„Da gehört Druck rausgenommen“: Lehrer sorgen sich darum, wie ihre Schüler möglichst unbeschadet aus der Krise kommen

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BERLIN. Die GEW hat Nachsicht gegenüber Schülern in der aktuellen Krisensituation gefordert – was nötigenfalls auch einen Verzicht auf Abschlussprüfungen einschließe. „Sie sind mit einer völlig neuen Situation des Lernens konfrontiert. Deswegen ist jetzt nicht die Zeit, um Noten zu verteilen“, so erklärte der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, richtete derweil den Blick nach vorn. Die Schulen müssten nun überlegen, wie sie im kommenden Schuljahr die Schüler so unterstützen könnten, dass diese wieder „in die Normalspur der Lehrplanerfüllung“ finden könnten.

Die Situation ist für Schüler ohnehin belastend – auch ohne ermäßigen übLeistungsdruck. Foto: Shutterstock

„Längst nicht alle Schüler*innen verfügen über ein förderliches Umfeld, die Ruhe und einen Computer, um erfolgreich lernen und sich auf Prüfungen vorbereiten zu können“, sagt der Berliner GEW-Chef Tom Erdmann. „Lehrkräfte haben aktuell kaum Möglichkeiten, diese Ungerechtigkeiten auszugleichen.“

Die Konsequenz: Von einer Benotung sollte abgesehen werden. Die GEW rufe die Senatsbildungsverwaltung dazu auf, hier eine klare Regelung zu kommunizieren. „Auch die Entscheidung über Prüfungen müssen vor diesem Hintergrund gründlich bedacht werden. Wenn eine für alle Schüler*innen faire Prüfung nicht möglich ist, sollte sie nicht stattfinden“, so Erdmann. „Die Lage ist für alle belastend genug, da gehört Druck rausgenommen.“ Die soziale Bindung, die Unterstützung auch jenseits des Unterrichts und ein aufmunterndes Wort, das fehle vielen Kindern und Jugendlichen in diesen Tagen.

Wenn Schulschließungen andauern, bleibt kein Schüler sitzen

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz Stefanie Hubig (SPD) hatte in Briefen an die Schulleitungen klargestellt, dass Lehrer in Rheinland-Pfalz in der Zeit der Schulschließungen keine Noten verteilen dürfen (News4teachers berichtete). Sollten die Schulen bis zum 4. Mai nicht wieder öffnen können, muss kein Schüler dort sitzenbleiben. Dann erfolgten für schwache Schüler „Versetzungen in besonderen Fällen“.

Lehrerverbands-Präsident Meidinger forderte großzügige Versetzungsregelungen nun bundesweit. Als Möglichkeiten nannte Meidinger ein „großzügiges Vorrücken auf Probe, gegebenenfalls sogar für alle, die nach bisherigem Stand sitzengeblieben wären“, wie er in der „Bild“-Zeitung erklärte.

Meidinger bringt freiwilliges Wiederholen ins Gespräch

Gleichzeitig appellierte Meidinger, der selbst Schulleiter an einem Gymnasium in Bayern ist, an Schüler mit schlechten Leistungen und deren Eltern, ein freiwilliges Wiederholen ins Auge zu fassen, statt mit großem Rückstand die nächste Klassenstufe zu beginnen. Diese Empfehlung gelte aber nur für Schüler, bei denen es bereits vor der Corona-Epidemie so große Leistungsdefizite gegeben habe, dass ein Erreichen des Klassenziels auch unter normalen Umständen unwahrscheinlich gewesen wäre. „Das freiwillige Wiederholen hat in vielen Bundesländern auch den Vorteil, dass es nicht als Pflichtwiederholung gewertet wird, was ein nochmaliges Wiederholen einer Jahrgangsstufe ausschließen kann“, sagte Meidinger.

Schon jetzt müssten die Schulen überlegen, so Meidinger, „wie wir im nächsten Schuljahr durch zusätzliche Förderkurse, eigene Wiederholungsphasen und vielleicht auch vorübergehende Kürzung eventuell verzichtbarer Lehrplaninhalte und Konzentration auf das Grundwissen wieder in die Normalspur der Lehrplanerfüllung einschwenken können“. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers kommentiert.

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2 KOMMENTARE

  1. Diese Krise zeigt, wie abgehängt die Schulsituation in Deutschland ist. Einige Schulen schaffen es, Unterricht online zu erteilen. Die meisten aber nicht. Es besteht Schulpflicht, aber in Krisenzeiten wie jetzt, wälzt man die Pflichtumsetzung auf Lehrer und Eltern ab. Jahrzehnte lang wurden Schulen auf Verschleis gefahren. Kindern werden auf dem Land lange Schulwege in öffentlichen überfüllten Verkehrsmitteln zugemutet. Weil vorhandene Schulen geschlossen wurden oder in private Schulen umgewandelt werden. Nicht jeder will und kann sein Kind in eine Privatschule stecken. Das ist besonders ärgerlich. Denn der Staat setzt die Schulpflicht durch. Aber die Familien zahlen den Preis. Besonders die Kinder. Die wenigsten Schüler haben Laptop mit Lernsoftware, ganz zu schweigen von schnellen Internet auf dem Land. Ein reiches Land wie Deutschland, eine Weltwirschaftsmacht, investiert so wenig und so unsensibel in unsere Zukunft. Lasst doch die Eltern und Schüler entscheiden, ob ihre Kinder das Schuljahr beenden oder nochmal absolvieren.
    Die Lehrpläne gehören unbedingt entzerrt bzw. aufgeräumt. Man könnte auch sagen entrümpelt. Jedes Jahr verlassen Schüler die Schulen, ohne richtig lesen und schreiben zu können.
    So furchtbar diese Krise ist, sie zeigt sehr deutlich, dass dieses Schulsystem endlich mehr beachtet und umgewandelt wird.

  2. Schulpflich bedeutet lediglich, dass die Eltern ihre Kinder zur Schule schicken müssen. Es gibt folglich keine generelle Befreiung. Die Schulpflicht richtet sich somit vorrangig an die Eltern/ Erziehungsberechtigten und nicht an die Schüler (m/w/d). Aus diesem Grund richten sich die Ordnungswidrigkeitenbescheide wegen „Schulschwänzens“ auch an die Eltern und erst ab Erreichung der Strafmündigkeit mit 14 Lebensjahren an die „Schulvermeider“.
    Entgegen der landläufigen Meinung endet die Schulpflicht mit dem Ende des Schuljahres, in dem ein Schüler (m/w/d) volljährig wird. Die Vollzeitschulpflicht endet nach 10 Vollzeitschulbesuchsjahren und einem Alter von 16 Jahren.

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