 52-Jährige.

Auf Plakaten waren Sprüche zu lesen wie «Für Abgeordnete Luxuspension – für junge Lehrer Mini-Lohn» oder «Wenn du meinst, Bildung ist zu teuer – probier’s mit Dummheit». Auch etwa in Freiburg, Heidelberg und Karlsruhe wurde demonstriert.

… Sachsen-Anhalt

In Magdeburg gingen den Angaben zufolge am Dienstag rund 7000 Menschen auf die Straße. Darunter waren Lehrer von Schulen und Hochschulen, Polizisten und Beschäftigte von Behörden und Straßenmeistereien, wie ein Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sagte. Auf Transparenten machten Teilnehmer ihrem Unmut Luft. Nach Angaben der Polizei hatten vor der Kundgebung auf dem Alten Markt etwa 500 Lehrer in der Landeshauptstadt demonstriert.

GEW-Landesvorsitzende Eva Gerth kritisierte auf der Kundgebung, dass die Arbeitgeber bislang kein Angebot vorgelegt hätten. Sie prangerte zugleich eine steigende Arbeitsbelastung und -verdichtung bei den Beschäftigten an. Immer mehr Arbeit müsse von immer weniger Leuten gemacht werden. Dies führe auch dazu, dass die Attraktivität und Perspektive von Berufen wie dem eines Lehrers für junge Leute sinke. Hinzu komme ein Ungleichgewicht bei der Bezahlung je nach Schulform.

Wegen der Warnstreiks fiel an etlichen Schulen der Unterricht am Morgen aus, wie der GEW-Sprecher weiter sagte. Das Landesschulamt hatte die Eltern vorab informiert, dass trotz der Warnstreiks alle Schulen geöffnet sein werden. Nach Angaben der Gewerkschaft wurde eine Betreuung der Schüler gesichert, etwa mit verbeamteten Lehrern, die sich aus rechtlichen Gründen nicht an den Warnstreiks beteiligten.

… Bayern

Mehrere Tausend Beschäftigte des Freistaats haben am Dienstag in Bayern ihre Arbeit niedergelegt. «Die Kollegen sind wirklich angefressen», sagte Norbert Flach, Tarifkoordinator und Vize-Bezirksleiter der Gewerkschaft Verdi in Bayern. Wie in anderen Bundesländern richteten sich die Warnstreiks der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst an die Finanzminister. In Bayern hätten sich deutlich mehr Landesbeschäftigte beteiligt als erwartet, sagte Flach – nämlich mehr als 2500. Allein in München seien mehr als 1500 Demonstranten zur Streikkundgebung gekommen, darunter auch Polizisten.

«Der öffentliche Dienst darf in der Einkommensentwicklung nicht länger hinter der Privatwirtschaft hinterherhinken. Wir fordern mehr Geld und sichere Arbeitsplätze für die Tarifbeschäftigten», sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow.

5 Kommentare

  1. Bei uns hat keiner gestreikt. Ich hörte erstaunt, wie einige meinten, Geld sei momentan nicht das Wichtigste, was wir brauchen! (Ist doch auch mein Reden!)

    Ich glaube, die Gewerkschaftsfunktionäre haben keinen Bezug mehr zur (Lehrer-)Arbeitswelt.

    • Verhandelt wird für den ÖD der Länder außer Hessen, und Schule ist lediglich ein Teilbereich des ÖD.
      Da der ÖD seit Jahren der allgemeinen Lohnentwicklung hinterherhinkt, ist die Mehrheit der Tarifkommission der Ansicht, diese Lücke zu schließen.

    • Wie groß ist den der Anteil von tarifbeschäftigten Lehrkräften in Ihrem Umfeld?

    • Im Gegensatz zu Ländern wie bspw. Frankreich darf in Deutschland nur für Ziele gestreikt werden, die tarifvertraglich geregelt sind. Somit sind (Warn-)Streiks für z.B. eine andere Bildungspolitik unzulässig. Aus diesem Grund rufen die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde ihre Mitglieder auf, für eine bessere Bezahlung zu streiken.

      • Es macht nicht wirklich Sinn, Beamten das Streikrecht zu erklären. Sie könnten einem Eunuchen genausogut detailliert den Zeugungsvorgang erläutern. Das theoretische Wissen hilft den Beamten bezüglich der Streikproblematik kein bischen weiter.

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