Schule zu Hause: Mit klarer Struktur – und ohne Erwartungsdruck

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ROSTOCK. Eltern stehen in diesen Wochen vor einer großen Herausforderung. Zum Teil müssen sie gleich mehrere Schulkinder zu Hause betreuen. Dieser Spagat will gemeistert sein.

Millionen von Kindern lernen in diesen Tagen zu Hause. Foto: Shutterstock

Der Große braucht Hilfe in Physik, seine kleine Schwester versteht die Deutschaufgabe nicht, und Lust auf Lernen haben beide schon gar nicht. Zudem quengelt vielleicht noch ein Kindergartenkind, das nicht auf den Spielplatz darf. Für viele Eltern neben den Sorgen, die sie durch die Coronakrise ohnehin schon haben mögen, eine extreme Herausforderung.

Sowohl Eltern wie Kinder sollten sich diese Ausnahmesituation grundsätzlich klarmachen, rät Stephanie Kaye, Lerntherapeutin in Rostock. «Auch Kleinkindern kann in kindgerechter Sprache schon erklärt werden, warum man nun zu Hause ist.» Viele Kinder hätten durch das Sich-Überschlagen der Ereignisse Ängste entwickelt. «Zu Hause sollte man deshalb entschleunigen und eine Tagesstruktur für die Coronazeit entwickeln.»

Das sind zum Beispiel feste Zeiten: Etwa, wann aufgestanden und wann gelernt wird. «Man kann erklären, dass das ganze System nur gut funktionieren wird, wenn sich alle an gewisse Regeln und Absprachen halten», sagt Kaye. Gibt es mehrere Schulkinder in der Familie, werden diese in der Lernzeit, sofern möglich, auf verschiedene Räume aufgeteilt.

Erwartungen ein ganzes Stück runterschrauben

«Die Größeren nach der Grundschule sind absolut in der Lage, sich schon selbst dranzusetzen», betont die Therapeutin. Zudem können sie vielleicht eingebunden werden und ihren jüngeren Geschwistern manchen Schulstoff erklären. Kinder mit Lernschwächen oder –störungen können dagegen oft nicht allein und konzentriert effektiv arbeiten.

Unterstützung und Motivation von Seiten der Eltern sind hier gefragt, diese sind allerdings schnell überfordert. Kaye rät vor allem zu Ruhe und Gelassenheit. «Emotionale Stütze sein, Nestwärme geben und Zuversicht zeigen», das sei die größte Hilfe.

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Bei den Kleinen klappt das Lernen nicht ohne die Eltern. «Sie sollten sich vielleicht trotz Homeoffice diese Auszeit nehmen und sagen: Eine halbe Stunde ist das erste Kind dran, dann das zweite», meint Kaye. «Man sollte aber auch das Ergebnis akzeptieren: Dass vielleicht nicht alles geschafft wird oder dass es Frust gibt, weil Sachen nicht verstanden werden.» Die Erwartungen müssen also ein ganzes Stück heruntergeschraubt werden.

Eltern sind in Kayes Augen keine Ersatzlehrer. Nach dem, was sie mitbekomme, schickten die Schulen häufig Unmengen an Material, dabei werde oft übersehen, dass nicht jedes Kind das zu Hause angemessen bewältigen könne. «Man muss als Eltern und als Kind Abstriche machen: Was kann ich überhaupt leisten und was nicht?» Vorrangiges Problem vieler Eltern sei außerdem momentan nicht, dass ein Drittklässler seine Aufgaben optimal löse.

Pausen sind auch zu Hause wichtig

Bildungsprogramme im Fernsehen und Lernspiele im Internet können das Ganze auflockern. Bildungsangebote für Kinder liefert etwa die Website «klick-tipps.net». Und wie in der Schule gehören auch zu Hause die Pausen dazu. «Aktivitäten wie ein Spaziergang, sofern noch erlaubt, sollten mit reingenommen werden in den Tag», sagt Kaye und empfiehlt zum Beispiel gemeinsames Kochen. «Damit werden die kleinen Dinge im Leben wieder in den Vordergrund gerückt.» Auch ein gemeinsames «Stadt, Land, Fluss»-Spiel rege das Nachdenken an.

«Letztendlich ist es „nur“ Schule», sagt Kaye. «Alle sollen gesund bleiben und gut durch den Tag kommen. Allein, dass die Familien über einen längeren Zeitraum oftmals einen begrenzten Wohnraum gemeinsam und zeitintensiv nutzen müssen, führt das System Familie an emotionale Grenzen.»

Schaffen, was geht, und akzeptieren, was nicht geht, sagt die Therapeutin. Und dabei den Kindern trotzdem klarmachen: «Es sind nicht vorgezogene Ferien, sondern man schaut gemeinsam als Familie, wie man diese Ausnahmesituation rücksichtsvoll und in Ruhe bewältigen kann.» Gespräch: Christina Bachmann, dpa

Was der Deutsche Lehrerverband rät

BERLIN. Nach den Worten des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, bedeuten die verfügten Schulschließungen eine riesige Herausforderung für Schulen, aber insbesondere auch für die Eltern. Er betont: „Einerseits sind die Lehrkräfte gefordert, alle Möglichkeiten zu nutzen, um die Kommunikation und die Stoffvermittlung mit Schülern so gut wie möglich aufrechtzuerhalten, andererseits stehen Eltern vor der Aufgabe, eine sinnvolle Betreuung und einen geregelten Tagesablauf für ihre Kinder zu gewährleisten. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, drohende Nachteile für die weitere schulische Laufbahn zu vermeiden und auszuschließen!“

Der Deutsche Lehrerverband rät allen Eltern, folgende Grundsätze besonders zu beachten.

  1. „Einigen Sie sich in der Familie mit Ihren Kindern auf einen geplanten, strukturierten Tagesablauf, in den auch Lern- und Arbeitsphasen gut integriert sind. Es gibt für Ihre Kinder jetzt auch die Chance, passend zum eigenen Biorhythmus zu lernen. Orientieren Sie sich an den Vorgaben der Lehrkräfte.
  2. Vereinbaren Sie klare Regeln zur Mediennutzung, wobei Sie als Eltern klar unterscheiden sollten zwischen der Arbeit mit dem PC und dem Spielen am PC. Eine Regulierung des Medienkonsums ist auch in dieser Zeit der Schulschließungen absolut sinnvoll.
  3. Helfen Sie Ihrem Kind bei der Bewältigung von Ängsten im Zusammenhang mit dieser Pandemie. Reden Sie mit Ihren Kindern über die zahlreichen Fake News, die dazu in den sozialen Netzwerken derzeit verbreitet werden.
  4. Vermeiden Sie das Aufkommen von Langeweile („drohender Lagerkoller“) zuhause. Halten Sie dazu auch analoge Materialien wie Bücher, Brett- und Kartenspiele sowie Malsachen bereit. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich auf Bewährtes und Althergebrachtes zu besinnen.
  5. Machen Sie Ihren Kindern klar, dass auch sie eine Verantwortung dafür tragen, dass sie ihre Mitmenschen vor Infektionen bewahren, insbesondere die gefährdete Risikogruppe der älteren Menschen und Großeltern. Auch Jugendliche sollten in den nächsten Wochen soziale Kontakte reduzieren, also auf Kino-, Kneipen- und Veranstaltungsbesuche verzichten.“

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