Schlechtes Schulklima bringt schlechtere Klassenleistungen

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HALLE. Dass Lehrer darauf achten müssen, eigene, meist unterschwellige Vorurteile bei der Bewertung einzelner Schüler beiseite zu schieben, ist ein alter Hut. Doch auch die Einstellung der ganzen Klasse gegenüber wirkt auf deren Leistungsstärke.

Wie positiv oder negativ Lehrerinnen gegenüber ihrer Klasse eingestellt sind, hat Folgen für deren Lernerfolg, die Motivation aber auch die Angst vor dem Versagen. In einer neuen Studie zeigen Wissenschaftlerinnen der Universität Halle-Wittenberg (MLU), dass sich die Einstellung der Lehrkraft nicht nur auf einzelne Schüler auswirkt, sondern auf die gesamte Klasse. Besonders starke Effekte haben dabei jedoch nicht positive, sondern negative Vorurteile. Dabei scheint das Schulklima eine wesentliche Rolle zu spielen.

Daumen runter
Always look on the bright side of students – negative Einstellungen wirken sich schlecht auf die Leistungsfähigkeit ganzer Klassen aus. Foto: shutterstock/Alliance Images

Dass Migrationshintergrund, Name und Bildungshintergrund der Eltern zu Vorurteilen gegenüber einzelnen Schülern führen, ist bekannt und durch Studien belegt. „Diese Vorurteile der Lehrkräfte wirken wie selbsterfüllende Prophezeiungen – wem nichts zugetraut wird, der schafft oft auch nichts“, sagt Nancy Tandler, Psychologin an der MLU. Mit einer Kollegin vom Institut für Pädagogik wollte sie daher herausfinden, ob eine grundsätzlich positivere oder negativere Einstellung von Lehrern auch Auswirkungen auf Erfolg oder Misserfolg einer ganzen Klasse hat.

Für die Studie wählten die Psychologinnen 43 Lehrerinnen für Mathematik und Deutsch von fünften Klassen in 22 Schulen aus, die ihre Schüler erst seit Kurzem kannten. Männliche Lehrer seien ausgeschlossen worden, weil sie in den Schulen unterrepräsentiert waren und zudem laut Studien Schülerinnen allgemein schlechter bewerten als Lehrerinnen, so Tandler.

Die Lehrerinnen sollten spontan drei zufällig ausgewählte Schülerinnen oder Schüler aus ihrer Klasse in einem kurzen Text beschreiben. Zusammen mit einer nicht an der Befragung beteiligten Lehrerin wertete Tandler anschließend aus, wie viele negative und positive Beschreibungen die Lehrerinnen nutzten. Anschließend befragte sie alle Schüler der jeweiligen Klasse zu ihrer letzten Note, ihrer Motivation im Unterricht, ihrer Beziehung zu der Lehrerin und ihrer Angst, in der Schule zu versagen. Die Befragung der Schüler wurde nach vier Monaten wiederholt.

„Was mich am meisten überrascht hat, war, dass nur die Zahl der negativen Einstellungen der Lehrerinnen Einfluss auf die Motivation der Klasse hatten“, sagt Tandler. Die Schüler hatten dann weniger Interesse am Lernstoff. Gleichzeitige positive Einstellungen der Lehrerinnen konnten die Motivation hingegen nicht verändern. Auch die Angst, in der Schule zu versagen, erhöhte sich bei negativ eingestellten Lehrerinnen. Die Leistung verbesserte sich hingegen umso mehr, je mehr positive Attribute eine Lehrerin für ihre Schüler fand. Das liege jedoch nicht daran, dass diese Lehrerinnen generell bessere Noten vergaben, so Tandler. „Wir haben ausgewertet, ob sich die Noten von der ersten zur zweiten Befragung verbessert haben. Der Effekt kommt also nicht daher, dass positiv eingestellte Lehrerinnen von Anfang an besser benoten.“

Interessant sei außerdem, dass in manchen Schulen überwiegend negative Beschreibungen auftraten und die Auswirkungen auf Motivation und Versagensängste sich entsprechend auf Ebene der gesamten Schule zeigten. „Das Klima der Schule wirkt sich offenbar entscheidend auf die Einstellung der Lehrerinnen aus“, so Tandler. Der Einfluss besonders positiver Lehrerinnen war hingegen innerhalb einer Schule zu sehen – die Leistung ihrer Klassen war besser als die anderer Klassen derselben Schule.

„Lehrkräfte sollten sich dieser Effekte bewusst sein“, sagt die Psychologin. Sie könnten beispielsweise in Schulungen oder bereits im Studium dafür sensibilisiert werden. „Aber auch für Schulen verdeutlichen die Befunde noch einmal die Chancen, die ein weniger negativ getöntes Schulklima bieten kann.“ Negative Gedanken könnten eine Folge von Erschöpfung sein, vermutet Tandler. Und natürlich erklären die Ergebnisse nur einen Teil der Unterschiede verschiedener Klassen und Schulen. „Es gibt viele weitere Faktoren“, so Tandler. Etwa der sozioökonomische Hintergrund der Schüler, Leistungsdruck im Elternhaus, vorherige Erfahrungen oder schlicht ihre Persönlichkeit. (zab, pm)

• Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Social Psychology of Education“ veröffentlicht.

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4 KOMMENTARE

  1. Stimmt! Siehe Hätti-Studie:

    „Der Lehrer ist der entscheidende Faktor für das Lernen der Schüler.“

    Sozialform (Frontal- oder offener Unterricht) ist zweitrangig. Der Lehrer muss hinter seinem Unterricht stehen, dann lernen die Schüler auch. Kann ich aus der Praxis nur bestätigen.

    • „Hätti-Studie“:
      Hätt´i genug Lehrkräfte und bessere Bedingungen, wäre die Stimmung auch besser!
      Hätt´i genug Fenster zum Öffnen, würde das Raum-Klima auch stimmen.

      Die oben beschriebenen Erkenntnisse gehören allerdings ins Grundseminar Pädagogische Psychologie, Attribuierungstheorie, Halo-Effekt, Pygmalion-Effekt und Rosenthal-Effekt.

      „„Lehrkräfte sollten sich dieser Effekte bewusst sein“, sagt die Psychologin.“
      Ja, darum studieren sie ja Pädagogische Psychologie.
      Die Inhalte könnte man wissen, wenn man in ein Standardwerk geblickt hätte.

  2. Die Kausalität ist falsch! Häufig sind Lehrer*innen der Klasse gegenüber negativ eingestellt, weil hier eben tatsächlich schlechte Lernleistungen, Arbeitshaltung, Motivation etc. dominiert.
    Kommt nicht von ungefähr…

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